Die Sicht der NGO: Was für eine sozial und ökologisch gerechte Wirtschaft zu tun ist

Eine gerechte Welt ohne Armut – was nach Utopie klingt, ist für Oxfam eine Vision, die Wirklichkeit werden soll. Natürlich ist es eine große Vision. Sie erfordert, dass wir nicht bloß Symptome bekämpfen, sondern den strukturellen Ursachen von Armut und Ungleichheit auf den Grund gehen und sie verändern.

Zu einer gerechten Welt ohne Armut gehört das „gute Leben“ für alle. Dass derzeit viele auf Kosten anderer leben, hat viel, wenn nicht alles, mit unserem Wirtschaftssystem zu tun. Deshalb fordert Oxfam die Transformation hin zu einer am Menschen ausgerichteten Wirtschaft, einer sogenannten Human Economy, die soziale Rechte und ökologische Grenzen in den Mittelpunkt stellt.

Wir leben in einer Zeit voller existentieller Krisen. Dazu gehören die zahlreichen Kriege und Konflikte, zunehmender Populismus und eine gefühlte Spaltung von Gesellschaften. Dazu gehört auch die sich verschärfende Klimakatastrophe. Vor allem auf der Südhalbkugel werden tödliche Dürren und Überschwemmungen immer häufiger, werden Inselstaaten durch den Anstieg des Meeresspiegels unbewohnbar. Aber auch Länder auf der Nordhalbkugel sind inzwischen mit Extremwetter konfrontiert, das sie in dieser Form noch nicht kannten. Ein Umdenken ist nicht in Sicht – das reichste Prozent der Weltbevölkerung hat im Jahr 2019 so viele Treibhausgase verursacht wie fünf Milliarden Menschen, die die ärmeren zwei Drittel ausmachen. Wie kann das sein? Die Antwort lautet, dass Unternehmen, Märkte und Politik weltweit kurzfristige Gewinninteressen zu oft über das Gemeinwohl stellen. Auf der Strecke bleiben Klima- und Umweltschutz, Arbeitsschutz, Löhne und Menschenrechte.

Darüber hinaus wird unter „Wirtschaft“ fast immer nur der Bereich verstanden, in dem Waren und Dienstleistungen produziert und gegen Geld ausgetauscht werden. Die Sorgearbeit, die in Familien und Gemeinschaften stattfindet, wird dagegen nicht berücksichtigt. Dabei stützt sich die Wirtschaftsleistung auch auf diese unbezahlte Arbeit, die weltweit vor allem Frauen leisten. Auch deshalb verfügen Frauen im Vergleich zu Männern über weniger Einkommen, Vermögen und andere materielle Ressourcen, über weniger Macht und weniger Einfluss auf politische und wirtschaftliche Entscheidungen.

Für Mensch und Natur

So düster die Analyse auch klingen mag – sie ist kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Im Gegenteil: Dieser Zustand ist weder natürlich noch unabänderlich. Oxfam ist überzeugt, dass wir eine Wirtschaftsordnung schaffen können, die das gute Leben für alle möglich macht und ein Leben auf Kosten anderer überwindet. Eine humane Wirtschaft muss die sozialen Bedürfnisse aller erfüllen, indem sie die Menschenrechte einhält sowie die Grenzen unseres Planeten respektiert.

Eine am Menschen ausgerichtete Wirtschaft stellt Rechte, Bedürfnisse, Würde und Freiheit aller ins Zentrum. Zugleich müssen wir in Harmonie mit der Natur leben und die Vielfalt der Lebensentwürfe schätzen. Eine solche Wirtschaft besitzt also eine politische und soziale sowie eine ökologische Dimension. Eine frühere Oxfam-Kollegin, die Ökonomin Kate Raworth, hat dies bildlich durch einen doppelten Kreis, der an einen Doughnut erinnert, dargestellt. Den Bereich zwischen den beiden Kreisen, der weder soziale Mindeststandards unterläuft noch die ökologisch-planetare Grenze überschreitet, nennt sie den sicheren und gerechten Raum für die Menschheit. Ziel aller wirtschaftlichen Aktivitäten sollte es sein, „in den Doughnut zu kommen“, also den Raum zwischen den beiden Ringen auszufüllen, ohne eine der beiden Linien zu durchbrechen.

Um dies zu erreichen, fordert Oxfam eine Demokratisierung der Wirtschaft: Unternehmen müssen bei ihren Entscheidungen die Interessen aller dadurch Betroffenen berücksichtigen. Dabei brauchen am Gemeinwohl orientierte Unternehmen besondere Förderung, damit sie stärker die Märkte prägen – und nicht, wie aktuell, eher Nachteile durch ihre Arbeitsweise haben. Jede Wirtschaftstätigkeit muss den Planeten pflegen und seine Ressourcen so nutzen, dass sie natürlich regenerieren können.

Dass eine solche Wirtschaftsweise möglich ist, beweisen die Menschen, mit denen Oxfam weltweit zusammenarbeitet, jeden Tag:

Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen unterstützen wir beispielsweise Kleinbäuer*innen bei der Anwendung agrarökologischer Methoden, die natürliche Ressourcen nicht nur schonen, sondern sogar verbessern. So können etwa traditionelle Anbaumethoden in Kombination mit dürreresistentem Saatgut und selbstproduziertem ökologischem Dünger auch in wasserarmen Regionen für gute Erträge sorgen und gleichzeitig degenerierte Böden aufwerten. Kooperativen und andere gleichberechtigte Zusammenschlüsse erleichtern es den Bäuer*innen, Geräte zur Weiterverarbeitung anzuschaffen und ihre Erzeugnisse überregional – teilweise sogar international – zu vermarkten.

Angemessene Steuerpolitik

Eine am Menschen ausgerichtete Wirtschaft erfordert zudem, dass insbesondere große Unternehmen und ihre Hauptanteilseigner*innen einen angemessenen Beitrag zum Allgemeinwohl leisten. Und um weltweit die Folgen der Klimakrise abzumildern und insbesondere in Ländern des sogenannten globalen Südens Menschen in Armut zu unterstützen, sind dringend höhere Steuereinnahmen nötig. Wir brauchen sie weltweit, damit Staaten ihre öffentlich finanzierten Dienstleistungen ausbauen können: Bildung, Gesundheit und soziale Sicherung, wovon vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen profitieren. Kurzfristig braucht es deshalb eine Steuerpolitik, die Unternehmen und Superreiche angemessen an der Finanzierung unseres Gemeinwesens beteiligt.

Drei Arten von Steuern könnten zusammen Billionen für den Aufbau einer grünen und gerechten Welt generieren: Oxfam hat modellhaft berechnet, dass eine progressive Steuer auf die Millionen- und Milliardenvermögen der Welt jedes Jahr 1,7 Billionen US-Dollar einbringen könnte. Eine Abgabe auf Investitionen in umweltbelastende Aktivitäten könnte mindestens weitere 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr generieren.

722 der größten Unternehmen der Welt haben in den vergangenen zwei Jahren jeweils unerwartete Übergewinne in Höhe von zusammen mehr als einer Billion US-Dollar eingestrichen. Davon gingen durchschnittlich 237 Milliarden US-Dollar pro Jahr an Energiekonzerne. Analysen von Oxfam und Action Aid zeigen, dass eine Steuer von 50 bis 90 Prozent nur auf die Übergewinne dieser 722 Megakonzerne bis zu 941 Milliarden US-Dollar hätte einbringen können. Geld genug ist also da.

Lücke der unbezahlten Sorgearbeit

Ein weiterer zentraler Punkt zum Erreichen einer Human Economy: Lohnarbeit sollte zumindest unsere Existenzen sichern und im besten Fall zu Wohlstand führen. Derzeit gelingt es vielen Menschen jedoch nicht, von ihrem Einkommen gut zu leben. Insbesondere Frauen bekommen zudem für einen großen Teil ihrer Arbeit weder Lohn noch Anerkennung: Sie leisten den Löwenanteil der unbezahlten Pflege- und Sorgearbeit. Dazu gehören alle Formen von Hausarbeit – waschen, kochen, putzen, Nahrungsmittel beschaffen, Kinder erziehen und hüten, Kranke oder ältere Angehörige pflegen.

Hinzu kommt, dass in vielen wirtschaftlich benachteiligten Ländern Menschen in Armut kaum Zugang zu Wasser- und Energieversorgung haben. Überall dort, wo es an der nötigen Infrastruktur fehlt, müssen Frauen und Mädchen täglich oft mehrere Stunden zu Fuß gehen, um Wasser oder Brennholz zu holen, und die schwere Last dann nach Hause tragen. Auf meiner ersten Reise als Vorstandsvorsitzende besuchte ich in diesem Sommer verschiedene Projekte am Horn von Afrika, die von Oxfam unterstützt werden. Im somalischen Dorf Dhudhub Dhiilo traf ich Anisa Jama Hassan, die täglich mehrere Kilometer weit laufen muss, um Wasser zu holen, ihr jüngstes Kind auf dem Rücken. Das sind Wege und Belastungen, die wir uns kaum vorstellen können. Die Zeit und Energie, die sie dafür aufbringen müssen, fehlt ihnen sowohl für Bildung – Mädchen können keine Hausaufgaben machen oder gar nicht mehr zur Schule gehen – als auch für die Schaffung von Einkommen.

Neben dem Gender Pay Gap, der anzeigt, wie viel weniger Lohn als Männer Frauen weltweit für gleiche Arbeit erhalten, existieren also weitere Lücken, die es zu schließen gilt: Der Gender Care Gap besagt, dass Frauen einen Großteil der nicht entlohnten Sorgearbeit leisten, der Gender Time Gap, dass Frauen weniger Zeit für Erwerbsarbeit haben. Es bleibt ihnen zudem weniger Freizeit oder Zeit für zivilgesellschaftliches und politisches Engagement. Auch deshalb sind Frauen in wirtschaftlichen und politischen Führungspositionen immer noch deutlich unterrepräsentiert, so dass ihre Lebenserfahrungen weniger Eingang in Gesetze und wirtschaftliche Entscheidungen finden.

Eine am Menschen orientierte Wirtschaft erkennt daher nicht nur Erwerbsarbeit an, sondern auch Sorgearbeit, belohnt diese und verteilt sie gleichmäßiger. Zudem gilt es, Sorgetragende durch eine gute öffentliche Pflegeinfrastruktur zu entlasten und ihre Belange und Bedürfnisse stärker zu repräsentieren.

Wirtschaft neu ausrichten

Auch wenn Märkte ein wichtiger Motor für Wachstum und Wohlstand sind, dürfen Regierungen nicht länger davon ausgehen, dass der Motor das Auto lenkt. Das Wohlergehen aller und das Überleben unseres Planeten kann nicht gelingen im Rahmen eines vor allem nach finanziellem Profit und wachsendem Reichtum für einige wenige ausgerichteten Wirtschaftssystems. Das gute Leben für alle muss das Ziel wirtschaftlichen Handelns sein!

Was uns Hoffnung macht: Immer mehr Menschen – und auch einige Unternehmen – erkennen, dass es so nicht weitergeht, und setzen sich, wie Oxfam, für eine andere Art der Wirtschaft ein.

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