Wie erfassen Logistikunternehmen kleinere und größere Klimarisiken und integrieren sie in das unternehmensweite Risikomanagement? Diese Frage hat sich das Sustainability-Team bei Loxxess gestellt. Nun erhalten interne und externe Stakeholder belastbare Informationen für Planung und Entscheidung. Klimarisiken treffen Unternehmen auf sehr unterschiedliche Weise. Zum Beispiel kann Niedrigwasser die Binnenschifffahrt lahmlegen und damit Lieferketten und Produktionen zum Stillstand bringen. Eine Hitzewelle dagegen kann Impfstoffe unbrauchbar machen und damit Menschenleben kosten. Als international agierender Kontraktlogistiker für E-Commerce, Pharma und Healthcare sowie Speziallösungen ist Loxxess verpflichtet, mit seinen Partnern Lieferketten stabil zu halten – gerade bei den kritischen Infrastrukturen wie Arzneimittel. Das Unternehmen betreibt 24 Standorte mit insgesamt 400.000 Quadratmetern Lagerfläche und beschäftigt 3.200 Mitarbeitende.

Risiken steigen durch den Klimawandel

Bei einer Klimarisikoanalyse unterscheiden Experten zwischen physischen und transitorischen Risiken. Erstere sind direkte Risiken wie Überschwemmungen, Hitze, Dürre, Waldbrände, Stürme, Wasserknappheit und daraus entstehende Ausfälle. Transitorische Risiken ergeben sich beispielsweise aus den regulatorischen Anforderungen, die die Gesellschaft in eine klimafreundlichere Zukunft führen sollen, beispielsweise durch die Energiewende oder sich verteuernde fossile Energieträger aufgrund steigender CO₂-Preise. Aber auch eine sich verändernde Nachfrage oder technologische Umbrüche können sich auf Geschäftsmodelle auswirken.

Die Studienlage zu Klimarisiken ist eindeutig. Der Global Risks Report 2026 des Weltwirtschaftsforums (WEF) zählt extreme Wetterereignisse zu den größten künftigen Risiken für Unternehmen. Im Jahr 2024 verursachten Naturkatastrophen Schäden in Höhe von 320 Milliarden US-Dollar. 97 Prozent aller versicherten Schäden waren wetterbedingt. Auch das aktuelle KfW-Klimabarometer hat ermittelt, dass ein ungebremster Klimawandel für Deutschland ein erhebliches Risiko für zukünftigen wirtschaftlichen Wohlstand darstellt. Neben direkten Sachschäden würden sich Beeinträchtigungen von Energie- und Transportinfrastruktur sowie globale Lieferkettenstörungen negativ auswirken. Die Boston Consulting Group (BCG) hat schon 2024 errechnet, dass physische Klimarisiken bis 2050 zwischen 5 und 25 Prozent der Unternehmensgewinne gefährden würden. Investitionen in Anpassungen würden laut Studie je nach Maßnahme einen Nutzen von 2 bis 19 US-Dollar pro investiertem Dollar schaffen.

Die Klimarisikoanalyse wird zur Pflicht

Heute umfasst eine Klimarisikoanalyse mehr als allgemeine Branchen- oder Länderrisiken: Es geht vielmehr um standort- und assetbasierte Analysen. Ein Logistikstandort kann wesentlich weniger oder stärker gefährdet sein, als es eine Durchschnittskennzahl für die gesamte Region erkennen lässt. Obwohl es keine gesetzliche Vorschrift ist, hat Loxxess eine Klimarisikoanalyse auf Standortebene durchgeführt. Es geht dabei um Standortsicherheit, Lieferfähigkeit, Mitarbeitergesundheit und Investitionsentscheidungen.

Mit den Analysedaten können Standortleitungen ableiten, welche Maßnahmen kurz-, mittel- oder langfristig umgesetzt werden sollten, Notfallpläne aufsetzen und das Business Continuity Management gezielter planen. Dabei geht es auch darum, unterbrochene Lieferketten schnell „flicken“ zu können und beispielsweise auf andere Lager zuzugreifen. Ein zusätzlicher Nutzen der Analyse ist, dass das Procurement der Loxxess Group den klassischen Versicherungsschutz gegen klimabedingte Schäden prüfen und bei Bedarf anpassen kann. Die Finanzabteilung kann mit den Daten Finanzierungsmöglichkeiten optimieren. Vertrieb und Marketing können gegenüber potenziellen Klienten und Partnern eindeutig die Zukunftsorientierung von Loxxess belegen. Der eigenen Belegschaft zeigt man, dass man als verlässlicher Arbeitgeber auch in Zukunft Verantwortung übernimmt.

Außerdem trägt eine Klimarisikoanalyse dazu bei, mögliche Implikationen für das eigene Geschäft durch gesellschaftliche Anpassungen und eine damit zusammenhängende Nachfrage näher zu beleuchten. Dies kann sogar zur Anpassung der Geschäftsmodelle und der Kundenstruktur führen, wenn im Extremfall in einer Region beispielsweise keine Winterausrüstung mehr benötigt wird.

Zu den zentralen Fragen einer solchen Analyse gehört beispielsweise, ob sich die betreffende Fläche in einem Überschwemmungsgebiet befindet und ob eine ausreichende Entwässerung gewährleistet ist. Darüber hinaus wird untersucht, wie hitzeanfällig die Region ist und ob die Energieversorgung stabil genug ist, um den Betrieb automatisierter Anlagen oder von Kühltechnik auch unter erschwerten Bedingungen sicherzustellen. Ebenso relevant ist die Frage, welche Ausweichrouten zur Verfügung stehen, wenn Straßen, Schienen oder Häfen infolge extremer Wetterereignisse ausfallen.

Bewertung von Klimarisiken erfordert viel Fingerspitzengefühl

Eine Klimarisikoanalyse erfordert wegen der großen Komplexität eine ausgefeilte Methodik. Gleichzeitig bedingt die Ressourcen- und Datenlage oft ein pragmatisches und fokussiertes Vorgehen. Besonders da sich einerseits die Eintrittswahrscheinlichkeit von Klimarisiken schwer berechnen lässt und oft belastbare Annahmen notwendig werden, andererseits ist der konkrete Abgleich mit den lokalen Bedingungen an den spezifischen Standorten unabdingbar. Nur so kann konkret herausgefunden werden, ob es zu möglichen Produktionsstillständen oder angepassten Bedarfen bei Kunden kommen kann und ob es zu Herausforderungen in deren Bearbeitung kommen könnte.

Erst daraus entsteht ein standortspezifisches Risikobild, das für Investitionsentscheidungen, Versicherungen, Business Continuity Management und operative Anpassungsmaßnahmen nutzbar ist.

Umsetzung bei Loxxess

Gut die Hälfte aller 24 Standorte hat Loxxess auf potenzielle physische Klimarisiken analysiert. Als Grundlage wurden interne und externe Daten zusammengetragen. Es gab eine Expositionsbewertung, standortspezifische Interviews sowie Definitionen von Auswirkungen und finanziellen Effekten. Für die Szenarien wurden 28 Klimavariablen unter unterschiedlichen Ausprägungen des Klimawandels auf ihre kurz-, mittel- und langfristige Bedeutung betrachtet. Auch mögliche Transitionsrisiken flossen in die Analyse ein. Dazu gehörten potenzielle Risiken und Chancen aus einem klimafreundlicher werdenden Geschäftsumfeld, die geschäftsfeldspezifisch beleuchtet wurden.

Kurzfristig wurden keine kritischen Risiken festgestellt, trotzdem wurden Maßnahmen für bestimmte Standorte empfohlen, um die Resilienz mittel- und langfristig zu erhalten. Zu diesen Maßnahmen gehören beispielsweise ausgeweitete Temperaturmessungen auf Shopfloor-Ebene und die Ermittlung kritischer Temperaturschwellen für Waren und Mitarbeitende, die einen besonderen Schutz benötigen. Zusätzlich wurden an zwei Standorten mögliche feuchtebedingte Risiken geprüft und lokale Klimabedingungen näher beobachtet.

Die Ergebnisse der Klimarisikoanalyse fließen nun in das gruppenweite Enterprise Risk and Opportunity Management sowie in das Business Continuity Management ein, das gemeinsam mit den klimabedingten Risiken betrachtet wird. Die zentralen Managementteams tauschen sich verstärkt mit den lokalen Standortleitungen sowie Expertinnen und Experten über Klimarisiken aus. Die Analyse wird in drei bis fünf Jahren mit den zu diesem Zeitpunkt aktuellen Klima- und Standortdaten wiederholt, um die Ergebnisse zu verfeinern und die Resilienz aufrechtzuerhalten.

Rechtzeitig aktiv werden

Loxxess hat durch die Klimarisikoanalyse frühzeitig den nötigen Handlungsbedarf erkannt, Maßnahmen ergriffen und durch gezieltes Monitoring sowie Frühwarnsysteme die Resilienz übergreifend ausgebaut. Kritische Prozesse waren und sind gegen Hitze, Hochwasser, Dürre, Stürme und Wasserknappheit abgesichert. In diesem Fall war es (noch) nicht notwendig, weitere infrastrukturelle Anpassungen vorzunehmen.

  • Deutscher Wetterdienst
  • Bundesamt für Kartographie und Geodäsie
  • Copernicus
  • Landes- und Kommunaldaten

Klimarisikoanalyse systematisch angehen

Eine strukturierte Klimarisikoanalyse hilft, Risiken frühzeitig zu erkennen und gezielte Maßnahmen abzuleiten. Für die Umsetzung sind sieben zentrale Schritte wichtig.

1. Scope definieren

Zunächst sollte festgelegt werden, welche Standorte, Assets und Geschäftsbereiche betrachtet werden. Außerdem sind die relevanten Zeithorizonte zu bestimmen – kurz-, mittel- und langfristig.

2. Datengrundlage schaffen

Im nächsten Schritt werden Klimadaten, Standortinformationen sowie Infrastruktur- und Betriebsdaten zusammengeführt. Eine belastbare Datengrundlage bildet die Voraussetzung für eine fundierte Bewertung.

3. Risiken identifizieren und bewerten

Mögliche physische Risiken wie Hitze, Hochwasser, Dürre und Stürme sowie transitorische Risiken durch Regulierung und Marktveränderungen sollten standortspezifisch bewertet werden.

4. Auswirkungen quantifizieren

Die finanziellen, operativen und reputativen Folgen der identifizierten Risiken sind zu beziffern. Außerdem sollten kritische Schwellenwerte ermittelt werden, ab denen konkrete Beeinträchtigungen für den Betrieb, die Mitarbeitenden oder die Lieferfähigkeit entstehen.

5. Maßnahmen priorisieren

Auf Grundlage der Analyse werden kurzfristig umsetzbare Anpassungen und langfristige Investitionen identifiziert und priorisiert.

6. Integration sicherstellen

Die Ergebnisse sollten in das Risikomanagement, das Business Continuity Management und die Investitionsplanung eingebunden werden. So wird die Klimarisikoanalyse zu einem festen Bestandteil der unternehmerischen Steuerung.

7. Regelmäßig aktualisieren

Die Analyse sollte alle drei bis fünf Jahre mit aktuellen Daten wiederholt werden. Dadurch lassen sich die Ergebnisse verfeinern und notwendige Anpassungen rechtzeitig ableiten.


 Dr. Albert Hans Baur ist Senior Sustainability Manager beim Kontraktlogistiker Loxxess. Er befasst sich mit Nachhaltigkeitsstrategien, Klimarisiken und Resilienz in der Logistik. Zuvor war er in der Nachhaltigkeitsberatung tätig, unter anderem als geschäftsleitender Director Sustainability Management bei der sustainable AG. Sein fachlicher Hintergrund umfasst Geoinformation in der Umweltplanung, Global Change Ecology, Klimaforschung, Umweltökonomie und die Bewertung von Klima- und Nachhaltigkeitsrisiken.

 

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