Rocco Bräuniger, Chef von Amazon Deutschland, über umweltfreundliche Logistik und gesellschaftliche Verantwortung

Rocco Bräuniger (48) ist seit 2022 der für Deutschland, Österreich und die Schweiz verantwortliche Country Manager von Amazon. Seit 17 Jahren gehört er dem Unternehmen an. Der ehemalige Unternehmensberater hat unter anderem für den amerikanischen Internetkonzern das Geschäft in Australien aufgebaut und zuletzt das europäische Konsumgütergeschäft verantwortet. Er hat Betriebswirtschaftslehre studiert und sein Studium in Boston mit einem Master of Business Administration abgeschlossen.

V Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Climate Pledge?

Pledge bedeutet ja Versprechen, und Versprechen nehmen wir sehr ernst. Der Climate Pledge ist Amazons Zusage, bis 2040 CO₂- neutral zu sein, die Ziele des Pariser Klimaabkommens also zehn Jahre früher zu erreichen. Denn uns ist absolut bewusst, wie sehr die Zeit drängt. Als Unternehmen fühlen wir uns verpflichtet, unseren Teil beizutragen, einen lebenswerten Planeten zu erhalten. Und dafür haben wir uns Partner gesucht: Denn der Climate Pledge ist mehr als ein Versprechen, er ist eine Initiative, bei der bisher schon mehr als 420 weitere Unternehmen aus aller Welt aktiv beteiligt sind, unter anderen Mercedes-Benz, Microsoft, Siemens oder SAP. Ich hoffe, es werden noch viel mehr.

V Welche Konzepte haben Sie, um in der Logistik und Zustellung umweltfreundlicher zu werden?

Konzepte – im Plural – trifft es gut. Denn nur ein Weg reicht nicht, wir müssen an allen Enden aktiv ansetzen: Etwa wie wir ausliefern, wie wir Waren für den Versand verpacken oder wo wir die Verpackung ganz weglassen können. Aber auch wie wir Energie für unsere Standorte beziehen und erzeugen. Dabei machen wir erfreulicherweise große Fortschritte. Ich kann bereits heute sagen: Niemand kauft so viel Ökostrom wie wir – unser Ziel ist es, bereits 2025 alle Betriebsabläufe mit erneuerbaren Energien zu versorgen. Niemand bestellt so viele E-Vans wie wir – allein 100.000 beim Hersteller Rivian. Und kaum ein Unternehmen bringt so viele elektrische Lkw auf die Straße wie wir.

Was viele nicht wissen: Insgesamt spart Onlineshopping im Vergleich zum stationären Einkauf bereits jetzt nicht nur Zeit, sondern auch CO₂, wie eine Studie an der Universität St. Gallen gezeigt hat. Ein Grund dafür: Statt vieler einzelner Autos ist nur ein Lieferfahrzeug unterwegs, das Bestellungen bündelt – es entsteht also weniger Verkehr.

V Stichwort Verkehr: Wie geht es hier in Sachen Klimafreundlichkeit vorwärts?

Wir nehmen in Deutschland noch im Laufe des Jahres mehr als 300 elektrische Lieferfahrzeuge von Rivian in Betrieb. Diese wurden speziell für die Bedürfnisse von Amazon entwickelt – und kommen jetzt im Raum München, Berlin und Düsseldorf zum Einsatz. Sie verstärken eine Flotte mit bereits über 1.000 Elektrolieferfahrzeugen, die in Deutschland auf den Straßen sind. Das fängt an, sich auszuzahlen: Mit nachhaltigeren Transportmitteln haben wir hierzulande letztes Jahr bereits mehr als 45 Millionen Pakete zugestellt.

V Arbeiten Sie auch an innovativen Lösungen, um Verpackungen nachhaltiger zu gestalten?

Ja, das tun wir sogar mit Hochdruck. Ich kann gern drei Beispiele nennen. Erstens – das ist nicht das innovativste, aber dennoch sehr wichtig: Wir nutzen in Deutschland keine Einwegplastiktüten und -umschläge mehr für den Versand, sondern setzen auf die recycelbaren Materialien Papier und Pappe. Zweitens, wir nutzen Künstliche Intelligenz, um die bestmögliche Verpackung für jede einzelne Bestellung zu finden und so Material zu sparen. Drittens, wir verschicken immer mehr Produkte in der Originalverpackung des Herstellers, also ohne zusätzliche Amazon-Umverpackung. Das traf im Jahr 2022 bereits auf 11 Prozent aller weltweit versandten Bestellungen zu.

V Amazon ist ein amerikanisches Unternehmen – wie sehen Sie Ihre Verantwortung für Deutschland als Standort und die deutsche Wirtschaft?

Wir empfinden große Verantwortung und Verbundenheit und fühlen uns in Deutschland zu Hause. Wir sind seit 25 Jahren hier präsent, beschäftigen hier über 36.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und unser hiesiges Geschäft ist das zweitgrößte weltweit, nach den USA. Unser starkes Wachstum verdanken wir neben unseren Kundinnen und Kunden auch den Kommunen im ganzen Land, in denen wir tätig sind. Sie haben uns unterstützt, hier leben und arbeiten viele unserer Kolleginnen und Kollegen, und deshalb wollen wir uns hier einbringen. Dabei arbeiten wir an über 100 Standorten in Deutschland eng mit über 650 lokalen gemeinnützigen Organisationen zusammen, um zu verstehen, wo Unterstützung benötigt wird. Wir setzen unsere Reichweite, unser Logistiknetzwerk, unsere Technologieexpertise und vor allem das Engagement unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gezielt für soziale Zwecke ein und helfen den Gemeinden, in denen wir tätig sind.

V Sie wollen „der beste Arbeitgeber der Welt“ werden. Was bedeutet das, und wie wollen Sie das erreichen?

Das ist unser Ziel, das wir vor Augen haben und an dem wir stetig arbeiten. Wir glauben an faire Löhne und gute Extras. In der Logistik zahlen wir einen Einstiegslohn von umgerechnet 14 Euro brutto die Stunde und aufwärts. Nach zwei Jahren Betriebszugehörigkeit liegt der Lohn im Durchschnitt dann bei 37.000 Euro brutto pro Jahr. Zu den Extras zählen zum Beispiel ein kostenloses Deutschlandticket für alle direkt beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an allen deutschen Standorten. Gute Arbeit ist aber nicht nur eine Frage des Lohns. Es geht gleichermaßen um das menschliche Miteinander, den gegenseitigen Respekt. Dazu gehören Chancen zu lernen und aufzusteigen. Hier machen wir reichlich Angebote.

V Wie nehmen Sie gesellschaftliche Verantwortung wahr, wenn Sie Gewerkschaften so kritisch sehen?

Es hat gute Gründe, warum so viele Kolleginnen und Kollegen schon lange bei uns sind. Und diese Gründe stehen in keinem Tarifvertrag. Wir setzen bei uns auf direkte Mitsprache aller Kolleginnen und Kollegen – und arbeiten natürlich auch mit Betriebsräten sehr eng zusammen.

Aber weil Sie nach Verantwortung fragten: Die reicht aus meiner Sicht vom Klimaschutz oder dem Schaffen guter Arbeitsplätze und neuer Chancen für Verkaufspartner bis hin zum gesellschaftlichen Engagement. Wir sehen uns als Teil der Gesellschaft und somit auch in der Verantwortung, einen Beitrag zu leisten. Zum Beispiel haben wir mit Amazon Future Engineer eine Initiative ins Leben gerufen, die Kindern und Jugendlichen den Zugang zur Informatikbildung erleichtert –mit dem Ziel, ihnen dadurch bessere persönliche Chancen zu bieten. Egal, woher sie kommen und wer sie sind.

V Wie gehen Sie mit Retouren um? Können Sie Waren, die retourniert werden, wieder als Neuware weiterverkaufen, oder muss ein bestimmter Prozentsatz vernichtet oder günstiger abverkauft werden?

Retouren und nicht verkaufte Waren sind eine Herausforderung für alle Händler. Unsere Priorität ist es, unverkaufte oder zurückgegebene Produkte weiterzuverkaufen, sie zu spenden oder zu recyceln – und zwar in dieser Reihenfolge. Die Entsorgung von Produkten ist für uns, wie für andere Händler, die am wenigsten attraktive Option – ökologisch und wirtschaftlich. Manchmal ist das leider unvermeidbar. Beispiele dafür sind Lebensmittel am Mindesthaltbarkeitsdatum, eine nicht mehr verpackte Zahnbürste, eine zerbrochene Glühbirne oder ein veralteter Kalender. Der Anteil dieser Produkte, die von Amazon verkauft werden, liegt zwar nur im Promillebereich, wir wollen ihn dennoch weiter senken. Demgegenüber sind die meisten Retouren neuwertig und gehen ganz normal zurück in den Handel. Zudem können Kundinnen und Kunden über das Programm Amazon Retourenkauf gebrauchte und generalüberholte Produkte mit Rabatt kaufen. Die Produkte wurden vorher getestet und zertifiziert. Und im Jahr 2022 haben wir allein in Europa und den USA insgesamt 19 Millionen Artikel gespendet, die aus Überbeständen oder Retouren stammen beziehungsweise leicht beschädigt waren und nach Instandsetzung wieder sicher verwendet werden können.

V Neben dem Versandhandel ist die Zusammenarbeit mit kleinen und mittelständischen Unternehmen auf dem „Marketplace“ ein wichtiger Teil Ihres Geschäfts. Unterstützen Sie diese Betriebe in Sachen Nachhaltigkeit?

Absolut. Unsere Verkaufspartner stehen inzwischen für rund drei Fünftel der bei Amazon verkauften Artikel. Wir unterstützen unsere Partner zum Beispiel beim Thema Retouren: Denn von ihnen stammen die meisten Produkte, die dem Recycling oder der Entsorgung zugeführt werden. Um es Partnern zu erleichtern, ihre Waren anders zu verwenden, haben wir neue und einfachere Möglichkeiten geschaffen und bewerben diese aktiv. Zudem helfen wir dabei, Kundinnen und Kunden nachhaltigere Produkte anzubieten. Dafür haben wir das „Climate Pledge Friendly“-Siegel eingeführt und uns mit unabhängigen Drittanbietern entsprechender Zertifizierungen zusammengeschlossen, zum Beispiel mit dem Blauen Engel, dem EU Ecolabel oder dem Green Seal. Das Programm umfasst bereits mehr als 550.000 Produkte.

V Zudem sind Sie einer der führenden Dienstleister für Cloudcomputing. Entwickeln Sie hier Lösungen, um möglichst ressourcenschonend zu arbeiten?

Ja, das müssen wir, um CO₂-neutral zu werden. Ein Schritt ist die baldige Versorgung ausschließlich mit erneuerbaren Energien, wo wir in großen Schritten vorankommen. Unser Cloud-Service AWS entwickelt zudem Rechenzentren, Server und Hardware mit Blick auf Effizienz, Ausfallsicherheit und eine geringere CO₂-Bilanz. Untersuchungen haben gezeigt, dass AWS dank seiner effizienteren Chips und der Verwendung erneuerbarer Energien den CO₂-Fußabdruck seiner Geschäftskunden im Vergleich zu Rechenzentren vor Ort um fast 80 Prozent senken kann – und sogar um bis zu 96 Prozent, sobald AWS vollständig mit erneuerbaren Energien betrieben wird.

V Eine Frage an Sie als Deutschlandchef persönlich: Was sehen Sie als Ihre größte Verantwortung?

Das Thema Nachhaltigkeit liegt mir sehr am Herzen – als Familienvater und in meiner Rolle bei Amazon. Es nimmt tatsächlich einen großen Raum ein. Daneben empfinde ich große Verantwortung gegenüber all unseren Beschäftigten, Kundinnen und Kunden und Partnern. Ohne sie wäre Amazon in Deutschland nicht da, wo es heute, nach 25 Jahren Präsenz, steht. Ich bin allen, die das möglich gemacht haben, sehr dankbar.

Die Fragen stellte Gabriele Kalt.

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