Transformation gelingt nicht allein durch neue Technologien oder Prozesse. Entscheidend ist eine Unternehmenskultur, in der Mitarbeitende Ideen einbringen, Neues erproben und Irrwege als Lernchancen verstanden werden. Als wir bei Viadee vor Jahren begannen, Innovationsarbeit systematisch zu verankern, standen wir vor einer zentralen Frage: Wie schaffen wir Raum für Experimente, ohne das Tagesgeschäft zu gefährden? Schnell wurde klar, dass es dafür klare Strukturen, offene Formate und geschützte Freiräume braucht. Dabei entstehen nicht nur neue Lösungen für Kunden, sondern auch solche, die interne Herausforderungen adressieren – von Nachhaltigkeit und Künstlicher Intelligenz bis hin zu Zusammenarbeit und mentaler Gesundheit.

Transformation beginnt nicht mit dem perfekten Plan

Neue Technologien, Kundenbedürfnisse und gesellschaftliche Anforderungen erhöhen den Veränderungsdruck. Zugleich bindet das Tagesgeschäft die Zeit, die für Neues benötigt wird. Innovation wird strategisch gefordert, im Alltag aber oft verschoben. Transformation entsteht jedoch selten durch ein einzelnes Großprojekt, sondern in vielen einzelnen Schritten. Ideen müssen sichtbar gemacht, geprüft, weiterentwickelt und gegebenenfalls verworfen werden. Dabei darf Innovation nicht auf Kundenprojekte beschränkt bleiben. Wer veränderungsfähig sein will, muss die Innovationsarbeit auch nach innen richten – auf Zusammenarbeit, Strukturen, Kompetenzen und Geschäftsmodelle.

Vom Kundengeschäft zur eigenen Veränderungsfähigkeit

Ein Beispiel aus unserer Praxis zeigt diesen Weg: Für Viadee war Innovation zunächst vor allem Teil des Kundengeschäfts. 2014 richtete das Unternehmen einen eigenen Forschungs- und Entwicklungsbereich ein, um neue Technologien, Methoden und Produkte unabhängig von einzelnen Projekten zu erproben. So ließen sich künftige Angebote früh greifbar machen und nicht tragfähige Ansätze beenden. Dabei wurde deutlich, dass Innovationsarbeit nicht ausschließlich auf den Markt ausgerichtet sein darf. Auch das Unternehmen selbst muss sich stetig weiterentwickeln und Strukturen schaffen, die ein Mindset fördern, das Transformation und Innovation begünstigt.

Die zentrale Erkenntnis lautet: Innovation braucht Freiraum, aber auch Verbindlichkeit. Mitarbeitende benötigen Zeit, Orientierung und transparente Entscheidungswege. Zugleich braucht es ein veränderungsfähiges Mindset, das Unsicherheit und unfertige Lösungen aushält. So verändert die Organisation auch ihren Umgang mit Wissen, Verantwortung und Risiko.

Freiraum braucht Struktur

Aus diesen Erkenntnissen wurde schrittweise ein Rahmen aufgebaut, der allen Mitarbeitenden unabhängig von Funktion und Position offensteht. Ein festes Zeitbudget von unternehmensweit rund 4.000 Personentagen pro Jahr schützt die Innovationsarbeit vor dem Tagesgeschäft. Definierte Rollen und Gremien koordinieren, priorisieren und bewerten die Vorhaben. Ideen gelangen je nach Tragweite oder Auswirkung über Führungskräfte, Themenverantwortliche und Vertrauenspersonen direkt in die jeweiligen Teams oder zur Geschäftsleitung. Seit 2020 ergänzt eine Ideenboard-App diese Wege. Alle Mitarbeitenden können dort Vorschläge einstellen, kommentieren und priorisieren. Interne Vorträge und offene Schulungen verbreiten Wissen über Projekte und Technologien.

Die Einreichungen über das Ideenboard werden kontinuierlich gesichtet und bewertet. Zusätzlich gibt es einmal im Jahr einen sogenannten ShipIt Day, für den ein separater Ideenaufruf erfolgt. An diesem Tag bearbeiten Mitarbeitende in interdisziplinären Teams die gesammelten und priorisierten Vorschläge – vom Problemverständnis bis zur Entwicklung eines ersten präsentationsfähigen Ergebnisses. Die Bandbreite reicht von neuen Erkenntnissen über interne Prozessverbesserungen bis hin zu Produktverbesserungen oder neuen Angeboten für Kunden. Der Termin findet bewusst außerhalb des üblichen Arbeitsumfelds statt, um losgelöst vom Tagesgeschäft mehr Freiraum zum Experimentieren zu schaffen.

Schritt für Schritt zum Ergebnis

Die Bearbeitung folgt den Prinzipien der Lean-Start-up-Methode. Das Team klärt Problem, Zielgruppe und Nutzen und testet die wichtigsten Hypothesen mit geringem Aufwand. Ein Prototyp oder kleines Experiment liefert Feedback. Danach wird die Idee weiterverfolgt oder verworfen. Das verkürzt den Weg zur Erkenntnis und begrenzt Risiken. Voraussetzung ist, dass Mitarbeitende unfertige Gedanken äußern und Annahmen ohne Angst vor negativen Konsequenzen infrage stellen können. Psychologische Sicherheit ist daher das Fundament der Innovationsarbeit, denn sie ermöglicht kreatives Denken, Widerspruch, Zusammenarbeit und Verantwortung.

Ein wichtiger Gradmesser ist der Umgang mit Vorhaben, die nicht weitergeführt werden. Solche Kurskorrekturen sind besonders nach persönlichem Einsatz anspruchsvoll. Entscheidend ist, die Gründe transparent zu machen und Erkenntnisse zu sichern. Ein früh beendeter Ansatz kann wertvoller sein als ein Projekt, das aus Beharrlichkeit weiterläuft. Scheitern ist somit nicht das Gegenteil von Erfolg, sondern kann einen wichtigen Erkenntnisgewinn darstellen.

Wirkung in unterschiedlichen Handlungsfeldern

Die Ergebnisse wirken nach außen wie nach innen. Während der Corona-Pandemie entstand eine Software für die interne Raumbuchung, mit der sich Heizenergie einsparen lässt und die inzwischen auch Kunden angeboten wird. Hinzu kamen eine Web-App für die Arbeit mit KI-Prompts, KI-gestützte Usability-Tests und eine Simulation zur psychologischen Sicherheit in Teams. Weitere Impulse waren die Teilnahme an der Gemeinwohl-Ökonomie-Initiative, die Vermittlung gewaltfreier Kommunikation sowie neue Beratungsfelder wie Security und Penetration Testing. Innovationen entstanden damit sowohl für den Markt als auch für interne Transformationsprozesse. Gemeinsam ist ihnen der Weg: Probleme werden aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, Annahmen früh erprobt und tragfähige Ansätze schrittweise weiterentwickelt.

Innovation zwischen Freiraum und Fokus

Eine gelebte Innovationskultur löst das Spannungsfeld zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsarbeit allerdings nicht vollständig auf. Zu viele Ideen zerstreuen die Aufmerksamkeit, zu starre Planung verhindert schnelle Reaktionen und fehlende Nachbereitung lässt Impulse verpuffen. Bei Viadee wird deshalb versucht, Verbindlichkeit mit Flexibilität zu verbinden. Ein strukturierter Planungsprozess legt Investitionsrahmen und -portfolio fest. Themenspezifische Budgets, etwa für Cloud, Künstliche Intelligenz oder IT-Sicherheit, sowie ein offener Topf für neue, bereichsübergreifende oder disruptive Themen schaffen zugleich Raum für Ungeplantes. Ansätze werden früh getestet, iterativ entwickelt oder bewusst beendet. Als besonders wirksam haben sich breite Beteiligung, interdisziplinäre Zusammenarbeit, schnelle Validierung und transparente Entscheidungen erwiesen. Dabei zählt nicht nur der direkte finanzielle Business Case. Auch bessere interne Prozesse, neue Kompetenzen oder das Wissen, warum ein Ansatz nicht funktioniert, sind wertvolle Ergebnisse.

Was andere Unternehmen übertragen können

Nicht jede Organisation benötigt einen eigenen Forschungsbereich oder ein großes Innovationsbudget. Übertragbar sind jedoch die Grundprinzipien. Am Anfang kann ein niedrigschwelliges Ideenboard, ein Problemworkshop, ein interner Vortrag oder ein klar abgegrenzter Innovationstag stehen. Früh geklärt werden sollte, wie Vorschläge bewertet werden, wer Verantwortung übernimmt und was anschließend folgt. Typische Stolpersteine sind ein zu großer Anspruch, unklare Erwartungen und der Versuch, Innovation vollständig zu planen. Problematisch ist auch unverbindlicher Freiraum ohne Prioritäten und Anschlussprozess. Besser ist es, anzufangen, zu lernen und den Rahmen schrittweise weiterzuentwickeln. Transformation wird so zur dauerhaften Fähigkeit statt zur Abfolge isolierter Programme. Innovationsfähigkeit trägt damit maßgeblich zur Zukunfts- und Resilienzfähigkeit eines Unternehmens bei.


Erfolgreicher Innovationstag: die acht wichtigsten Schritte

Freiraum kommunizieren

Der Innovationstag sollte außerhalb des Arbeitsalltags und ohne unmittelbaren Verwertungsdruck organisiert werden. So entsteht der notwendige Raum, um neue Ideen konzentriert zu entwickeln und erste Ansätze ohne den direkten Einfluss des Tagesgeschäfts zu erproben.

Geeignete Location wählen

Die Veranstaltung sollte an einem gut erreichbaren und inspirierenden Ort stattfinden. Wichtig sind ausreichend Räume für die Arbeit der Teams sowie eine stabile WLAN-Verbindung, damit die Teilnehmenden ihre Ideen ohne technische Einschränkungen bearbeiten können.

Themenkorridor definieren

Vorab sollte geklärt werden, welche Ideen gesucht sind. Dabei kann der Themenkorridor beispielsweise Prozesse, Kundenangebote oder strategische Fragestellungen umfassen. Eine klare thematische Orientierung hilft den Teilnehmenden, ihre Vorschläge gezielt auszuarbeiten.

Ideen strukturiert einholen

Bereits bei der Einreichung sollten die zentralen Aspekte einer Idee abgefragt werden. Dazu gehören insbesondere das zugrunde liegende Problem, die Zielgruppe und der mögliche Mehrwert. Auf diese Weise lassen sich die Vorschläge besser einordnen und für die weitere Bearbeitung vorbereiten.

Teams entlasten

Damit sich die Teams vollständig auf die Entwicklung und Prüfung ihrer Ideen konzentrieren können, sollten Organisation, Material und Abläufe im Vorfeld geklärt werden. Eine gute Vorbereitung reduziert unnötige Unterbrechungen und schafft verlässliche Arbeitsbedingungen.

Kurze Pitches ermöglichen

Für die abschließenden Ergebnispräsentationen sollte eine feste Zeitvorgabe gelten. Eine kurze, klar definierte Timebox sorgt dafür, dass die Teams ihre wichtigsten Erkenntnisse und Ergebnisse konzentriert vorstellen und alle Gruppen ausreichend Gelegenheit zur Präsentation erhalten.

Wertschätzend moderieren

Das Feedback sollte strukturiert, konstruktiv und ermutigend gestaltet werden. Eine wertschätzende Moderation schafft eine Atmosphäre, in der die Teilnehmenden offen über ihre Ideen, Fortschritte und auch mögliche Schwierigkeiten sprechen können.

Nachbereitung sichern

Nach dem Innovationstag sollte transparent erklärt werden, wie mit den entwickelten Ideen weiter verfahren wird. Das gilt auch für Vorschläge, die nicht weiterverfolgt werden. Eine nachvollziehbare Nachbereitung stellt sicher, dass die Ergebnisse nicht verpuffen und die Beteiligten aus den Entscheidungen lernen können.


 

Dr. Benjamin Klatt verantwortet den Bereich Forschung und Entwicklung der viadee Unternehmensberatung AG und verbindet wissenschaftliche Tiefe mit operativer Projektpraxis. Innovation entsteht für ihn durch Mindset und Menschen – erst wenn neue Ansätze bei denen ankommen, die damit arbeiten, entfalten sie ihren Wert.

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