Eine neue Denkweise für die Zukunft – ein Kommentar

In der heutigen Welt stehen Unternehmen und Gesellschaften vor der Herausforderung, nachhaltige Geschäftspraktiken einzuführen, ohne dabei die wirtschaftliche Rentabilität zu vernachlässigen. Traditionell wurde Nachhaltigkeit oft als Gegenpol zur Rentabilität gesehen. Jedoch gibt es derzeit immer mehr Stimmen, die einen Paradigmenwechsel im Nachhaltigkeitsdiskurs fordern, der beide Dimensionen der Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit konstruktiv miteinander verbindet. Es stellt sich hierbei die Frage: Wie kann eine neue Denkweise, die Nachhaltigkeit und Rentabilität konstruktiv miteinander verbindet, entwickelt werden? Und welche Schritte sind erforderlich, um dieses Ziel zu erreichen?

Vom „Add-on“ zum „Add-in“ – Integration in alle Bereiche

Bislang wurde Nachhaltigkeit oft als „Add-on“ betrachtet – als etwas, das zu den bestehenden Geschäftsprozessen hinzugefügt wird, aber nicht integraler Bestandteil des Geschäftsmodells ist. Diese Denkweise führt jedoch oft zu einem isolierten Ansatz der Nachhaltigkeit im Unternehmen, der meist nicht effektiv ist. Der neue integrative Ansatz des Nachhaltigen Managements besteht darin, Nachhaltigkeit als ein „Add-in“ zu betrachten, das in alle Aspekte des Unternehmens integriert wird.

Reines „Tick-Box-Excel-Sheet“ reicht nicht aus

Ein integrativer Nachhaltigkeitsansatz in der Wirtschaft erfordert ein Umdenken auf allen Ebenen, vom Management bis zu den Mitarbeitern. Eine der größten Herausforderungen bei der Integration von Nachhaltigkeit in die Unternehmenspraxis ist der viel diskutierte ESG-Ansatz (Environmental, Social, Governance), der in vielen Unternehmen als reiner Compliance-Ansatz, das heißt Einhaltung von Vorschriften, gesehen wird. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Denn die bloße Einhaltung von Vorschriften löst die alte Dichotomie zwischen Nachhaltigkeit und Rentabilität nicht auf, sondern prolongiert diese oftmals. Um das Innovationspotential von Nachhaltigkeit zu nutzen, ist es wichtig, dass Unternehmen über die Einhaltung der Nachhaltigkeitsvorschriften hinausgehen und strategische Geschäftsentscheidungen treffen, die Nachhaltigkeit und Profitabilität unternehmerisch miteinander verbinden. Denn reines „Tick-Box-Excel-Sheet“-Denken reicht nicht mehr aus, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern.

Nachhaltigkeit als mehrdimensionaler Managementansatz

Ein weiterer Kritikpunkt am derzeitigen Nachhaltigkeitsdiskurs ist die Unterbelichtung der sozialen Dimension und der Wissensdimension. Ein modernes Nachhaltigkeitsverständnis beschränkt sich nicht auf ökologische Aspekte allein, sondern umfasst auch die Frage nach Diversität, Inklusion und sozialer Gerechtigkeit sowie die Nutzung und Verbreitung von zukunftsorientiertem Wissen und innovativen Bildungsansätzen. Daher ist es wichtiger denn je, mehrdimensionale Managementansätze zu entwickeln, die all diese Dimensionen des Nachhaltigen Managements berücksichtigen und nicht mehr den oft eindimensionalen Gewinnmodellen den Vorzug geben.

Komplexität managen statt reduzieren

Um das derzeitige, oft noch im Management vorherrschende dichotome Denken zu überwinden, ist ein vierdimensionaler Nachhaltigkeitsansatz erforderlich, der Umwelt-, Sozial-, Wissens- und Wirtschaftsaspekte integriert. Es geht nämlich nicht – wie fälschlicherweise oft gefordert – darum, die Komplexität zu reduzieren, sondern sie zu managen und die Mehrdimensionalität der Wirkungen in den unternehmerischen Entscheidungsprozessen integrativ mit einzubeziehen.

Förderung von Innovation statt Verzicht und Verbote

Unternehmen sollten nicht nur als Teil des Problems, sondern auch als Teil der Lösung gesehen werden, und damit Nachhaltigkeit als Innovationsmotor für die Wirtschaft und nicht als bloße bürokratische Last. Ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem ist die Förderung eines innovations- und unternehmensorientierten Konzepts der Nachhaltigkeit. Statt Verzicht und Verbote sollen Unternehmen ermutigt werden, nachhaltige Geschäftsmodelle zu entwickeln, die langfristig erfolgreich sind und positive Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft haben. Dies erfordert einen offenen, chancenorientierten unternehmerischen Prozess, der von Regierungen, Unternehmen und der Gesellschaft als Ganzes unterstützt wird.

Vom Status quo in die Zukunft

Eine Analyse des Status quo der aktuellen Nachhaltigkeitsdiskussion zeigt, dass Unternehmen oft noch als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung gesehen werden. Um dies zu ändern, sind konkrete Vorschläge für zukunftsorientierte Maßnahmen erforderlich:

1. Aufklärung und Sensibilisierung von Entscheidungsträgern in Unternehmen für die Bedeutung eines integrierten Nachhaltigkeitsansatzes, der über die reine Einhaltung von Vorschriften hinausgeht.

2. Entwicklung von Instrumenten und Methoden zur Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in alle Unternehmensprozesse und -entscheidungen mit dem Ziel, die Innovations- und Marktpotentiale sowie die neuen Geschäftsmöglichkeiten der Nachhaltigkeit zu nutzen.

3. Förderung von Kooperationen und Partnerschaften zwischen Unternehmen, Regierungen, NGOs und der Wissenschaft, um gemeinsam nachhaltige Lösungen für die aktuellen ökologischen und sozialen Herausforderungen zu entwickeln.

4. Politische Maßnahmen, welche positive Anreize und zukunftsgerichtete Rahmenbedingungen schaffen, die Unternehmen ermutigen, nachhaltige Unternehmensstrategien und Geschäftspraktiken einzuführen und auszuweiten, anstatt bürokratische Belastungen zu verursachen, die unternehmerische Innovationen behindern.

5. Derzeitige Nachhaltigkeitsstrategien in den Unternehmen kontinuierlich überprüfen und sie an neue Erkenntnisse und Entwicklungen anpassen, um wettbewerbsfähige Marktlösungen und Geschäftschancen zu entwickeln mit dem Ziel, nachhaltige Innovationen zu fördern und zu verbreiten.

Neues Mindset führt zu neuem Nachhaltigkeitsparadigma

Insgesamt ist eine neue Denkweise erforderlich, die Nachhaltigkeit und Rentabilität nicht als Gegensätze, sondern als miteinander verknüpfte Ziele sieht. Durch die Integration von Nachhaltigkeit in alle Unternehmensprozesse können wir eine nachhaltige Zukunft für alle schaffen, ohne die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit unserer Wirtschaft zu opfern.

Prof. Dr. René Schmidpeter ist Professor der BFH in Bern, Professor für Nachhaltiges Management an der Berner Fachhochschule (BFH) Scientific Researcher der Parmenides Stiftung sowie Beirat der Initiative Verantwortung des F.A.Z.-Instituts.

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