Vorständin Renata Jungo Brüngger über die nachhaltige Transformation bei Mercedes-Benz

Renata Jungo Brüngger ist seit 2016 Vorstandsmitglied der Daimler AG – jetzt Mercedes-Benz Group AG – und in dieser Funktion verantwortlich für das Ressort Integrität und Recht. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Fribourg/ Schweiz erlangte sie 1989 das Anwaltspatent. Sie arbeitete unter anderem in einer Schweizer Anwaltskanzlei und hatte Führungspositionen im Rechtsbereich von Metro und Emerson Electric inne. Berufsbegleitend schloss sie ein Zusatzstudium an der Universität Zürich im internationalen Handelsrecht ab. Im Jahr 2011 trat Renata Jungo Brüngger als Leiterin des Bereichs Legal in die damalige Daimler AG ein.

V Sie verantworten das Ressort Integrität und Recht. Was bedeutet das konkret?

Es geht in meinem Vorstandsressort in erster Linie darum, Geschäfte zu ermöglichen, indem wir Risiken minimieren und Chancen nutzen. Ich sehe mich deshalb zum einen als oberste Risikomanagerin von Mercedes-Benz. Gemeinsam mit meinem Team bringen wir neue, innovative Produkte und Technologien rechtssicher auf die Straße. Dazu arbeiten wir sehr eng mit anderen Bereichen zusammen, beispielsweise mit Entwicklern und Softwareingenieuren. Zum anderen geht es bei unserer Arbeit sehr häufig um etwas, was mir auch persönlich sehr am Herzen liegt: die nachhaltige Transformation unseres Unternehmens voranzutreiben und abzusichern.

V Automobilunternehmen sind in einer beispiellosen Transformationsphase. In welche „grünen“ Technologien investieren Sie mittelund langfristig, und wie stellen Sie Nachhaltigkeit sicher?

Nachhaltigkeit hat viele Facetten, deshalb sehen wir das Thema ganzheitlich. Bei einem Automobilhersteller denkt man wahrscheinlich tatsächlich zunächst an Klimaschutz. Da sind wir auf dem Weg in eine vollelektrische Zukunft. Bis 2039 soll unsere gesamte Neufahrzeugflotte über alle Wertschöpfungsstufen bilanziell CO2-neutral werden. Und bis 2030 ist vorgesehen, mehr als 70 Prozent des Energiebedarfs in unseren eigenen Mercedes-Benz-Produktionswerken durch erneuerbare Energien zu decken. Das sind ambitionierte Ziele. Für uns bedeutet Nachhaltigkeit aber noch deutlich mehr. Auch soziale Aspekte und gute Unternehmensführung gehören dazu, das zeigt sich auch in unserer ESG-Strategie, die für den Kapitalmarkt eine wichtige Rolle spielt. Ein Beispiel: Der Wandel hin zur Elektromobilität bedingt die Transformation der Arbeitsplätze und fordert zudem auch Lieferketten ein, in denen Menschenrechte geachtet werden – das sind soziale Themen. Und erreichen wird man dies nur mit der richtigen Governance.

V Wie sichern Sie mögliche Risiken im Zusammenhang mit neuen Technologien ab?

Sie müssen Prozesse und Strukturen etablieren, die Innovationen vorantreiben und absichern, aber nicht verhindern. Gerade bei neuen Technologien ist es entscheidend, vor die Welle zu kommen – regulatorisch und auch gesellschaftlich. Wie zum Beispiel beim automatisierten Fahren, wo die technische Entwicklung der Gesetzgebung lange vorausging. Wir setzen bei unserer Arbeit deshalb auf adaptive Compliance: Wenn sich das rechtliche, technische und gesellschaftliche Umfeld rasant ändert, müssen wir mit unseren Compliancesystemen immer schon einen Schritt weiter sein. Im Kern geht es darum, auch zukünftige Anforderungen des Gesetzgebers und der Gesellschaft frühzeitig zu erkennen und in das Unternehmen zu übersetzen. Wir schaffen mit adaptiver Compliance die entsprechenden Strukturen, schon bevor es zu einer Regulierung kommt. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht, sei es bei Big Data, Künstlicher Intelligenz oder auch bei technischer Compliance.

V Welche Stellschrauben sind zu betätigen, um eine verantwortliche Nutzung der Technik zu gewährleisten?

Eine verantwortungsvolle Nutzung muss bereits bei der Entwicklung mitgedacht werden. Deshalb sitzen bei uns von Anfang an Ingenieure, IT-Experten, Juristen, Datenschützer und teilweise auch Ethiker zusammen. Das Problem ist, dass es gerade bei Zukunftstechnologien oft an eindeutigen gesetzlichen Vorgaben fehlt, beispielsweise bei Künstlicher Intelligenz. Aus diesem Grund haben wir uns für den Einsatz von KI schon früh selbst Prinzipien für einen verantwortungsvollen Umgang damit erarbeitet.

V Insbesondere bei Innovationen wie dem autonomen Fahren stellen sich neben rechtlichen auch ethische Fragen. Wie können Sie eine gesellschaftliche Akzeptanz erreichen?

Die gesellschaftliche Akzeptanz ist zentrale Voraussetzung für den Durchbruch des automatisierten Fahrens, aber auch für andere Zukunftstechnologien. Das war auch ein Aspekt bei meiner Mitarbeit in der Ethikkommission der Bundesregierung. Wir haben bei Mercedes-Benz Ethikexperten, die zum Beispiel bei der Entwicklung des automatisierten Fahrens eine wichtige Rolle spielen. Das ist ein dynamischer Prozess: Nicht alles, was legal ist, ist auch legitim. Und nicht alles, was heute legal und legitim ist, wird es auch in Zukunft sein. Deshalb analysieren wir kontinuierlich, wohin sich rechtliche und gesellschaftliche Anforderungen bewegen, und berücksichtigen das bei der Entwicklung. Beim automatisierten Fahren verzichten wir zum Beispiel bewusst auf Algorithmen, die noch beim Betrieb des Fahrzeugs durch selbstlernende Ansätze das Fahrzeugverhalten unkontrolliert verändern.

V Gibt es zur Sicherstellung ethischer Ansprüche Gremien oder Verfahren?

Das gehört zu verantwortungsvoller Unternehmensführung, also dem „G“ in ESG, unbedingt dazu. Eine wichtige Rolle spielen dabei unsere adaptiven Compliancesysteme, etwa Technical oder Data Compliance. Auch ein Blick von außen ist sehr wichtig, deswegen arbeiten wir mit den externen Experten in unserem „Beirat für Integrität und Nachhaltigkeit“ vertrauensvoll und kritisch-konstruktiv zusammen. Letztlich ist es aber auch eine Kulturfrage, und das muss bei allen Beschäftigten ansetzen. Wir fördern eine „Speak-up“-Kultur, bei der Probleme offen angesprochen werden können. Unsere Verhaltensrichtlinie gibt jedem und jeder Einzelnen gerade in Zeiten des Wandels wichtige Orientierung. Gerade erst haben wir eine neue Integritätskampagne im Unternehmen gestartet. Mit zielgruppenspezifischen Trainings wollen wir erreichen, dass unsere Ansprüche an integres Verhalten auch bewusst und praktisch im Arbeitsalltag umgesetzt werden.

V Es sind viele Herausforderungen, die Sie in dieser Zeit bewältigen müssen – seien es die Elektrifizierung, die Digitalisierung, die Folgen der Pandemie oder auch die des Ukrainekriegs. Wo setzen Sie Prioritäten?

All diese Beispiele zeigen vor allem eins: Unser Geschäft wird immer komplexer. Auf geopolitische Entwicklungen haben wir wenig Einfluss. Aber Sie können Ihr Unternehmen so aufstellen, dass es auch bei Gegenwind handlungsfähig bleibt. In erster Linie geht es darum, externe Risiken zu minimieren und die Transformation entschieden voranzutreiben. In meinem Ressort nennen wir das „Shape the future and protect the company“. Wir können nicht eine Herausforderung nach der anderen angehen, sondern müssen gleichzeitig mehrere Dinge tun, also etwa elektrifizieren und gleichzeitig digitaler werden. Das erfordert Agilität und den richtigen Mindset, offen für neue Wege zu sein – und die Potentiale der Digitalisierung zu nutzen. Das zu fördern gehört auch zu verantwortungsvoller Unternehmensführung.

V Haben Sie dabei Ihre Unternehmensstrategie beziehungsweise Ihr Risikomanagement neu aufstellen müssen?

Wir haben schon vor einigen Jahren bewusst die Nachhaltigkeit ins Zentrum unseres wirtschaftlichen Handelns gestellt. Mercedes-Benz hat eine nachhaltige Geschäftsstrategie – und keine Nachhaltigkeitsstrategie als bloßes „Add-on“. Wir sind dabei noch lange nicht am Ziel, aber wir sind auf einem guten Weg und haben in den letzten Jahren die relevanten strategischen Entscheidungen getroffen, um die nachhaltige Transformation von Mercedes-Benz zu einer Erfolgsgeschichte zu machen. Ich bin überzeugt: Ohne Nachhaltigkeit gibt es keine nachhaltigen Renditen.

V In Ihr Ressort fällt die Verantwortung für die Achtung und Wahrung von Menschenrechten. Was bedeutet das im Unternehmensalltag?

Die Achtung der Menschenrechte ist eine zentrale Säule unserer nachhaltigen Geschäftsstrategie. Der Anspruch gilt für unsere eigenen Gesellschaften, aber auch für unsere Lieferketten. Wir haben über 40.000 direkte Lieferanten und noch viel mehr Sub-Lieferanten auf verschiedenen Stufen – bei dieser Komplexität müssen Sie risikobasiert vorgehen. Deshalb haben wir besonders risikobehaftete Rohstoffe und Materialien in unseren Produkten identifiziert. Mit unserem eigens entwickelten Human Rights Respect System erhöhen wir die Transparenz, vereinbaren mit unseren Lieferanten Maßnahmen und führen Audits durch, bei Bedarf auch bis zur Mine. Das ist sehr aufwendig und kann nicht nach „Schema F“ gemacht werden. Letztendlich kommt es so aber zu Verbesserungen für die Menschen vor Ort, und das ist ein wichtiges Ziel für uns.

V Mercedes-Benz hat in den vergangenen Jahren hohe Gewinne erzielt. Welche Verantwortung erwächst daraus?

Unabhängig von der Höhe der Gewinne gehört für mich die Ausrichtung auf eine nachhaltige Geschäftsstrategie ganz wesentlich zu einer verantwortungsvollen Unternehmensführung. Natürlich zählt dazu auch, dass wir Arbeitsplätze mit sehr guten Arbeitsbedingungen bieten und dass wir bei hohen Gewinnen selbstverständlich sehr hohe Ertragssteuern zahlen: In den letzten Jahren waren das regelmäßig über 3 Milliarden Euro. Wir möchten aber über unsere eigentliche Geschäftstätigkeit hinaus einen spürbaren Beitrag für die Gesellschaft leisten, regional und international. Wir haben beispielsweise im letzten Jahr über 6 Millionen Euro für Hilfsprojekte in der Ukraine gespendet. Neben der Katastrophenhilfe liegt der Fokus unserer Corporate-Citizen-Strategie auf Projekten, die ökologische Nachhaltigkeit und den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken. Wir finanzieren mit Spenden seit Anfang des Jahres beispielsweise das globale Förderprogramm „beVisioneers“. Damit werden tausende junge Menschen aus aller Welt dabei unterstützt, Projekte in den Bereichen Umweltschutz und Dekarbonisierung umzusetzen. Klar ist: Unsere Verantwortung endet nicht an den eigenen Werkstoren.

Die Fragen stellte Gabriele Kalt.

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