Wie sollen in Deutschland zukunftsweisende Räume, Gebäude und Stadtteile geschaffen werden, ohne das Globalklima unnötig zu belasten? Die Ressourcen an Rohstoffen und bebaubarer Fläche werden immer knapper und teurer, die Ansprüche an Wohnqualität und Wohnfläche immer höher. Der innerstädtische Neubau stößt schon längst nicht nur an finanzielle Grenzen, daher muss der Fokus auf Bauen im Bestand und Nachverdichtung bereits bestehender Gebäude liegen. Neben Dachaufstockungen bietet auch die Umnutzung von Nicht-Wohngebäuden großes Potential, doch nicht das Konzept von der Stange ist im Sinne der Nachhaltigkeit erfolgversprechend. Entscheidend ist vielmehr die individuelle Herangehensweise an die jeweiligen Objekte.
Mit kreativen Konzepten
Es gilt, mit kreativen Konzepten das Potential vor Ort zu erschließen: Aus unserer Erfahrung sind mit Blick auf die längst zur Floskel gewordene Wohnungsnot Änderungen unter dem Stichwort „Innenverdichtung“ leichter und klimafreundlicher möglich als durch echten Neubau. Bis zu 2,7 Millionen neue Wohnungen könnten in Deutschland entstehen, würde man bestehende Wohngebäude der 1950er bis 1990er Jahre, Büros, Supermärkte, Einzelhandelsgeschäfte und Parkhäuser optimal ausnutzen. Das belegen die Technische Universität Darmstadt und das Pestel Institut Hannover in ihrer Deutschlandstudie 2019. Dank der Nutzung bereits bestehender Strukturen wie etwa Grundleitungen, Entwässerung oder Grundmauern findet hier die Schaffung von neuem Wohnraum mit reduziertem Verbrauch von Ressourcen und Energie statt.

Dabei geht es vor allem darum, das individuelle Potential einer Bau-/Umbaumaßnahme zu erkennen. Hier gilt: In der Analyse liegt die Kraft. Rund 70 Prozent unserer Tätigkeit als Architekten und Planer für den Umbau einer Siedlung betreffen die Vorbereitung und Analyse, um gleichzeitig eine Bestandsverbesserung, einen Mehrwert für die bestehenden und die neuen Mieter und oft für das ganze Quartier zu bewirken. Selbst wenn alle Häuser eines Quartiers von außen gleich aussehen, ist doch jedes Gebäude anders und birgt seine eigenen Risiken und Chancen. Bei der sorgfältigen Bestandsanalyse ergeben sich häufig neue Nutzungsmöglichkeiten, die zuvor undenkbar schienen. Bei der Verdichtung/Sanierung eines in die Jahre gekommenen Wohnquartiers in Steinbach (Taunus) wurde etwa die Idee einer Seniorentagespflege mit darüberliegenden Seniorenwohnungen geboren, über die heute die ganze Stadt glücklich ist.
Vorteile von Holz
Ein wenig beachtetes Argument in der Nachverdichtung sind die Vorteile beim Einsatz des nachwachsenden, „wohngesunden“ Rohstoffs Holz. Mit natürlich hoher Wärmedämmung bietet die Holztafelbauweise nicht nur ein angenehmes Wohnklima, sondern sorgt auch dank schnellerer Bauabläufe (zum Beispiel entfällt das extrem klimaschädliche Betonieren) für eine gute Ökobilanz. Das geringe Gewicht ermöglicht es, relativ einfach ein oder zwei Dachgeschosse auf ein Gebäude aufzusetzen, ohne die bestehenden Fundamente für den zusätzlichen Wohnraum verstärken zu müssen.

Insbesondere die Nachkriegswohngebäude der 1950er bis 1970er Jahre – wozu jedes dritte Wohngebäude in Deutschland zählt – bieten mit Dachaufstockung auf Zeilengebäuden (Mehrparteienhäuser, die mit der Stirnseite zur Straße gebaut wurden, Anm.) ein immenses Potential für neuen Wohnraum. Hierbei rechnet es sich, die energetische Komplettsanierung eines Altgebäudes mit einer Wohnflächenerweiterung zu verbinden, bei der die neuen Wohnungen „on top“ in Holztafelbauweise entstehen. Mit nur drei Tagen Bauzeit für den Rohbau einer Dachwohnung werden auch die Mieter der darunterliegenden Bestandswohnungen von Baulärm entlastet. Diese profitieren nach Ende der Gesamtmaßnahme außerdem von einer besseren Wärmedämmung, neuen Balkonen und attraktiven Grünanlagen.
Ein Beispiel aus der Praxis in Frankfurt am Main überzeugt in energetischer wie wohnungspolitischer Hinsicht: Im Jahr 2022 bedeutete dies für unseren Bauherrn einen Quadratmeterpreis von 1.300 Euro für die sanierten Bestandswohnungen und günstigen 3.600 Euro für die aufgestockten Neubauwohnungen. Dazu muss man wissen: Die durchschnittlichen Baukosten im Neubau ohne Grundstück betrugen in der Mainmetropole rund 5.000 Euro je Quadratmeter. So blieben selbst neue Mietwohnungen in einem gewachsenen Quartier bezahlbar, während gleichzeitig die Mieterstruktur durch Zuzug aufgefrischt wurde und der Bestand eine entscheidende Aufwertung erfuhr. Nachhaltiges Verdichten trägt somit zu einer ressourcen- und klimaschonenden sowie sozialverträglichen Weiterentwicklung unserer Umwelt und Gesellschaft bei.




