Ganzheitliche Kreislaufwirtschaft als Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit

Wer den derzeitigen öffentlichen Diskurs verfolgt, erhält unweigerlich den Eindruck, unsere Gesellschaft stehe vor einem riesigen Haufen unlösbarer Probleme: von Zustand und Zukunft unserer Wirtschaft über die Frage nach Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit bis hin zu unserem Umgang mit endlichen Ressourcen und dem Klimawandel. Es ist ein weites Feld, das es zu bestellen gilt, keine Frage. Doch die Stoßrichtung und die Art und Weise, wie diese Themen diskutiert werden, verkennen eine wichtige Tatsache: Viele gute, zukunftsfähige Lösungen existieren in unserer Gesellschaft bereits. Es ist höchste Zeit, sie in den Mittelpunkt der Diskussion zu rücken – und schnell zu skalieren.

In den vergangenen Jahrzehnten haben wir Wirtschaft, Umwelt und Soziales in eng abgesteckten Silos behandelt – in der Politik, aber auch in Unternehmen und in der Öffentlichkeit. CDU und FDP waren die Parteien mit Wirtschaftsschwerpunkt, die Grünen haben Umweltpolitik gemacht, und die SPD hat sich um soziale Belange gekümmert. Jedes Ministerium kochte sein eigenes Süppchen. Innerhalb der Silos wurde fleißig weiter unterteilt, auch in Sachen Umwelt- und Ressourcenschutz. Das führte dazu, dass wir selbst so eng miteinander zusammenhängende Themenkomplexe wie den Klimawandel und unseren Umgang mit endlichen Ressourcen getrennt betrachtet und reguliert haben. Mit dem Ergebnis, dass viele spitz zugeschnittene Strategien ungewollte, weil nicht mitgedachte, Auswirkungen auf damit vermeintlich unabhängige, andere Bereiche hatten. Ein Beispiel dafür ist die Förderung von energetischen Sanierungsvorhaben, um den Energiebedarf des Bestands zu senken. Eigentlich eine gute Idee, doch es sind dabei nach wie vor Dämmstoffe zugelassen, die nach ihrer Nutzung unweigerlich zu Sondermüll werden, da sie nicht kreislauffähig sind. Ihre letzte Station kann daher nur die Verbrennung sein, wodurch nicht nur wertvolle Rohstoffe zerstört werden, sondern zusätzlich noch teilweise giftige Emissionen entstehen.

Weniger schädlich ist nicht genug

Wirklich zukunftsfähige Lösungen sind jedoch ganzheitlich und haben positive Auswirkungen auf die unterschiedlichsten Bereiche unserer Gesellschaft. Von der Wiege zur Wiege – also Cradle to Cradle (C2C) – zu denken, macht langfristig wertsteigerndes wirtschaftliches Handeln möglich, das weder Mensch noch Umwelt schadet. Mit Cradle to Cradle sehen wir uns Menschen als potentielle Nützlinge, die in der Lage sind, durch ihr Handeln positive Auswirkungen für Mensch und Umwelt zu schaffen. Um diesen Effekt zu erreichen, müssen wir uns von unseren heutigen linearen Strukturen und den damit verbundenen Zielen verabschieden. Es reicht nicht aus, die Umwelt durch unser Handeln etwas weniger stark zu verschmutzen, etwas weniger CO₂ in die Atmosphäre zu emittieren, unserer eigenen Gesundheit etwas weniger zu schaden und etwas weniger Müll zu produzieren. Stattdessen brauchen wir Produkte und Prozesse, die einen wirklichen Zusatznutzen für unsere Gesellschaft haben.

Das werden wir nur erreichen, wenn wir uns weg von linearem Denken und Handeln hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft nach C2C entwickeln. Also eine ganzheitliche Kreislaufwirtschaft, die beim kreislauffähigen und materialgesunden Design von Produkten und Prozessen beginnt. Produkte werden also so gestaltet, dass die dabei eingesetzten Ressourcen vollständig in biologischen oder technischen Kreisläufen zirkulieren können – je nachdem, ob bei der Nutzung des Produkts Material in die Umwelt gelangt oder nicht. Bei der Produktion werden erneuerbare Energien eingesetzt, Wasser- und Bodenqualität möglichst verbessert, Luft sauber gehalten und soziale Standards umgesetzt. Alle Ressourcen werden so verwendet, dass sie immer wieder zum Rohstoff für etwas Neues werden können und nie zu Müll werden. C2C begreift Wandel als Chance für Verbesserung und gestaltet ihn auch so. Das zeigen hunderte Unternehmen und unzählige Projekte, die teilweise bereits seit Jahrzehnten mit diesem Ansatz erfolgreich sind.

Beispiel Textilindustrie: Herausforderungen und Lösungen

Viele Unternehmen, die C2C umsetzen, sind in Branchen zu Hause, die eher als Teil des Problems statt als Teil der Lösung gelten, etwa die Textilindustrie. Der Textilsektor ist eine der größten Quellen für Wasserverschmutzung und Landverbrauch – und für Mikroplastik. Färben und Veredeln von Textilien verursachen der EU zufolge schätzungsweise 20 Prozent der globalen Wasserverschmutzung. Bei jedem Waschgang von synthetischen Fasern werden durch den mechanischen Vorgang in der Waschmaschine unweigerlich zusätzlich Mikrofasern ausgewaschen. Gut eine halbe Million Tonnen Mikroplastik gelangen in der EU jährlich auf diesem Weg in die Gewässer. Eine unglaubliche Verschwendung von Rohstoffen und ein großer Schaden für die Umwelt – und für uns Menschen. Ob es um den Einsatz von schädlichen Weichmachern oder von toxischen Farben geht, mit denen synthetische und natürliche Gewebe eingefärbt werden: Die Auswahl von Materialien hat einen direkten Einfluss auf die Gesundheit der Menschen, die ein Produkt herstellen, und derjenigen, die es konsumieren. Ein Umstieg auf C2C-Qualität verbessert also allein durch die Nutzung geeigneter Materialien bereits die Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette, garantiert die Produktsicherheit für Konsument*innen und verhindert darüber hinaus auch die mit der linearen Textilproduktion verbundenen negativen Umweltauswirkungen.

Textilhersteller und Marken wie Trigema, Calida, Oceansafe, Betty Rose, Ralph Lauren, G-Star Raw, C&A oder Wolford designen und produzieren seit Jahren, teilweise seit Jahrzehnten, Textilien nach Cradle to Cradle – vom Gewebe über Farbe und Garn bis hin zum fertigen Produkt. Selbst Merchandise der Fußballvereine Werder Bremen und Eintracht Frankfurt oder von Bands wie Die Ärzte ist heute in dieser hohen Produktqualität erhältlich. Die genannten Unternehmen sind dabei wirtschaftlich erfolgreich. Egal, ob es sich um mittelständisch geprägte Unternehmen in Familienhand handelt oder um börsennotierte Firmen wie Ralph Lauren, die erst vor wenigen Tagen ihre Umsatzprognose für 2025 angehoben haben. Auch wenn all diese Unternehmen noch längst nicht ihr gesamtes Portfolio umgestellt haben, sind sie auf dem Weg dahin und produzieren Produkte, die echten Mehrwert schaffen: Die C2C-Textilien dieser Marken sind aus Materialien hergestellt, die für das Nutzungsszenario eines Textils geeignet sind. Sie können in technischen oder biologischen Kreisläufen zirkulieren – oder in beiden. Bei ihrer Produktion wird die Qualität von Wasser, Boden und Luft geschützt oder verbessert. Und sie haben allein durch das Produktdesign einen positiven Einfluss auf soziale Aspekte.

Copyright: Cradle to Cradle NGO

Transformieren mit gesamthaften Strategien

Wir müssen begreifen, dass die sozio-ökonomische Transformation, in der wir uns längst befinden und die wir angesichts der Herausforderungen unserer heutigen Zeit auch so dringend benötigen, kein rein technisches und wirtschaftliches Thema ist. Die Grundlage einer C2C-Gesellschaft ist ein umfassender Wandel sämtlicher gesellschaftlicher Bereiche – darunter fällt natürlich auch die Wirtschaft. Dieser Wandel bedeutet, dass Umwelt- und Klimapolitik nicht länger getrennt von Wirtschafts- und Sozialpolitik betrachtet werden können. Die systemische Transformation wird nicht erreicht, wenn diese Bereiche weiterhin singulär betrachtet und widersprüchliche Signale gesetzt werden. Ein Verbot von Einwegplastik auf EU-Ebene verfehlt seine Wirkung konsequent, wenn gleichzeitig die Produktion von Virgin Plastic aus Rohöl in Deutschland indirekt subventioniert wird, indem sie von der Energiesteuer aus genommen ist. Ein neues Qualitätsverständnis bei Produkten und Prozessen ist keines, wenn darunter nicht auch eine neue Definition von Arbeit und Arbeitsstellen gefasst wird. Unsere künftige Politik muss holistisch sein und sich positive Ziele setzen.

Impulse aus Erfolgen ziehen

Dass es auch in Deutschland zahlreiche Unternehmen gibt, die bereits im Sinne dieses Zukunftsbildes handeln und von denen man sich unter anderem beim C2C Congress am 13. und 14. März in Berlin selbst ein Bild machen kann, sollte uns zuversichtlich stimmen. Denn sie sind zum größten Teil heute schon in der Lage, die gesetzlichen Herausforderungen zu erfüllen, die, abgeleitet von der Circular-Economy-Strategie der EU, auf den Standort zukommen werden. Darunter sind Firmen wie Würth, die ein Rücknahme- und Wiederaufbereitungssystem für ein C2C-Montagesystem umgesetzt haben, um dessen Bestandteile im technischen Kreislauf zirkulieren zu lassen. Oder Baustoffhersteller wie Schüco, deren C2C-Fenstersysteme so designt sind, dass Glas und Alu einfach getrennt und in ihre jeweiligen Materialkreisläufe zurückgeführt werden können. Oder der Hausgerätehersteller Liebherr, der erst kürzlich einen C2C-Tiefkühlschrank vorgestellt hat, der anstelle von Polyurethan-Schaum fein gemahlenes Lavagestein zur Kälteisolierung verwendet, das nach der Nutzung einfach entnommen und wiederverwendet werden kann. Wir sollten mehr über diese Erfolgsgeschichten sprechen und uns ein Beispiel an diesen Produkten und Geschäftsmodellen nehmen, wenn wir Wohlstand mit sozialer Gerechtigkeit und der Wahrung unserer natürlichen Ressourcen verbinden möchten. Denn nur so können wir die Transformation so gestalten, dass wir als gesamte Gesellschaft davon profitieren.

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