Gastronom und Fernsehkoch Tim Mälzer über Inklusion und die Chancen daraus für Unternehmen

Tim Mälzer, 1971 in Elmshorn bei Hamburg geboren, ist seiner norddeutschen Heimat sehr verbunden. Die ersten Schritte in der Küche macht er während seiner Ausbildung als Koch im Hotel Intercontinental in Hamburg. Danach zieht es ihn nach London, wo er Jamie Oliver und Gennaro Contaldo trifft. Danach geht es nach Hongkong und schließlich wieder zurück nach Hamburg. 2002 eröffnet Mälzer sein erstes eigenes Restaurant „Das Weiße Haus“ und wird dort später für das Fernsehen entdeckt. Große Aufmerksamkeit, hohe Einschaltquoten sowie positiven Zuspruch aus Gesellschaft und Politik erhält er im Herbst 2022 für sein Mitwirken an der TV-Doku „Zum Schwarzwälder Hirsch – eine außergewöhnliche Küchencrew und Tim Mälzer“ (Vox), welche die Inklusion von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt thematisiert. Mälzer hat bislang acht Kochbücher veröffentlicht, zuletzt erschien 2022 „Kitchen Impossible“ (Mosaik Verlag). Mälzer betreibt mehrere Restaurants, 2009 eröffnet er in Hamburg die „Bullerei“. Es kommen „Hausmann‘s“ (Frankfurt/ Düsseldorf), „Off Club“ (Hamburg) und „Die gute Botschaft“ (Hamburg) hinzu. Mälzer ist Mitgründer der Produktionsfirma „tibool Media“ und erhielt für seine TV-Arbeit viele Auszeichnungen, unter anderem den Deutschen Fernsehpreis und die Goldene Kamera.

V Das Inklusionsprojekt „Zum Schwarzwälder Hirsch – eine außergewöhnliche Küchencrew und Tim Mälzer“ hat große Aufmerksamkeit erhalten. Worum ging es Ihnen dabei?

Grundsätzlich geht es mir bei solchen Projekten um das Auflösen von Stigmata oder einem gewissen Klischeedenken. Und um die Überprüfung der eigenen Fähigkeiten – also ob man in der Lage ist, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und die eigenen Sichtweisen nach neuen Erkenntnissen anzupassen, oder ob man in alten Denkmustern verhaftet ist. Letzteres halte ich übrigens für einen der größten Fehler, den Unternehmer machen können.

V Woran könnte es liegen, dass Inklusion in Deutschland in vielen Unternehmen noch kein Thema ist?

Zum einen liegt es sicher daran, dass nirgendwo richtig kommuniziert wird, wie man sich als Unternehmen aufzustellen hat. Dir wird als Unternehmer nicht genug dabei geholfen und aufgezeigt, wie du deine Firma auf Inklusion ausrichten und Integration umsetzen kannst. Und bei dem Thema stecken eben wahnsinnig viele Herausforderungen dahinter: Muss ich meine Mitarbeiter dafür schulen? Müssen Arbeitsplätze angepasst werden? Wer hilft mir bei Schwierigkeiten und dabei, Lösungen zu finden? Unternehmerinnen und Unternehmer werden in der Umsetzung verhältnismäßig wenig „begleitet“. Wobei wir hierzulande im europäischen Vergleich, abgesehen von Skandinavien vielleicht, wohl schon recht weit sind.

Ich kenne diese Problematik auch aus eigener Erfahrung. Ich habe bislang noch keine Menschen mit Behinderung oder besonderen Bedürfnissen in meinen Gastronomien eingestellt. Nicht, weil ich das nicht möchte, sondern schlichtweg aus einer gewissen Angst heraus, dass ich irgendetwas falsch machen könnte und unfreiwillig zum Falschtäter werde. Ich habe auch den Eindruck, dass man sehr schnell zum Opfer werden kann, wenn man etwas falsch macht. Allem vorangestellt muss aber natürlich ein intrinsisches Interesse bestehen, das eigene Unternehmen auf Inklusion auszurichten. Wenn das nicht gegeben ist oder man gar keine Berührungspunkte mit dem Thema hat, dann wird sich einem diese Welt auch nicht ohne weiteres erschließen.

V Brauchen Unternehmen nur „einen längeren Atem“, geben sie zu schnell auf? Oder müssen neue Strukturen geschaffen werden?

Da würde ich grundsätzlich auch die Gesellschaft in die Verantwortung nehmen, nicht nur die Unternehmen. Denn auch die Gesellschaft gibt schnell auf. Die Gesellschaft entwickelt schnell Ungeduld, und sie vergleicht. Und so vergleichen sich vielleicht auch Mitarbeiter mit jemandem, die oder der besondere Bedürfnisse hat und daher eine besondere Aufmerksamkeit bekommt. Da kann im Team dann schnell die Frage aufkommen: Wieso er, wieso nicht ich? Denn rein theoretisch hat ja jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und möchte wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Im Aufbau von Arbeitsplätzen, die an Menschen mit Behinderung ausgerichtet sind, braucht es aber nun einmal ein besonderes Maß an Aufmerksamkeit. Da kann zunächst ein Ungleichgewicht entstehen. Wenn die Routine dann irgendwann mal greift, wird vieles selbstverständlich. Ich bin daher grundsätzlich der Meinung, dass Inklusion in dem Moment funktioniert, wenn alle akzeptieren und verstehen, dass für die Einführung und Umsetzung inklusiver Arbeitsplätze eine besondere Energie benötigt wird, um eben überhaupt erst einmal eine Routine zu etablieren. Und sobald diese greift und der Umgang miteinander und die Abläufe selbstverständlich sind, kann das Betreuungslevel herunter- und das Förderlevel hochgefahren werden.

V Welche Schwierigkeiten haben Sie in Ihrem TV-Projekt bei der Inklusion erfahren?

Im Fall des TV-Projekts kann man schon fast nicht mehr von Inklusion im eigentlichen Sinne sprechen, da der Gastrobetrieb in der Sendung ja ausschließlich von Menschen mit Trisomie 21 betrieben wurde. Das hat uns natürlich vor entsprechende Herausforderungen gestellt. Insbesondere mit meiner Ungeduld. Kommunikation musste im Grunde neu gelernt werden, Lehren und Wissensvermittlung mussten wir neu denken und somit Mechanismen, die sowieso schwer umzusetzen sind. Eine gute Führungskraft, ein guter Unternehmer, eine top Ausbilderin oder ein guter Chef müssen ja auch Wissen vermitteln – das allein ist schon herausfordernd. Ungeduld in der Kommunikation wird aber in der inklusiven Welt praktisch nicht verstanden. Was am Ende wiederum dazu geführt hat, dass ich meine eigene Didaktik überdacht und mich klarer strukturiert habe.

V Und welche Abläufe waren vielleicht sogar unproblematischer?

Wenn ich mir die Zeit genommen habe, auf jede und jeden bewusst zu reagieren, war bei allen Teilnehmenden ein Talent zu entdecken. Ich war von Fähigkeiten ausgegangen, aber nicht unbedingt von Talenten. Die wurden im Verlauf der Produktion aber sichtbar: Einige waren ganz klar in Strukturen, in der Führung, in den Ansagen und dem Filtern von Informationen; jemand anderes war sehr stark in der Vorbereitung – eins zu eins für unseren Bedarf umzusetzen. Dann wiederum gab es Kandidaten, die sehr stark am Herd und im Service waren. Diese einzelnen Talente zu entdecken hat mich überrascht und sehr gefreut.

V Können Sie nach Ihren jüngsten Erfahrungen aus dem TV-Projekt Unternehmen Tipps geben, wie Inklusion gelingen kann?

Es wäre anmaßend zu behaupten, dass ich jetzt wüsste, wie es funktioniert. Was ich aber weitergeben kann, ist der Rat, die Angst vor dem Scheitern abzulegen. Denn die haben wir auch. Die habe ich ganz persönlich auch. Aber selbst wenn ich scheitern sollte, habe ich es wenigstens versucht.

Aktuell beschäftigen wir uns intensiv damit, inklusive Arbeitsplätze bei uns zu schaffen. Das geschieht alles in Absprache mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ich habe sie gefragt, wie sie dazu stehen, und das Feedback vom Team war fast ausnahmslos positiv. Meine Leute unterstützen das, sie wollen ja auch einen übergreifenden Sinn in ihrer Arbeit sehen. Zukünftig werden wir daher auch Menschen mit Behinderung einstellen. Hierfür müssen aber zunächst Strukturen geschaffen werden. Ich bin der Meinung, dass Effizienz hierbei nicht direkt das Hauptaugenmerk sein sollte. In gewisser Weise habe ich es der Gesellschaft ja mit zu verdanken, wenn mein Unternehmen erfolgreich ist. Daher empfinde ich wiederum eine gewisse Verantwortung der Gesellschaft gegenüber, in der ich lebe und mich unternehmerisch betätige.

V Sehen Sie in der Inklusion neben der Chance für Menschen mit Behinderung auch eine Chance für Unternehmen?

Jedes Unternehmen, das sich schon einmal mit dem Thema Coaching für Mitarbeiter auseinandergesetzt hat, weiß, dass der Schlüssel zum Erfolg Kommunikation lautet. Und die Kommunikation mit Menschen mit bestimmten Bedürfnissen bringt nun einmal gewisse Herausforderungen mit sich. Dabei lernt man aber unheimlich viel für sich. Ich habe zum Beispiel festgestellt, dass mein Kommunikationsgehalt manchmal viel zu komplex ist oder ich leicht zu viel Vorwissen voraussetze und mich dann wundere, wenn mein Gegenüber nicht in der Lage ist, das umzusetzen. Das hat dazu geführt, dass ich meine Kommunikation simplifiziert habe, wodurch ich letztendlich aber sehr viel weiter gekommen bin. Ich war gezwungen, mich plötzlich viel stärker mit Konzepten auseinanderzusetzen und mit der Frage, wie ich Wissen weitergebe und wie dieses dann auch in meinem Unternehmen verbleibt. Ich denke, es ist ein guter Ansatz, sich bewusst zu machen, dass man sich mehr mit dem Verständnis des Gegenübers auseinandersetzen sollte, als sich auf das eigene Senden zu fokussieren.

V Was hat Sie persönlich am meisten berührt während der Dreharbeiten?

Es gab eine Situation mit einem Teilnehmer, der sich nicht entscheiden konnte, welche der Schuhe, die ihm seine Mutter mitgegeben hatte, er für den Küchendienst tragen solle. Die einen Schuhe taten weh, ein anderes Paar war zu gut, um womöglich dreckig zu werden. Und das dritte Paar hatte er quasi für einen anderen Dienst eingeplant. Kurzum: Er hatte immense Schwierigkeiten, sich zu entscheiden. In dem Moment sagte er selbst, dass er ja gerade versuche, erwachsen zu werden und sich einen Arbeitsplatz anzueignen. Und dann fügte er fast resignierend hinzu, dass es natürlich schwierig sei, wenn er im Grunde schon an der Schuhfrage scheitere. In dem Moment war ich baff. Der Junge konnte genau sagen, was hier sein akutes Problem war – viel besser, als ich es jemals hätte artikulieren können. Er wusste in dem Moment genau, dass es komisch ist, keine Entscheidung treffen zu können. „Ich will doch erwachsen werden, ich möchte in einen Berufsalltag eintreten. Ich möchte selbständig werden, aber gerade könnt ihr nicht sehen, dass ich etwas kann“ – diese Selbstreflexion fand ich schon sehr bemerkenswert. Denn oft wird Menschen mit Trisomie 21 ja fast schon abgesprochen, in der Lage zu sein, Dinge in einen Kontext zu bringen oder zu reflektieren, so nach dem Motto „sie leben halt in ihrer eigenen Welt“. Das ist Quatsch. Wir leben nicht in unserer Welt und sie nicht in ihrer, sondern wir leben in einer vernetzten Welt, und auch Menschen mit Down-Syndrom sehen die Herausforderungen, die das Leben an sie stellt. Das ist meiner Meinung nach aber auch ein grundsätzliches Problem im Umgang mit Menschen mit Behinderung – es wird zu sehr auf die vermeintlichen Schwächen geschaut, statt sich auf ihre Stärken zu besinnen.

V Würden Sie rückblickend sagen, dass das TV-Format etwas mit dem Unternehmer Tim Mälzer gemacht hat?

Ich denke schon. Über allem steht natürlich die Wirtschaftlichkeit meines Unternehmens. Ich habe ja alleine meinen Mitarbeitenden gegenüber eine große finanzielle Verantwortung. Da müssen also gewisse Mechanismen und Strukturen greifen. Ich habe aber wieder verstärkt an meiner Didaktik gearbeitet und sie geändert, ich stelle seitdem Vielfalt noch mehr in den Fokus und versuche, noch mehr auf die Talente Einzelner zu schauen und diese auch zu fördern. Und ich fordere wieder klarer und deutlicher. Im Grunde habe ich meinen persönlichen Erfahrungsbericht auf Reset gestellt – auch was negative Erfahrungen in der Vergangenheit betrifft.

V Und wie hat es den Menschen Tim Mälzer beeinflusst?

Ich bin etwas geduldiger geworden, würde ich behaupten. In vielen Bereichen des Lebens. Das Gras wächst einfach nicht schneller, wenn man daran zieht. Und es hat mich darin bestätigt, was ich immer schon empfunden habe: Nicht als Individuum, sondern in der Summe sind wir gut.

Die Fragen stellte Gabriele Kalt.

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