Bei der Responsible Leadership Conference des F.A.Z.-Instituts 2023 sprachen in der Münchner BMW Welt Ilka Horstmeier, Mitglied des Vorstands der BMW AG, und UNICEF-Deutschland-Geschäftsführer Christian Schneider auf dem Podium über das Thema „Jugend von heute – Change Maker von morgen“ mit Wirtschaftswissenschaftler René Schmidpeter über ihre kürzlich gestartete Partnerschaft, ihr langfristiges globales Bildungsengagement, über Notprogramme in Krisenzeiten und die Frage, wie Konzerne mit sozialem Engagement nicht nur einen gesellschaftlichen Impact erzielen, sondern auch einen Nutzen für ihr eigenes Geschäftsmodell.
Frau Horstmeier, Herr Schneider, Sie sitzen hier als Partner, die sich weltweit für Bildung einsetzen. Wie haben Sie sich überhaupt persönlich kennengelernt?
Ilka Horstmeier Die BMW Group und UNICEF arbeiten schon seit einiger Zeit zusammen, aber persönlich sind wir uns tatsächlich zum ersten Mal am Bahnhof in Krakau, in Polen, begegnet. Ich bin im vergangenen September dorthin gereist, um mir ein Bild davon zu machen, wie die Spenden vor Ort verwendet werden, die unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Hilfsaktionen in der Ukrainekrise gesammelt haben. Das Engagement der Aktiven von UNICEF hat mich tief beeindruckt. Bewegend waren auch die Schicksale der Frauen und Kinder, denen ich dort begegnet bin.
Christian Schneider Ich war davon beeindruckt, dass sich die Vorständin eines so großen Unternehmens selbst auf den Weg macht, um sich unsere Arbeit anzuschauen. Wir trafen uns in einer der Anlaufstellen, in denen die flüchtenden Mütter und Kinder unter anderem psychologisch betreut werden. Und kaum war Frau Horstmeier angekommen, da führte sie schon die ersten Gespräche.
Sie scheinen ein großes, auch persönliches Interesse an dem Thema zu haben …
Horstmeier Auf jeden Fall – und ich wollte wissen, wie die Spenden eingesetzt werden. Unsere Belegschaft hat 250.000 Euro gesammelt und in Eigeninitiative Hilfstransporte organisiert. Wir als BMW Group haben zusätzlich zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Wie schon gesagt, mich haben die menschlichen Schicksale tief bewegt und auch, mit welchem Engagement unser Partner sich dort in Polen eingebracht hat. Es war mir ein Bedürfnis, mir selbst ein Bild von der Situation zu machen und zu erleben, wie wichtig die Arbeit von UNICEF ist.
Schneider Und mir war es zunächst vor allem ein Anliegen, mich bei BMW für die Unterstützung zu bedanken. Dann machten wir einen Spaziergang zwischen zwei Projektbesuchen, oder besser: einen Powerwalk. Und daraus wurde ein Powertalk – wir kamen von der konkreten Situation der ukrainischen Geflüchteten schnell zum Beispiel zu der Frage, was mit den geflüchteten Jugendlichen passiert, die in der Ukraine oder eben in Polen womöglich auf Zugang zu Bildung verzichten müssen. Und dann sprachen wir über die Ziele für nachhaltige Entwicklung und den Hebel, den man ansetzen müsste, um jenseits einer solchen Krisensituation aktiv zu werden.
Ist bei solchen Gesprächen ein gemeinsames Mindset hilfreich? Haben Sie bei der Ausgestaltung Ihrer Partnerschaft Gemeinsamkeiten angesprochen, oder geht es eher um Zahlen, Daten, Fakten?
Horstmeier Für eine gute Partnerschaft braucht es wie überall im Leben Herz, Bauch und Verstand. Und natürlich die jeweiligen Kompetenzen, die wir gemeinsam auf die Bühne bringen. UNICEF und die BMW Group sind beides international agierende Organisationen, wir teilen die gleichen Werte, nämlich, dass es wichtig ist, Verantwortung zu übernehmen und sich für die Gesellschaft zu engagieren. Außerdem sind wir davon überzeugt, dass Bildung die Zukunft junger Menschen ist. Deshalb sind wir diese Partnerschaft eingegangen. Unser gemeinsames Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen Zugang zu Bildung zu ermöglichen und ihnen so eine faire Chance im Leben zu geben. Die Kooperation legt den Schwerpunkt auf die MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Sie vermitteln die Schlüsselkompetenzen für die Herausforderungen in der Berufswelt
Was ist der programmatische Hintergrund, und was machen Sie konkret?
Schneider Vor etlichen Jahren gehörte es zu den Schwerpunkten der UNICEF-Bildungsarbeit, Grundlagen zu schaffen: Schulen bauen, einrichten, die Kinder überhaupt dorthin bringen. Heute gehen immerhin rund 87 Prozent aller Kinder im Grundschulalter weltweit in die Schule. Aber wir sehen auch, dass es nun eine große Jugendgeneration gibt, die nicht über die ausreichenden Fertigkeiten für zukünftige Jobs verfügt – gleichzeitig gibt es in der Wirtschaft einen erheblichen Bedarf an gut ausgebildeten Arbeitskräften der Zukunft. Das Problem besteht etwa in afrikanischen Ländern, auch in vielen Ländern Asiens: Viele Kinder und Jugendliche haben zwar die Schule besucht, besitzen aber zum Beispiel nur geringe Mathekenntnisse und Literacy Skills. Und genau da müssen wir jetzt ansetzen, um nicht eine verlorene Jugendgeneration entstehen zu lassen. Die Schule muss die jungen Leute, die ja einen großen Antrieb mitbringen, mit den richtigen, zukunftsgerichteten Kompetenzen ausstatten. Und das sind eben vor allem MINT-Skills. Hier ergibt sich für alle Beteiligten eine Riesenchance. Unsere langfristige Zusammenarbeit trägt dazu bei, jungen Menschen Fähigkeiten und Wissen zu vermitteln, um in der Arbeitswelt der Zukunft erfolgreich zu sein. Nach dem Start der Zusammenarbeit in Südafrika 2023 wird die Partnerschaft im Laufe des Jahres 2024 auf weitere Länder mit programmatischem Bedarf ausgeweitet.
Warum engagiert sich ein Unternehmen jetzt für diese Jugendlichen?
Horstmeier Kompetenzauf- und -umbau ist der Schlüssel für Transformation bei der BMW Group. Was wir unseren Angestellten ermöglichen, geben wir am besten auch nach außen weiter, an junge Menschen. In Deutschland gelingt uns das mit einer Initiative, die mir sehr am Herzen liegt, auch weil wir sie mitgegründet haben: die „Joblinge“. Als globales Unternehmen wollen wir diese Wirkung noch einmal auf eine andere Ebene heben, und dazu brauchen wir einen ebenso global agierenden Partner wie UNICEF. Die mangelnde MINT-Kompetenz junger Menschen – übrigens auch in Deutschland – wird das zentrale Thema der Zukunft sein. Daraus ist auch der Name unserer Partnerschaft entstanden: „BRIDGE. Educating young people for tomorrow, today“.
Das ist das Motto?
Horstmeier Ganz genau. Wie bei all unseren Initiativen geht es uns um Langfristigkeit, deshalb haben wir die Partnerschaft bis 2030 geschlossen, denn wir wollen nachhaltig Wirkung erzeugen. UNICEF hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, jedes Jahr zehn Millionen Kindern Zugang zu Bildung zu verschaffen. Dazu wollen wir beitragen. Darüber hinaus werden wir in einem weiteren Bereich unterstützen, der immer wichtiger wird: Bildung in Notsituationen. Viele Kinder, die durch Kriege oder Krisen in Not geraten sind, haben keine Möglichkeit, ihre Schulbildung angemessen fortzusetzen. Deshalb haben wir uns verpflichtet, das UNICEF-Programm „Education in Emergencies“ über unser globales Netzwerk an Partnern, Kunden und anderen Stakeholdern weiter zu unterstützen, etwa durch Spendenaufrufe.
Was bedeutet insbesondere das Thema MINT für eine Organisation wie UNICEF?
Schneider Über die Grundlagen für Bildung hatte ich bereits gesprochen. Für uns stellt sich seit einigen Jahren nun immer mehr die Frage: Wie können wir die jungen Menschen zwischen 16 und 24 Jahren ins Berufsleben begleiten? Der Fokus auf MINT ist zukunftsweisend und hilft den jungen Menschen konkret. Das beginnt bei der Ausstattung von Schulen, etwa mit Robotik-Sets schon in den unteren Klassen, um Kinder früh an Naturwissenschaft und Technik heranzuführen. Das geht weiter über JobShadowing und Mentoring-Programme, bei denen wir speziell Mädchen in den Blick nehmen und über einen längeren Zeitraum begleiten. Und es reicht bis hin zu Incentives und Wettbewerben, die das Thema in Ländern wie Südafrika oder anderswo auch öffentlich sichtbar und greifbar machen. An diesem Hebel können dann auch andere Unternehmen ansetzen. Wir sollten nicht denken, dass wir als UNICEF diese Bildungslücke allein schließen können. Das wird nur gehen, wenn wir wie etwa in Südafrika unsere nationalen Kenntnisse einbringen und dann mit der Wirtschaft und der Politik gemeinsam das Problem angehen.
Und was hat BMW dann davon?
Horstmeier In Südafrika beobachten wir mehrere Effekte, die sich positiv verstärken: Wir schließen ein Stück die Bildungslücke. Geben jungen Menschen die Möglichkeit zu lernen, ihre Talente zu entwickeln und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das wiederum trägt zur gesellschaftlichen Stabilität bei und gibt positive Impulse für die Marktentwicklung. Damit können wir Arbeitsplätze sichern, junge Menschen für eine Ausbildung bei BMW gewinnen und sie später in unserem Werk in Südafrika oder in unserem großen IT-Hub beschäftigen. Das ist eine Win-win-Situation. Das verstehe ich unter nachhaltigem sozialem Engagement. Ab 2024 werden wir diese Kooperation auf weitere Standorte der BMW Group ausweiten: Mexiko, Brasilien, China, Indien, Thailand. Damit erzielen wir in diesen Ländern den gleichen Effekt – auch zum Nutzen der BMW Group.
Schneider Bildungsprogramme in einem weitgehend stabilen Land wie Südafrika und Bildung in Krisensituationen – das klingt zunächst nach getrennten Säulen. Es ist aber wichtig, diese Aspekte grundsätzlich zusammen zu betrachten, also Nothilfe und das langfristige Bildungsengagement. Es geht darum, den Übergang herzustellen zwischen dem humanitären Einsatz, also der Bildung in Notsituationen, und der systemischen Stärkung der Bildung in einem Land wie der Ukraine oder in anderen Krisensituationen. Die Jugendlichen, die möglicherweise in andere Länder flüchten müssen, brauchen gerade in dieser Situation weiter den Zugang zu Bildung, um sich eine Zukunft aufbauen zu können.
Nun kommt nicht jedes Kind in den Genuss dieser Bildungsangebote, zumal, wenn es eben nicht nahe an einem Wirtschaftsstandort ist. Wie gehen Sie damit um?
Schneider Bei UNICEF sprechen wir bewusst von Programmen und nicht von Projekten. Das bedeutet, dass wir einerseits, wie erwähnt, ganz konkret Schulen und beispielsweise MentoringProgramme – etwa für Mädchen in Südafrika – fördern. Davon allein profitieren, je nach Beispiel, einige Tausend, und das ist dann durchaus ein Hebel. Andererseits betrachten wir das immer verzahnt mit einem systemischen Ansatz in dem jeweiligen Land. Wir arbeiten nicht isoliert, sondern immer mit den Bildungsbehörden, um Programme auch skaliert ausrollen zu können. Bleiben wir bei dem Beispiel Südafrika: Da gehen wir unter anderem über Wettbewerbe an die Öffentlichkeit und etablieren das Thema MINT etwa über das Beispiel Robotik in der Breite. Für uns ist ein großflächiger, skalierbarer Ansatz entscheidend, der möglichst viele Kinder und Jugendliche erreicht – immer in Verbindung mit konkreten Projektbeispielen.
Horstmeier Die Schule, die wir aktuell gemeinsam in Südafrika unterstützen, hat 1.400 Schülerinnen und Schüler. Nur einen Teil davon können wir bei der BMW Group ausbilden. Der weitaus größere Teil der jungen Menschen wird seine Fähigkeiten in die Gesellschaft vor Ort einbringen.
Sie geben Millionen aus, um diese Bildungslücke zu schließen, aber auch ihre Ressourcen sind begrenzt. Wie investiert man das Geld bestmöglich und impactorientiert?
Horstmeier Ressourcen sind ja nicht nur Geld, sondern auch unsere Kompetenzen, unser Netzwerk und der Einsatz unserer Belegschaft. Fokussierung ist entscheidend. Wir engagieren uns in vier Bereichen: Responsible Leadership, Bildung, Inklusion sowie Sport und Kultur. Dabei holen wir uns starke Partner wie UNICEF an die Seite, um noch effektiver zu sein, und setzen uns konkrete Ziele. Ganz wichtig ist mir auch die Einbindung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bei vielen unserer Initiativen, etwa bei Joblinge, können wir neben den finanziellen Ressourcen auch auf das Potential unserer 150.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und unser großes Partnernetzwerk setzen. Da gibt es ein starkes Engagement. Das ist unser Ansatz. Sie werden ihn allerdings in keinem Nachhaltigkeitsbericht finden, weil er sich monetär nicht bewerten lässt
Schneider UNICEF ist für jedes Kind da, und es gibt viele Herausforderungen, die wir angehen müssen. Bildung gehört dabei zu den zentralen Säulen unserer Arbeit, um skaliert und in Zusammenarbeit mit den Ländern Impact zu erzeugen. Dabei ist auch entscheidend, Ressourcen gezielt, verlässlich und transparent zu verwenden, daher betone ich gerne, wie wichtig Monitoring und Evaluation für unsere Programmarbeit sind. Wir erheben viele Daten zu den Kindern und messen den Impact detailliert – unter anderem auch für das Reporting für unsere Partner. Wir befinden uns mittlerweile in einer Phase, in der Unternehmen sehr genau auf die Wirkung, auf die Hebel schauen – und das ist natürlich auch gut so. BMW ist da sicherlich ein Frontrunner, und das ist aus meiner Sicht der richtige Weg für die nächsten Jahre: gemeinsam gestalten, gemeinsam diese Wirkung aufbauen. Dazu gehört beispielsweise auch, dass strategische Partner wie BMW ihre Reichweite und ihren Einfluss für gemeinsame Interessenvertretung nutzen oder Ressourcen und Fachwissen zielführend in die UNICEF-Arbeit integrieren. Wir brauchen diese starken Partner aus der Wirtschaft.




