Dr.-Ing. Stefan Hartung ist seit 1. Januar 2022 Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH sowie Gesellschafter der Robert Bosch Industrietreuhand KG. Zu seinem Verantwortungsbereich gehören unter anderem Unternehmensstrategie, Unternehmenskommunikation und Regierungsbeziehungen sowie Technologieentwicklung. Er verantwortet darüber hinaus den Zentralbereich Forschung und Vorausentwicklung, das zentrale Qualitätsmanagement sowie die Zentralabteilung Technologie Fertigung. Er ist auch zuständig für die Gesellschaft Bosch Healthcare Solutions GmbH und für das BoschGeschäft in China. Hartung wurde 1966 in Dortmund geboren, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er studierte Maschinenbau, Fachrichtung Fertigungstechnik, an der RWTH Aachen, wo er 1993 auch promovierte. 2004 trat er in die Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH, München, ein. Zuvor war er bei der Fraunhofer-Gesellschaft und der Unternehmensberatung McKinsey & Company in Düsseldorf tätig.
Wie finden die Erkenntnisse der Forschung auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz bei Bosch Eingang in die Produkte und Anwendungen?
Forschung und Anwendung gehen bei Bosch Hand in Hand: Durch die enge Zusammenarbeit zwischen unserer zentralen Forschung und den Geschäftsbereichen bringen wir innovative KI-Methoden und neueste Forschungsergebnisse schnell in konkrete Anwendungen. Ein aktuelles Beispiel ist generative KI. Wir wollen sie – unter anderem zusammen mit Microsoft – ins Auto bringen, um automatisierte Fahrfunktionen zu verbessern, und so alle Verkehrsteilnehmer noch besser schützen. Für die Menschen ist Verkehrssicherheit ein wichtiges Thema. Unser diesjähriger „Bosch Tech Compass“, eine repräsentative Bosch-Umfrage in sieben Ländern zu den Themen Technologie und KI, hat das bestätigt: 60 Prozent der Befragten weltweit erhoffen sich vom Einsatz künstlicher Intelligenz mehr Sicherheit im Straßenverkehr.
Wie kann Bosch im Bereich KI mit den amerikanischen Technologiekonzernen Schritt halten?
Künstliche Intelligenz ist für Bosch eine Schlüsseltechnologie. Wir forschen schon viele Jahre erfolgreich in diesem Bereich und gehören in Europa zu den führenden industriellen KI-Labs. Dabei verfolgen wir eine andere Ausrichtung als die amerikanischen Technologieunternehmen, die Sie hier ansprechen. Für uns geht es nicht darum, Vorlieben oder Kaufentscheidungen der Menschen zu analysieren. Wir sehen unsere Stärke im Bereich der industriellen KI – der Kombination von KI-Methodiken mit breitem Domänen-Knowhow. Bosch kann hier auf historisches und umfangreiches Domänenwissen und auf Fertigungsdaten aus über 230 Werken weltweit zurückgreifen. Unser Anspruch ist es, unsere Produkte und Services intelligent zu machen, um so einen Beitrag zu leisten zu einem sichereren, einfacheren und komfortableren Leben.
Wird Technologie in Deutschland zu sehr reguliert?
Klar ist: Neue Technologien bieten viele Möglichkeiten. Damit die Menschen sie annehmen, ist es entscheidend, dass sie ihnen vertrauen. Und das geschieht nur dann, wenn es ethische Leitplanken gibt, innerhalb deren neue Technologien entwickelt und zur Anwendung gebracht werden können. Das gilt zum Beispiel auch für Künstliche Intelligenz. Deshalb unterstützen wir die Grundidee des AI Acts der EU, der genau diese Leitplanken schaffen möchte. Wir waren der gesetzlichen Regulierung übrigens voraus und haben unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schon 2020 einen eigenen KI-Kodex an die Hand gegeben mit klaren Leitlinien für die Entwicklung und Implementierung von KI. Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass jede gesetzliche Regulierung technologieoffen ausgestaltet wird und keine Technologie ausschließt, die einen Beitrag für die Erreichung unserer Klimaziele leisten könnte. Wichtig ist außerdem, dass neue Regeln kohärent, einheitlich und innovationsfreundlich umgesetzt werden. Was wir in Deutschland jetzt brauchen, sind Mut, Realitätssinn und der Wille zur Technologieführerschaft.
Wo sehen Sie aufgrund der bestehenden Mängel in der Infrastruktur Handlungsbedarf für die Regierung?
Die Infrastruktur muss dringend ausgebaut werden – gerade auch mit Blick auf einen besseren Klimaschutz. So bedarf es für einen erfolgreichen Markthochlauf der Wasserstoffwirtschaft schleunigst einer adäquaten Infrastruktur für die Erzeugung, den Transport und die Verteilung von Wasserstoff bis zum Endverbraucher. Für die Wasserstoffmobilität benötigen wir darüber hinaus eine Betankungsinfrastruktur. Und für den weiteren Hochlauf der Elektromobilität muss der Ausbau von Ladeinfrastruktur fortgesetzt werden. Zur Infrastruktur einer Gesellschaft gehört für mich auch ganz wesentlich Bildung, hier müssen wir alles dafür tun, damit unsere Kinder und Jugendlichen die bestmöglichen Grundlagen erhalten.
Entwickelt Bosch gezielt Innovationen für den Klimaschutz?
Bosch treibt Innovationen dort voran, wo wir den größten Nutzen für Umwelt und Gesellschaft bringen können. Der Klimawandel ist eines der drängendsten Probleme unserer Zeit, und der Handlungsdruck auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft wird ständig größer. Gleichzeitig öffnet er Raum für Innovationen, um den Herausforderungen zu begegnen und die Zukunft zu gestalten. Wir arbeiten gezielt an technologischen Innovationen für mehr Klimaschutz. Eines unserer wichtigsten Ziele ist es, den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren. Dazu gehört unsere Arbeit am Elektroantrieb der Zukunft und an der Elektrifizierung von Gebäuden, beispielsweise durch Wärmepumpen. Eine wichtige Rolle, sowohl bei der Elektrifizierung von Mobilität und Infrastruktur als auch bei der Erzeugung von grünem Strom, spielen Wasserstofftechnologien. Hier stehen die Erforschung und Entwicklung von Elektrolyseuren sowie von mobilen oder stationären Brennstoffzellen im Vordergrund. Wir sind fest davon überzeugt, dass technologischer Fortschritt einen Beitrag zu mehr Klimaschutz leisten kann – diese Einschätzung teilen im Übrigen auch 71 Prozent der Befragten des „Tech Compass“.
Welche Technologie wird nach Ihrer Einschätzung zu den größten Veränderungen führen?
Wir erleben derzeit einen tiefgreifenden Wandel, der mit rasanter Geschwindigkeit sämtliche Lebensbereiche verändert. Der wichtigste Treiber dieses Wandels ist Künstliche Intelligenz. KI – und hier vor allem die generative KI – wird ein Innovationsbooster für die Industrie sein, ähnlich wie die Erfindung des Computers. Sie lernt auf der Grundlage gewaltiger Datenmengen, aus denen verbesserte Erkenntnisse gezogen werden können. Das wahre Potential von generativer KI geht weit über Maschinen hinaus, die Geburtstagsreden oder Lebensläufe schreiben. Das ist eine Revolution, die unsere Verbindung mit der physischen Welt neu definiert. Dass die Bedeutung und revolutionäre Kraft von KI den Menschen immer bewusster werden, zeigen auch die Ergebnisse des aktuellen „Tech Compass“: 64 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass KI die wichtigste Technologie der Zukunft ist. Vor einem Jahr waren davon nur 41 Prozent überzeugt. Eine interessante Entwicklung.
Was macht gute Innovationen aus?
Frei nach dem Ökonom Joseph Schumpeter kann man das auf eine einfache Formel bringen: Eine gute Innovation ist eine, die zum Markterfolg wird. Sie löst ein reales Problem, ist kundenzentriert, technisch machbar, nachhaltig, skalierbar und begünstigt den Fortschritt. Für Bosch kommt ein entscheidender Aspekt dazu: Unsere Innovationen leisten einen Beitrag zu einem besseren Leben. „Technik fürs Leben“ ist für uns kein Slogan, sondern drückt unser Selbstverständnis aus: Als Vorreiter des technologischen Fortschritts steht das Wohlergehen der Gemeinschaften, in denen wir leben und arbeiten, für uns an erster Stelle. Dazu gehört ein langer Atem: Eine gute Idee verfolgen wir über einen längeren Zeitraum, wir achten auf ein innovationsfreundliches Unternehmensklima und schaffen Räume, in denen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Voraussetzungen dafür haben, eine Innovation zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen.
Welche Innovation der vergangenen Jahre hat Sie besonders beeindruckt?
Beeindruckt hat mich während der Pandemie die Entwicklung des Corona-Impfstoffes bis zur Zulassung in relativ kurzer Zeit. Davon haben viele Menschen profitiert, und diese Leistung wurde mit dem Zukunftspreis des Bundespräsidenten ausgezeichnet, den Bosch fördert. Unsere Medizintechniksparte hat damals einen Schnelltest auf den Markt gebracht, mit dem nach nur 39 Minuten das Ergebnis feststand. Technik fürs Leben im wahrsten Sinne des Wortes.
Nicht jeder Versuch, eine Innovation zu entwickeln, ist erfolgreich. Wie hoch ist die Quote der Innovationen, die es zum Markterfolg bringen?
Unter Forschern heißt es: Erfolgreiche Innovationen wachsen auf der Erde, die aus gescheiterten Projekten entstanden ist. Das bedeutet: Fortschritt braucht Zeit, Durchhalte- und Stehvermögen – auch bei Rückschlägen. Eine Erfolgsquote zu benennen ist schwer, weil oft zunächst als gescheitert angesehene Ideen später dann tatsächlich die Grundlage für den finalen Erfolg sind. Durch Ausdauer und Innovationskraft hat Bosch bahnbrechende und zukunftsträchtige Entwicklungen hervorgebracht wie zum Beispiel die Lambdasonde oder das ABS. Bei Letzterem lagen zwischen Entwicklungsbeginn und Break-even rund 17 Jahre. Bei großen, sogenannten transformationalen Innovationen sind nur wenige wirklich erfolgreich, weil hier beides stimmen muss: Technologie und Timing am Markt. Unser Analysegerät Vivalytic, mit dem sich zum Beispiel die bereits erwähnten Corona-Schnelltests durchführen lassen, wurde als Forschungsprojekt im Jahr 2005 gestartet und war der Grundstein dafür, dass Vivalytic im zweiten Halbjahr 2019 kurz vor dem Beginn der Corona-Pandemie in Serie gehen konnte.
Die Fragen stellte Gabriele Kalt.




