Ein Plädoyer für positives Denken

Als ich 1959 geboren wurde, erschien der erste Asterix-Comic von Autor René Goscinny und Zeichner Albert Uderzo. Im Jahr 2023, im Oktober, erschien der 40. Band. Und auch wenn ich schon längst nicht mehr zu den treuen Lesern des Comics gehöre, ist es eine wunderbare Tradition, am Kiosk einen Blick hineinzuwerfen und sich daran zu erinnern, welche Asterix-Geschichten zu welchem Zeitpunkt in mein Leben traten. Es gibt dort die Figur des Majestix (im Französischen: Abraracourcix), seines Zeichens Dorfhäuptling, was man daran erkennt, dass er auf einem Schild stehend herumgetragen wird. Majestix ist ein starker Anführer, tapfer und unerschrocken. Ihn plagt nur eine Angst: Dass nämlich ihm der Himmel auf den Kopf fallen könne. Im neuen Band hat Majestix wie nie zuvor mit seiner größten Angst zu kämpfen und sucht Schutz unter seinem Schild, der eigentlich das Symbol seiner Stärke sein sollte. Ein Bild von großer Aktualität: War der Weltuntergang schon einmal so nah und real wie heute, sei es als ultimative Klimakatastrophe oder als atomarer globaler Krieg?

Wir leben in pessimistischen Zeiten. Deswegen erleben wir allerorten eine traurige Korrumpierung des doch so positiv gemeinten Begriffs der Nachhaltigkeit. Eigentlich sollte Nachhaltigkeit doch meinen, dass wir das, was wir erreicht haben, an die folgenden Generationen weitergeben. Und das, was uns möglich ist, für unsere Nachkommen in der Zukunft in Realität verwandeln. Der Kerngedanke der Nachhaltigkeit, die Priorisierung der langfristigen Perspektive gegenüber der kurzfristigen Aktion, sollte eine generelle und positiv besetzte Maxime der Menschen und der Gesellschaften sein. Es stellt sich momentan aber leider heraus, dass das offenkundig nur unter einer Bedingung klappt: dass wir optimistisch in die Zukunft blicken. Dann geben wir gerne, dann investieren wir gerne, dann empfinden wir das, was wir für die Zukunft aufbringen, als freudige Gabe. Wenn wir aber den Eindruck haben, dass diese Zukunft der Mühen gar nicht wert erscheint, ja möglicherweise gar nicht stattfindet, dann empfinden wir das, was zu tun wäre, als Belastung und womöglich als sinnlos.

Die Politik führt uns vor, wie es nicht gehen sollte: Ob Heizungsgesetz, Tempolimit, Windkraft, E-Autos, Überfischen der Meere, Abholzen der Wälder, Veröden von Weideflächen, Vergiften der Böden oder Plastikmüll – nicht bei einem Thema werden Lösungen konsequent vorangetrieben, mit Leidenschaft und Überzeugung verfolgt. Immer stehen Lobbying, Parteiideologien, persönliche und Gruppentraumata oder/und Machtbestrebungen im Vordergrund. Ja, das ist nicht neu. Aber diese „Kultur“ trifft auf eine Gegenwart, die so fragil und gefährdet ist wie vielleicht niemals zuvor. Von Steve de Shazer stammt der Satz: „Das Reden über Probleme schafft Probleme, das Reden über Lösungen schafft Lösungen.“ De Shazer war einer der führenden lösungsorientierten Berater und Therapeuten, der sich in den USA früh mit der Abkehr vom auf Probleme fokussierten Gespräch beschäftigte. Therapien müssen keine Endlosprozesse sein! Kurzzeittherapien führen häufig ebenso zum notwendigen Umschwung. Wäre das nicht eine Einsicht, die man der aktuellen deutschen Politik wünschen würde?

Was jetzt?

Von Maren Urner, Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie in Köln, stammt der schöne Vortrag „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“. Mit dem Buch „Raus aus der ewigen Dauerkrise“ schaffte sie es in die Spiegel-Bestsellerliste. Ihre Gedanken folgen nicht zuletzt de Shazers Maxime. Ihr Ansatz: Was passiert, wenn wir etwas Neues erfahren? Sei es Klimakatastrophe, KI oder neue politische Weltordnungen. Antwort: Wir halten uns erst einmal an das Alte. Momentan, könnte man sagen, bekommen wir eine Überdosis an Neuem. Das nennen wir Transformation. Und das macht uns Angst. Deswegen machen wir reflexartig Dinge, die wir schon immer gemacht haben, klammern uns an unsere Gewohnheiten. Denn das vermittelt uns Sicherheit. Urner: „Alle Erfahrungen, die wir machen, beeinflussen unser Gehirn, das sich in vermeintlicher Ruhe befindet, und bereichern das Hintergrundrauschen.“

Unter Hintergrundrauschen versteht die Neurowissenschaftlerin das, was unsere Gehirnaktivität, unser Denken permanent begleitet: unzählige Kontexte, Gefühle, körperliche Zustände, Reaktionen auf gerade Erlebtes. Dieses Hintergrundrauschen wurde lange unterschätzt, respektive ignoriert. Das reine Denken sei entscheidend. Urner: „Doch unser Gehirn ist darauf optimiert, Energie zu sparen. Wenn dieses Hintergrundrauschen keine Funktion hätte, sondern uns nur am richtigen Denken hindern würde, hätte es die Evolution längst herausgefiltert. Hat sie aber nicht!“ Deswegen liegt der Schluss nahe, dass das Hintergrundrauschen eine Bedeutung hat.

Nun lehrt uns die Biologie, dass alle Gehirne etwas anders aussehen. Und jeder Mensch sieht die Welt etwas anders. Deswegen beeinflussen die Geschichten, die wir erzählen, beispielsweise über ein optimistisches oder pessimistisches Verständnis von Nachhaltigkeit, die Gehirne (und damit die Gedanken) der Menschen auch unterschiedlich. Unser Gehirn funktioniert nicht wie ein Computer oder ein wissenschaftliches Experiment. Das Hintergrundrauschen, der Kontext des immer wieder neuen Eindrucks führe, so Urner, dazu, dass das Gehirn zu immer wieder neuen Einsichten, Konnexionen komme, sich immer weiterentwickelt. In unserem Kopf liefen „ständige Kreisläufe“ ab, die sich quasi bei jeder Drehung veränderten: „Das Gehirn verändert sich ein Leben lang.“ Gegen Mythen wie die Vorstellung, der Mensch würde irgendwann einmal zu alt sein, um zu lernen und sich mit Neuem auseinandersetzen zu können, müsse man ankämpfen. Denn das befördere die kollektive Ignoranz gegenüber notwendigen Entwicklungen und den allgemeinen Pessimismus. „Wenn wir Probleme ernst nehmen, müssen wir über Lösungen reden“, so Urner. Deswegen sei die einzig richtige Devise: Was jetzt?

Für Urner ist die Konsequenz aus dieser Erkenntnis, dass unser statisches Denken durch ein dynamisches Denken ersetzt werden muss. Dabei geht es vor allem um drei Dinge: 1. Wir müssen bessere Fragen stellen, die sich mit dem „Wofür“ statt mit dem „Dagegen“ beschäftigen. Man stelle sich vor: Was bliebe von der Kritik der AfD übrig, wenn sie jeder „Dagegen“-Kritik ein „Wofür“ beifügen müsste? 2. Wir müssen wieder lernen, groß zu denken, uns Dinge vorstellen zu können. Nur Menschen können sich Dinge vorstellen, die noch nicht da sind, kein anderes Lebewesen kann das! Warum nicht John Lennons „Imagine“ zur Transformationshymne machen! 3. Dazu gehört, dass wir aufhören müssen, uns die falschen Geschichten zu erzählen. Wenn wir erfahren, dass 50 Prozent der Menschen in Europa übergewichtig sind, sollten wir dann von Wohlstand sprechen?

Die Wortwahl ist verbunden mit der Wahl eines Lebensentwurfs und einer Weltsicht. Wenn unser Gehirn die Fähigkeit besitzt, ein Leben lang zu lernen und Neues zu verarbeiten, müssen wir uns erfolgreiche, positive Geschichten erzählen, die unser Hintergrundrauschen so beeinflussen, dass es uns hilft, Herausforderungen anzunehmen und zu bestehen. Und zwar gemeinsam!

Seit 1938 läuft an der Harvard University die längste Studie der Welt, die sich mit der Frage beschäftigt, was für Menschen ein gutes Leben ausmacht. Antwort: nicht Gesundheit, nicht Reichtum, nicht Macht, sondern funktionierende soziale Beziehungen. Und parallel zu diesem Befund ist die wichtigste Ressource der Welt nicht Geld oder Öl oder Daten, sondern – Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit für das, was uns das Gefühl vermittelt, der Himmel fiele uns nicht auf den Kopf.

Allmende

Der Begriff der Allmende bringt eine zentrale Erkenntnis der Postmoderne auf den Punkt. Die Allmende, das Gemeindegut, das, was allen gehört, ist die Basis vieler Diskussionen: unser aller Planet, ein Weltklima, eine begrenzte Menge an Ressourcen für die Menschheit, globale Wechselwirkungen politischer Aktivität usw. Allmende und Nachhaltigkeit gehören zusammen. Was allen gehört, hat für alle Bedeutung. Und was für alle Bedeutung hat, soll Bestand haben. Wir entdecken heute immer mehr Gemeingüter, Allmenden des Verstandes, Allmenden des Herzens. Und wir verstehen, dass es eine Allmende aller gibt, die es zu beschützen gilt, nicht zuletzt vor uns.

Der Schweizer Philosoph Eduard Kaeser erzählt hierzu eine Geschichte: „Auf eine Weide treiben Herdenbesitzer ihre Schafe. Sie haben freien Zugang zum gemeinsamen Weidegrund. Man einigt sich auf eine bestimmte Anzahl weidender Tiere für jeden Herdenbesitzer. Eines Tages aber kommt ein Schlauberger auf die Idee, ein Schaf mehr grasen zu lassen. Er hat einen Gewinn davon, und der Übernutzungsverlust wird ja von allen getragen. Nur hat die Logik einen Haken, denn andere Herdenbesitzer beginnen genau gleich zu denken. Und die Logik wird zur Tragik, weil jeder weiß, dass sein Handeln irgendwann verhängnisvolle Folgen hat, nur will keiner der Gelackmeierte sein. Immer mehr Schafe grasen auf der Weide. Am Ende verödet die Allmende.“

Das Besondere ist, dass Kaeser die Geschichte nicht ökonomisch oder politisch kommentiert, für ihn steht die Dynamik der Gruppe (in diesem Fall der Herdenbesitzer) im Vordergrund. Was als clevere Rechnung des Einzelnen beginnt, greift auf die Mentalität der Gruppe über und gerät außer Kontrolle. Für Kaeser geht es deswegen vor allem darum, die individualistisch organisierte Gesellschaft für den Allmende-Gedanken zu sensibilisieren, er nennt das eine „breite Bürgerdämmerung“. Dadurch ließen sich die beiden gegenläufigen Tendenzen – die Korrumpierung der Nachhaltigkeit und „Allmendisierung“ der Welt – harmonisieren.

In seinem Roman „Die Zeitmaschine“ erzählt H.G. Wells von einem Mann, der im viktorianischen England lebt. Er erfindet eine Zeitmaschine, mit der er in die Zukunft reist, an deren Ende die Menschheit ausgestorben ist. Im gleichnamigen Film von 1960 serviert Hauptdarsteller Rod Taylor ein positives Ende, in dem er in einer fernen Zukunft sein Glück findet. Kurz danach erfindet zwar niemand eine Zeitmaschine, aber Menschen fliegen erstmals zum Mond und inspirieren die ganze Welt. Eine positive Geschichte, eine positive Wirkung. Ich stelle mir vor, wie sich in einem Pub in London zufällig H.G. Wells, Majestix und Steve de Shazer treffen. Sie kommen ins Gespräch und reden über die nachhaltige Kraft des Positiven. Majestix verliert seine Angst vor einem Himmel, der ihm auf den Kopf fällt, H.G. Wells ärgert sich, dass er die „Zeitmaschine“ so pessimistisch hat enden lassen, und verspricht, sich den Film anzusehen, und de Shazer gibt zu, dass manche Therapien nur kurz sein müssen, andere aber leider viel Zeit in Anspruch nehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass die drei sich noch einmal treffen und vielleicht John Lennon dazubitten.

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