Wenn unsere Tochter oder unser Sohn sich in Lützerath an einen Braunkohlebagger im Tagebau Hambach ketteten oder sich als Mitglied der „Letzten Generation“ auf einer vielbefahrenen Straße festklebten – würden wir großen Stolz empfinden oder große Scham? Würden wir, wie der Comedian Dieter Nuhr, der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg empfehlen, sich an einer tatsächlich lebensgefährlichen Demonstration in China zu beteiligen anstatt an einer „Marketingaktion“ in einem rheinischen Dorf? Ist es ein berechtigter Einwand gegen die Mittel des Widerstands angesichts ökologischer Tatenlosigkeit und unverdrossenen Bestandsdenkens – oder ein billiger Gag angesichts großen Mutes und politischer Zivilcourage?
Lützerath, „Letzte Generation“, Fridays for Future, zahllose Bewegungen rund um Umweltthemen, aber auch Themen wie die Rechte von Frauen oder Kindern, die Tierhaltung und vieles mehr sind Teil der Nachhaltigkeitsdebatte, Teil einer Transformation gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten und Paradigmen. Inzwischen ist es politically correct, nachhaltig zu denken und zu leben. Für uns ist Nachhaltigkeit zum zentralen „Dispositiv“ geworden, um mit dem französischen Philosophen Michel Foucault zu sprechen: zu einer Weltsicht, einer Ideologie, einer allgemeinen Maxime, unter der wir uns selbst, andere und die Welt betrachten und beurteilen. Kann man allen Ernstes etwas auszusetzen haben an dieser großartigen Idee? Ja, findet der ehemalige Chefredakteur der Zeitschrift „Philosophie Magazin“ Wolfram Eilenberger: „Die Kernillusion der Nachhaltigkeit als Begriff besteht darin, dass wir unser jetziges Lebensniveau aufrechterhalten können, wenn wir nur ein bisschen smarter, ein bisschen verantwortlicher mit den Ressourcen umgehen, dass wir also gar nichts ändern müssen.“ Deswegen der Aufschrei wegen einiger junger Menschen, die auf Straßen kleben. Und zum Einwand, die Wirtschaft etwa habe das Thema doch großflächig aufgenommen, kontert er, dass der Umstand uns besonders skeptisch machen sollte, „mit welcher Warmherzigkeit und mit welch offenen Armen die gesamte Wirtschaft diesen Begriff umarmt.“ Nachhaltigkeit als Leitidee anzuerkennen heiße, auf grundlegende Veränderungen zu verzichten. Kurz: Der Grad und die Form des Aktivismus insbesondere der Jugend steht in direkter Korrelation zum Grad und zu der Form des vorherrschenden restaurativen Mainstreams.
Gegenwart und Zukunft
Das Wort Nachhaltigkeit gehört zur Gattung der inflationären Begriffe. Wird es in der Alltagssprache zumeist synonym mit „langfristig“ benutzt, orientiert sich die Fachwelt an der Brundtland-Definition von 1987: “Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ Die Philosophie nennt eine solche Formulierung normativ: es wird ein universelles Sollen gefordert, hier ein Recht auf gutes Leben. Zugleich geht es ethisch um Gerechtigkeit: Schulden wir Gegenwärtigen zukünftigen Generationen etwas – und wenn ja, was und wie viel? Nachhaltigkeit verknüpft also einen gegenwärtigen Handlungsauftrag mit einem (vorgestellten) zukünftigen Bedarf und ist somit ein Entwicklungsbegriff. Für den britischen Philosophen Bernard Williams zählt der Nachhaltigkeitsdiskurs deswegen zu den „thick concepts“. Damit ist gemeint, dass hier Fakten und Werte gleichermaßen on Bedeutung sind. Wir reden beispielsweise einerseits von messbaren Umweltschäden, quantifizierbaren Kosten für nachhaltigere Energiegewinnung – und gleichzeitig von korrekten oder inkorrekten Verhaltensweisen, von Generationengerechtigkeit, von der Logik des Verzichts oder des Wachstums. Kurz: Nachhaltigkeit fordert uns auf, den höchsten (anthropozentrisch-)normativen Begriff überhaupt – den Anspruch auf gutes Leben aller Menschen – mit unseren faktischen Möglichkeiten und Rahmenbedingungen unter Berücksichtigung künftiger Generationen zu verbinden. Das ist kompliziert!
Williams hat dazu eine spannende Idee, die zwar das Dilemma nicht löst, aber eine stärker pragmatische Handhabung zulässt. Er greift auf die Unterscheidung zwischen idealen und nicht-idealen Gerechtigkeitstheorien zurück. Einfach gesagt: Ideale Gerechtigkeitstheorien ignorieren die faktischen Umstände normativer Forderungen, nicht-ideale Theorien ziehen sie explizit in Betracht. Es wäre also ein erster Ansatz, wenn man die Positionen in Nachhaltigkeitsdebatten darauf hin überprüfte, ob sie der idealen oder der nicht-idealen Theorie folgen. Es käme der Realisierung nachhaltiger Projekte womöglich zugute, auch wenn eine pragmatische Sichtweise schmerzlich und nicht befriedigend sein mag. Sie führte aber dazu, dass – vergleichbar dem Streit um Waffenlieferungen versus Friedensverhandlungen beim Ukrainekrieg – erkennbar unrealistische Positionen, so wünschenswert sie auch seien, keine Berücksichtigung fänden.
Die Masse des Einzelnen
Für den Einzelnen, aber auch für Unternehmen ergibt sich aus dem universellen Sollen und der Verknüpfung von aktuellem Handlungsdruck und zukünftiger Verifizierung psychologisch eine Überforderung: Wie soll ich als Einzelner, ja auch als Unternehmen tatsächlich etwas ändern? Es ist das Argument der kausalen Ineffizienz: Der Einzelne ist in seinen Handlungen wirkungslos, er macht keinen Unterschied. Dieses Argument wird gerne verknüpft mit der Überzeugung, dass doch eher die Industrie oder die Regierung verantwortlich seien. Ich bin raus! Besonders in der Klimadebatte wird dieses Argument immer wieder vorgetragen. Der wissenschaftliche Begriff für dieses Phänomen ist Negligibilität. Er steht für die Annahme, dass jeder einzelne Mensch in seinen Handlungen so unbedeutend (vernachlässigbar) ist, dass das, was er persönlich tut, keine Auswirkungen auf die Gesellschaft hat.
Wir ahnen, warum vielen Menschen diese Sichtweise gefällt! Wenn es stimmt, dass wir keinen Unterschied machen, dass unsere Handlungen am Zustand der Welt, ja auch an der unmittelbaren Welt, in der wir zu Hause sind, nichts ändern, müssen wir unseren Handlungen auch kein Gewicht beimessen, unsere Taten, unsere Gedanken und Pläne nicht sorgfältig und nachhaltig abwägen. Man könnte sagen, es entsteht so eine Art moralische Arbeitsteilung: es gibt die, die für den Großteil dessen verantwortlich sind, was geschieht, und die anderen, die aus dem Schneider sind, weil ihr Verhalten unerheblich ist. Milan Kundera hat das in seinem Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, auf die Einmaligkeit unserer Existenz gemünzt, wie folgt beschrieben: „Wenn sich jede Sekunde unseres Lebens unendliche Male wiederholt, sind wir an die Ewigkeit genagelt wie Jesus Christus ans Kreuz. Eine schreckliche Vorstellung. In der Welt der Ewigen Wiederkehr lastet auf jeder Geste die Schwere einer unerträglichen Verantwortung.“ Die Idee markiert den Gegenpol zum Konzept der Negligibilität. Der Roman, der vor 40 Jahren etwa zur selben Zeit veröffentlicht wurde wie die Nachhaltigkeitsdefinition der Brundtland-Kommission, zeigt, in welche Richtung sich der Zeitgeist entwickelt hat.
Ist es nicht bizarr, dass wir in der freiheitlichsten und individualistischsten Welt aller Zeiten leben, in der Menschen für jeden und jedes den Anspruch reklamieren, gehört und respektiert zu werden, gleichzeitig aber sich selbst und ihrem Leben einen marginalen Einfluss, ein marginales Gewicht zugestehen? Ist das gegebenenfalls eine entscheidende Ursache für unsere Reaktion auf jene jungen Menschen, die plötzlich dem Einzelnen ein Gewicht und ein Veränderungspotential zusprechen, das wir in unserer Wohlstandsgesellschaft längst vergessen hatten? Und könnte nicht diese unerträgliche Masse des Einzelnen, seine Schwere, seine unvergleichliche Bedeutung ein Ansatzpunkt sein für eine neue Nachhaltigkeit? Übrigens: Die Logik, auch wenn sie bekanntermaßen keine große Lobby besitzt, spricht dagegen, dass die Handlungen Vieler gemeinsam eine Wirkung entfalten, die Handlungen Einzelner dagegen nicht. Denn die Vielen, das sind eben – viele Einzelne.
Modell Wachstum
Ein weiterer Aspekt fällt bei der philosophischen Betrachtung der Nachhaltigkeit auf: der Konflikt von Nachhaltigkeit und Wachstum. Man muss nicht Niko Paech von der Universität Siegen zustimmen, der vehement eine Postwachstumsökonomie fordert. Er ist, nicht überraschend, ein Außenseiter in der deutschen Volkswirte-Szene, legt aber zweifellos den Finger in die Wunde. Seine Rechnungen gehen so: Der Spritverbrauch von Automobilen sei seit 1991 um gerade einmal 0,1 Liter gesunken. Die stärksten Zuwächse verzeichnet das Segment der SUVs, besonders „durstige“ Fahrzeuge. Oder: Pro Kopf liegen die Deutschen bei rund 11 Tonnen CO2 pro Jahr, für das Zwei-Grad-Klimaziel müssten es rund drei Tonnen sein. Was sollen das für Produkte und Dienstleistungen sein, die das ermöglichen, fragt Paech. Die einfache Antwort: Die gibt es nicht! Für den Berliner Sozialpsychologen Harald Welzer herrscht in Deutschland eine „Zivilreligion des Wachstums“. Und für Paech ist die deutsche Kultur explizit „ein expansives Modell“. Es folgt der Vorstellung, dass Zukunft darin besteht, dass von allem immer mehr da ist. Und tatsächlich hat das jahrzehntelang funktioniert. Deswegen gibt es auch keine alternativen Modelle. Paech, Welzer und andere, die sich mit dem Thema intensiv auseinandersetzen, sehen deswegen im Konzept der Nachhaltigkeit lediglich die Idee des Wachstums in einem neuen Kleid, welche „einen tiefen Wandel in unserem Verhältnis zur Umwelt suggeriert, aber tatsächlich eine Stabilisierung unseres jetzigen Verhältnisses zur Welt leistet“.
Nachhaltigkeit und Philosophie
Die Diskussion um das Thema Nachhaltigkeit ist nicht von Optimismus geprägt. Wohl aber von intensivem Lagerdenken. Es fehlt eine verbindende, konstruktive Grundlage. Immerhin gibt es Ansätze. Sie alle haben auf die eine oder andere Weise mit Philosophie zu tun. Vielleicht deswegen, weil die Philosophie als Disziplin, als grundlegendes Vermögen des Menschen eine klare Trennung kennt zwischen Entwicklung und Fortschritt. Wir haben seit der Antike zahlreiche Wissensgebiete, Methoden und Ideen entwickelt, die allesamt im antiken Griechenland, der abendländischen Wiege der Philosophie, nicht existierten. Aber kein ernstzunehmender Philosoph würde behaupten, dass wir heute ein höheres Niveau erreicht hätten als Platon und Aristoteles. Was man mit gutem Recht von anderen Bereichen sagen kann, etwa der Technik, der Medizin oder der gesellschaftlichen Infrastruktur. Die Philosophie ist die ideale Brücke zwischen den Themen diesseits und jenseits der „thick concepts“. Ein sehr gelungenes Beispiel ist etwa der Aphin e.V., ein bundesweiter Arbeitskreis philosophierender Ingenieure. Seine „zehn Thesen zu einer an Nachhaltigkeit orientierten philosophischen Grundbildung für Ingenieure und Naturwissenschaftler“ sind ein guter Ansatz, Nachhaltigkeit neu zu denken. Ein ebenso beeindruckendes Projekt ist der Studiengang „Umweltgeisteswissenschaften“ an der Université de Fribourg in der Schweiz. Hier geht es insbesondere um ethische Fragen der Umweltpraxis und um die Herausforderungen der gerechten Verteilung von Umweltbelastungen. Schließlich sei noch genannt die Berliner „Stiftung FuturZwei“, die sich um „enkeltaugliche Lebensstile und Postwachstum“ bemüht. Aus ihren Publikationen spricht ein anspruchsvoller, aber auch weniger konfrontativer Geist einer Nachhaltigkeitsdebatte, die fähig ist, auch auf die kleinen Aperçus zu achten, die nicht selten gut sind für ein gelungenes Schlusswort. Dies hier verdankt sich einem Artikel der New York Post: „Beim Abdulaziz Camel Festival in der Nähe von Riad wurden mehr als 40 Kamele disqualifiziert, weil sie zu viel Botox und Hormone intus hatten. Ein hoffentlich nachhaltiger Schlag gegen die Züchter, die bei diesem Kamel-Schönheitswettbewerb um ein Preisgeld von knapp 66 Millionen US-Dollar konkurrierten.“




