Wie wird ein Naturprodukt zum Ausgangspunkt datengetriebener Innovation? Der Gerolsteiner Brunnen zeigt, wie sich Digitalisierung und Nachhaltigkeit im Rahmen einer Twin Transformation parallel entwickeln und konsequent verzahnen lassen. Das Ergebnis: Messbar höhere Effizienz beim Ressourceneinsatz durch KI-Anwendungen, vernetzte Daten und intelligente Produktion.
Im Herzen der Vulkaneifel, in der Gerolsteiner Mulde, verteilen sich auf etwa 50 Quadratkilometern die Mineralwasserquellen des Gerolsteiner Brunnen. Das Mineralwasser aus den Tiefen des Gesteins ist ein ursprünglich reines Naturprodukt. Damit das so bleibt, braucht es eine intakte Umwelt. Um diese zu bewahren, greifen Verantwortung für die Ressource Wasser, Umwelt sowie Klima und technologische Innovation fest ineinander.
Entlang der gesamten Wertschöpfungskette zielt Gerolsteiner auf Lösungen, die Effizienz, Umwelt- und Klimaschutz sowie Produktivität gleichermaßen stärken. Dafür treibt der Mineralbrunnen gemeinsam mit Partnern unter anderem datenbasierte, digitale Lösungen voran. So hilft Technologie, sparsamer mit Ressourcen umzugehen. Das beginnt bei der Absatzprognose, um die Produktion effizienter zu gestalten. Und es setzt sich fort über datengestützte Qualitätskontrollen, optimierte Flaschenreinigung oder automatisiertes Leergutmanagement.
Aus Verantwortung wird Innovation
Nachhaltigkeit ist dabei kein isoliertes Handlungsfeld, sondern im Kern des Unternehmens verankert: Der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen reicht vom Schutz der Quelle über effiziente Produktionsprozesse bis hin zur Weiterentwicklung und Stärkung der Region. Ökologische und ökonomische Ziele sind keine Gegensätze, sondern beeinflussen sich wechselseitig.
In der Praxis bedeutet das: Datengestützte Prognosen und intelligente Tools machen operative Prozesse stabiler, effizienter und nachhaltiger. Das gilt für Planung, Ressourcenbeschaffung und Produktion ebenso wie für Lagerung oder Qualitätsmanagement. So lassen sich wirtschaftliche Ziele und ökologische Verantwortung miteinander verbinden.
Data-Driven Factory: Hebel für mehr Nachhaltigkeit
Eine wesentliche Voraussetzung für digitale Lösungen stellt ein ganzheitlicher Blick auf Daten dar. Denn diese Lösungen entfalten ihr volles Potential nur, wenn Daten nicht isoliert vorliegen, sondern systematisch erfasst, verknüpft und in konkrete Entscheidungen übersetzt werden. Dafür hat Gerolsteiner eine Data Intelligence Platform aufgebaut und sich zur Data-Driven Factory transformiert.
Als Single Source of Truth (SSOT) bündelt die Plattform alle relevanten Unternehmensdaten. So schafft sie die Grundlage für schnellere Analysen und Prognosen, das frühzeitige Erkennen von Handlungsbedarf und eine datengestützte Produktionsplanung. Zudem entstehen auf der Plattform KI-gestützte Anwendungen, die Prozesse in Produktion und Verwaltung gezielt verbessern, Wissen besser nutzbar machen und fundiertere Entscheidungen ermöglichen.
KI-basierte Absatz- und Leergutprognose für optimierte Kreisläufe
Eine stabile, effiziente Produktion beginnt, lange bevor die erste Flasche abgefüllt wird: bei der Absatzplanung. Sie legt die Basis für die operative Fertigungssteuerung. Zugleich entscheidet sie darüber, wie gut Produktionskapazitäten, Materialflüsse und Logistik ineinandergreifen. Präzise Absatz- und Leergutprognosen und ein genauer Überblick über Ausschuss sowie Bestände helfen, jederzeit die richtige Menge Flaschen bereitzuhalten. So vermeidet der Mineralbrunnen kurzfristige Nachbestellungen und eine unnötige Überproduktion. Das schont Rohstoffe und entlastet die Lagerkapazitäten.
Das KI-gestützte Prognosesystem, das vom Unternehmen genutzt wird, bezieht unter anderem Ferienzeiten, Temperaturen, Aktionsgeschäft oder saisonale Schwankungen ein, um das Trinkverhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher und folglich den Absatz vorherzusagen. Das System sagt den Absatz für die kommenden sechs bis acht Wochen mit einer Genauigkeit von bis zu 90 Prozent voraus. Das schafft Planungssicherheit, reduziert Engpässe und stärkt die Steuerung entlang der gesamten Supply Chain. Ergänzt wird die Absatzprognose durch eine intelligente Leergutprognose. Denn ohne Klarheit über erwartete Rückläufe und entsprechende Flaschenbestände gerät auch die beste Absatzplanung ins Stocken.
Kreisläufe besser planen
Nach Gebrauch kehren Glas- und PET-Mehrwegflaschen über das Pfandsystem zu Gerolsteiner zurück. Mithilfe der SSOT überwacht das Unternehmen automatisiert Parameter und Prozesse seiner Leergutsysteme. Sie erfasst und aggregiert die Anzahl zurückgekehrter Flaschen, ihre Verweilzeit im Markt und den Anteil defekter sowie Fremdflaschen. Die darauf basierende Analyse zeigt, wie sich der Leergutpool entwickelt und macht die Flaschenbeschaffung planbarer. So konnte die Zahl ungeplanter Beschaffungsvorgänge deutlich gesenkt werden.
Datenbasierte Qualitätskontrolle im Mehrwegsystem
Glas-Mehrwegflaschen lassen sich bis zu 50-mal, PET-Mehrwegflaschen bis zu 25-mal wiederbefüllen – vorausgesetzt, sie bestehen die Qualitätskontrolle nach ihrer Rückkehr. Dabei kommt es auf maximale Sicherheit und minimalen Ausschuss an. Denn ob Glas oder PET: Die Neuproduktion kostet Energie und Ressourcen.
Hierbei unterstützt die Sniffer-Technologie, die das Unternehmen in ihren Grundzügen bereits seit 1998 einsetzt. Das intelligente System erkennt Verunreinigungen in Mehrwegflaschen mithilfe von Lichtanalyse. Es durchleuchtet das Leergut mit UV- und Infrarotlicht und wertet die Absorptionsmuster aus. Diese bleiben gerade in PET-Flaschen zurück, wenn Verbraucher sie im Alltag mit Fremdstoffen wie Reinigungsmitteln oder Ölen befüllen. Rückstände beeinträchtigen Gerolsteiners Qualitätsversprechen, selbst wenn sie geruchlos oder mit bloßem Auge unsichtbar sind. Der Sniffer erkennt sie und sortiert betroffene Flaschen aus.
An diesem Punkt wurde die Technologie gezielt weiterentwickelt: Gerolsteiner verarbeitet die Sensordaten auf seiner Plattform, um das System fortlaufend zu verbessern und noch robuster zu machen. Da der Sniffer aus Sicherheitsgründen bewusst eher zu sensibel als zu tolerant misst, können Ausschussquoten einzelner Maschinen vom üblichen Muster abweichen. Die Plattform erkennt solche Anomalien und visualisiert sie für die Mitarbeitenden. Diese können mit ihrer Fachexpertise gezielt eingreifen und Fehlmessungen korrigieren. Je früher das passiert, desto weniger verwendbare Mehrwegflaschen werden vorsorglich ausgeschleust. So sichert das Unternehmen Qualität im Mehrwegsystem und verhindert zugleich, dass Leergut unbegründet weniger Umläufe schafft als möglich. Durch diese Innovation wird Gerolsteiner die Fehlerquote bei der Qualitätskontrolle um circa 30 Prozent senken können.
Effiziente Flaschenreinigung durch datengestützte Prozesssteuerung
Bevor geprüfte Mehrwegflaschen erneut befüllt werden, durchlaufen sie mehrere Laugen- und Wasserbäder. Sensoren messen dabei kontinuierlich Parameter wie Temperatur, Druck sowie Leitwerte. Sie stellen damit sicher, dass die Reinigung den lebensmittelhygienischen Anforderungen entspricht. Im Hintergrund analysieren Systeme die Prozessdaten automatisch und passen einzelne Reinigungsparameter gezielt an. So gelingt die Reinigung sicher und in hoher Qualität, es kommen aber nur die Menge an Reinigungsmitteln und die Temperatur zum Einsatz, die wirklich erforderlich sind.
Auch diese Technologie hat Gerolsteiner weiterentwickelt: Alle relevanten Prozessdaten werden inzwischen digital in der SSOT erfasst, ausgewertet und dokumentiert. Das macht den Reinigungsprozess noch transparenter und besser steuerbar.
Ein Produktionsmodell für die Zukunft
Wer ein Naturprodukt verkauft, trägt besondere Verantwortung für Umwelt und Klima. Gerolsteiner steht seit über 135 Jahren für die verantwortungsvolle Verbindung von Natur und Qualität und führt dieses Selbstverständnis mit klarem Zukunftsanspruch weiter. Digitale Lösungen sind kein Selbstzweck. Sie sind ein gezielt eingesetztes Instrument, um ein Naturprodukt verantwortungsvoll weiterzuentwickeln, die Wirtschaftlichkeit und Zukunftsfähigkeit von Produktion und Kreisläufen langfristig zu sichern und Umwelt- sowie Klimaschutz zu stärken. So entsteht eine Produktionslogik, die ökologische Verantwortung und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit systematisch zusammendenkt.
Auf einen Blick
Nachhaltigkeit braucht Daten
Wer ein Naturprodukt schützen will, muss seine Prozesse bis ins kleinste Detail kennen. Bei Gerolsteiner wird Digitalisierung deshalb gezielt eingesetzt, um ökologische Verantwortung in konkrete Maßnahmen zu übersetzen:
Data Intelligence Platform:
Sie bündelt alle Unternehmensdaten als Single Source of Truth und bildet die Basis für KI-Anwendungen und fundierte Entscheidungen.
KI-Prognosen:
Das System erreicht 90 % Genauigkeit bei Absatz- und Leergutprognosen für 6–8 Wochen und ermöglicht so weniger Überproduktion und planbare Kreisläufe.
Intelligente Qualitätskontrolle:
Die Sniffer-Technologie erkennt Verunreinigungen per Lichtanalyse. Die Fehlerquote konnte um 30 % gesenkt werden, wodurch Flaschen mehr Umläufe schaffen.
Optimierte Reinigung:
Sensoren steuern die Reinigungsprozesse in Echtzeit und sorgen für minimalen Einsatz von Energie und Reinigungsmitteln bei gleichbleibend hoher Qualität.
Das Ergebnis:
Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug, um Ressourcen zu schonen und Kreisläufe zu stärken. So entsteht eine Produktion, die ökologische Verantwortung und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zusammenbringt.
Über den Autor

Ulrich Rust ist seit Juni 2007 Geschäftsführer Technik & Logistik der Gerolsteiner Brunnen GmbH & Co. KG. Seitdem hat er zahlreiche wegweisende Neuerungen in seinem Ressort umgesetzt, darunter die Einführung des Individualgebindes, der Bau eines Kompaktlagers mit 18.500 Stellplätzen und die Entwicklung einer breit angelegten Nachhaltigkeitsstrategie. Der Diplom-Ingenieur ist seit 1992 in der Getränkeindustrie tätig und verantwortete in verschiedenen Positionen unter anderem die Bereiche Qualität, Technologie, technisches Controlling, Umwelt und Technik. Darüber hinaus hatte er als Betriebsleiter und Geschäftsführer Technik leitende Funktionen inne.




