Wie ein Start-up aus Mainz aus Plastikmüll Schätze herstellt

Die Idee zur Gründung von GOT BAG entstand aus einer Verbundenheit mit dem Meer. Mein Vater hat mich schon früh zum Segeln mitgenommen. Ich war bereits auf einem Boot, da konnte ich noch nicht laufen. Später, als gelernter Kameramann, arbeitete ich für das Fernsehen und war viel in der Welt unterwegs. Das Plastikmüllproblem der Meere wurde mir allerdings erst bei einem Urlaub so richtig bewusst: Auf Koh Lanta in Thailand stand ich auf einem von Plastikmüll bedeckten Strand. Der Sand war fast nicht mehr zu sehen, und ich fragte mich, warum die Menschen ihren Müll einfach in die Umwelt schmeißen. Später wurde mir klar, dass der meiste Müll am Strand vom Meer angespült wurde.

Eine Welt ohne Plastik(müll) ist unvorstellbar

Plastik ist günstig, leicht und unglaublich vielseitig. Es ist überall – und somit leider auch Plastikmüll. Laut dem World Economic Forum landet jede Minute eine Lkw-Ladung in unseren Ozeanen. Es schadet der Tierwelt und endet als Mikroplastik in unserer Nahrung. Wenn wir so weitermachen, könnte es 2050 auf das Gewicht bezogen mehr Plastik als Fisch in den Ozeanen geben. 1 Und gerade einmal neun Prozent des bisher produzierten Plastiks weltweit wurden recycelt. 2 Solche erschreckenden Zahlen und die Eindrücke aus dem Thailand-Urlaub führten damals zu intensiven Gesprächen mit einem Schulfreund, und wir beschlossen, etwas gegen dieses Problem zu unternehmen.

Die Gründungsidee

Die Idee war einfach: Plastikmüll zu recyceln und daraus Produkte herzustellen, die langlebig und beliebt sind. Schnell kamen wir auf Rucksäcke – die braucht fast jede:r, und da sie nicht wie Bekleidung regelmäßig gewaschen werden, war auch der Mikroplastikabrieb kein großes Problem. 2016 starteten wir mit ersten Entwürfen – der Rucksack von damals ist noch heute einer unserer Bestseller. Nach einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne ging es 2018 richtig los. Wir bauten Schritt für Schritt die Wertschöpfungskette auf, fanden passende Partner:innen für die Produktion und testeten gemeinsam die Verwendung des recycelten Materials.

Clean-up Programm in Indonesien

Noch in unseren Kinderschuhen, starteten wir in Indonesien mit einem „Fishing for Litter”-Projekt. Ein Netzwerk aus Fischer:innen sammelte den Plastikmüll, den sie als Beifang in ihren Netzen hatten. Mittlerweile ist aus dem gesamten Projekt die Stiftung „Yayasan GOT BAG Indonesia” gewachsen. Mit acht Festangestellten organisiert diese ein gemeinschaftlich gesteuertes Clean-up-Programm mit lokalen Communities. Das Fischer:innen-Netzwerk gibt es immer noch, aber die Sammlung des Mülls wurde ausgeweitet und setzt mittlerweile dort an, wo das Plastikproblem der Meere entsteht: an Land. Durch diesen Ansatz wird die Plastikmüllsammlung effizienter, da er verhindert, dass Plastik überhaupt erst in den Ozean gelangt. Wenn es nämlich bereits im Ozean gelandet ist, lässt es sich schwer vollständig entfernen, da es durch Wind und Wellen verteilt wird, sich in kleinere Stücke zersetzt und auf den Meeresboden sinkt. Den gesammelten und verwerteten Müll tracken wir in Zusammenarbeit mit dem Berliner Start-up Clean-Hub und haben Anfang des Jahres die 1.000.000- kg-Marke geknackt.

Vom Müll zum Schatz

Durch das Clean-up-Programm mit 19 lokalen Communities auf der Insel Java wird Plastikmüll aus der küstennahen Natur, dem Meer, aber auch von Haushalten ohne Zugang zu anderen Müllmanagementsystemen gesammelt. Das Plastik wird sortiert, gereinigt und der PET-Anteil der Flaschen schließlich zu rPET-Pellets verarbeitet. Diese Pellets fließen in unsere Garnproduktion, woraus dann Stoffe entstehen, die als Hauptmaterialien für die meisten unserer Rucksäcke und Taschen dienen.

Herausforderungen des Clean-up-Programms

Wertloses Plastik liegt in Unmengen in der Natur und im Meer. Die Herausforderung besteht darin, neben den Unmengen wertlosen Plastiks recycelbare Materialien zu sammeln, um den Bedarf für unsere Materialproduktion zu decken. Denn der PET-Markt hat sich in den letzten Jahren verändert, und das Plastik wird beispielsweise bei einem höheren Preis deutlich mehr auch von anderen Organisationen gesammelt. Ebenso variieren die Sammlungsmengen saisonal. Um eine stetige Versorgung sicherzustellen, kombinieren wir die PET-Flaschen aus dem Clean-up-Programm mit einem lokalen Sammelnetzwerk unseres zertifizierten Recyclingpartners in Indonesien.

PET ist also nur ein kleiner Teil des Mülls, der von GOT BAG Indonesian beim Clean-up-Programm gesammelt wird. Um eine größtmögliche Wirkung auf die Umwelt zu erzielen, werden alle Arten von Plastikmüll mitgenommen. Laut Berichten der Community Leads vor Ort können das manche Teilnehmende erst mal gar nicht glauben, dass sie für die Sammlung von wertlosem Müll bezahlt werden. Es gibt in Indonesien einen ausgeprägten informellen Sektor von Müllsammelnden. Sie suchen aber nur die ökonomisch wertvollen Plastiksorten, die sich gut recyceln und daher weiterverkaufen lassen. Die Sorten, die sich gar nicht recyceln lassen, sind natürlich kostspielig in der Entsorgung, und wieder andere Sorten, die sich schwer und nur mit viel Aufwand recyceln lassen, finden ebenfalls kaum Abnehmer:innen. Das Konzept der Stiftung umfasst aber die Sammlung aller Plastiksorten. Der meiste dabei gesammelte Müll ist tatsächlich nicht recycelbar und landet als Ersatz für fossile Rohstoffe als Brennmaterial in Zementwerken.

Warum in Indonesien überhaupt so viel Müll in der Umwelt landet

GOT BAG Indonesia arbeitet mit lokalen Communities zusammen, von denen viele in schwer zugänglichen Regionen an der Küste leben. Da kommt kein Müllwagen vor die Tür und holt den Müll ab. Wenn Menschen keinen Zugang zu einem Müllmanagement haben, landet der Müll unweigerlich in der Umwelt. Die fehlende Müllinfrastruktur und fehlendes Bewusstsein um die Folgen von Plastikverschmutzung sind einige Gründe, aber längst nicht alle. Es ist ein komplexes Zusammenspiel aus vielen Faktoren, andernorts ist auch der Tourismus ein Thema. Außerdem wird nach Indonesien immer noch – wenn auch weniger als vor einigen Jahren – Plastikmüll exportiert, u. a. auch aus Europa. Und das besonders seit China im Jahr 2018 keine Müllexporte mehr annimmt. Schlechtes Müllmanagement der Deponien und mangelndes Interesse seitens der Politik tragen zur Umweltverschmutzung bei.

Copyright: GOT BAG Website

Vom Mainzer Start-up zur international bekannten Marke

Mit unserem Ansatz sind wir auf Anklang und Interesse gestoßen. Heute sind wir ein Team aus über 70 Festangestellten in Europa, USA und Indonesien und haben ein Produktportfolio von über 60 Produkten, darunter Rucksäcke, Taschen, Koffer und Accessoires wie neuerdings auch Sonnenbrillen. Wir haben jahrelange Kollaborationen mit namhaften Meeresschutzorganisationen wie Sea Shepherd und Coral Gardeners etablieren können, mit denen wir gemeinsam tolle Projekte umsetzen. Durch den Verkauf unserer Produkte werden Aktivitäten der Stiftung in Indonesien finanziert – aber Recycling und Meeresschutz sind nicht alles, was uns ausmacht. Die Brand GOT BAG ist auch eine Modemarke, und unser Ziel ist es, zu wachsen, die Internationalisierung voranzutreiben und unser Produktportfolio zu erweitern. Auch in den USA haben wir mittlerweile große Schritte gemacht. Hätte man mir damals, als ich die ersten GOT BAG Pakete aus meinem Wohnzimmer herausgepackt habe, gesagt, dass unsere Rucksäcke irgendwann bei Bloomingdales in New York hängen, hätte ich das wohl niemals geglaubt. Und auch das ist Teil unserer Markenidentität: Wir wollen dazu inspirieren, an die eigenen Träume zu glauben, und zum Handeln aufrufen. Denn allein der Versuch, etwas Positives zu schaffen, mag er noch so klein sein, ist immer noch erstrebenswerter als Untätigkeit. Und wer weiß, vielleicht wird daraus ja sogar etwas richtig Großes.

Benjamin Mandos begann seine unternehmerische Laufbahn mit einer Ausbildung als Kameramann. In den folgenden zehn Jahren sammelte er umfangreiche Erfahrungen im Medien-und Marketingbereich, was den Aufbau zweier Agenturen mit Kunden wie ZDF, Kabel Deutschland, ABB, Alnatura und Porsche umfasste. Seine Leidenschaft für Wassersport und Unternehmertum führte ihn 2018 zur Gründung von GOT BAG.

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