Bettina Stark-Watzinger (54) ist seit Dezember 2021 Bundesministerin für Bildung und Forschung. Sie ist seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Von 2018 bis 2020 war sie Vorsitzende des Finanzausschusses, von 2020 bis 2021 Parlamentarische Geschäftsführerin der Fraktion der Freien Demokraten im Deutschen Bundestag. Die gebürtige Frankfurterin studierte Volkswirtschaftslehre, war von 2008 bis 2013 Geschäftsführerin des House of Finance an der Goethe-Universität, Frankfurt, und von 2013 bis 2017 Geschäftsführerin des Forschungszentrums SAFE – Sustainable Architecture for Finance in Europe.
V Was kann die Regierung tun, um Forschungsergebnisse und innovative Ideen zu Umweltthemen wie Energiewende, Verkehrswende oder Kreislaufwirtschaft schneller in die Anwendung und in die Wirtschaft zu bringen?
Mit der Zukunftsstrategie Forschung und Innovation haben wir uns als Bundesregierung auf Ziele, Schwerpunkte und Meilensteine der Forschungs- und Innovationspolitik für die nächsten Jahre und Jahrzehnte geeinigt. Zu den Zukunftsfeldern, die wir definiert haben, zählen insbesondere eine ressourcenbewusste, wettbewerbsfähige Industrie und nachhaltige Mobilität sowie Klimaschutz, Klimaanpassung, Ernährungssicherheit und die Bewahrung der Artenvielfalt. Der Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung ist ein wichtiger Schwerpunkt der Strategie. Ich möchte vier Punkte nennen, die mir besonders wichtig sind: Erstens wird die Deutsche Agentur für Transfer und Innovation (DATI) dazu beitragen, den Transfer zu verbreitern und zu beschleunigen. Mit der DATI wollen wir die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass anwendungsorientiertes Wissen und neue Technologien schneller in den Markt und zu den Menschen kommen.
Zweitens haben wir mit der Agentur für Sprunginnovationen (SPRIND) ein Instrument geschaffen, das Ideen mit disruptivem Potential für Innovationen identifiziert und fördert. Innovation folgt nicht immer den ausgetretenen Pfaden. Damit begleitet die SPRIND insbesondere auch Innovationen aus der Forschung in die Entwicklung. Darunter sind auch bereits Ideen im Umweltbereich etwa in Projekten zur effizienteren Nutzung von Windenergie oder zur Reinigung von Gewässern von Mikroplastik.
Drittens werden wir mit dem Reallabore-Gesetz, auf das wir uns im Koalitionsvertrag verständigt haben, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen und neue Freiräume zur Erprobung von Innovationen schaffen. Reallabore ermöglichen es, innovative Technologien, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle unter realen Bedingungen zu erproben. So tragen Reallabore dazu bei, dass Innovationen schneller in die Anwendung gelangen.
Und viertens hat die Bundesregierung mit der Start-up-Strategie erstmals eine Strategie mit dem Ziel verabschiedet, die Rahmenbedingungen für Start-ups in Deutschland deutlich zu verbessern.
V Welche Technologien sind aus Ihrer Sicht derzeit am vielversprechendsten, um rasch wirkungsvolle Effekte gegen den Klimawandel zu erreichen?
Klimaneutralität werden wir nur mit Forschung und Innovationen erreichen. Das wichtigste noch fehlende Puzzleteil der Energiewende ist grüner Wasserstoff. Er kann Energie aus erneuerbaren Quellen speichern und nutzbar machen, wenn die Sonne einmal nicht scheint oder der Wind nicht weht. Ich möchte Deutschland deshalb zur Wasserstoffrepublik machen. Zudem investieren wir in die Fusionsforschung (Anm. d. Red.: Ziel ist es dabei, aus der Verschmelzung von Atomkernen in einem Kraftwerk Energie zu gewinnen). Auch wenn es hier noch große technologische Herausforderungen zu stemmen gilt: Die Fusionsenergie wird perspektivisch den Energiemix ergänzen. Wir können die Sonne tatsächlich auf die Erde holen. Darüber hinaus bringen wir Technologien und Methoden zur Entnahme und Nutzung von CO2 auf den Weg. Diese ermöglichen es, CO2 aus industriellen Prozessen oder aus der Luft zu ziehen und als Rohstoff für neue Produkte einzusetzen oder auch dauerhaft zu speichern. Diese Technologien sind ein essentieller Teil der Rohstoffbasis der Zukunft und eine Ergänzung zum Abbau der Treibhausgasemissionen.
Schließlich müssen wir uns an die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels anpassen. Auch hier sind wir als Forschungsministerium sehr aktiv. Ein Beispiel sind die neuen Züchtungstechniken, mit denen wir Nutzpflanzen schnell und sicher widerstandfähiger gegen die Folgen des Klimawandels machen können, oder auch innovative Konzepte für Resilienz und Risikomanagement gegen Extremereignisse wie Starkregen.
V Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in diesem Zusammenhang, wird es digitale Lösungen für die Umweltkrisen auf dieser Welt geben?
Künstliche Intelligenz ist auch aus der Umwelttechnik nicht mehr wegzudenken. Die Verarbeitung riesiger Datenmengen nahezu in Echtzeit erfordert automatisierte Verfahren. Dabei spielt KI eine zentrale und immer wichtigere Rolle. Wie leistungsfähig solche Systeme mittlerweile sind, sehen wir alle gerade beim Chatprogramm ChatGPT. Und das ist nur der Anfang. Auch für Lösungen zum Klimaschutz oder für Umwelttechnologien bietet die KI gewaltige Potentiale. Studienergebnisse zeigen, dass 134 der 169 UN-Nachhaltigkeitsziele von KI profitieren, beispielsweise indem durch die Simulationen von digitalen Ressourcen in digitalen Zwillingen reale Ressourcen eingespart oder auch effizientere oder gänzlich neue, nachhaltige Verfahren und Prozesse erschlossen werden. Wir müssen dabei jedoch auch den Energieverbrauch von KI-Systemen selbst berücksichtigen. Wenn der Energieverbrauch von KI-Systemen die Effizienzsteigerungen eines Prozesses übersteigt, ist nichts gewonnen. Dennoch sehe ich hier deutlich mehr Chancen als Risiken.
V Kritiker äußern Bedenken gegenüber einer digitalen Ökoüberwachung durch Sensoren, Drohnen und Satelliten – eine grüne digitale Agenda in den Händen von Big-Tech-Konzernen könne zu einer Privatisierung der Umweltdaten der Welt führen, heißt es. Auch werde so die Fähigkeit verbessert, die Natur auszubeuten. Wie sehen Sie das?
Das Beispiel zeigt, wie wichtig eine gute Daten-Governance ist. Wir brauchen mehr Open Data, also mehr offene und frei verfügbare Daten anstatt Datenprivatisierung und Datenmonopolisten. Offene Daten führen qua Verfügbarkeit zu mehr Dateninnovation. Sie machen das Risiko einer „Privatisierung“ und kommerziellen Nutzung oder gar Ausnutzung der Daten uninteressanter, da Datenzugriff keine Vormachtstellung mehr bedeutet. Gleichzeitig verdeutlicht das Beispiel, wie wichtig digitale und technologische Souveränität sind. Wir müssen Schlüsseltechnologien international auf Augenhöhe und im Sinne unserer Werte mitgestalten und durch verantwortungsbewusste Daten-Governance auch einen ethischen Rahmen setzen. Dafür müssen wir aber auch kritische Abhängigkeiten in zentralen Technologiefeldern gezielt abbauen, wie etwa bei Chips.
V Was muss noch dringend erforscht werden, um Umwelt und Klima nachhaltig zu schützen, wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Zunächst einmal müssen wir die technologischen Grundlagen legen, um in allen Bereichen so schnell wie möglich aus fossilen Brennstoffen aussteigen zu können. Hier gibt es noch viel zu tun – etwa im Flug- und Seeverkehr, aber auch in der Industrie. Neben grünem Wasserstoff und der Fusionsforschung müssen wir auch die Batterieforschung und E-Fuels vorantreiben. Auch die Schlüsseltechnologien für die Energiewende müssen umweltfreundlicher produziert und genutzt werden, idealerweise als Teil einer zirkulären Wertschöpfung. Bei den Batterietechnologien beispielsweise setzen wir daher auch im Rahmen unseres Dachkonzepts Batterieforschung Schwerpunkte auf die Verbesserung der Energieeffizienz und Klimabilanz bei der Batteriezellproduktion und auf eine Steigerung der Ressourceneffizienz etwa durch Recyclingmaßnahmen. Zudem brauchen wir Lösungen für Hersteller von Grundstoffen, wie zum Beispiel die Zement- oder Glasproduktion oder die Chemieindustrie, die für den Industriestandort Deutschland immens wichtig sind und bei denen durch hohen Energieeinsatz oder prozessbedingt große Mengen an CO2 entstehen. Hier geht es einerseits um klimaverträglichere Alternativverfahren, daran arbeiten wir etwa für die Stahlproduktion, aber auch um neue, klimafreundliche Produkte. Auch muss verstärkt erforscht werden, wie CO2-Bepreisungssysteme auf globaler Ebene befördert und gegebenenfalls miteinander verknüpft werden können, um eine Dynamik hin zu einem globalen Emissionshandelssystem zu erzeugen.
V Die USA und China investieren hunderte Milliarden US-Dollar in „Green Technology“, was sicherlich gut ist. Wo stehen wir Deutsche im internationalen Vergleich?
Die USA haben die großen industriepolitischen Potentiale von Nachhaltigkeitstechnologien erkannt und nutzen sie konsequent für eine grundlegende Verjüngungskur der eigenen Wirtschaft. Das ist auch für Deutschland eine große Chance, wenn wir technologieoffen und nicht planwirtschaftlich vorgehen. „Green Technology“ ist für die nächsten Dekaden der Impulsgeber, vergleichbar der Digitalisierung vor 20 Jahren. Europa darf nicht ein weiteres Mal abgehängt werden. Das macht den Inflation Reduction Act auch zu einer so großen Herausforderung für den Industriestandort. Ich erwarte von der EU-Kommission eine ambitionierte, schnelle und wirksame Reaktion.
V Ist die finanzielle Förderung für die Erforschung grüner Zukunftstechnologien in Deutschland ausreichend, um wettbewerbsfähig zu bleiben oder zu werden?
Die Bundesregierung ist bei der Forschungsförderung gut aufgestellt. Wissenschaft und Wirtschaft arbeiten in unseren Programmen erfolgreich an wegweisenden Ideen. Um global wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen wir allerdings unsere Regulierung innovationsfreundlicher gestalten. Wir müssen mehr Tempo bei Bewilligungen machen und die Novelle des Datenschutzes nutzen, um die Prozesse zu vereinfachen. Ich denke aber auch an die gesellschaftliche Akzeptanz, Zuversicht und Vertrauen in neuartige Ansätze und Investitionen der Wirtschaft in zukunftsweisende Verfahren. Wir werden im Wettbewerb nur bestehen, wenn wir auch mutig vorangehen.
V Die vielen schlechten Nachrichten zum Klimawandel können frustrierend sein. Was macht Ihnen Hoffnung, dass die Menschheit diesen Kampf gewinnt?
Die Herausforderungen sind groß. Aber die Geschichte der Menschheit ist eine von Innovation und Fortschritt. Das stimmt mich optimistisch. Fortschritte sind viel greifbarer, als manche vielleicht denken. Seit der Aufklärung haben wir durch Wissenschaft und Innovation immer wieder neue Antworten auf drängende Fragen der Zeit gefunden. Aber man muss auch offen dafür sein. Mit der Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie etwa wollen wir den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft massiv beschleunigen. Hier sehe ich eine hohe Innovationsdynamik, die auch massiv durch die Förderung des Bundesforschungsministeriums vorangetrieben wird. Beispielsweise zielt die Kooperation mit Australien darauf ab, eine deutsch-australische Lieferkette für grünen Wasserstoff aufzubauen und perspektivisch den Handel von Wasserstoff und seinen Derivaten zwischen beiden Ländern zu fördern. Das ist Pionierarbeit für die nächste Stufe der Dekarbonisierung, die wir dringend brauchen. Und wenn wir es wirklich schaffen, die Fusion als CO2-neutrale und kontinuierlich verfügbare Energiequelle zu erschließen, können wir unseren CO2– Ausstoß ohne Einschränkungen beim Energieverbrauch auf null reduzieren. Eine starke Forschung, innovative Startups, große Unternehmen und Investoren – ganz viele Akteure arbeiten daran, klimaschonende Technologien zu entwickeln und in die Anwendung zu bringen. Große Teile der Wirtschaft haben erkannt: Klimaschutz bietet große Chancen, lohnt sich oft schon heute und ist für nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit unerlässlich. Als Politik müssen wir dafür sorgen, dass sich diese innovativen Akteure frei entfalten können und nicht ausgebremst werden. Durch Bürokratieabbau, Technologieoffenheit und insgesamt einen marktwirtschaftlichen Rahmen für Klimaschutz, wie beispielsweise eine angemessene, anreizwirksame Bepreisung von CO2– Emissionen.
Die Fragen stellte Oliver Kauer-Berk.




