Seit Februar 2019 ist Stefan Klebert (Jahrgang 1965) beim Systemanbieter GEA Vorsitzender des Vorstands. Dort verantwortet er alle fünf Divisionen sowie die Regionen und Länderorganisationen. Darüber hinaus übt er auch die Funktion des Arbeitsdirektors aus. Zuvor leitete er acht Jahre lang als Vorstandsvorsitzender den Industriekonzern Schuler AG. Klebert ist gelernter Mechaniker, studierte Maschinenbau an der Fachhochschule Esslingen und hat einen Abschluss als Master of Business Administration von der Brunel University, London.
An welchen Innovationen arbeiten Sie gerade, um den weltweiten CO2-Ausstoß zu reduzieren?
Tatsächlich ist die weltweite Dekarbonisierung ohne die Expertise des Maschinenbaus undenkbar. Mit unseren Technologien ermöglichen wir vielen energieintensiven Branchen einen deutlich klimafreundlicheren Betrieb. Lassen Sie mich einige spannende Innovationen hervorheben. Unsere Carbon-Capture-Lösung ist richtungsweisend und befindet sich bereits erfolgreich im Einsatz bei Pilotkunden. Sie fängt CO2 direkt bei der Produktion ab, bevor es in die Atmosphäre gelangt. Das abgesonderte Gas lässt sich speichern oder in industriellen Prozessen nutzen. Besonders in emissionsintensiven Branchen, wie der Zementproduktion, kann die CO2-Abscheidung wirksam zum Klimaschutz beitragen. Unsere Carbon-Capture-Pilotanlage wurde bei den Phoenix Zementwerken im westfälischen Beckum im Praxistest eingesetzt und ist inzwischen bei einem weiteren Kunden in Betrieb.
Unsere Anstrengungen richten sich auch auf die Senkung der Treibhausgasemissionen in der Milchwirtschaft. Für Milcherzeuger bieten wir ein Gülleanreicherungssystem an, das aus Gülle, Luft und Strom direkt vor Ort umweltfreundlichen organischen Dünger produziert. Mit dem System lässt sich der CO2-Fußabdruck eines Betriebs um bis zu 30 Prozent verringern. Mit Unilever haben wir ein spannendes Entwicklungsprojekt begonnen. Anfangs werden wir vier Anlagen in niederländischen Betrieben installieren, die Unilever mit Milch beliefern. Ein Jahr lang sammeln und analysieren wir Daten, um den Einfluss auf Unilevers CO2-Bilanz zu erfassen. Dieses Projekt ist Teil unserer Next-Generation-Farming-Strategie, mit der wir gemeinsam mit Milchproduzenten die Landwirtschaft nachhaltiger gestalten wollen.
Künstliche Intelligenz spielt eine große Rolle, um unsere Maschinen effizienter und klimafreundlicher zu machen. Unsere Lösung GEA OptiPartner ist ein gutes Beispiel dafür. Die Software funktioniert wie eine Art Autopilot: Sie passt Prozessparameter in Echtzeit an, minimiert Schwankungen und optimiert damit den Betrieb. Angewendet in der Sprühtrocknung, die beispielsweise aus Flüssigmilch Milchpulver macht, spart das bis zu 14 Prozent Energie. Das bedeutet, dass wir den Ausstoß von bis zu 1.600 Tonnen CO2 pro Jahr verhindern – so viel wie etwa 200 Menschen im Jahr verursachen.
Welche technischen Möglichkeiten sind bereits in der Anwendung, um in industriellen Prozessen entstandenes CO2 wiederzuverwenden?
CO2-Rückgewinnungsanlagen sind in Brauereien oder Destillerien schon etabliert. Sie fangen CO2 aus der Fermentation auf und verwenden es wieder, um beispielsweise Getränke zu karbonisieren. Das Besondere dabei: CO2 aus der Gärung ist lebensmitteltauglich und damit die sicherste Option für Getränkehersteller, ihre Produkte zu sprudeln. Durch die Rückgewinnung von CO2 können Produzenten nicht nur Kosten senken, sondern auch umweltfreundlicher arbeiten und ihre CO2-Bilanz verbessern. Während zu viel CO2 in der Atmosphäre ein Problem ist, ist es in der Lebensmittelindustrie extrem wertvoll – und sogar knapp. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Düngemittelindustrie, ein großer CO2-Lieferant, durch hohe Energiepreise gebremst wird. Für einige Brauereien führte dies sogar zu verringerter Produktion, da ohne CO2 keine Abfüllung möglich war.
Betrachten wir nun das CO2, das von Unternehmen mit hohen Emissionen durch Carbon-Capture-Technologien eingefangen wird. Dieses CO2 ist natürlich anders zusammengesetzt. Doch es kann ebenfalls aufgereinigt und weiterverwendet werden. Obwohl der Markt für die Nutzung von CO2 wächst, kommen wir zugleich nicht um weitere Lösungen zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung herum. Sie sind ebenfalls wichtige Elemente, um die Emission von Treibhausgasen zu senken und der globalen Erwärmung entgegenzuwirken.
Wie wichtig ist Transparenz beim Klimaschutz für ein Unternehmen?
Für uns ist Transparenz essentiell. Sie bildet das Fundament unseres Vertrauensverhältnisses zu Kunden, Mitarbeitern und der Gesellschaft. Durch offene Kommunikation unserer Ziele und Fortschritte zeigen wir, wie ernst uns der Klimaschutz ist. Wir leisten uns keine Ausreden, keine Unklarheiten, keinen Stillstand. Ich gebe Ihnen drei Beispiele, die verdeutlichen, dass unsere Vorreiterrolle in der Branche ohne Daten und Transparenz nicht funktionieren würde.
Erstens haben wir 2023 durch die Science Based Targets Initiative unser Netto-Null-Ziel bis 2040 sowie unsere kürzlich angehobenen Zwischenziele bis 2030 validieren lassen. So sind unsere Klimaziele und die Reduktionsmaßnahmen durch wissenschaftlich anerkannte Methoden bestätigt. Zweitens haben wir im letzten Jahr unser Add-Better-Label eingeführt. Es kennzeichnet GEA-Lösungen, die deutlich ressourcenschonender arbeiten als ihre Vorgänger. Wir bieten damit unseren Kunden nachweisbare und – das ist neu – extern vom TÜV validierte Nachhaltigkeitsdaten, etwa zum Energie- und Wasserverbrauch. Und drittens legen wir unseren Aktionärinnen und Aktionären bei der Hauptversammlung im April den Klimaplan 2040 von GEA samt konkreten Maßnahmen zur konsultativen Abstimmung vor. Damit bieten wir unseren Anteilseignern eine hohe Transparenz und binden sie so aktiv auf unseren Weg zum Netto-Null-Unternehmen ein. Wir sind das erste Mitglied der DAX-Indexfamilie, das diesen Schritt eines Say-on-Climate-Votums freiwillig geht. Darauf sind wir sehr stolz.
Welchen Beitrag kann GEA insgesamt für eine nachhaltige Zukunft leisten?
Wir sind Vorreiter in der Maschinenbaubranche, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Für uns ist klar: Die Zukunft gehört intelligenten, emissionsarmen Lösungen, die Energie sparen und Ressourcen schonen. Mit anderen Worten: Aktiver Klima- und Umweltschutz und unser eigenes langfristiges Wachstum sind eng miteinander verbunden.
Wie gehen wir diesen Weg? Durch ambitioniertes Handeln. Und vor allem durch den Einsatz unserer Ingenieurinnen und Ingenieure. Wir haben uns das ehrgeizige Ziel gesetzt, unsere Treibhausgasemissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette bis 2040 auf Netto-Null zu senken. Um dieses Ziel zu erreichen, mindern wir nicht nur die Emissionen in unserem eigenen Betrieb, sondern entwickeln auch nachhaltige Lösungen für unsere Kunden und transformieren unsere Lieferketten. Immer mehr unserer Kunden – in vielen Fällen sind das führende Hersteller aus der Ernährungs-, Getränke- und Pharmaindustrie – setzen sich übrigens eigene ambitionierte Nachhaltigkeitsziele. Mit unseren technischen Lösungen unterstützen wir sie dabei, diese zu erreichen und die immer strengeren Vorschriften in Bezug auf Emissionen, Wasserverbrauch und Abfallentsorgung zu erfüllen.
Auf den Punkt Wasser möchte ich an dieser Stelle etwas näher eingehen. Denn der Wasserverbrauch spielt eine wichtige Rolle mit Blick auf die weltweite Trinkwasserversorgung, Biodiversität, Flächennutzung und ähnliche Themen. Angesichts der zunehmenden Wasserknappheit in vielen Teilen der Welt arbeiten wir intensiv an verschiedenen Technologien, die den Frischwasserverbrauch von Maschinen und Anlagen weiter senken. Damit tragen wir dazu bei, den Wassermangel zu verringern.
Ist seitens der Politik die Unterstützung für Innovationen in Deutschland und Europa ausreichend?
Nein, definitiv nicht. In Deutschland wird zwar viel über Transformation gesprochen. Aber bei der praktischen Umsetzung hapert es. Bei vielen großen Transformationsvorhaben wie der Elektromobilität oder der Digitalisierung verlieren wir an Boden. Wir riskieren, unsere Stellung als Technologieführer einzubüßen. Betrachten wir die Entwicklung alternativer Proteine als Beispiel: Hier liegt ein enormes Potential für ein sicheres, nachhaltiges Ernährungssystem. Dennoch sind die Regulierer in Deutschland und Europa noch weit davon entfernt, alternative Wege zur Proteinherstellung zu akzeptieren. Anders sieht es zum Beispiel in den USA aus. Dort hat die Zulassungsbehörde grünes Licht für Hühnerfleisch aus Zellzüchtung und auch für präzisionsfermentierte Molkeproteine gegeben. Diese Zurückhaltung führt zu verpassten wirtschaftlichen Chancen. Während andere Länder einmal mehr an uns vorbeiziehen, leiden unser Standort und unsere Innovationsfähigkeit. Ich befürchte, dass wir dadurch wertvolle Talente und das Know-how für die Bewältigung zukünftiger Herausforderungen verlieren.
GEA geht mit großem Verantwortungsbewusstsein in unternehmerische Vorleistung. Unser Engagement zeigt sich in Investitionen wie 80 Millionen Euro für einen neuen Standort für modernste Pharmatechnologie im rheinischen Elsdorf oder dem Bau eines Photovoltaikparks in Hachen, um ab 2026 18 Prozent unseres Stromverbrauchs in Deutschland selbst zu erzeugen. Doch solche unternehmerischen Initiativen erfordern ein unterstützendes politisches Klima. Wir brauchen Energiesicherheit, Offenheit gegenüber Innovationen und neuen Technologien sowie eine Politik, die faktenbasierte Entscheidungen trifft. Wir stehen gerne bereit, unsere Erfahrungen und unsere Expertise einzubringen.
Die Fragen stellte Oliver Kauer-Berk.




