In den vergangenen Jahrzehnten waren wir davon überzeugt, dass der Klimawandel die größtmögliche Bedrohung für den Planeten und die Menschen darstellt. Das war richtig – und ist es auch weiterhin!
Zugleich hat uns der russische Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 vor Augen geführt, dass der Klimawandel nicht die einzige existentielle Gefährdung darstellt, derer wir uns erfolgreich erwehren müssen. Auch wenn wir uns das alle anders gewünscht hätten: Gut drei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem vermeintlichen „Ende der Geschichte“ ist der Krieg in die Peripherie Europas zurückgekehrt; und es ist nicht ausgeschlossen, dass er auch unseren Kontinent erfasst, sofern es uns nicht gelingt, den neoimperialistischen Militarismus Putins zu stoppen. Dass wir das nicht mit gutem Zureden schaffen werden, sondern nur mit Stärke und glaubhafter militärischer Abschreckung, ist mittlerweile (fast) überall Konsens.
Zu lange, nämlich seit dem Ende des Kalten Krieges, waren Verteidigung und Sicherheit im öffentlichen Diskurs kaum präsent, geschweige denn salonfähig. Der Krieg in der Ukraine hat der deutschen Gesellschaft allerdings in besonderer Weise die Notwendigkeit einer substantiellen Verteidigungsfähigkeit vor Augen geführt und eine schonungslose Diskussion hierüber eingefordert.
Symbiotische Verbindung
Entsprechend ist die Herausforderung, vor der wir aktuell stehen, eine doppelte. Denn es gilt, Sicherheit und Nachhaltigkeit als eine symbiotische Verbindung zu verstehen, entsprechend zu handeln und nicht länger, wie dies in der Vergangenheit leider allzu häufig der Fall war, gegeneinander auszuspielen. Nur wenn uns das gelingt, werden wir die beiden großen Verwundbarkeiten, denen wir derzeit ausgesetzt sind, wirksam und dauerhaft abwehren können: den Klimawandel und die (neuerliche) Kriegsgefahr!
Dass der Schwerpunkt bei einem Rüstungsunternehmen wie Airbus Defence and Space dabei auf dem Bereich der Sicherheit und Verteidigung liegt, wird niemanden überraschen. Gleichwohl sind wir uns der Interdependenz von Sicherheit und Nachhaltigkeit vollauf bewusst: Der Klimawandel führt in zunehmender Intensität zu Verteilungskämpfen und bewaffneten Konflikten; diese wiederum führen – neben unerträglichem menschlichen Leid – zu massiven direkten Schädigungen der Umwelt und zu einer signifikanten Reduktion der für die Bekämpfung des Klimawandels notwendigen Ressourcen.
Planet, Mensch, Wohlstand
Dem Streben nach Sicherheit und Nachhaltigkeit verpflichten wir uns in unserem Tun, doch müssen wir dabei wirtschaftlich und wettbewerbsfähig agieren, um als Unternehmen zu bestehen und einen Beitrag zum Wohlstand unserer Belegschaft und der Gesellschaft zu leisten. Dann, und nur dann, können wir von einem systemisch nachhaltigen Ansatz sprechen, der Planet, Mensch und Wohlstand gleichermaßen berücksichtigt. Als Unternehmen versuchen wir, diesem Anspruch so umfassend und verantwortungsvoll wie möglich gerecht zu werden, ohne dabei unser Kerngeschäft – die Sicherheit – aus dem Auge zu verlieren.
Vorab, wir sind definitiv noch nicht am Ziel unserer Nachhaltigkeitsambitionen, auch wenn wir den Weg dahin konsequent beschreiten. Fakt ist: Wir sind technologisch noch weit davon entfernt, ein CO2-neutrales Kampfflugzeug zu produzieren. Da sind die Kolleginnen und Kollegen im zivilen Flugzeugbau deutlich weiter; sie avisieren für 2035 die Marktreife kommerzieller Flugzeuge auf Basis von Wasserstoffantrieben. Wenn wir bei Airbus Defence and Space von Nachhaltigkeit in der Verteidigung sprechen, ist zu berücksichtigen, dass wir angesichts der geopolitischen Gefahrensituation unsere Verteidigungsfähigkeit nicht zur Disposition stellen dürfen.
Bei allem, was wir tun, muss die Effektivität – also die Wirksamkeit – unserer Produkte und Systeme immer im Vordergrund stehen. Etwaige Kompromisse zugunsten der Nachhaltigkeit, die beim zivilen Fliegen möglich sind, sind im militärischen Segment ausgeschlossen, wenn sie mit einem funktionalen Nachteil gegenüber unseren potentiellen Gegnern einhergehen.
Gleichwohl spielt Nachhaltigkeit mehr und mehr eine substantielle Rolle, wenn wir über unsere Entwicklung, Produktion und auch Nutzung unserer Produkte nachdenken. Natürlich arbeiten wir als Unternehmen mit Nachdruck an der Reduktion unseres eigenen ökologischen Fußabdrucks. Dazu gehört unter anderem, den Verbrauch von Ressourcen an unseren Standorten signifikant zu reduzieren. Wir haben klar definierte Emissionsreduktionsziele, die von der Klimawissenschaft unterstützt werden, und von der Science Based Targets Initiative (SBTi), einer unabhängigen Organisation, im Jahr 2023 validiert wurden. So haben wir uns konzernweit dazu verpflichtet, unsere industriellen CO2-Emissionen „Scope 1 und 2“ bis 2030 um 63 Prozent (gegenüber 2015) zu reduzieren, was im Einklang steht mit dem 1,5-GradCelsius-Pfad. Hierbei handelt es sich um die CO2-Emissionen im Zusammenhang mit unserem Betrieb beziehungsweise dem eigenen Energieverbrauch. Konkret bedeutet das, dass wir den Energieverbrauch an unseren Standorten bis 2030 um 20 Prozent senken und alle unsere Standorte in Europa zu 90 Prozent mit erneuerbarem und kohlenstoffarmem Strom versorgen werden. Außerdem arbeiten wir daran, unseren Wasserverbrauch um 25 Prozent und unsere Abfallproduktion um 20 Prozent – ebenfalls auf Basis der Werte von 2015 – zu senken.
Neben der Reduktion dieses negativen Footprints arbeiten wir aber auch an der Erhöhung unseres positiven Handprints, also daran, wie unsere Technologien einen positiven Einfluss auf Mensch und Umwelt haben können: Wie können wir dabei helfen, ökologische Katastrophen und soziale Konflikte zu vermeiden? Wie können wir dazu beitragen, Mensch und Umwelt in akuten Krisensituationen zu schützen? Und welchen Beitrag können wir bei der Wiederherstellung beschädigter oder zerstörter Kommunen und Ökosysteme leisten?
Prevent, Protect, Restore
Dieser Dreiklang, Prevent – Protect – Restore, lässt sich an konkreten Beispielen veranschaulichen:
Erstens die Vermeidung (Prevent) von humanitären und ökologischen Krisen mit Hilfe unserer Daten, Softwarelösungen und Flug- bzw. Weltraumplattformen. Der Eurofighter beispielsweise patrouilliert rund um die Uhr an der NATO-Ostflanke, um ein mögliches Eindringen feindlicher Flugobjekte zu verhindern. Wie dringend nötig das ist, erfahren wir nahezu im Wochenrhythmus aus den Nachrichten, wenn russische Drohnen oder Flugzeuge die Grenzen der NATO verletzen. Wir arbeiten aber darüber hinaus auch an Lösungen, die satellitenbasiert Waldbrände im Frühstadium aus dem All erkennen oder softwarebasiert Mis- und Desinformationskampagnen detektieren, in vielen Fällen das Frühstadium eines Konflikts.
Zweitens der effektive Einsatz in Kriegs- und Krisengebieten (Protect). Dabei kommen beispielsweise regelmäßig militärische Transportflugzeuge zum Einsatz, wie 2021 bei der hochgefährlichen Evakuierung deutscher und westlicher Staatsbürger aus Afghanistan. Oder auch unsere Vernetzungs- und Aufklärungsfähigkeiten, die es etwa den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Roten Kreuzes in Katastrophengebieten erlauben, auf Basis detaillierter Informationsgrundlagen schnell und effektiv die richtigen Entscheidungen zu treffen, um Menschenleben zu schützen und zu retten. Darüber hinaus arbeiten wir beispielsweise an einem Feuerlösch-Modul für die Airbus A400M, die künftig bei Wald- und Flächenbränden unterstützen können soll.
Drittens, im Falle, dass eine Krise nicht verhindert werden konnte, der Wiederaufbau von Infrastruktur und/oder Ökosystemen nach Katastrophen und Konflikten (Restore). So fungieren beispielsweise unsere Flugzeuge vom Typ A400M oder C295 als fliegende Krankenhäuser oder im humanitären Lufttransport, wie unlängst nach den verheerenden Erdbeben in Marokko oder in der Türkei.
In Summe hat Nachhaltigkeit für uns als Unternehmen auch eine innovative und ökonomische Komponente. Unsere Kunden und Investoren achten verstärkt auf ökologische Aspekte. Wir werden sie auf diesem Weg begleiten und neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die ihnen und unseren Ländern helfen, ihre Klimaziele zu erreichen und einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen.
Wir sind fest davon überzeugt, dass die Entwicklung hin zu mehr Nachhaltigkeit im Bereich der Rüstungs- und Verteidigungsindustrie unterm Strich eine Chance ist. Denn sie zwingt uns dazu, unsere Produkte und Geschäftsmodelle tagtäglich neu zu überdenken, zu hinterfragen, zu verbessern und letztlich in neuen Geschäftsfeldern zu vermarkten. Nachhaltigkeit ist somit nicht zuletzt auch ein Innovationsmotor für unser Unternehmen und für unsere Branche.




