Einige der drängendsten aktuellen Herausforderungen – von Klimawandel bis Antibiotikaresistenzen, von Wohlstandskrankheiten bis Ernährungssicherheit – hängen mit unserer Ernährung zusammen. Genauer gesagt, geht es um unsere Vorliebe für Tierprodukte wie Fleisch, Milch, Käse und Eier. Dabei sind gar nicht die Nahrungsmittel das eigentliche Problem. Kritisch ist vielmehr ihre Herstellung, das heißt die industrielle Nutzung von Tieren. Sie ist weder nachhaltig noch effizient.
Durch eine Verbreiterung unserer Proteinversorgung, also eine stärker pflanzliche Ernährung und innovative Alternativen zu Tierprodukten, können wir eine weiter wachsende Weltbevölkerung gesund und nachhaltig ernähren – und dabei auch noch wirksam Ressourcen und die Umwelt schonen. Wenn wir hier ansetzen, können wir zahlreiche globale Herausforderungen gleichzeitig angehen – eine Multi-Problemlösung.
Mehr Angebote für alle
Ernährung ist ein heikles, weil emotionales Thema. Für uns Menschen geht es dabei nicht nur um Geschmacksvorlieben und Gewohnheiten, sondern auch um Identitäten, Traditionen und persönliche Freiheiten. Hier erreicht man Verhaltensänderungen kaum durch Verzichts- und Verbotsforderungen, sondern eher durch attraktive Alternativen und mehr Auswahl – für die diversen Bedürfnisse in einer Gesellschaft und auch in verschiedenen Gruppen und Kulturen. Daher bedarf es auch einer echten Diversifizierung unserer Proteinversorgung. Echte Proteinvielfalt schließt Pflanzen wie Hülsenfrüchte und pflanzliche Alternativprodukte wie Hafermilch und Erbsenburger ein. Künftig wird sie auch tierische Produkte aus der zellulären Landwirtschaft umfassen, die dank Präzisionsfermentation und Zellkultivierung Milch, Eier und Fleisch herstellt – ganz ohne Tierhaltung.
Die zelluläre Landwirtschaft markiert einen enormen Innovationsschritt. Nach der Jagd und der Domestizierung ist sie die dritte Evolutionsstufe in der Nutzung tierischer Proteine. Es ergibt Sinn, gezielt nur noch bestimmte Produkte, statt ganzer Tiere zu züchten. Denn Menschen wollen Steak, Eier oder Käse essen, also bestimmte Produkte, und keine Tiere.
Wertschöpfung und Jobmotor
Die Erweiterung unserer Proteinversorgung birgt auch neue sozio-ökonomische Chancen. Prognosen zufolge könnten alternative Proteine auf Basis von Pflanzen oder modernen Kultivierungsverfahren bis 2050 weltweit eine Bruttowertschöpfung von einer Billion US-Dollar ausmachen sowie bis zu 83 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Für das Vereinigte Königreich wird prognostiziert, dass allein die zelluläre Landwirtschaft bis 2030 eine Wertschöpfung von rund 2 Milliarden Pfund und bis zu 10.000 neue Arbeitsplätze schaffen könnte. Und Dänemarks bahnbrechender „Plant-Based Action Plan“ kalkuliert mit 1,8 Milliarden dänischen Kronen (circa 240 Millionen Euro) zusätzlicher Wertschöpfung und bis zu 27.000 neuen Jobs.
Zahlreiche Regierungen weltweit haben dieses enorme und nachhaltige Potential erkannt. Immer mehr von ihnen machen eine breit angelegte Proteinversorgung zu einer nationalen Priorität und investieren strategisch – für nationales Wirtschaftswachstum, Innovations- und Marktführerschaft und nachhaltige Arbeitsplätze. Hervorzuheben sind hier etwa die USA, Singapur, Dänemark, die Niederlande und Israel.
Momentum nutzen
Auch in Deutschland tut sich einiges – mit einem ersten Budget für nachhaltige Proteine in Höhe von 38 Millionen Euro und einer neuen Proteinstrategie. Und das ist gut so. Denn Deutschland ist ideal aufgestellt, um die Potentiale der alternativen Proteine gewinnbringend zu nutzen. Zum einen sehen wir ein starkes Momentum im Markt und in der Gesellschaft. Knapp die Hälfte der Deutschen identifiziert sich als Flexitarier, die aktiv ihren Proteinkonsum verbreitern wollen. Entsprechend ist der Fleischkonsum hierzulande seit Jahren rückläufig und hat 2023 mit rund 52 Kilogramm pro Person und Jahr ein neues Rekordtief erreicht. Ähnliches gilt auch für den Konsum von Milch. Zugleich ist der deutsche Markt für pflanzliche Alternativprodukte der stärkste in ganz Europa und wächst kontinuierlich. Und auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat gerade erst ihre Empfehlungen für den Fleischkonsum gesenkt – aus Gründen der Gesundheit und der Nachhaltigkeit.
Zum anderen bietet der Standort Deutschland alles, was es braucht, um diese Chance zur sozio-ökonomischen Transformation optimal zu nutzen: technologische und wissenschaftliche Expertise, Innovationsstärke, einen guten Ruf und ein starkes Exportnetzwerk.
Potentiale heben
Jetzt gilt es, von diesen Chancen zu profitieren. Hersteller von Nahrungsmitteln können sich für innovative und nachhaltige Proteine öffnen und ihre Portfolios um attraktive Produkte erweitern, die geschmacklich wie preislich überzeugen. Öffentliche Einrichtungen und Unternehmen können nachhaltige Proteine in ihre Kantinenangebote integrieren und damit ihre Nachhaltigkeitsziele besser erreichen.
Die Politik kann die Diversifizierung der Proteinversorgung zu einer Priorität erklären und in den Aufbau eines nationalen Ökosystems investieren. Entscheidend wären dafür eine zielgerichtete Förderung in den Bereichen Forschung und Innovation, eine öffentliche Auftragsvergabe, Bezeichnungsfreiheit für alternative Proteine und ein reduzierter Mehrwertsteuersatz. Vor allem können Politik und Industrie eindeutige Signale an die Landwirtschaft senden, um ihre Schlüsselrolle bei der Fortentwicklung unseres Ernährungssystems zu würdigen.
Bei all dem gilt es, schnell zu handeln. Denn die Verbreiterung des Proteinangebots hat weltweit längst begonnen – teils mit erheblichem Tempo. Was Deutschland jetzt entscheidet, ist, ob wir mitlaufen und zu den Gewinnern zählen wollen. Das Potential dazu haben wir.
ProVeg International ist eine Ernährungsorganisation, die sich für die Transformation des globalen Ernährungssystems und die Diversifizierung unserer Proteinversorgung einsetzt. Sie ist in zwölf Ländern weltweit tätig, hat den „Momentum for Change“-Preis der Vereinten Nationen erhalten und arbeitet eng mit den wichtigsten UN-Organisationen für Ernährung und Umwelt zusammen.




