Wellbeing als Nachhaltigkeitsfaktor

Wir reden über Transformation, CO₂-Bilanzen und Kreislaufwirtschaft. Doch solange wir Wirtschaft fast ausschließlich materiell denken, bleibt Nachhaltigkeit ein Projekt „von außen“. Responsible Leadership braucht deshalb eine zusätzliche Grundlage: das Erfüllungsglück der Menschen, die Unternehmen führen.

Die gute Nachricht: Wir wollen alle ein gelingendes Leben

Egal, woher wir kommen, wie alt wir sind, welches Geschlecht oder welchen sozialen Hintergrund wir haben – eines eint uns: Wir möchten ein glückliches, erfülltes Leben führen. Das gilt auch für die Wirtschaft. Unternehmerinnen, Führungskräfte und Mitarbeitende betreten morgens nicht als Maschinen das Unternehmen, sondern als Menschen: mit Hoffnungen und Sorgen, Beziehungen, Sinnfragen – und einer Vorstellung davon, was „gut“ ist.

Und doch wird Wirtschaft in der öffentlichen Wahrnehmung – und oft auch in den Wirtschaftswissenschaften selbst – noch immer fast ausschließlich mit dem Materiellen verbunden: Effizienz, Wachstum, Nutzenmaximierung. Das erzeugt das Bild von etwas Maschinellem, Unpersönlichem. Dabei entscheidet nicht die Maschine über die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens, sondern der innere Kompass der Menschen, die es führen.

Natürlich: Eine solide finanzielle Grundlage ist die Basis jedes Erfolgs. Aber materieller Wohlstand wirkt häufig wie ein Hygienefaktor, nicht wie ein Glücksfaktor. Studien aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen unterstreichen dies: Ab einem gewissen Punkt wachsen Einkommen, Optionen und Konsummöglichkeiten weiter – während das Wohlbefinden erstaunlich stabil bleibt. Genau dort beginnt sich der Bogen zur Nachhaltigkeit zu spannen.

Zwei Arten von Glück und warum sie Entscheidungen verändern

Wenn wir über Glück sprechen, lohnt es sich, zwei Formen zu unterscheiden. Da ist das kurzfristige Glück: das gute Gefühl, wenn wir Durst stillen, etwas kaufen oder ein Ziel erreichen. Diese Bedürfnisbefriedigung ist wichtig – aber flüchtig. Sie verlangt nach Wiederholung.

Und dann ist da das nachhaltige, tiefere Erfüllungsglück, das die alten Griechen Eudaímonia nannten: ein gelingendes Leben, getragen von Sinn, Verbundenheit und persönlichem Wachstum. Diese Form ist weniger laut, dafür stabiler. Sie macht uns resilienter und weitsichtiger – und sie verändert, was wir als „richtig“ empfinden.

Erfüllungsglück und Nachhaltigkeit folgen dabei einer ähnlichen Logik: Beide zielen darauf ab, Sinn zu stiften, statt nur zu konsumieren. Beide setzen auf Verbindung statt Trennung. Und beide führen fast automatisch dazu, Handlungen zu vermeiden, die anderen Menschen oder der Umwelt schaden – nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil es sich nicht mehr stimmig anfühlt.

Responsible Leadership: Nicht für die Umwelt, sondern als Teil der Umwelt

Wellbeing ist keine Einbahnstraße. Wer Wohlbefinden fördern will, muss systemisch denken: Mensch und Umwelt sind keine getrennten Sphären. Wir leben nicht „in“ einer Umwelt, die irgendwo außerhalb beginnt – wir sind Teil eines verbundenen Systems, biologisch, physikalisch, sozial.

Ein eindrückliches Bild liefert die Aerosolforschung: Von der Atmung bis zur Molekülbildung in Aerosolen sind Prozesse, die Mensch und Atmosphäre verbinden, fundamental vernetzt. Was wir einatmen, wird Teil von uns; was wir ausatmen, verändert die Atmosphäre. Der Satz ist schlicht, aber er verschiebt den Blick: Die Umwelt ist nicht „draußen“ – sie ist Teil unseres eigenen Systems.

Diese Perspektive rückt die Idee der Human-Environment Coexistence ins Zentrum. Führungskräfte treffen Entscheidungen nicht für die Umwelt – sie treffen Entscheidungen als Teil der Umwelt. Verantwortung heißt dann: nicht nur für Menschen im Unternehmen einzustehen, sondern für das ganze System, das Unternehmen überhaupt erst möglich macht.

Wellbeing ist kein „weiches“ Thema – sondern eine Ressource

Wer Wellbeing als Wohlfühlprogramm abtut, verkennt seine wirtschaftliche Bedeutung. Menschen, die sich erfüllt fühlen, handeln nachhaltiger, verantwortungsvoller und innovativer. In einer Welt, in der Komplexität die neue Normalität ist, wird innere Stabilität zur strategischen Ressource.

Hier kommt ein weiterer Aspekt ins Spiel: mentale Gesundheit. Eine österreichische Studie aus dem unternehmerischen Umfeld berichtet, dass mehr als die Hälfte der Unternehmerinnen und Unternehmer Kolleginnen oder Kollegen kennt, die unter gesundheitsschädlichem Stress leiden – und dass etwa ein Viertel Burnout-Fälle im näheren Umfeld wahrnimmt. Wer langfristig nachhaltig führen will, muss deshalb auch für sich selbst sorgen: körperlich, mental, sozial. Nachhaltige Wirtschaft beginnt beim Wohlbefinden der Menschen, die sie gestalten.

Vom Modell zum Menschen: Warum der Homo Oeconomicus nicht genügt

Dass es keine universelle Glücksformel gibt, liegt an der Komplexität des Menschseins. Ein gelingendes Leben entsteht im Wechselspiel von Fühlen, Denken und Handeln – und immer im Kontext: in Beziehungen, Institutionen, Kultur und Lebensphasen.

Genau deshalb stößt die klassische Durchschnittslogik vieler ökonomischer Modelle an Grenzen. Der Homo Oeconomicus mag als theoretische Figur nützlich sein. Aber als Leitbild für Unternehmensführung ist er zu abstrakt: materiell abgesichert, emotional glatt, sozial entkoppelt. Wer Wirtschaft wirklich menschlich und nachhaltig denken will, muss über ihn hinausgehen – hin zu realen Menschen mit Emotionen, Sinnfragen und Bindungen.

Was ein erfülltes unternehmerisches Leben ausmacht

Wer im unternehmerischen Alltag nach Erfüllungsglück strebt, handelt anders. Nicht perfekt – aber bewusster. Sechs Dimensionen sind dabei besonders relevant: Autonomie (das Richtige wählen statt alles wollen), Verbundenheit (Beziehungen gestalten), Selbstakzeptanz (Stärken und Schwächen integrieren), Sinn (das „Warum“ kennen), Selbstverwirklichung und persönliches Wachstum (mit dem Unternehmen reifen) sowie Exzellenz und Meisterschaft (als Ausdruck von Können und Haltung, nicht als Ego-Projekt).

Wichtig ist: Diese Dimensionen entfalten sich nicht im luftleeren Raum. Neben persönlichem und kulturellem Kontext zählt der spezifische unternehmerische Kontext – Branche, Größe, Eigentümerlogik, Unternehmensphase. Responsible Leadership beginnt daher mit einer kontextbasierten Betrachtung: Was braucht dieses Unternehmen – und was braucht diese Person – in genau dieser Situation?

Wie Unternehmen Wellbeing und Nachhaltigkeit verbinden können

Wer ganzheitliche Nachhaltigkeit will, braucht mehr als neue Kennzahlen. Nötig ist eine integrierte Architektur aus Haltung, Prozessen und Kultur: Wellbeing als Führungsdimension (nicht als „Benefit“), Heterogenität als Lösung (statt als Problem), Kontextarbeit statt Einheitsprogramme, die Suche nach Schnittmengen zwischen individuellen Wellbeing-Prioritäten und dem unternehmerischen USP – und interne Prozesse, die Vielfalt produktiv integrieren, etwa über Entscheidungsformate sowie Feedback- und Konfliktkultur.

Ein neues Narrativ: Unternehmen als menschliche Orte

Damit diese Neuausrichtung gelingt, braucht es auch einen fruchtbaren gesellschaftlichen Boden. Solange Unternehmen pauschal verurteilt und Führungskräfte als eindimensionale Nutzenmaximierer betrachtet werden, bleibt Wellbeing im Business verdächtig: zu weich, zu privat, zu „esoterisch“.

Wir brauchen ein anderes Narrativ: Unternehmen als menschliche Orte, in denen – wie überall – Menschen nach einem gelingenden Leben suchen. Wird diese Suche anerkannt, entsteht Spielraum: für Mut zur Langfristigkeit, für verantwortungsvollere Entscheidungen und für eine Nachhaltigkeit, die nicht nur von äußeren Regeln abhängt, sondern aus innerem Bewusstsein herausgetragen wird.

Eigenmacht: Der Einstieg ist leichter, als viele denken

Sich selbst mit Glück zu beschäftigen, ist kein Luxus, sondern smart, gesund und nachhaltig. Der Anfang muss nicht schwer sein. Hilfreich ist, wenn man den eigenen Startpunkt definiert. Und sich die folgende Frage als Führungskraft regelmäßig stellt: Was zahlt heute wirklich auf Erfüllung ein – und was nur auf kurzfristige Bedürfnisbefriedigung?

Die nachhaltige Wirtschaft der Zukunft braucht bessere Maschinen. Aber noch viel mehr braucht sie bewusstere Menschen: Menschen, die Verbundenheit nicht als Sentiment, sondern als Systemlogik verstehen. Und Menschen, die Verantwortung nicht nur tragen, sondern leben – als Teil des Ganzen.

6 Dimensionen eines erfüllten Unternehmerlebens

Autonomie
Autonomie heißt nicht, alles tun zu können, sondern, das Richtige zu wählen. Sie beginnt mit dem Mut, Grenzen zu setzen und bewusst Nein zu sagen.

Gelungene Beziehungen
Erfolg ist kein Solo. Vertrauensvolle Beziehungen – zu Kund:innen, Partner:innen und Mitarbeitenden – geben Halt, auch wenn es mal schwierig wird.

Selbstakzeptanz
Selbstakzeptanz heißt, eine positive Haltung zu sich selbst zu haben. Seine Stärken zu sehen und Schwächen anzuerkennen, Erfolge zu feiern und aus Misserfolgen zu lernen.

Sinn
Sinnerfüllung ist mehr als ein gutes Gefühl – sie ist das tiefe Empfinden: „Was ich tue, hat Bedeutung.“ Sie zeigt sich, wenn das eigene Tun auch anderen nützt.

Selbstverwirklichung
Selbstverwirklichung ist kein Selbstzweck. Es ist das Gefühl, gemeinsam mit dem Unternehmen zu wachsen und zu reifen.

Exzellenz
Exzellenz ist eine Mischung aus Können, Erfahrung und Haltung – schlussendlich geht es darum, nicht sein Ego, sondern seinen eigenen Ausdruck zu finden

AUF EINEN BLICK

Nachhaltigkeit beginnt im Inneren

Solange Wirtschaft fast ausschließlich materiell gedacht wird, bleibt Nachhaltigkeit ein Projekt von außen — getrieben von Regulierung statt von Überzeugung. Responsible Leadership braucht deshalb eine zusätzliche Grundlage: das Wohlbefinden der Menschen, die Unternehmen führen.

Zwei Arten von Glück

  • Kurzfristig: Bedürfnisbefriedigung (flüchtig, braucht Wiederholung)
  • Nachhaltig: Erfüllungsglück/ Eudaímonia (stabil, fördert Weitsicht und Verantwortung)

Warum Wellbeing Führung verändert

  • Erfüllte Menschen treffen von sich aus verantwortungsvollere Entscheidungen — nicht aus Pflicht, sondern aus Haltung
  • Wellbeing ist kein Soft Skill, sondern strategische Ressource
  • Mentale Gesundheit ist Voraussetzung für langfristige Transformation

Der Perspektivwechsel

  • Mensch und Umwelt sind kein Gegensatz, sondern ein verbundenes System
  • Responsible Leadership heißt: Entscheidungen nicht für die Umwelt treffen, sondern als Teil von ihr
  • Homo Oeconomicus reicht als Leitbild nicht mehr — nachhaltige Führung braucht den ganzen Menschen

Weitere Informationen: https://www.marisamuehlboeck.com/glueckskarte

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