Jan-Hendrik Goldbeck (Jahrgang 1976) ist geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Bau- und Immobilienunternehmens. Er studierte Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe und Lausanne und arbeitete zunächst bei IVG Immobilien, erst als Trainee, später als Assistent des Vorstands. Ende 2005 stieg er in das Unternehmen seines Vaters ein. Das 1969 gegründete Unternehmen beschäftigt an über 100 Standorten in Europa insgesamt mehr als 11.000 Mitarbeitende.
V Wie sieht für Sie die Smart City der Zukunft aus, und welche neuen Herausforderungen wird sie an das Bauen stellen?
Das Ziel für die Städte der Zukunft ist es, eine lebenswerte, menschenwürdige, verlässliche, nachhaltige und bezahlbare Infrastruktur zu schaffen. Das ist eine wichtige Aufgabe, bei der die Baubranche besonders gefordert ist, visionäre Lösungen hervorzubringen. Bei uns bedeutet das für die Städte der Zukunft konkret: Wir denken in allen Phasen des Immobilien-Lebenszyklus und an die zukünftigen Möglichkeiten. So bauen wir zum Beispiel nicht nur Parkhäuser, sondern realisieren Mobility Hubs und betreiben sie.
V Welchen Baumaterialien und Bautechnologien gehört die Zukunft?
Insbesondere bei Baumaterialien wird es nicht die „One-size-fits-all“-Lösung geben. Es gibt Technologien und Materialien, deren Entwicklung wir aufmerksam verfolgen, weil wir sie für Potentialträger halten: Ultraleichtbeton zum Beispiel hat eine hohe Dämmwirkung. Er ist heute zwar noch nicht flächendeckend einsatzfähig, aber mit Sicherheit ein hochinteressanter Baustoff für uns. Weiteres Beispiel: Ultrabeschallung von Beton im Betonierprozess. Durch den Ultraschall wird der Beton schneller hart, so dass weniger Zement nötig ist – mit 20 bis 30 Prozent weniger CO2-Emission als Resultat. Dieses Verfahren wenden wir heute pilotweise schon an. Zudem haben wir in ein Unternehmen investiert, das ein Carbon-Capturing-Verfahren bei der Herstellung von Beton erarbeitet. Und wir prüfen viele weitere aktuelle Ideen aus Universitäten und von Start-ups – hier passiert unheimlich viel gerade!
Beton im Betonierprozess. Durch den Ultraschall wird der Beton schneller hart, so dass weniger Zement nötig ist – mit 20 bis 30 Prozent weniger CO2-Emission als Resultat. Dieses Verfahren wenden wir heute pilotweise schon an. Zudem haben wir in ein Unternehmen investiert, das ein Carbon-Capturing-Verfahren bei der Herstellung von Beton erarbeitet. Und wir prüfen viele weitere aktuelle Ideen aus Universitäten und von Start-ups – hier passiert unheimlich viel gerade!
Wir haben uns schon in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Werkstoff Holz beschäftigt und nutzen ihn in verschiedenen Bereichen. Ein prima Werkstoff, leider aber nicht das Allheilmittel, als das er derzeit von einigen Lobbygruppen und Politikern verkauft wird. Viele Anwendungsfälle sind statisch und/oder bauphysikalisch wenig sinnvoll beziehungsweise zu teuer, und auch aus wissenschaftlicher Sicht ist das Bewahren von Wald und ein konsequentes Aufforsten die bessere Lösung. Natürlich gibt es – wie schon seit vielen Dekaden – auch für Holz ideale Anwendungsfälle. Wir haben die Verantwortung, auf wissenschaftlicher Basis Licht ins Dunkel zu bringen, so dass das investierte Kapital nicht ideologisch, sondern gemäß dem ökologisch optimalen Nutzen eingesetzt wird.
V Wie lange müssen Gebäude aus Ihrer Sicht genutzt werden, um dem Nachhaltigkeitsanspruch gerecht zu werden?
Grundsätzlich sollten Gebäude so lange wie möglich im Lebenszyklus gehalten werden. Idealerweise wird dies durch eine flexible Umnutzbarkeit und clevere Grundrisse erreicht, denn Bedarfe ändern sich. Unsere elementierte systematisierte Bauweise wird diesem Ansatz gerecht, Nutzungsänderungsmöglichkeiten sind bereits in der Planung konzeptionell integriert. Während des Betriebs tragen wir mit unseren Serviceleistungen dazu bei, dass ein Gebäude sein maximales Lebensalter möglichst effizient erreicht. Erst wenn weitere Nutzungs- und Revitalisierungsmöglichkeiten nicht mehr realisierbar sind, übernehmen wir den möglichst ressourcenschonenden Rückbau des Gebäudes sowie das Recycling der Baustoffe.
V Welche Rolle spielt die Kreislaufwirtschaft bei Ihren Gebäuden?
Als Unternehmen sind wir in der Verantwortung, zukunftsfähige Konzepte zu liefern, die in der Realität auch skalierbar anwendbar sind. Wir müssen Nutzen, Kosten und die ökologischen Effekte eines Gebäudes über den gesamten Lebenszyklus hinweg begreifen, faktenbasiert und ideologiefrei. Die Planung eines Objekts erfolgt bei Goldbeck vollständig digital. Aus dem „digitalen Zwilling“ leiten wir über den gesamten Lebenszyklus des Gebäudes hinweg wichtige Informationen ab. Unsere Gebäude sind nicht „monolithisch gegossen“, sondern wir versuchen, vorgegebene Funktionen und Qualitäten mit möglichst wenig Masse, also ressourcenschonend, zu erreichen. Massivbau im Sinne von „viel hilft viel“ ist out! Unsere systematisierte Bauweise ermöglicht, dass sich Räume und Technik flexibel an neue Anforderungen anpassen lassen. Und auch ein zweites Leben ist möglich: Der digitale Zwilling dient uns zugleich als Materialdatenbank, sozusagen als „Abbaukarte“ für recyclingfähige Materialien.
V In Ihrem Nachhaltigkeitsbericht sagen Sie, die ESG-Kriterien seien für die geschäftsführenden Gesellschafter ein „Herzensthema“. Was bedeutet das in der Praxis?
Es ist unsere unternehmerische Verantwortung, die Transformation zu gestalten, um Lösungen für Lebensräume der Zukunft zu entwickeln – progressiv und mit Pioniergeist. Wir wollen belastbare faktenbasierte Lösungsvorschläge für unsere Kunden liefern. Dabei müssen wir den Blick auf den komplexen Lebenszyklus richten, und auch hier gibt es keine Wunderformel. Aber: Wir verbessern stets unser System, dazu gehören auch die Bereiche Digitalisierung und Materialwissenschaften.
Das bedeutet konkret: Orientiert an den United Nations Sustainable Development Goals, den Zielen der EU-Taxonomie und den Ergebnissen unserer Wesentlichkeitsanalyse nach den Standards der Global Reporting Initiative hat Goldbeck insgesamt acht wesentliche Handlungsfelder identifiziert. Im Rahmen einer „Sustainability Roadmap“ wurden in jeder der acht Focus Areas kurz-, mittel- und langfristige Ziele und Kennzahlen definiert – auf Unternehmenssowie auf Produktebene. Der Anspruch: unsere eigene Performance Jahr für Jahr zu verbessern und „best in class“ in Sachen Nachhaltigkeit zu sein. Dabei wurde schnell klar: Der Nachhaltigkeitskompass soll nicht nur Goldbeck Orientierung geben, sondern auch unseren Bauherren. Deshalb ist er jetzt auch Dreh- und Angelpunkt eines professionellen Nachhaltigkeitsberatungsansatzes schon in der Planungsphase.
V Was wünschen Sie sich vom Gesetzgeber in Hinblick auf den Klimaschutz?
Auch wenn viele Akteure die Interessen der Wirtschaft und des Klimaschutzes als gegensätzlich wahrnehmen, so herrscht bereits oft Konsens, dass Net Zero erreicht werden muss – lieber früher als später. Schauen wir auf die Baubranche, so gibt es einige Dinge, die wir verstärkt anstoßen müssen, um weiterzukommen: mehr Standardisierungen und Typisierungen, um Bauen skalierbarer zu machen, mehr Pragmatismus bei Artenschutzverfahren im Blick auf das große Ganze, Reduktion der „Staatsquote“ für klimafreundliches und preisgedämpftes Wohnen sowie Unterstützung bei der Finanzierung für diese Wohnräume. Die Suche nach „Sustainable Best Cases“ ist ein gemeinschaftliches Projekt.
Von Politik und Verwaltung wünschen wir uns, dass man neben der wichtigen sozialen und ökologischen Verantwortung lernt, nicht für Paragraphen, sondern für Innovation, Geschwindigkeit und Wirtschaftlichkeit zu plädieren. Ansonsten verpassen wir den Transfer der (Klima-)Ziele in die Realität. Politische Rahmenbedingungen müssen angepasst werden, um den Unternehmen entsprechende Handlungsfelder für klimaneutrales Handeln zu eröffnen. Die Bedingungen für Förderfähigkeiten müssen dabei klar an den Klimazielen des European Green Deal orientiert sein und stetig ambitionierter werden. Sonst erreichen wir die Klimaneutralität bis 2050 nicht. Der Schulterschluss zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft muss gelingen!
Die Fragen stellte Oliver Kauer-Berk.




