Die deutsche Industrie steht unter hohem Wettbewerbs- und Transformationsdruck. Zugleich zeigen geopolitische Risiken und fragile Lieferketten, wie wichtig ein verlässlicher Zugang zu Rohstoffen ist. BDE-Präsident Matthias Harms fordert deshalb, Kreislaufwirtschaft als Bestandteil moderner Industrie- und Rohstoffpolitik zu verstehen und zu behandeln. Im Interview spricht er über heimische Rohstoffpotentiale, technologische Innovationen, Investitionsbedingungen und die Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette.
Herr Harms, Kreislaufwirtschaft wird oft als Umweltthema verstanden. Sie betonen die industriepolitische Dimension. Warum ist Kreislaufwirtschaft entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland?
Matthias Harms: Weil Rohstoffe über industrielle Wertschöpfung entscheiden. Deutschland und Europa sind bei vielen Materialien stark von Importen abhängig. Gleichzeitig verfügen wir in unseren Abfall- und Wertstoffströmen über ein erhebliches heimisches Rohstoffpotential. Wenn daraus qualitätsgesicherte Recyclingrohstoffe entstehen und wieder in die Produktion gelangen, verringern wir Abhängigkeiten, verkürzen Lieferketten und können gegenüber dem Einsatz von Primärrohstoffen Energie und Treibhausgasemissionen einsparen. Recycling ist deshalb keine nachgelagerte Entsorgungsaufgabe, sondern Teil industrieller Produktion. Kreislaufwirtschaft stärkt Rohstoffsicherheit, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit. Wer industrielle Wertschöpfung in Deutschland und Europa sichern will, muss auch die Unternehmen stärken, die Rohstoffe erfassen, aufbereiten und in den Kreislauf zurückführen.
Kritische Rohstoffe sind knapp, Lieferketten fragil. Welche Rohstoffe können wir heute schon in welchen Mengen aus Kreisläufen zurückgewinnen?
Matthias Harms: Bei einzelnen kritischen Rohstoffen fehlt bislang eine konsolidierte bundesweite Datengrundlage, die belastbare Gesamtmengen ausweist. Wir gewinnen heute bereits unter anderem Kupfer, Aluminium, Nickel, Kobalt und Lithium aus Altprodukten und Produktionsresten zurück. Die Mengen liegen jedoch noch deutlich unter dem Potential, das etwa in Batterien, Elektrogeräten, Motoren, Permanentmagneten und Photovoltaikmodulen steckt.
Wo verhindern Hürden heute noch eine systematische Rückgewinnung im industriellen Maßstab?
Matthias Harms: Welche industrielle Größenordnung Kreislaufwirtschaft erreichen kann, zeigen etablierte Stoffströme: Die deutsche Stahlindustrie setzt jährlich rund 17 Millionen Tonnen Stahl- und Eisenschrott ein. 2024 wurden außerdem knapp 76 Millionen Tonnen Bau- und Abbruchabfälle in Bauschuttaufbereitungs- und Asphaltmischanlagen zur Aufbereitung beziehungsweise Verwertung angenommen. Um die Potentiale bei strategischen Rohstoffen zu erschließen, brauchen wir eine bessere Erfassung, recyclinggerechtes Produktdesign, Zugang zu relevanten Produktdaten und ausreichende Aufbereitungskapazitäten in Europa.
Welche technologischen Innovationen in der Kreislaufwirtschaft haben das Potential, deutsche Unternehmen international zu Vorreitern zu machen?
Matthias Harms: Drei Felder sind besonders relevant. Sensor- und KI-gestützte Sortierung und Robotik ermöglichen eine immer präzisere Trennung komplexer Stoffgemische. Neue mechanische, hydro- und pyrometallurgische Verfahren können mehr und hochwertigere Rohstoffe aus Batterien, Elektronik und Verbundmaterialien zurückgewinnen. Die Digitalisierung verbessert die Steuerung und Nachverfolgbarkeit von Stoffströmen; Produktdaten können Aufbereitung, Reparatur und Wiederverwendung erheblich erleichtern. Entscheidend ist aber nicht die Zahl der Pilotprojekte, sondern die industrielle Skalierung.
Eine Technologie schafft erst dann Wertschöpfung, wenn sie sicher, wirtschaftlich und im großen Maßstab einsetzbar ist. Deutschland hat starke Anlagenbauer, innovative mittelständische Unternehmen und viel betriebliches Know-how. Damit daraus internationale Marktführerschaft entsteht, brauchen wir schnellere Genehmigungen, wettbewerbsfähige Energiekosten, verlässliche Industriestrompreise und technologieoffene Regeln.
Verlässliche Rahmenbedingungen werden von der Branche immer wieder gefordert. Wo kann die Branche auch ohne neue Gesetze schon heute loslegen, und wo braucht es wirklich politische Weichenstellungen?
Matthias Harms: Die Unternehmen handeln bereits. Sie investieren in Sortier- und Aufbereitungstechnik, digitalisieren Prozesse, qualifizieren Beschäftigte und entwickeln gemeinsam mit ihren Kunden neue Verwertungs- und Einsatzmöglichkeiten. Hersteller können Produkte recyclinggerechter gestalten, Recyclingrohstoffe einsetzen und mit langfristigen Abnahmevereinbarungen Investitionen absichern.
Die öffentliche Hand kann bestehende Spielräume nutzen und bei Ausschreibungen in der Beschaffung, Lebenszykluskosten, Qualität und den Einsatz von Recyclingrohstoffen stärker gewichten. Politik ist dort gefordert, wo einzelne Unternehmen strukturelle Marktprobleme nicht lösen können. Dazu gehören wettbewerbsfähige Energiebedingungen, schnellere Genehmigungen, ein verlässlicher und einheitlicher Vollzug sowie eine belastbare Nachfrage nach Recyclingrohstoffen. Besonders wirksam sind verbindliche Leitmärkte, etwa durch produktspezifische Rezyklateinsatzquoten, und eine konsequent kreislauforientierte öffentliche Beschaffung. Wir brauchen nicht ständig neue Regelwerke, sondern klare, konsistente und praktisch vollziehbare Vorgaben.
Kreislaufwirtschaft funktioniert nur systemisch über Branchengrenzen hinweg. Wie gelingt die Zusammenarbeit zwischen Entsorgungswirtschaft, produzierendem Gewerbe, Handel und Politik?
Matthias Harms: Noch zu häufig wird ein Produkt entwickelt und vermarktet, ohne Reparierbarkeit, Demontage und spätere Verwertung ausreichend mitzudenken. Das Stichwort und Mantra der Kreislaufwirtschaft zugleich heißt Design for Recycling. Recycler werden bislang zu spät eingebunden und erhalten nicht immer die Informationen, die sie für eine sichere und hochwertige Aufbereitung benötigen. Produzenten wiederum brauchen verlässliche Mengen, Qualitäten und Spezifikationen von Recyclingrohstoffen.
Die Zusammenarbeit muss deshalb früher beginnen. Produzenten, Handel und Recyclingwirtschaft sollten bereits bei Materialauswahl, Produktgestaltung, Rücknahmesystemen und Qualitätsanforderungen zusammenarbeiten. Produkt- und Stoffdaten müssen entlang der Wertschöpfungskette verfügbar sein. Langfristige Liefer- und Abnahmevereinbarungen schaffen Planungssicherheit für beide Seiten. Aufgabe der Politik ist es, gemeinsame Standards und faire Wettbewerbsbedingungen zu setzen. Kreislaufwirtschaft wird dann erfolgreich, wenn aus gemeinsamen Zielen belastbare Geschäftsmodelle entstehen.
Sie kommen aus der Praxis und kennen die Branche von innen. Was ist Ihr wichtigstes Ziel als BDE-Präsident?
Matthias Harms: Mein wichtigstes Ziel ist, die Kreislaufwirtschaft im Zentrum der Industrie- und Rohstoffpolitik zu verankern. Sie darf bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen nicht erst am Ende mitgedacht werden, sondern von Beginn an. Unsere Unternehmen sichern Entsorgung, gewinnen Rohstoffe zurück und investieren in moderne Anlagen und Verfahren. Diese Leistungen müssen sich in den politischen Rahmenbedingungen widerspiegeln.
Ich will, dass der BDE die unterschiedlichen Erfahrungen und Interessen seiner überwiegend mittelständischen und vielfach familiengeführten Mitgliedsunternehmen zu klaren, umsetzbaren Positionen bündelt und als konstruktiver, aber entschiedener Partner der Politik in den Regionen, den Bundesländern, Berlin und Brüssel gleichermaßen auftritt. Entscheidend ist für mich, dass aus den Zielen der Kreislaufwirtschaft verlässliche Märkte, Investitionen und zusätzliche industrielle Wertschöpfung in Deutschland und Europa entstehen.
Die Fragen stellte Maike Weismantel.
Auf einen Blick
Kreislaufwirtschaft funktioniert nur systemisch
Recyclingrohstoffe können Importabhängigkeiten verringern, Lieferketten verkürzen und Emissionen senken. Dafür müssen alle Akteure zusammenarbeiten:
Hersteller
Produkte recyclinggerecht gestalten, Rezyklate einsetzen, langfristige Abnahmevereinbarungen treffen
Recycling-Wirtschaft
In Sortier- und Aufbereitungstechnik investieren, Qualitäten sichern, Prozesse digitalisieren
Öffentliche Hand
Rezyklate in der Beschaffung bevorzugen, Genehmigungen beschleunigen, Leitmärkte schaffen
Politik
Verbindliche Einsatzquoten setzen, einheitlichen Vollzug sichern, wettbewerbsfähige Energiebedingungen schaffen
Im Interview

Matthias Harms ist seit dem 6. Mai 2026 ehrenamtlicher Präsident des BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft. Zuvor führte er den Verband seit dem 1. Februar 2026 kommissarisch; seit 2015 war er BDE-Vizepräsident. Seit dem 1. März 2026 ist der Diplom-Kaufmann Group Chief Executive Officer der Strategic Waste Holding, deren operativer Kern die Meinhardt Gruppe ist. Von 2019 bis 2025 leitete Harms als CEO das Deutschlandgeschäft von Veolia. Der frühere Unternehmensberater ist seit 2002 in der Entsorgungs- und Kreislaufwirtschaft tätig. Seine Arbeit verbindet unternehmerische Praxis mit Rohstoffsicherheit, industrieller Wettbewerbsfähigkeit und der Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft.
Der BDE auf einen Blick
Der BDE Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Kreislaufwirtschaft e. V. ist Wirtschafts- und Arbeitgeberverband der privaten Kreislauf-, Ressourcen- und Wasserwirtschaft.
Seine rund 800 Mitgliedsunternehmen decken wesentliche Teile der Wertschöpfungskette ab: von Sammlung, Logistik und Entsorgung über Sortierung, Aufbereitung und Recycling bis zur Rückführung von Rohstoffen und Produkten in den Wirtschaftskreislauf. Der Verband vertritt überwiegend mittelständische und vielfach familiengeführte Unternehmen. Von Berlin und Brüssel aus setzt sich der BDE für fairen Wettbewerb, Entsorgungssicherheit, verlässliche Investitionsbedingungen und praxistaugliche Regulierung ein.




