Michael Stich (54) gelang 1991 nach Cilly Aussem, Boris Becker und Steffi Graf als viertem Deutschen der Sieg im Einzelwettbewerb des Tennisturniers von Wimbledon. Im Doppel gewann er 1992 an der Seite des US-Amerikaners John McEnroe Wimbledon und zusammen mit Becker Olympia-Gold. 1993 führte Stich das deutsche Team zum Davis-Cup-Sieg und wurde in Frankfurt ATP-Weltmeister. Schon während der Karriere überzeugte das Mitglied der Hall of Fame des deutschen Sports und der International Tennis Hall of Fame durch sein soziales Engagement. 1994 gründete Stich die nach ihm benannte gemeinnützige Stiftung, die sich für HIV-infizierte, HIV-betroffene und an AIDS erkrankte Kinder einsetzt (www.michael-stich-stiftung.de). Dafür erhielt er 1997 den Deutschen Stifterpreis des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Stich (im Bild beim Drachenboot-Cup zugunsten der Michael Stich Stiftung auf der Hamburger Binnenalster) investiert in Start-up-Unternehmen, ist als Speaker tätig und Mitbegründer sowie Aufsichtsratsmitglied der Hanseatic Rückenzentrum Holding AG. Seine Leidenschaft ist die Malerei sowie das Sammeln von zeitgenössischer Kunst. Im vergangenen Jahr zeigte er im Rahmen einer Einzelausstellung erstmals eigene Werke.
V Im Alter von 25 Jahren haben Sie einen Teil Ihrer Einnahmen als Tennisprofi in eine gemeinnützige Stiftung gesteckt, waren damit der jüngste Stiftungsgründer Deutschlands. Wie kam es dazu?
Zwei Jahre zuvor, 1992, hatte ich den Grand Slam Cup in München gewonnen, das mit zwei Millionen US-Dollar Preisgeld zu der Zeit am höchsten dotierte Turnier der Welt. Bei der abschließenden Pressekonferenz fragte mich ein Journalist, was ich mit dem vielen Geld denn nun im Bereich Charity machen würde. Diese Frage hat mich zunächst überrascht. Ich war damals 24, und wenn man als junger Mensch zu Geld kommt, möchte man es erst einmal behalten. Aber die Frage hat etwas in mir ausgelöst. Mir wurde klar: Ich kann mit dem Geld etwas bewegen. Und so begann in mir der Prozess, mich mit der Gründung einer eigenen Stiftung auseinanderzusetzen.
V In welchen Bereichen helfen Sie?
Mir war von Anfang an klar, dass die Arbeit der Stiftung kranken Kindern zugutekommen soll. Da es in vielen anderen Bereichen bereits zahlreiche Organisationen gab und ich an mir selbst feststellen musste, wie wenig fundiertes Wissen ich über das Thema HIV und AIDS hatte, fiel meine Entscheidung auf diese Krankheit. Wir setzen uns ein für HIV-infizierte, von HIV-betroffene und an AIDS erkrankte Kinder in Deutschland. Dabei ist seit jeher unser Ziel, den Kindern ein Lachen zu schenken und ihnen den Alltag durch konkrete Hilfsmaßnahmen ein wenig zu verschönern. Darüber hinaus sichern wir durch finanzielle Unterstützung die medizinische Versorgung in diesem Bereich, und auch in der Aufklärungs- und Präventionsarbeit waren wir zehn Jahre lang an Schulen aktiv, um Kinder und Jugendliche über die Krankheit zu informieren. Nur wenn das Wissen darüber verstärkt wird, wie HIV und AIDS übertragen werden, vor allem aber auch, wodurch das HI-Virus nicht übertragen wird und wie man mit Infizierten und Kranken im Alltag besser – sprich „normaler“ – umgeht, bekommen diese Menschen die Möglichkeit, ohne Ausgrenzung zu leben.
V Welche Entwicklung hat die Michael Stich Stiftung hinter sich, und wie groß ist sie heute?
Wir sind ein kleines, aber äußerst effizientes Team. Neben mir selbst gibt es lediglich eine feste Mitarbeiterin, die seit nunmehr 25 Jahren für die Stiftung tätig ist. Dazu haben wir eine freie Mitarbeiterin für den Bereich Events und Öffentlichkeitsarbeit. Unser Stiftungsrat besteht aus drei Mitgliedern, die ebenfalls alle seit vielen Jahren dabei sind und sich mit Rat und Tat einbringen. Und bei Veranstaltungen können wir glücklicherweise auf ein großes Netzwerk ehrenamtlicher Helfer*innen zurückgreifen, von denen uns viele schon sehr lange unterstützen. Für diese Hilfe sind wir extrem dankbar.
V Wie viel haben Sie seit Gründung 1994 selbst in die Stiftung eingezahlt?
Das kann ich so gar nicht beziffern. Bei Gründung lag das Stiftungskapital bei 500.000 D-Mark. Seitdem gab es verschiedene Zustiftungen, und ich selbst habe der Stiftung auch auf den unterschiedlichsten Wegen Geld zukommen lassen, so dass wir heute ein Stiftungsvermögen von rund 3 Millionen Euro haben. Meine Zeit und Arbeitsleistung, die ich darüber hinaus in die Stiftung einbringe, nicht mit eingerechnet. Über die Jahre hinweg haben wir inzwischen mehr als 10 Millionen Euro als Fördermittel in verschiedene Projekte gegeben.
V Wer unterstützt Sie?
Als Spenden akquirierende Stiftung sind wir hauptsächlich auf Fundraising angewiesen, um unsere Projekte zu finanzieren. Dabei setzen wir auf Aktionen und Events, die uns selbst Spaß machen und für die wir auch unsere Partner begeistern können, die uns sowohl finanziell oder auch in Form von Sach- oder Dienstleistungen et cetera unterstützen. Wie beispielsweise unseren alljährlichen Drachenboot-Cup auf der Hamburger Binnenalster, den wir in diesem Jahr zum siebzehnten Mal durchführen. Oder unser Charity-Konzert „Voices for Children“ in der Elbphilharmonie. Dabei sollen im besten Fall der Spaß und der Einsatz für die gute Sache Hand in Hand gehen.
V Wie wichtig ist Ihre Prominenz dabei?
Natürlich öffnet mein Name die eine oder andere Tür, und ich habe Möglichkeiten, meine Stiftung und damit das Thema HIV und AIDS in die Öffentlichkeit zu tragen. Aber langfristig entscheidend ist doch, dass wir einen guten und seriösen Job machen und dass diejenigen, die uns unterstützen, sicher sein können, dass ihre Spende oder sonstige Zuwendung auch genau dort landet, wo sie hin soll und den betroffenen Kindern zugutekommt. Wir haben über die Jahre hinweg ein tolles Netzwerk geschaffen mit Personen und Unternehmen, zu denen wir teilweise auch ein sehr persönliches Verhältnis aufbauen konnten und die uns im Rahmen ihrer Möglichkeiten immer wieder helfen – weil sie an die Sache glauben und nicht zuletzt auch an mich als Person. Dies hat mit Vertrauen zu tun und weniger mit Prominenz.
V Wie sehen Sie deutsche Unternehmen in puncto soziale Verantwortung, reicht deren Engagement aus?
Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich denke, dass sich viele ihrer Verantwortung bewusst sind. Und es ist unbestritten, dass die mehr als 24.000 Stiftungen in Deutschland einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten.
V Sie sind selbst als Unternehmer tätig. Auf was achten Sie bei einem Investment?
Zunächst einmal muss mich das Thema beziehungsweise die Branche interessieren. Und es sollte ein Bereich sein, von dem ich – zumindest ansatzweise – etwas verstehe. Auch ist es mir wichtig, selbst nachhaltigen Input geben zu können. Und schlussendlich möchte ich, wie jeder andere auch, mit meinem Investment möglichst einen Ertrag erwirtschaften.
Die Fragen stellte Oliver Kauer-Berk.




