1,5 Grad. Diese Zahl beschreibt das klar gesetzte Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung. Sie ist mittlerweile zum Symbol für den gesamten Anspruch an nachhaltiges und verantwortliches Wirtschaften geworden. 2,2 Milliarden. Diese Zahl steht für die Zahl der Kinder, die heute gemeinsam mit uns Erwachsenen auf der Erde leben. Dies sind die Mädchen und Jungen, denen wir einen lebenswerten und intakten Planeten hinterlassen wollen – und allen weiteren Generationen danach. Beide Zahlen stehen für die Dringlichkeit und Größe unserer gemeinsamen Aufgabe. Aus Sicht von UNICEF ist es dabei entscheidend, das Verständnis von Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung noch umfassender mit Kindern und ihren Rechten zu verbinden.
Das bedeutet, gemeinsam daran mitzuwirken, dass die Perspektiven und Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen noch stärker zum Maßstab unseres Handelns werden. Dass ihnen tatsächlich zugehört wird und sie in Entscheidungen einbezogen werden. Und es bedeutet auch, dass im unternehmerischen Alltag weitere tragfähige Prozesse, Verantwortlichkeiten und Initiativen geschaffen werden, um die Bedürfnisse von Kindern weltweit widerzuspiegeln und ihre Rechte zu schützen.
Warum ist dies gerade jetzt so wichtig? Die junge Generation, die Kinder und Jugendlichen, die heute unter uns leben, sind entscheidende Partner, wenn wir über nachhaltige Entwicklung sprechen. Sie sind diejenigen, die mit den Konsequenzen unserer Entscheidungen werden leben müssen. Und sie werden diese Folgen in zehn und auch noch in fünfzig Jahren tragen und weiter bearbeiten müssen – und damit die Zukunft unseres Planeten, inklusive der Transformation der Wirtschaft.
Der Beitrag der Wirtschaft
UNICEF hat gemeinsam mit Save the Children und dem UN Global Compact Grundsätze für Kinderrechte und unternehmerisches Handeln („Children’s Rights and Business Principles“) erarbeitet. Diese bereits 2012 veröffentlichten Grundsätze sind ein Leitfaden, um Unternehmen entsprechende Handlungsoptionen an die Hand zu geben. Denn Unternehmen können sehr konkret und wirkungsvoll dabei mithelfen, die Rechte von Kindern zu schützen und zu fördern. Der Gedanke der sozialen Verantwortung im wirtschaftlichen Kontext ist in den allermeisten Unternehmen präsent. Die Kinderrechte erscheinen manchen jedoch abstrakt und die konkreten Auswirkungen ihres Handelns auf die Lebensrealität von Kindern teilweise unklar.
Dabei spielt die Wirtschaft eine zentrale Rolle in dem Veränderungsprozess, der in vielen gesellschaftlichen Bereichen schon lange begonnen hat und so dringend notwendig ist. Unternehmerisches Handeln eröffnet Möglichkeiten und setzt Wachstum frei. Es kann aber auch negative Folgen für Kinder und ihre Familien haben.
Kinderarbeit ist sicherlich das bekannteste und schwerwiegendste Beispiel einer Kinderrechtsverletzung im Unternehmenskontext. Die Zahl arbeitender Kinder ist im vergangenen Jahr auf 160 Millionen angestiegen, das sind über acht Millionen Mädchen und Jungen mehr als vier Jahre zuvor. Kann ein Produkt wirklich „Premium“ sein, wenn dafür innerhalb der Lieferkette Kinder ausgebeutet werden?
Aber auch schlechte Löhne und schwierige Arbeitsbedingungen für Eltern wirken sich auf das Wohlergehen von Kindern aus. Überall auf der Welt beeinflussen Unternehmen das Leben der jungen Generation. Kinder wachsen als Angehörige der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf, sie leben in der Nähe von Fabriken oder leiden unter fehlenden Bildungsmöglichkeiten. Häufig sind sie bereits selbst Konsumentinnen und Konsumenten von Produkten, in ihrer Kindheit und später als Erwachsene. Welcher StakeholderDialog kann also wirklich inklusiv sein, wenn die Stimmen der jungen Generation darin nicht zu hören sind?
Die Folgen der Krisen
Dabei dürfen wir nicht vergessen: Kinder und junge Menschen sind von den gegenwärtigen globalen Krisen in besonderem Maße betroffen, vom Krieg in der Ukraine und seinen Folgen, vom zunehmenden Klimawandel mit seinen Wetterextremen, von den gravierenden Auswirkungen der Coronapandemie. Die Folgen dieser Krisen spüren Kinder auf der ganzen Welt am eigenen Leib: Kriege und Konflikte bedrohen ihr Leben und ihre Perspektiven. Seit Beginn der Pandemie sind rund 100 Millionen Kinder zusätzlich in eine Lebenssituation der mehrdimensionalen Armut gerutscht, das sind zehn Prozent mehr als noch 2019. Und der von UNICEF im vergangenen Jahr veröffentlichte Klimarisiko Index zeigt, dass mittlerweile schon rund eine Milliarde (!) Jungen und Mädchen – jedes zweite Kind – in einem Land leben, das wir als „extrem gefährdet“ hinsichtlich der Folgen von Klimawandel und Umweltschäden bewerten. Sollte also die Klimastrategie eines Unternehmens nicht auch diejenigen berücksichtigen, die bereits jetzt unter den Folgen des Klimawandels am meisten zu leiden haben, obwohl sie am wenigsten dazu beigetragen haben?
Zu berücksichtigen ist zudem, dass Unternehmen über teils erheblichen politischen Einfluss verfügen, der eng an den eigenen Nachhaltigkeitsansprüchen ausgerichtet und gemessen werden sollte. Die Diskussion um das deutsche und europäische „Lieferkettengesetz“ ist hier ein gutes Beispiel. UNICEF setzt sich mit seiner Stimme für die Interessen und Rechte von Kindern und Jugendlichen ein. Sie auch? Aus unseren Gesprächen mit Unternehmen wissen wir, dass sich immer mehr von ihnen mit diesen Fragen beschäftigen und auf die aktuellen Herausforderungen Antworten suchen. Der kinderrechtliche Ansatz bietet dabei eine große Chance für nachhaltige Verbesserungen.
Kräfte bündeln
Es gibt heute viele gute Beispiele dafür, dass Unternehmen die Verwirklichung der Kinderrechte zu einer Vorgabe in der gelebten Unternehmenspraxis erhoben haben. Das Potential, damit das Leben zahlreicher Mädchen und Jungen ganz konkret zu verbessern, ist unbestritten enorm. Denn Unternehmenspartnerschaften können langfristige und strukturelle Verbesserungen für Kinder bewirken. Und zwar in elementaren Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Ernährung oder Schutz vor Gewalt. Die weltweite Arbeit von UNICEF wäre ohne diese Unterstützung zahlreicher großer und auch kleinerer Unternehmen kaum möglich.
Wichtig ist: Die soziale Verantwortung endet nicht am Werkstor. Gerade der Dreiklang aus lokalem, nationalem und internationalem Engagement und der Blick auf diejenigen, die unsere Unterstützung am nötigsten haben, sollte Kern jeder Nachhaltigkeitsstrategie sein. Denn wir leben in einer komplexen Welt voller Abhängigkeiten. Das haben zum Beispiel die Coronapandemie und die Schockwellen des Ukrainekriegs gezeigt.
Deshalb wächst auch der Bedarf, die notwendige Transformation gemeinsam mit Partnern unterschiedlicher Einflussbereiche zu gestalten. Insbesondere Unternehmen verfügen häufig über fundiertes Wissen sowie technologische Möglichkeiten, um innovative Lösungen für soziale Probleme zu finden – von der Bewältigung der Klimakrise bis hin zum Aufbau fairer Produktionsbedingungen in Schwellen- und Entwicklungsländern.
Innovationen wirken
Es gibt bereits zahlreiche Beispiele, wie Unternehmen in Partnerschaft mit UN-Organisationen langfristige, in die Breite wirkende Impulse setzen können. Etwa durch die gemeinsame Entwicklung digitaler Bildungsangebote, die breit ausgerollt werden können – gerade während der Pandemie gab es hier große Innovationssprünge. Mit Lösungen, um Schulen in abgelegenen Landstrichen ans Netz zu bringen. Oder mit Initiativen, die Schulen und Gesundheitsstationen widerstandsfähiger gegen Klimaveränderungen und Extremwetterereignisse zu machen.
Für Unternehmen, für ihre Eignerinnen und Eigner, die Mitarbeitenden sowie sämtliche Stakeholder schafft es konkreten Mehrwert, die innovative, transformative Kraft der Wirtschaft in diesem Sinne zu nutzen.
Das Momentum für größere Anstrengungen im Sinne der Nachhaltigen Entwicklungsziele ist da. So wird soziale Verantwortung, das „S“ in ESG, lebendig und bewirkt messbare Erfolge: durch Senken der Kindersterblichkeit, im Anteil der Mädchen, die ihren Schulabschluss machen, im Kampf gegen Kinderarbeit. Doch die Erfolge und Fortschritte müssen erhalten und weiter ausgebaut werden. Die deutsche Wirtschaft mit ihrer Innovationskraft, mit ihren technologischen Möglichkeiten und ihren finanziellen Ressourcen kann und sollte dabei eine führende Rolle übernehmen.




