Als Finanzvorstand ist Dominik Asam seit 2023 für Finanzen und Administration der SAP verantwortlich. Zuvor war er CFO bei Airbus und bei Infineon, bei RWE Leiter Konzerncontrolling und bei Siemens unter anderem CEO der Siemens Financial Services. Sein Berufsleben begann er bei Goldman Sachs. Asam hält zwei Ingenieur-Diploma (TU München, École Centrale Paris) und einen MBA (INSEAD, Fontainebleau).
Herr Asam, Sie steuern bei SAP auch die administrativen Bereiche. Wo sehen Sie in Ihrer Organisation die größten Hebel für einen internen Change in Richtung Nachhaltigkeit?
Wir bieten Softwarelösungen für bessere Nachhaltigkeit an. Da versteht es sich von selbst, dass wir auch intern alles tun, um nachhaltig zu agieren. Drei Handlungsfelder stehen im Vordergrund: Ad 1: Wir betten Nachhaltigkeit in unsere Strategie und ihre operative Umsetzung in allen Bereichen ein, insbesondere in die finanzielle Steuerung. Die „Connectivity“ – also die Überleitung von nicht-finanziellen in finanzielle Kennzahlen – ist sehr wichtig, um nicht nur maximale Effektivität bei ESG-Themen zu erzielen, sondern dies auch mit optimaler wirtschaftlicher Effizienz.
Und das lohnt sich?
Das hängt natürlich auch von wesentlichen Annahmen wie dem CO2-Preis ab. Aber bei realistischen Annahmen ist die Antwort sehr klar: Nachhaltigkeit lohnt sich, selbst wenn dafür erst einmal investiert werden muss. Wir haben auch gesehen: Am besten sollte – ad 2 – dabei die Finanzorganisation im „driver’s seat“ sitzen, denn hier liegt naturgemäß das Know-how für grundlegende Kontroll- und Steuerungsmechanismen wie Prozessstandardisierungen, Controlling und das interne Kontrollsystem. Diese Basics können und sollten breit genutzt und nicht neu aufgebaut werden. Ad 3: Es bedarf einer Nachhaltigkeitskultur im eigenen Unternehmen. Viele Beschäftigte sind selbst schon „grün“ unterwegs, aber alle sollten verstehen, wie sie unsere Nachhaltigkeitsziele gut unterstützen können. Jeder Beitrag zählt.
Ein solcher Kulturwandel muss gesteuert und gemanagt werden. Welche Abteilungen sind dabei im Lead und besonders gefordert?
Bei SAP ist die Offenheit unserer Mitarbeiter in Sachen Nachhaltigkeit traditionell sehr groß. Deshalb würde ich bei SAP nicht von Kulturwandel sprechen. Wir ziehen alle an einem Strang, unabhängig von der organisatorischen Aufhängung.
Wie viel Geld muss eine so große Organisation für Nachhaltigkeit aufwenden beziehungsweise investieren?
Das kann man nicht verallgemeinern. Für die meisten Unternehmen werden die Investitionen signifikant sein, insbesondere in den sogenannten „hard to abate“-Industrien wie zum Beispiel in der Luftfahrt. Ob diese Investitionen ihre Kapitalkosten einspielen können, hängt sehr stark vom Preis des vermiedenen CO2 ab. Und der steigt – mit Schwankungen – stetig: lag der Preis pro Tonne CO2 im europäischen Emissionshandel 2017 noch bei sechs Euro, erreichte er 2020 bereits 24 Euro und pendelt heute um die 70 Euro. Der Obstbaum wird sozusagen von unten geerntet: die niedrig hängenden Früchte wie energetische Sanierung von Gebäuden erfordern nur moderate Preissignale oder Förderungen. Wenn wir aber die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen wollen, braucht es immer aufwendigere Technologien. Und um die weiter oben hängenden Früchte zu ernten, wird der CO2-Preis weiter steigen müssen. Sonst kauft keiner die Leiter, um dort hochzusteigen. So kostet es zum Beispiel ein paar hundert Euro, um mit Direct Air Carbon Capture and Storage eine Tonne CO2 aus der Luft zu holen. Bei diesen Preisen läge der Markt für CO2-Reduktionen dann schon deutlich über dem Wert des gesamten weltweiten Ölmarktes.
Dann fragen wir andersherum: Für welche Projekte haben Sie Geld ausgegeben, und was steht in nächster Zukunft an?
Seit 2023 sind wir im eigenen Geschäftsbetrieb CO2-neutral bezüglich Scope 1 und 2. Darauf zahlen viele einzelne Maßnahmen ein, etwa der Betrieb unserer Rechenzentren mit 100 Prozent Grünstrom, die Umstellung unserer Firmenwagenflotte auf emissionsfreie Fahrzeuge und die Einführung nachhaltiger Mobilitätsalternativen, aber auch die Anwendung eines Umweltmanagementsystems: 47 unserer Standorte weltweit sind ISO 14001-zertifiziert.
Wir haben die Nachhaltigkeit in unserer Lieferkette verbessert und dazugehörige Standards eingeführt, nachzulesen im „Supplier Code of Conduct“ der SAP. Abfall versuchen wir zu vermeiden, bei uns natürlich besonders im Bereich Elektronik: 2023 konnten wir nahezu 100 Prozent unserer Elektronikabfälle wiederverwerten oder aufbereiten lassen.
Wie gut wir unsere Nachhaltigkeitsziele erreichen, wirkt sich übrigens auch auf die Vergütung von uns im Vorstand aus.
Dann lohnt sich das für Sie. Was gehen Sie also als nächstes an?
Ganz klar: Die Net-Zero-Transformation 2030. Aber das ist ein dickes Brett.
Vermutlich, weil hier Ihre Lieferanten und Kunden mit dazukommen?
Genau. Nur 2 Prozent unserer Emissionen stammen aus unserem eigenen Geschäftsbetrieb. 17 Prozent aus der vorgelagerten Lieferkette, 81 Prozent aus dem Einsatz unserer Software bei unseren Kunden. Da hilft es, dass Kunden zunehmend auf die Grüne Cloud von SAP umsteigen. Aber das können wir ja nicht erzwingen: Viele unserer Kunden nutzen unsere Software auf Rechnern, die nicht mit Grünstrom laufen.
Gibt es noch andere Bereiche, die für Ihr Netto-Null-Ziel 2030 wichtig sind?
Ja, im Einkauf von Waren und Dienstleistungen ist noch Luft nach oben. Zudem schauen wir kritisch auf unser Mobilitätsverhalten.
Wie messen Sie die Fortschritte?
Seit über zehn Jahren berichten wir integriert – also über Finanzen und ESG-Fakten – in einem einheitlichen Bericht. Jüngst haben wir innerhalb weniger Monate wesentliche Teile des CSRD-Reportings in den „SAP Sustainability Control Tower“ integriert. Das ist eine Softwarelösung, die unter anderem die Erstellung von Umweltberichten erleichtert. Gerade testen wir auch die transaktionale Erfassung von CO2-Daten in unserer „Green Ledger“-Lösung – mit dem Ziel, eine präzise und revisionssichere Erfassung von ESG-Parametern zu erreichen. Das wird erforderlich sein, da mit steigenden Preisen für CO2 die Anreize steigen werden, Daten im Sinne von „green washing“ zu manipulieren.
Apropos CSRD: Wie sehen Sie dieses Thema?
Verlässliche und entscheidungsrelevante Berichterstattung zu ESG-Themen ist mir ein ganz großes Anliegen. Mit der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) und deren Implementierung in Deutschland wird dieses Ziel leider klar verfehlt: statt zehntausende Unternehmen in Europa durch Berichtspflichten von hunderten Kennzahlen ohne Aussagekraft, mangelnder Vergleichbarkeit und fragwürdiger Datenbasis zu belasten, die kein Investor wirklich auswerten kann, sollten wir uns auf die wirklich wesentlichen ESG-Kennzahlen fokussieren. Solche, die für Investoren wirklich entscheidungsrelevant sind. Und darauf, dass diese sauber erhoben, auditiert und international unter Orchestrierung des ISSB harmonisiert sind. Dazu wollen wir Lösungen aufzeigen: Brancheninitiativen wie Catena-X und künftig auch Manufacturing-X, an denen wir beteiligt sind und wir unsere Technologie zur Verfügung stellen, bieten die Möglichkeit, Emissionen über ganze Lieferketten hinweg zu erfassen.
Wie können Sie dazu beitragen, Nachhaltigkeit bei Ihren Kunden zu forcieren?
Die spannendste Lösung finde ich den „SAP Green Ledger“, den wir vorhin kurz gestreift haben. Unternehmen sollten anfangen, CO2 als einen harten Kostenfaktor zu begreifen und ihn in ihren Investitions- und sonstigen Steuerungsentscheidungen berücksichtigen. Ich bin überzeugt davon, dass sich eine entsprechend Buchhaltung dazu entwickeln wird, ähnlich wie wir sie von der klassischen Finanzbuchhaltung kennen. Angesichts der immer weiter steigenden CO2-Preise werden CO2-Emissionen künftig ähnlich wie heute Finanzströme erfasst werden, durch die Bücher der Unternehmen gehen und über ganze Wertschöpfungsketten hinweg verwaltet werden. Der Green Ledger ist eine Lösung genau für so eine „Emissionsbuchhaltung“. Der Green Ledger überträgt die Strenge der Finanzbuchhaltung auf die CO2-Bilanzierung und macht sie nachvollziehbar und überprüfbar. Mit dem Green Ledger wird eine Bilanzierung von Treibhausgasemissionen in Scope 1, 2 und 3 möglich und eine Zuordnung von Emissionszahlen zu Finanzzahlen. Er ist gerade bei Pilotkunden im Einsatz, wird getestet und verbessert.
Wenn der Green Ledger eine „Emissionsbuchhaltung“ möglich macht – hat SAP dann auch etwas für das „Emissionscontrolling“? Eine Lösung, um Emissionen zu kontrollieren?
Wir haben mittlerweile eine ganze Reihe von Nachhaltigkeitslösungen im Portfolio, auch solche, die helfen, Produkte und Produktionsabläufe nachhaltiger zu machen. Vorhin kurz angesprochen habe ich den „SAP Sustainability Control Tower“: Diese Lösung hilft Unternehmen dabei, einen umfassenden Überblick über ihre Nachhaltigkeitskennzahlen wie CO2-Emissionen, Energieverbrauch und soziale Auswirkungen im gesamten Unternehmen zu erhalten und sie zu steuern. Der Control Tower eignet sich gut für Unternehmen, um ihre Transformation zum nachhaltigen Unternehmen auf den Weg zu bringen und umzusetzen.
Auf LinkedIn schreiben Sie: „I deeply believe in the power of digital as an enabler of sustainable business growth“. Wie sehen Sie hier die zukünftige Rolle von KI?
KI wirkt wie ein Turbolader für unsere Software. Sie wird unsere Kunden künftig unterstützen, ihr Nachhaltigkeitsprofil zu optimieren, die Steuerung von Abläufen über die gesamte Wertschöpfungskette verbessern und helfen, intelligentere ESG-Strategien zu formulieren. Sie wird auch dazu beitragen, die Nachhaltigkeitsberichterstattung zu automatisieren und Vorschriften leichter einzuhalten.
Als Ingenieur haben Sie ein tieferes Verständnis von Technologie und kennen aus Ihrer beruflichen Erfahrung mehrere Branchen. In welchen Branchen sehen Sie die größten Möglichkeiten, um rasch dem Klimawandel zu begegnen?
Wir können den Klimawandel gut bekämpfen, indem wir uns auf die vorgelagerten Industrien konzentrieren, die 96 Prozent aller anderen Industrien beliefern: Zement, Chemie, Bergbau, Güterverkehr und Transport. Deren Scope-1- und Scope-2-Emissionen werden zu den Scope-3-Emissionen ihrer Kunden. Deshalb sehe ich den technischen Fortschritt in diesen Industrien als Schlüssel für den Erfolg all unserer Klimaanstrengungen. Insofern müssen Investitionen gerade da hingeleitet werden, wo heute die meisten Treibhausgase emittiert werden.
Die Fragen stellte Gabriele Kalt




