Aufgaben und Erledigungen in einer To-Do-Liste zu verschriftlichen, ist sicher eine weitverbreitete Praxis. Doch haben Sie schon einmal Dinge festgehalten, die Sie bewusst nicht machen wollen? Was zunächst nach Passivität klingen kann, ist vielmehr eine sehr aktive Entscheidung gegen wie auch immer geartetes eigenes Verhalten. Wer an soziale Nachhaltigkeit denkt, hat vermutlich eine lange Liste mit Dingen im Kopf, die getan werden müssen – und das ist gut so. Doch was hat eine Not-to-doListe mit dem Verständnis davon zu tun, was soziale Nachhaltigkeit im Grunde eigentlich ist?

Seit gut 30 Jahren ist soziale Nachhaltigkeit einer der drei Pfeiler von Nachhaltigkeit. Doch im Unterschied zu den beiden anderen, der ökologischen und ökonomischen Nachhaltigkeit, tun sich Theorie und Praxis bis heute schwer damit, zu bestimmen, was genau damit gemeint und was zu tun ist, um diese Art von Nachhaltigkeit zu gewährleisten.

Abseits der Diskussionen zu konkreten Themen – von intergenerationeller Gerechtigkeit bis Nichtdiskriminierung – wird in der folgenden Überlegung der Versuch unternommen, soziale Nachhaltigkeit systematisch zu erfassen. Hierbei wird der Bogen geschlagen von sehr grundsätzlichen Überlegungen gesellschaftlichen Zusammenlebens bis hin zur Frage, was man tun und vor allem was man nicht tun soll. Letztlich steht die Frage im Mittelpunkt: Wie gehen wir miteinander um?

Die Notwendigkeit der Kooperation

Menschen sind auf Kooperation angewiesen. Ob es um das tägliche Brot, Hilfe im Krankheitsfall, arbeitsteilige Produktion, komplexe Innovationsleistungen, Bewältigung sozialer Krisen und vieles mehr geht: All dies kann nicht von einem Einzelnen allein bewältigt werden. Wir brauchen einander. Und wenn wir auch mit sehr vielen Menschen nicht direkt kooperieren, so doch indirekt – zumindest in der Form, dass wir erwarten, dass sie uns nicht schädigen. Im Alltag funktioniert das „Nicht-Schädigen“ mehr oder weniger gut. Wie gut, hängt vor allem von zwei ermöglichenden Bedingungen ab:

01  den institutionellen Strukturen, die die Handlungen koordinieren (den bestehenden Spielregeln) und

02  den gemeinsamen beziehungsweise geteilten „mentalen Modellen“ (einem gemeinsamen Spielverständnis). Lassen Sie uns das anhand einer Metapher deutlich machen.

Die Metapher vom Spiel

Was in einem Spiel passiert, wie das Ergebnis ausfällt und wie es anschließend weitergeht, hängt vor allem von den Spielzügen ab. Oder auch: „Entscheidend is‘ auf‘m Platz“ (Alfred Preißler). Doch welche Spielzüge überhaupt möglich und sinnvoll sind, wird von den Spielregeln bestimmt. Diese sind ermöglichende Bedingungen für ein geordnetes Spiel. Denn sie koordinieren die jeweiligen Spielzüge so, dass individuelle oder gemeinsame Ziele erreicht werden können. Dabei definieren Spielregeln insbesondere (Handlungs-) Rechte, die den einzelnen Teilnehmenden Freiheiten für mögliche Spielzüge geben.

Allerdings zeigt sich, dass für ein geordnetes Spiel neben den Spielregeln eine weitere ermöglichende Bedingungen benötigt wird: ein (hinreichend) gemeinsames Spielverständnis. Die besten Regeln nutzen nichts, wenn sie nicht befolgt werden – sei es, weil man sie nicht kennt, sei es, weil man sie nicht anerkennt. Denn der Sinn der Spielregeln besteht darin, dass man sich darauf verlassen kann – man darauf vertraut –, dass sich alle, zumindest einigermaßen, an die Regeln halten. Also, dass die eigenen Rechte von den anderen in ihren Spielzügen anerkannt werden. Ein geordnetes Spiel setzt allerdings auch voraus, dass man selbst bereit ist, die Rechte anderer anzuerkennen.

Realistisch ist davon auszugehen, dass es bei dem komplexen „Spiel“ des gesellschaftlichen Zusammenlebens – das eigentlich aus einer Vielzahl überlappender „Spiele“ besteht – immer wieder zu Konflikten im Spielverständnis kommt: Welche Spielregeln und damit Rechte und Pflichten sollen gelten? Wie sind sie auszulegen? Welche Anpassungen sind nötig? Doch in hinreichend ‚wohlgeordneten‘ Gesellschaften gibt es auch für solche Konfliktfälle übergeordnete Regeln, wie Verfassungen, die dafür sorgen sollen, dass diese Konflikte einigermaßen vernünftig gelöst werden können, sodass das Spiel gut weitergehen kann.

(Soziale) Nachhaltigkeit statt Endspiele

Vor diesem Hintergrund lässt sich Nachhaltigkeit generell verstehen als Erhalt und Weiterentwicklung der ermöglichenden Bedingungen des „Spiels“ der generationenübergreifenden gesellschaftlichen Kooperation. Anders formuliert: Nachhaltigkeit heißt, Endspiele zu vermeiden – denn in Endspielen investiert man nicht in die Zukunft. Und das bedeutet auch: Man hält sich nicht an die Regeln – seien es rechtliche oder moralische.

Doch Regeln allein, die einen Rahmen für das Verhalten festlegen, reichen dafür nicht, schon gar nicht in Zeiten, in denen durch rasante gesellschaftliche Dynamiken und damit verbundene Risiken – soziale Ungleichheit, Klimawandel, Digitalisierung, gesellschaftliche Polarisierung und mehr – die bestehenden Ordnungen („Spielregeln“) als unzureichend wahrgenommen werden, verlässliche und konsistente neue Ordnungen jedoch (noch?) nicht existieren. Umso wichtiger wird dann die Frage nach dem gemeinsamen Spielverständnis: nach Orientierungen, die bei aller Unterschiedlichkeit individueller Ziele, Interessen, Sichtweisen oder Überzeugungen Gemeinsamkeiten ausdrücken, die die Grundlage für Kooperation und das gesellschaftliche Zusammenleben bilden.

Insbesondere geht es daher bei sozialer Nachhaltigkeit darum, ein gewisses Grundvertrauen in das Verhalten anderer – also deren Einhaltung der „Spielregeln“ – zu erhalten. Ohne dieses Vertrauen ist jede Kooperation zum Scheitern verurteilt, jedes „Spiel“ droht zum Endspiel zu werden. Das Grundvertrauen für Kooperation basiert, wenn man so will, auf der gegenseitigen Erwartung, dass wir einander nicht (physisch, psychisch, finanziell etc.) schädigen. Insofern lässt sich soziale Nachhaltigkeit auch kurz und knapp definieren als: Erhalt des erforderlichen „Vertrauenskapitals“, das gesellschaftliche Kooperation – im Kleinen wie im Großen – ermöglicht. Im Alltag ist dieses Vertrauen sehr viel präsenter, als es uns üblicherweise bewusst ist. Denn sonst würden wir weder in ein Taxi steigen noch in fremde Gegenden fahren oder online einkaufen.

Was ist also (nicht) zu tun?

Die typische Frage, wenn wir Probleme wie Nicht-Nachhaltigkeit wahrnehmen, lautet: Was müssen wir jetzt tun? Man wird aktiv, neue Projekte, Initiativen und Programme werden gestartet. Es wird nach Veränderung, nach Innovation, nach Transformation gerufen. Das ist nicht nur in Ordnung, sondern oft auch erforderlich.

Hier jedoch sei einmal überlegt, ob wir nicht als Grundlage für soziale Nachhaltigkeit auch viel mehr als bisher überlegen müssten, und das systematisch, was wir ganz grundsätzlich nicht tun sollten. Das ist allerdings zu präzisieren, weil es sonst zu beliebig und wenig hilfreich wird. Gemeint ist Folgendes:

A    Wir sollten keinen unnötigen Schaden anrichten. Emphatischer ausgedrückt: Wir sollten unnötiges Leid vermeiden. Und: Wir sollten Vertrauen nicht zu einer leeren Hülle werden lassen. Gerade jenes Vertrauen in das Verhalten anderer, das auf bestehenden rechtlichen und moralischen Ordnungen basiert.

B    Das verlangt Selbstbegrenzung im eigenen Handeln gerade dort, wo zugleich kurzfristige Vorteile diese Selbstbegrenzung zur Herausforderung werden lassen.

Die meisten moralischen Normen sind Verbotsnormen: nicht lügen, nicht stehlen, nicht betrügen, die Umwelt nicht verschmutzen und so weiter. Die vermutlich allgemeinste Zusammenfassung dessen ist das Nichtschädigungs-Gebot, das sich in zahlreichen rechtlichen und moralischen Normen wiederfinden lässt. Allerdings braucht dieses Gebot Klärung. Denn es gibt Schädigungen, die legitim sind: Operationen, Entlassungen, Preiserhöhungen und vieles mehr muten den Betroffenen einiges zu. Das heißt, es gibt akzeptable Zumutungen, genauso wie es akzeptable Kosten gibt. Doch die Grenzen des Zumutbaren sind genau die Grenzen, die es um der sozialen Nachhaltigkeit willen zu erkennen und anzuerkennen gilt. Diese Grenzen sind die rechtlichen und moralischen „Spielregeln“. Die Regeln, die sich in der Verfassung und Rechtsvorschriften, aber auch dem „Sittengesetz“, den Normen des gegenseitigen Respekts, der Fairness oder des Anstands, finden. Doch sie sind nicht nur Grenzen, sondern zugleich ermöglichende Bedingungen des „Spiels“.

Die Anerkennung dieser Grenzen ist – schon definitorisch – Selbstbegrenzung. Es geht nicht nur darum, was wir von anderen erwarten, sondern was wir selbst (nicht) tun. Das ist jedoch manchmal alles andere als einfach. Der simple Grund: Die Nichtberücksichtigung dieser Grenzen ist (kurzfristig) vorteilhaft. „Vorteil“ kann hier vieles heißen: Bequemlichkeit, Zeitersparnis, Einsparung von Kosten oder Realisierungsmöglichkeit von Erträgen, Demonstration von Stärke, Erringen von Machtpositionen oder Wettbewerbsvorsprüngen und so weiter.

Doch diese (in der Regel: kurzfristigen) Vorteile gehen eben in bestimmten Situationen einher mit der Verletzung der Rechte anderer. Das heißt: mit finanziellen, psychischen oder physischen Schädigungen – was nicht selten Sekundärwirkungen hat für jene, die sich nicht begrenzt haben. Das ist nicht (sozial) nachhaltig. Beispiel: Wenn wir wollen, dass andere uns im Fall eines Schicksalsschlags beistehen, sollten wir sie vorher nicht über den Tisch gezogen haben. Deshalb sind Selbstbegrenzungen, wie oben beschrieben, eine Investition in (soziale) Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit heißt, in eine gemeinsame Zukunft zu investieren. Soziale Nachhaltigkeit heißt, in eine gemeinsame Zukunft zu investieren durch Unterlassen („nicht tun“) schädigender Handlungen. Zusammenfassend, um das kurz festzuhalten auf unserer Notto-do-Liste: Do no harm!

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