Interview mit Prof. Dr. Dirk Messner: Der Präsident des Umweltbundesamts skizziert, wie Zirkularität das Klima schützt und Unternehmen denken sollten

Prof. Dr. Dirk Messner (61) ist seit Januar 2020 Präsident des Umweltbundesamts. Davor war der Politikwissenschaftler Direktor des Institute for Environment and Human Security an der Universität der Vereinten Nationen in Bonn und Ko-Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung. Messner hat sich als Wissenschaftler und Politikberater im Bereich Nachhaltigkeit große Anerkennung erworben. Das im Jahr 1974 gegründete Umweltbundesamt kümmert sich als zentrale Umweltbehörde darum, dass es in Deutschland eine gesunde Umwelt gibt, in der Menschen so weit wie möglich vor schädlichen Umwelteinwirkungen geschützt leben können.

V Kurz nach Ihrem Amtsantritt 2020 sagten Sie, dass Themen wie Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft nun ganz oben auf der politischen Agenda sind. Wo stehen wir heute?

Hinsichtlich der Klima- und Umweltsituation war ich damals sehr optimistisch, weil eine Reihe von Dingen zusammenkam, die uns annehmen ließen, dass sich die Transformation beschleunigt. Wir hatten den European Green Deal, das weltweit wahrscheinlich anspruchsvollste grüne Ökonomieprojekt. Wir hatten das Bundesverfassungsgerichtsurteil: Klimaschutz hat Verfassungsrang und ist Demokratieschutz. Wir hatten junge Leute auf der Straße, Fridays for Future. Wir hatten den Bundesverband der deutschen Industrie, der eine Studie zur Klimaneutralität 2045 herausgegeben hatte. Die Dynamik in Richtung Transformation war ziemlich groß. Drei Jahre später stecken wir mitten in dieser Transformation. Der Versuch, die erneuerbaren Energien radikal auszubauen, kommt jetzt voran. Die Industrie geht in Richtung grüner Stahl. Heizungssysteme werden über die Zeit klimaneutral umgebaut. Aber das führt auch zu turbulenten politischen Debatten. Die Transformation tatsächlich umzusetzen ist noch einmal etwas anderes, als sich auf den Weg zu machen. In dieser Situation stecken wir jetzt. Die polarisierten politischen Debatten sind eben zugleich hinderlich für den Klimaschutz wie aber auch Ausdruck davon, dass sich etwas verändert. In dieser Situation ist das Umweltbundesamt wichtig. Und ich bin froh, hier zu sein, denn wir können zu diesen Themen Unterstützung leisten und gute Lösungen erarbeiten und anbieten.

V Wie sieht der Status der Kreislaufwirtschaft heute aus?

Deutschland ist bekannt für seine gut funktionierende Abfallwirtschaft. Was wir bisher Kreislaufwirtschaft nennen, ist im Kern eine Abfallwirtschaft. In unserem Müllsammelsystem versuchen wir, einen größeren Teil des Abfalls zu rezyklieren. Wir haben in den vergangenen 30, 40 Jahren wahrscheinlich das ausgetüfteltste Abfallwirtschaftssystem weltweit entwickelt, aber wir haben noch keine zirkuläre Ökonomie. Das kann man an Indikatoren sehen: Unsere Abfallmengen sind seit 20 Jahren nahezu eingefroren und stabil. Man würde ja vermuten, dass sie runtergingen. Das passiert aber nicht. Wir rezyklieren unsere Abfälle besser als andere Länder, die Abfallmengen bleiben aber gleich. Unser Rohstoffverbrauch ist ebenfalls eingefroren. Bei einer zirkulären Ökonomie würde man denken, dass man in eine Situation kommt, in der die Rohstoffverbräuche sinken. Da sind wir noch nicht. Der dritte wichtige Punkt: Unsere Sekundärrohstoffquote, das ist der Anteil der Ressourcen, die zum zweiten oder dritten Mal in den Kreislauf eingeführt werden, liegt bei 13 Prozent. Auch diese Quote ist seit 20 Jahren stabil. Diese drei Indikatoren zeigen, dass wir zwar ein gutes und gut funktionierendes Abfallmanagement entwickelt haben, es aber jetzt um das gehen muss, was die zirkuläre Ökonomie eigentlich ausmacht: Rohstoffverbrauch runter und die Rohstoffe wirklich im Kreislauf führen.

V Wo kann konkret angesetzt werden?

Am besten fängt man vorne an. Wir müssen den Ressourcenfluss reduzieren. Das kann man zum Beispiel durch Preissignale erreichen, wie bei den Treibhausgasemissionen. Etwa wenn wir es mit Rohstoffen zu tun haben, von denen wir denken, sie sollten lieber in der Erde bleiben, weil wir sonst die Ökosysteme schädigen oder sie sich nicht erneuern können. Bepreisung führt zu mehr Ressourceneffizienz. Um die Rohstoffverbräuche geringer zu halten, könnte man zudem auf langlebige, reparaturfähige Produkte setzen und damit den Ressourceneinsatz drosseln. Der zweite zentrale Punkt steht jetzt in Deutschland und der Europäischen Union im Zentrum, und auch wenn ich mit der Wirtschaft rede, ist das der Aspekt, von dem am meisten Wirkung vermutet wird: Wir müssen unsere Produkte so designen und herstellen, dass sie recyclingfähig sind. Ein Auto muss so gebaut werden, dass es leicht auseinandergebaut werden kann, um die einzelnen Rohstoffe tatsächlich weiterverwenden zu können. Stimmt das Design nicht, ist der Aufwand des Auseinanderbauens und des Trennens der vielen Verbundstoffe, die miteinander verklebt und nur energieintensiv wieder auseinander zu bekommen sind, sehr hoch. Recyclingfähiges Design ist wahrscheinlich ein Schlüssel. Ich habe kürzlich ein Gespräch mit dem Architekten Werner Sobek geführt. Er ist der Pionier der deutschen Leichtbauweise und gilt als Vorreiter für klimaneutrales und zirkuläres Bauen. Man muss wissen: In den Gebäudesektor fließen 50 Prozent unserer Ressourcenströme. Das ist ein dickes Brett, ein großes Feld, in dem viel zu bewegen ist. Die Recyclingquote liegt dort im Moment unter fünf Prozent. Ein Gebäude in Deutschland ist am Ende des Lebenszyklus sozusagen ein Müllhaufen. Ich habe Werner Sobek nach den Recyclingquoten und -potentialen seiner Gebäude gefragt. Seine Antwort: 85 Prozent. Der Schlüssel ist, die Stoffe möglichst rein zu halten, so dass man sie anschließend in diesem hochwertigen Zustand weiterverwenden kann. Die geringe Recyclingquote im Gebäudesektor liegt daran, dass wir Stoffe miteinander verbinden und verschmelzen. Sie wieder voneinander zu lösen ist sehr energieintensiv. Über diese beiden ganz zentralen Schaltstellen müssen wir also nachdenken: Ressourcenströme runterfahren und recyclingfähiges Design ermöglichen. Darüber wird derzeit im Bundesumweltministerium und später auch mit dem Bundeswirtschaftsministerium beraten, die Rahmenbedingungen für die Kreislaufwirtschaft sollen weiterentwickelt werden.

V Wie könnten die Unternehmen unterstützt werden?

Zunächst einmal müssen die Unternehmen selbst in diese Richtung denken. Im Bausektor beginnt das langsam, weil die Baustoffe teurer werden. Hier gibt es einen Impuls, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Ähnlich ist es in der Automobilwirtschaft. Sie hat in den vergangenen Jahren sehr viel darüber nachgedacht, wie sie Klimaneutralität hinbekommt. Der Fokus lag dabei auf dem Antriebssystem. Jetzt beginnt die Debatte, wie man Zirkularität und Klimaschutz im Produkt Auto zusammendenken kann: Wie können Autos ausschauen, die eine hohe Zirkularitätsquote erreichen? Um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, ist die Innovativität der Wirtschaft gefragt. Denn es ist nicht nur eine Umweltfrage, sondern Ressourcen werden knapp und teuer. Unternehmen müssen ihre Geschäftsmodelle daher weiter in diese Richtung entwickeln. Rahmenbedingungen können solche Prozesse unterstützen.

V Das Gegenteil einer hohen Zirkularitätsquote sind Einwegprodukte. Im Zuge des neuen Einwegkunststofffondsgesetzes wird am Umweltbundesamt ein Fonds angesiedelt. Wie funktioniert er?

Es geht hier um Einwegkunststoffprodukte, zum Beispiel Plastiktüten oder Lebensmittelbehältnisse für To-go-Produkte. Sie werden in der Regel nur einmal benutzt und landen dann in der Umwelt. Ab 2024 werden Unternehmen, die solche Produkte herstellen, ihre produzierten Mengen beim Umweltbundesamt melden und müssen dafür entsprechend Gebühren zahlen. So leisten sie einen Beitrag, diese Stoffe wieder aus der Umwelt herauszubekommen. Wir managen den Einwegkunststofffonds und bauen eine digitale Plattform dafür auf.

V Wohin gehen die Gebühren?

Zunächst an uns und anschließend einerseits an die Kommunen und Gemeinden, die die Räumung und Reinigung des Mülls leisten. Ein kleinerer Teil – wir reden von einem Gesamtvolumen von schätzungsweise 450 Millionen Euro – geht in Sensibilisierungsmaßnahmen in Richtung der Unternehmen und der Bevölkerung, um über Alternativen nachzudenken.

V Sie versprechen sich eine Signalwirkung?

Dadurch dass das Herstellen und in den Verkauf bringen dieser Produkte einen Preis hat, gibt es auf der einen Seite ein Preissignal. Die Unternehmen sollten daher darüber nachdenken, welche Alternativen es gibt. Auf der anderen Seite wollen wir das Verursacherprinzip in Gang setzen: Wer zur Schädigung der Umwelt beiträgt, muss das in seinen Kosten sehen – wir wollen die marktwirtschaftlichen Prinzipien für den Umweltschutz nutzen. Das ist die Kernidee. Und viele Bürgerinnen und Bürger haben vielleicht gar nicht bemerkt, dass seit 2021 von europäischer Ebene aus einige Einwegprodukte verboten sind. Das ist ein Indiz dafür, dass diese Verbote keinen negativen Wohlfahrtseffekt haben. Zum Beispiel gibt es Einwegbesteck, Einmalteller, Wattestäbchen oder Trinkhalme aus Kunststoff nicht mehr, sofern sie nicht für medizinische Zwecke notwendig sind. Genauso Einwegbecher aus Styropor. Hier gibt es Alternativprodukte. Alles, was jetzt noch im Angebot ist, fällt unter den Einwegkunststofffonds. Er ist wichtig, bildet aber nur einen Teil der Kreislaufwirtschaft ab, die Abfallwirtschaft. Und mit ihr allein werden wir nicht die Probleme lösen auf dem Weg zu dem, was wir letztlich brauchen: die Zirkularität.

V Welchen Ratschlag haben Sie auf dem Weg zur konsequenten Kreislaufwirtschaft für die Wirtschaft?

Den Unternehmen würde ich gerne mit auf den Weg geben, dass wir aus der Perspektive des Umweltbundesamts anhand unserer Studien zeigen können, dass Klimaneutralität, auf die sich ja die meisten Unternehmen mittlerweile verpflichtet haben, und Zirkularität aufs Engste miteinander verbunden sind. Diese beiden Konzepte müssen in den Geschäftsmodellen der Unternehmen in jedem Sektor zusammengeführt werden. Dafür gibt es drei wichtige Gründe. Der erste: Wir können in unseren Studien zeigen, dass 50 Prozent der Emissionen weltweit mit der Extraktion von Rohstoffen und der ersten Verarbeitungsstufe zu tun haben. Gehen wir nicht an die Rohstoffextraktion heran, ist das Klimaproblem nur sehr schwer lösbar. Der zweite Grund ist sehr einfach zu verstehen: Wenn wir Ressourcen im Kreislauf führen und Produkte auf Langlebigkeit ausrüsten, dann haben wir weniger Produktionsprozesse, die unmittelbar wieder zu Treibhausgasemissionen führen. Zirkularität senkt Treibhausgasemissionen direkt. Der dritte wichtige Grund: Viele Dekarbonisierungstechnologien sind ressourcenintensiv. Wir brauchen für die Herstellung von Batterien oder Photovoltaikanlagen bestimmte Ressourceninputs. Windkraftanlagen müssen recyclingfähig gebaut werden. Wir werden einen Ressourcenanstieg durch Dekarbonisierung erleben, wenn es uns nicht gelingt, diese Rohstoffe gleichzeitig in einen Kreislauf zu führen. Kreislaufwirtschaft und Dekarbonisierung zusammenzudenken und in den Geschäftsmodellen und Produktionsanlagen zusammenzuführen, das ist das Gebot der Stunde.

Die Fragen stellte Oliver Kauer-Berk.

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