Wir müssen über schlechtes Wetter reden. Bislang waren es Regen, Hagel und Stürme, die uns die Laune verdorben haben. Das wird sich wohl auch nicht ändern. Extreme Hitze ist jedoch ebenfalls schlechtes, sogar gefährliches Wetter. Wir müssen Vorkehrungen treffen. Alles andere wäre zu teuer. Die Sonne macht träge. Vor allem sorgen hohe Temperaturen für verminderte Produktivität, sinkende Renditeerwartungen und somit allein in Deutschland für wirtschaftliche Verluste in Milliardenhöhe – bis 2030 sind es vermutlich über 100 Milliarden Euro. Beim Bruttoinlandsprodukt sollen in den kommenden vier Jahren Einbußen von bis zu drei Prozent möglich sein. Hitzewellen sind ein erheblicher Kostenfaktor in allen Branchen. Das wird nicht immer ausreichend gewürdigt. Vor allem werden sie schnell wieder vergessen. Der Herbst überschreibt die Erfahrungen des Sommers.

Wann es ungemütlich wird

Wir kennen keine Siesta. Unsere mitteleuropäischen Körper sind auf Kälte geeicht. Das Homeoffice kann bei tropischen Außentemperaturen zum Glutofen werden. Doch bereits bei über 25 Grad wird es ungemütlich, obwohl das für viele noch nicht einmal Freibadwetter bedeutet. Laut dem Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung liegt der Produktivitätsverlust für jeden weiteren Sprung um ein Grad bei erstaunlichen zwei Prozent. An Hitzetagen über 30 Grad gibt es 7,5 Prozent mehr Arbeitsunfälle und 3,5 Prozent mehr Arbeitsunfähigkeitsfälle. Allein ein Hitzetag in Deutschland – ebenfalls bei über 30 Grad – sorgt für 76.500 Fehltage durch hitzeinduzierte Krankheiten und Arbeitsunfälle. Bei 40-Grad-Phasen wie jener in 2026 dürften diese Werte jedoch um ein Vielfaches höher liegen. Das gilt auch für die Übersterblichkeit betagter Menschen, die zwar nicht mehr arbeiten, möglicherweise aber von deutlich jüngeren Verwandten gepflegt werden, deren Belastung also ebenfalls steigt. Kleinkinder schlafen bei Hitze schlechter, allein dadurch sind die Eltern übermüdet. Das Stresslevel steigt, ebenso die Gefahr von Schlaganfällen und Migräne. Menschen sind schneller gereizt, das Fahrverhalten wird riskanter, häusliche Gewalt nimmt zu. Und das alles nur, weil die thermische Behaglichkeit, um produktiv tätig zu sein, in unseren Breiten bei 20 Grad oder leicht darüber liegt. Ein Leistungsabfall wird ab etwa 60 Prozent mit Schweiß benetzter Körperoberfläche registriert.

Schützen mit Konzept

Doch was heißt das jetzt für die Unternehmen? Sie können erheblich dazu beitragen, mittel- und langfristig das Klima positiv zu beeinflussen. Aber das Wetter können sie nicht ändern. Deshalb müssen sie wenigstens die extremeren Spitzen abfedern. Hinweise im Intranet, doch bitte mehr zu trinken, reichen allerdings nicht. Effektive Maßnahmen sind im Einzelfall eine zusätzliche Verschattung oder die Klimatisierung mit energieeffizienten regenerativen Kühltechniken. Das wiederum hilft im Transportgewerbe, auf Baustellen und in der Forstwirtschaft nur eingeschränkt. Denn klarmachen muss man sich auch, welche Faktoren Fehlzeiten und Arbeitsunfälle bei Hitze zusätzlich begünstigen: körperlich anstrengende Arbeit, besonders lange Arbeitszeiten, fehlende kühlende Rückzugsorte, prekäre Arbeitsbedingungen und ein ohnehin vulnerabler Organismus, zum Beispiel wegen Vorerkrankungen wie Diabetes. Auch Schwangere sind besonders gefährdet, erst recht Menschen mit koronarer Herzkrankheit oder sonstigen kardiologischen Erkrankungen. Laut Robert Koch-Institut verschlechtert außerdem die Einnahme bestimmter Medikamente die körpereigene Temperaturregulation, wenn es sehr heiß ist.

Betriebe, deren Personal vor allem draußen arbeitet, benötigen ein Hitzeschutzkonzept. Es kann nach Eskalationsstufen – ausgehend von den jeweiligen Temperaturen – gegliedert sein. Können Schichten verschoben oder verkürzt und kann die Ablösung flexibler erfolgen? Wie lässt sich die Pausenregelung anpassen? Inwieweit können Teams mit Wasserflaschen versorgt werden? Gibt es Cooling Center, um dort die Pause zu verbringen? Kann bei sehr hohen Temperaturen kürzer gearbeitet oder die Arbeitszeit in den Abend hinein verlagert werden? Eine generelle Antwort auf diese Fragen gibt es nicht. In der Pflege, bei Autozulieferern, in Baumschulen und in Banken gelten jeweils andere Voraussetzungen.

Der rückwärtige Trend, das Homeoffice wieder einzuschränken oder gar aufzuheben, muss unter diesen Bedingungen hinterfragt werden. Regionalzüge sind selten klimatisiert. Nach einer tropischen Nacht ist man am Steuer unkonzentriert. Gleichzeitig kann ein Büro kühler sein als die Dachwohnung in der Vorstadt. Alle Optionen sollten geprüft werden. Denn wenn ohnehin schon ein Viertel der Belegschaft im Sommerurlaub ist, wäre es umso fataler, wenn zusätzliche Ausfälle und sogar hitzebedingte Hospitalisierungen eine empfindliche Delle in der Produktivität verursachen.

Prävention als Notwendigkeit

Zum Responsible Leadership gehört es, gesunde Arbeitsbedingungen für alle zu schaffen, buchstäblich die Gemüter zu kühlen. Wir besorgen höhenverstellbare Schreibtische, schaffen augenschonende Lichtverhältnisse, organisieren ein schonendes Hebe- und Trage-Training, und jetzt kommt die Hitzeprävention zwangsläufig hinzu. Das ist kein einfaches Add-on, sondern pure Notwendigkeit. Das gilt erst recht überall dort, wo Menschen versorgt werden: in Pflegeheimen, Kliniken und Praxen. Die Mitarbeitenden müssen dazu befähigt werden, ihrer Profession ohne stärkere Beeinträchtigung nachzukommen. Wer als „responsible“ wahrgenommen werden will, kann vor allem in diesem Metier keine dauerhafte Raumtemperatur von 32 Grad zulassen.

Prävention war in ihren Anfängen der Wille, Süchte zu bändigen, vor allem den Tabak- und Alkoholkonsum. In den frühen 2000er-Jahren lag der Schwerpunkt auf Bewegung und Ernährung, gesunde Lebensweisen wurden eingeübt. Zehn Jahre später ging es um mentale Gesundheit, um die Verhinderung eines Burn-outs und das Finden einer stabilen Balance zwischen Beruf und Privatleben. Gesundheit wurde nicht nur als rein körperlicher Zustand betrachtet. Seit einigen Jahren werden Resilienz und Klima stärker akzentuiert. Ob dieser Trend so schnell abgelöst wird, ist fraglich. Zumal heute jeder genannte Aspekt weiterhin eine Rolle spielt.

Man könnte jetzt über Gebäudesanierungen nachdenken, über Raumkonzepte, Schutzkleidung sowie über die Flexibilisierung von Arbeitszeiten und -orten. Das ist auch richtig. Um diese Fragen kommen wir nicht herum. Doch was nicht vergessen werden darf, ist die Stärkung der Eigenverantwortung der Arbeitnehmenden. Denn alle meinen zu wissen, wie man sich effektiv vor der Sonne schützt. Wer in der Arbeitsmedizin arbeitet, bekommt ein anderes Bild. Nur wenige Beispiele: Häufig wird viel zu wenig Sonnencreme aufgetragen, Ventilatoren bringen ab 35 Grad kaum Entlastung, der Flüssigkeitsbedarf wird auch von jüngeren Generationen weiterhin unterschätzt und Warnsignale des Körpers werden nicht früh genug erspürt.

Mehr Wissen, weniger Angst

Gleichzeitig können längere Hitzeperioden die Klimaangst schüren, insbesondere bei der Generation Z und Berufsanfängern. Denn auch wenn Wetter und Klima nicht dasselbe sind: Das Symptom steht in engem Zusammenhang mit der Ursache. Daraus können auch mentale Belastungen erwachsen. Wer seine Zukunft gefährdet sieht, erreicht womöglich nicht die Produktivität, zu der sie oder er sonst in der Lage wäre.

In der internen Kommunikation müssen diese Aspekte bereits im Mai immer wieder in unterschiedlichen Formaten und Darreichungsformen kommuniziert werden – bis in den August hinein. Je nach Branche, insbesondere dann, wenn viel draußen gearbeitet wird, könnten sogar Onlineschulungen mit Abschlusstest verpflichtend sein. Zwar gibt es bei der AOK Hessen noch keine Wissensprüfung dieser Art, aber die 4.000 Mitarbeitenden werden jährlich noch vor Sommerbeginn, beginnend am Hitzeaktionstag, für das Thema sensibilisiert – mit praktischen Tipps und Hintergrundwissen, das über durchschnittliches Allgemeinwissen zu Hitze deutlich hinausgeht.

Der Sommer danach

Dies alles sind lediglich Denkanstöße. Wie viel Zeit und vor allem Geld man in den Hitzeschutz investiert, ist genau abzuwägen. Hüten sollten sich Unternehmen jedoch – aber wo gilt das nicht – vor Mikromaßnahmen, die die eigene Betriebliche-Gesundheitsförderungsagenda zwar verlängern, aber kaum Wirkung zeigen. Sollten Extremwetterereignisse wie 40 Grad über mehrere Tage am Stück zunehmen, und vieles spricht dafür, stehen uns ohnehin noch ganz andere Probleme ins Haus: überforderte Leitstellen, eine erhebliche Zunahme von Fehlzeiten nicht nur in der Generation 60+, kollabierende Kleinkinder, IT-Probleme, insbesondere bei Servern und Netzwerktechnik, ausfallende Dienstleistungen – auch jene, die zur Behebung von IT-Problemen benötigt werden –, eine nicht enden wollende Pollensaison und Waldbrände wie in Los Angeles. Diese Liste ist verlängerbar.

Nein, wir müssen nicht nur über schlechtes Wetter reden. Das wäre zu wenig. Verantwortung zeigen heißt auch, die Belastungen durch schlechtes Wetter spür- und messbar zu vermindern. Der nächste Sommer wird uns herausfordern. Den Sommer 2030, sogar den Sommer 2040, müssen wir bereits jetzt antizipieren. Ansonsten zahlen wir einen viel zu hohen Preis.


Hitzeschutz-Checkliste für Unternehmen

Hitze kostet Geld: Pro Grad über 25 °C sinkt die Produktivität um 2 Prozent. Ein einziger Hitzetag über 30 °C verursacht in Deutschland 76.500 Fehltage durch hitzeinduzierte Krankheiten und Arbeitsunfälle. Wer jetzt vorsorgt, spart später an Ausfällen, Unfällen und Behandlungskosten.

Verschattung und Kühlung

Jalousien und Klimatisierung können für Abkühlung sorgen. Zusätzlich lassen sich Cooling Center einrichten, in denen Mitarbeitende ihre Pausen verbringen können.

Arbeitszeiten anpassen

Frühere Schichten und flexible Pausenregelungen können die Belastung durch hohe Temperaturen verringern. Auch die Möglichkeit von Homeoffice sollte geprüft werden.

Trinkwasser bereitstellen

Unternehmen sollten kostenlose Wasserflaschen und Trinkstationen zur Verfügung stellen, damit Mitarbeitende ausreichend Flüssigkeit aufnehmen können.

Hitzeschutzkonzept entwickeln

Ein Hitzeschutzkonzept sollte Eskalationsstufen definieren, die sich an den jeweiligen Temperaturen orientieren. So können je nach Hitzebelastung passende Maßnahmen eingeleitet werden.

Vulnerable Gruppen schützen

Schwangere, vorerkrankte Mitarbeitende und Beschäftigte im Außendienst sollten besonders berücksichtigt und geschützt werden.

Mitarbeitende schulen

Bereits ab Mai sollten Mitarbeitende für das Thema sensibilisiert werden. Dabei geht es insbesondere um Sonnenschutz, Warnsignale des Körpers und den individuellen Flüssigkeitsbedarf.

Schutzkleidung ausgeben

Für Arbeitsplätze im Freien können UV-Kleidung und kühlende Westen bereitgestellt werden, um die Beschäftigten besser vor Hitze und Sonneneinstrahlung zu schützen.

Fehlzeiten monitoren

Hitzebedingte Ausfälle sollten dokumentiert und ausgewertet werden. Auf dieser Grundlage können Unternehmen ihre Maßnahmen anpassen und den Hitzeschutz kontinuierlich verbessern.


Seit vielen Jahren beschäftigt sich Susann Hinz mit den Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf Menschen, Arbeit und Organisationen. Nach dem Aufbau des Change Managements sowie der Leitung von CSR und Diversity Management verantwortet sie heute das Personalmanagement in der AOK Hessen. Sie verbindet die Perspektiven von Gesundheit, nachhaltiger Unternehmensentwicklung und strategischer Personalarbeit. Ihr Anliegen ist es, die eigene Organisation frühzeitig auf zukünftige Herausforderungen vorzubereiten und Verantwortung als festen Bestandteil zukunftsfähiger Unternehmensentwicklung zu verankern.

Aktuelle Beiträge