Verantwortung-Beirat Prof. Dr. René Schmidpeter leitete im Rahmen der Responsible Leadership Conference 2023 des F.A.Z.-Instituts Ende November in München eine Diskussion, in der alle Grundannahmen der unternehmerischen Verantwortung hinterfragt wurden.
Prof. Dr. René Schmidpeter In den neuen Denkmodellen der Betriebswirtschaftslehre ist es undenkbar, Gewinne auf Kosten der Ökologie oder der sozialen Dimension zu machen. Starten wir mit dieser These: Stimmt das so?
Prof. Dr. Mathias Schüz Wenn die Wirtschaft so gut funktionieren würde, dann bräuchten wir gar keine Diskussion. Das sind Argumente, die wir vor 40 Jahren schon angedacht haben. Aber die Unternehmen und Kunden, die haben irgendwie nicht so richtig reagiert. Warum? Es fehlte der Druck der politischen Regulierung. Und die wurde eigentlich erst in den letzten Jahren ausgelöst, durch öffentliche Skandale. Es waren Weckrufe. Aber die alte Vorstellung vom ökonomischen Handeln, das darauf abzielt, den eigenen Nutzen zu maximieren, existiert nach wie vor. Wenn ich das Paradigma der Profitmaximierung auf die Wirtschaft übertrage, bedeutet dies, dass ich so viel wie möglich für mich heraushole, den eigenen Nutzen maximiere.
Schmidpeter Woher kommt Nutzen denn überhaupt?
Schüz Der Nutzen ist das Wesen des ökonomischen Tauschs. Tausch ist nur dann gut, wenn beide Seiten gewinnen. Das heißt, ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen ist wichtig. Beide Seiten müssen gewinnen. Mit jedem Stakeholder haben wir ein Tauschverhältnis, und das ist nur dann gut, wenn das Gleichgewicht stimmt. Wenn ich mehr nehme, als ich gebe, wird es zur Räuberei. Und wenn ich mehr gebe, als ich nehme, wird es zum Geschenk. Beides ist nicht Ökonomie. Ökonomie ist die Mitte zwischen Raub und Geschenk. Wir haben aber leider seit dem 19. Jahrhundert eine pure Räuberökonomik gepflegt, und das ist heute das Problem: Wenn ich eine ganze Wertschöpfungskette Abschnitt für Abschnitt betrachte, dann ist jedes Glied in der Kette ein Tauschvorgang – der bereits mit der Natur beginnt! Das Kobalt, das in jedem Smartphone verbaut ist, stammt aus dem Kongo. Die Gewinnung dieses Kobalts führt zu einer brutalen Desertifikation von Urwäldern und hinterlässt Kindersklaven.
Schmidpeter Werden EU-Taxonomie und ESG daran etwas ändern?
Prof. Dr. Eva Schlindwein Es wird auf jeden Fall mehr Druck in puncto Transparenz und Messbarkeit geben. Zum Beispiel das Lieferkettengesetz, das gleichzeitig auch ein Denkanstoß ist, um diese räuberische Ökonomie anzugehen. Die ESG stehen aber auf wackligen Beinen. Das liegt bereits daran, wie wir die verschiedenen Ansätze messen. Wenn wir uns die Ratings anschauen, gibt es für ein und dasselbe Unternehmen unterschiedlichste Bewertungen, je nachdem, welche Agentur misst. Das hilft nicht. Messbarkeit kann nur dann zu Effektivität führen, wenn einheitlich gemessen wird.
Schmidpeter Da sind zwei Themen angesprochen, kulturelle Unterschiede und Unterschiede in der Messbarkeit. Führen die Klimainitiativen in Europa und deren Umsetzung zu Wettbewerbsnachteilen?
Schlindwein Es ist mittlerweile nirgends mehr so, dass es keine Regulierungen gibt. Auch in China und in Indien gibt es diese. Zu große Unterschiede zwischen den Regulierungen und der Messung von ESG können aber natürlich zu Nachteilen führen, etwa in Deutschland und Österreich im Vergleich zu anderen Wirtschaftsstandorten. Die Frage ist also, wie es zu einer Angleichung und globalen Vergleichbarkeit kommen kann. Unternehmen stehen ja derzeit vor der Herausforderung, es Tausenden verschiedenen Stakeholdern auf mehreren Kontinenten recht machen zu müssen.
Schmidpeter CSR ist ein Begriff, der ja schon Jahrzehnte in der Wissenschaft diskutiert wird. Warum braucht es jetzt ESG?
Prof. Dr. David Risi Der ordnungspolitische Rahmen hat sich in den letzten Jahren geändert, und der Druck seitens des Regulators auf die Unternehmen ist gestiegen. Dies manifestiert sich in den ESG-Kriterien. Unternehmen haben bereits Abteilungen dafür, und es gibt einen starken Fokus auf Compliance, also die Einhaltung von Regeln. Unternehmen sehen Nachhaltigkeit aber nicht nur als Verpflichtung, sondern auch als Chance, und da kommt Corporate Social Responsibility ins Spiel, indem aktiv Themen angegangen und nicht nur Risiken minimiert und Regeln befolgt werden. Unternehmen können CSR mit ESG kombinieren, beispielsweise auch durch die Einbeziehung von Lieferanten und durch die Zusammenarbeit mit dem Staat als wichtigem Stakeholder, um ordnungspolitische Rahmenbedingungen zu schaffen.
Schmidpeter Erlebt der Stakeholder-Ansatz damit eine Wiederbelebung? Ist das ein neuer Trend in der Wissenschaft?
Risi Der Stakeholder-Ansatz ist Mainstream in der Kommunikation von Unternehmen, da ist der Shareholder Value out. Und trotzdem sind Unternehmen weiterhin am Shareholder-Value-Profit orientiert. Die Unternehmen sprechen immer vom Business Case, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Aber in der Praxis, und das zeigen etliche Untersuchungen, dominiert der Trade-off und nicht der Business Case. Das Primat des Shareholder-Value-orientierten Profitstrebens schafft keine nachhaltige Transformation. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Die Grundverantwortung gegenüber Mitarbeitern, Zulieferern und so weiter ist einzuhalten, das Primat der Stakeholder Values.
Schmidpeter Bei ESG kommt Ökonomie ja gar nicht mehr vor. Es sind E für Umwelt, S für Sozial und G für Governance. Bei CSR war es ja noch die Triple Bottom Line (People, Planet, Profit, Red.). Wie kann man erklären, dass gerade die Finanzexperten bei ESG die Ökonomie gar nicht mehr in die Abkürzung integriert haben?
Schüz Die Triple Bottom Line wurde von Elkington definiert, aber schon in den 1980er Jahren von Wissenschaftlern proklamiert. Dass ESG nun als Richtschnur genommen wird, ist tatsächlich merkwürdig, so, als ob die Ökonomie nicht mehr zählt. Das Problem besteht schon im Ansatz. Wenn man in die Ökologie oder ins Soziale investiert, geht das auf Kosten des Ökonomischen und umgekehrt. Dies ist jedoch ein Scheinargument, denn solange man nur diesen Trade-off sieht, wird immer irgendwo „geräubert“. Nachhaltiger Gewinn entsteht schlussendlich hingegen nur dann, wenn faire Tauschverhältnisse entlang allen drei Dimensionen geschaffen werden.
Schlindwein Ökonomie kommt in der ESG-Diskussion schon vor, und zwar als Prinzip der doppelten Materialität. Man betrachtet ja, wie Externalitäten – also zum Beispiel das Klima – auf meine Bottom Line und meinen Ertrag wirken, und umgekehrt, welche Auswirkungen meine Wirtschaftsaktivitäten auf das Klima beziehungsweise auf die Biodiversität haben. Zum Profitstreben: Ich würde schon die kritische Frage stellen, was denn der Purpose eines Unternehmens ist, wenn es nicht doch irgendwo die Orientierung am Profit gäbe. Ich würde eher den ewigen Wachstumsgedanken hinterfragen, dieses Maximieren von Wachstumsraten. Aber Profit an sich ist für mich nichts Schlechtes.
Schmidpeter Wir leben in einer Zeit voller Krisen, und da ändern sich immer auch die Materialitäten, die globalen Prioritäten. Ukraine und Nahost haben die Welt verändert, haben auch die Lieferketten verändert, die weltweit nach wie vor nur zum Teil funktionieren. Kann man überhaupt Materialitäten für Zeiten des Umbruchs festlegen? Oder muss man akzeptieren, dass heute Klimaschutz materiell ist, aber morgen Verteidigung und übermorgen dann doch wieder die Bekämpfung der Pandemie?
Schüz Wir sprechen in der Forschung inzwischen nicht mehr von Krise, sondern von Polykrise. Eine Polykrise bedeutet, dass jedes Element – Klimawandel, Artensterben, die Desertifikation von Urwäldern und vieles mehr – sich gegenseitig verstärken und einen Dominoeffekt auslösen. Es wurde erst gestern berichtet, dass Brasilien befürchtet, dass die Versteppung des Amazonas-Urwalds unmittelbar bevorsteht. Die Aspekte verschärfen sich wechselseitig, und alle ernstzunehmenden wissenschaftlichen Berichte zu diesem Thema geben uns maximal noch acht Jahre Zeit, bis der Kipppunkt erreicht ist und die Hitzewelle unwiderruflich ist. Ein weiteres Problem ist, dass wir immer noch große Länder wie die USA haben, in denen die Gesellschaft gespalten ist. Die Hälfte der Amerikaner denkt immer noch im Kontext des Shareholder Value und einer entfesselten Ökonomie. Es gibt nach wie vor Widerstand gegen politische Regulierungen, und viele Menschen halten immer noch am Denken des 19. Jahrhunderts fest, dem sogenannten Gilded Age, in dem die Monopolisierung von Marktmacht das Ziel war. Dies ist ein Problem.
Schmidpeter Kommen wir zu den sogenannten weicheren Faktoren, der sozialen Dimension. Etwa den so wichtigen wertschätzenden und partizipativen Umgang mit den Mitarbeitern. Warum tut man sich hier so schwer, dies in Kennzahlen und Managementsysteme zu überführen? Gibt es da einen fundamentalen Unterschied zwischen E und S im ESG?
Schlindwein Der Fokus ist dort, was man auch in den Regularien findet, und das ist stark umweltorientiert. Zudem zeigt sich, dass S das „most fuzzy concept“ ist. Man hat hier die größte Abweichung und größte Vielfalt bei Ratingagenturen. Selbst Forschungsinstitute nutzen unterschiedliche Ansätze. Manche verstehen unter S nur Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten. Und schon ein so breites Thema wie Inklusion wird unterschiedlich gemessen, je nachdem, welches Rating man betrachtet oder welche Frameworks man verwendet. Wenn jetzt Ansprüche ans Reporting der Unternehmen steigen, zum Beispiel auch im Finanzwesen, dann stehen KMU beispielsweise als Kreditnehmer vor großen Herausforderungen, diese sehr vagen Kriterien trotzdem abzubilden und messbar zu machen, denn sonst geht die Kreditfähigkeit runter.
Schmidpeter Jetzt fehlt mir noch die Frage nach der Governance – was ist eigentlich mit dem „G“?
Schüz Da geht es im Kern um die Frage: Wie führt man ein Unternehmen? Ich kann die untergebenen Mitarbeiter nicht nur zusammenstauchen, sondern muss sie an Bord holen. Das geht nur durch Schulung und Bildung. Wir haben 200 Jahre geschult, den Eigennutzen zu maximieren. Das wegzukriegen ist ein riesiges Problem, das dauert lange. Man sagt ja, dass man ein altes Paradigma nur ablösen kann, wenn dessen Vertreter aussterben. Für mich ist Governance vor allem Responsible Leadership. Und wir wissen, dass viele alte Führungsmodelle heute nicht mehr stimmen. Dass da oben der Boss ist und die anderen folgen. Heute redet man von Holacracy: Jeder ist verantwortlich, egal wo er oder sie steht, und jeder muss schauen, die Konsequenzen des eigenen Handels zu überschauen und es vor allen Betroffenen, also den Stakeholdern, rechtfertigen zu können. Das heißt eigentlich Verantwortung übernehmen.




