Wie Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Unternehmen gemeinsam urbane Räume lebenswert, gesund und gerecht gestalten können

Heute leben bereits mehr als die Hälfte aller Menschen in städtisch geprägten Räumen. Bis zum Jahr 2050 wird sogar ein Anstieg um mehr als 2,2 Milliarden Menschen erwartet – dann werden voraussichtlich etwa zwei Drittel der Menschheit direkt in Städten leben. Obwohl Städte weniger als 3 Prozent der Weltfläche einnehmen, beherbergen sie etwa 80 Prozent der globalen Wirtschaftsaktivitäten, zeichnen jedoch auch für etwa 75 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Allerdings sind der Wohlstand und die Betroffenheit durch Klimarisiken sehr ungleich verteilt: Der Welt-Ungleichheitsbericht 2022 beschreibt etwa, dass die reichsten 10 Prozent der Menschheit über 76 Prozent des Vermögens verfügen und zugleich für fast die Hälfte aller Emissionen verantwortlich waren. Auch unser Wohlstand in Deutschland basiert auf dem Import von Ressourcen und dem Export von Produkten und Abfällen. Grundlage einer Transformation zu einer gerechteren Welt wären zuallererst eine gerechtere Verteilung des globalen Wohlstands und eine Reduzierung der Risiken für weniger privilegierte Menschen.

Problem und Lösung zugleich

Städte sind gleichzeitig Treiber und Betroffene der globalen Veränderungen. Sie tragen maßgeblich zum Klimawandel bei, welcher wiederum das Leben in den Städten massiv verändert: Der Meeresspiegel steigt, und die extremen Wetterereignisse, wie Hitze, Dürren und Überflutungen, nehmen zu. All dies hat natürlich auch unmittelbar Konsequenzen auf die konkreten Lebensverhältnisse in den Städten. Allerdings sind nicht alle Menschen gleichermaßen betroffen. Die auf den ersten Blick unterschiedlichen Krisen, wie Klimakrise, Extremwetterereignisse, Ungleichheiten, Armut, Marginalisierungen, ungleiche Bildungschancen oder auch Rassismus, sind miteinander verknüpft und verschärfen sich wechselseitig. Dieses Zusammenspiel ungleicher Lebensbedingungen tritt als räumliches Verteilungsmuster in der Stadt zutage: Die Bevölkerung verteilt sich normalerweise nicht gleichmäßig in der Stadt, sondern es entstehen unterschiedlich geprägte Nachbarschaften. Zum Beispiel sind sozial benachteiligte Viertel häufig mit schlechteren Wohn- und Lebensbedingungen verbunden, als das in privilegierten Gegenden der Fall ist. Auch in Deutschland zeigt sich die Tendenz, dass der soziale Status mit der unfairen Verteilung von Umweltbelastungen und dem nicht gleichberechtigten Zugang zu Umweltressourcen, wie beispielsweise Grünflächen, zusammenhängt. Zugleich sind Städte als Lebensort vieler unterschiedlicher Menschen auch schon von jeher Ausgangspunkt neuer Ideen.

Die Stadt ist von Menschen für Menschen gemacht. Die Herausforderung besteht darin, dieses Biotop für alle Lebewesen lebenswert, gesund und gerecht zu gestalten.

Produkt vieler Handlungen

Stadträume entstehen als koproduktives Ergebnis verschiedener, miteinander verwobener Handlungen, Interessen und Bedürfnisse. Sie sind Verflechtungsräume zwischen öffentlicher Hand, Zivilgesellschaft und privatwirtschaftlichen Unternehmen, wie zum Beispiel:

// öffentliche Räume, die für alle ohne Reglementierung zugänglich sind, wie Parks oder Stadtplätze,

// öffentliche Räume, deren Benutzung Einschränkungen unterliegt, wie Straßenverkehrsordnung oder Polizeiordnungen, zum Beispiel auf Bahnhofsplätzen,

// öffentliche Räume mit Zugangsbeschränkung oder Schließzeiten, wie Schwimmbäder, Friedhöfe oder Bibliotheken,

// Räume, die sich in kommunalem Eigentum befinden, aber vorwiegend privat genutzt werden, zum Beispiel zum Parken oder für Gastronomie,

// private Freiräume, die aber öffentlich zugänglich sind, wie zum Beispiel der Paley Park in New York City,

// private Freiräume mit Zugangsbeschränkung, zum Beispiel Gemeinschaftsgärten,

// Patenschaften Privater, zum Beispiel für Bäume oder Spielplätze auf öffentlich zugänglicher Fläche.

Es sind viele weitere Konstellationen denkbar. Für die Planung von Freiräumen ist relevant, wem die Fläche gehört, wer Nutzungsrechte besitzt oder erhalten soll, welche Nutzungen angrenzen, wer Zugang und Nutzbarkeit reguliert und wer für Errichtung und Unterhalt verantwortlich ist. Dabei sind öffentliche Zugänglichkeit, Möglichkeiten zur Aneignung und eine konsumfreie Nutzung wichtige Aspekte.

Nachhaltige Strategien

Eine Reihe internationaler Vereinbarungen beschreibt öffentlich zugängliche Freiräume in Verbindung mit multifunktionalem Städtebau als Kern inklusiver, sicherer und resilienter Städte. Beispielsweise benennen die Nachhaltigkeitsziele (SDGs) und auch die 2016 in Quito (Habitat III) beschlossene New Urban Agenda der Vereinten Nationen Handlungsfelder einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Auf europäischer Ebene rückte im Jahr 2020 mit der Neuen Leipzig-Charta die Gemeinwohlorientierung in den Fokus, um die transformative Kraft der Städte zu nutzen. Auf nationaler Ebene befasst sich beispielsweise der Baukulturbericht 2020/21 „Öffentliche Räume“ schwerpunktmäßig mit der Bedeutung der öffentlich zugänglichen Stadträume. Integrativ und für alle ohne Einschränkung zugänglich sollen sie sein, einen Beitrag zur Klimawandelanpassung, Gesundheit, Erholung und Biodiversität leisten, aber vor allem dauerhaft für das Gemeinwohl verfügbar und nutzbar sein, auch für kommende Generationen.

Die ökosystemare Perspektive

Unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden hängen nicht nur von individuellen, sozioökonomischen und kulturellen Parametern ab, sondern sind maßgeblich von den uns umgebenden Ökosystemen beeinflusst. Ökosystemare Prozesse entfalten Wohlfahrtswirkungen für die Menschen (Anm. d. Red.: Der ökosystemare Ansatz beinhaltet das integrierte Management von Land, Wasser und lebenden Ressourcen, das den Schutz und die nachhaltige Nutzung auf gerechte Art fördert). Sie stellen beispielsweise Wasser, Nahrung, Rohstoffe für Arzneimittel oder auch Baumaterial bereit oder regulieren unsere Umweltbedingungen wie Klimakomfort oder Wasserrückhaltung. Zudem leisten sie einen wesentlichen Beitrag zu kulturellen Aspekten wie Erholung oder Tourismus. Die Basis bilden unterstützende Leistungen wie Bodenbildung oder Biodiversität. Die Ökosystemleistungen haben also einen essentiellen Einfluss auf unser Leben, auf die Gesundheit, Ernährungssicherheit, das Trinkwasser, auf Krankheiten oder auf den Schutz vor extremen Wetterereignissen. Sie sichern unser Überleben, deshalb muss es ein grundlegendes Ziel sein, diese Ökosysteme in einen guten Zustand zu versetzen. Urbane Wälder, Straßenbäume, grün-blaue Straßenräume, Höfe, öffentliche und private Gärten, Dachgärten, vertikale Gärten und Balkone erbringen Ökosystemleistungen und sind daher Schlüsselelemente für eine nachhaltige Transformation von Stadträumen.

Somit stellt sich die Frage, wie ökologische und soziale Aspekte in einem integrierten Konzept zusammengeführt werden können.

Sicherer und gerechter Raum

Die britische Ökonomin Kate Raworth beschreibt einen Handlungsrahmen für eine soziale und zugleich ökologische Transformation, die das Wohlbefinden aller Menschen und die Gesundheit des Planeten verknüpft. Sie wählt dafür das Bild eines Doughnuts – eines ringförmigen Krapfens –, der den sicheren und gerechten Raum für die Menschheit darstellt. Dieser Raum wird sowohl durch das ökologische Limit der planetaren Grenzen bestimmt als auch durch die fundamentalen sozialen Mindeststandards für alle Menschen definiert. Damit ist der Doughnut auch Ausdruck der miteinander verwobenen sozialen und ökologischen Krisen, in denen wir uns befinden. Zugleich beschreibt Raworth, dass es keine entwickelten Länder gebe, sondern alle Nationen sich auf einem Weg der Transformation befinden. Jedes Land der Erde habe einen jeweils spezifischen Transformationsbedarf. Auch unsere Gesellschaft müssen wir vor dem Hintergrund der begrenzten Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen in Hinblick auf soziale Gerechtigkeit neu denken. Dafür erweitert Raworth das wachstumsorientierte ökonomische Modell um ökosystemare und soziale Ziele und schlägt ein regeneratives, zirkuläres Wirtschaften vor. Die konkrete Umsetzung der meisten Ziele liegt aber auf lokaler Ebene im Verantwortungsbereich der Kommunen und der Zivilgesellschaft, im Zusammenwirken verschiedener Interessen und Aktivitäten.

Wirkungsorientierter Blick

Das Doughnut-Konzept ist in den vergangenen Jahren als ein Steuerungsinstrument für eine ökologisch und sozial gerechte Transformation von Stadträumen an die kommunale Ebene angepasst worden. Das ganzheitliche und wirkungsorientierte Instrument wurde zum Beispiel in Amsterdam im Rahmen partizipativer Planungsprozesse für ein Stadtentwicklungskonzept erprobt. Mit dem sogenannten City-Porträt werden das soziale Fundament und die ökologischen Grenzen des Doughnuts in vier Perspektiven übersetzt: Die lokal-ökologische Perspektive hinterfragt, wie das Ökosystem lokal funktioniert und wie wir dort Ökosystemleistungen für spezifische Verbesserung nutzen können. Die lokal-soziale Perspektive betrachtet das Wohlergehen aller Menschen an einem konkreten Ort gleichermaßen. Mit Blick auf die globalen Konsequenzen des lokalen Handelns werden aus der ökologischen Perspektive Ziele und Maßnahmen identifiziert, um die planetaren Grenzen einzuhalten, während die soziale Perspektive die Frage aufwirft, was es lokal bedeutet, das Wohlergehen der Menschen auf der ganzen Welt zu respektieren.

Aus der Kombination der Perspektiven entsteht eine umfassende und ganzheitliche Momentaufnahme der Stadträume, sowohl der lokalen Gegebenheiten als auch der globalen Auswirkungen. Die mehrdimensionale Perspektive fördert für alle Planungsbeteiligten das komplexe Denken, das Erkennen von Zusammenhängen und vor allem einen wirkungsorientierten Blick auf die sozial-ökologische Transformation von Stadträumen.

Je mehr unterschiedliche Menschen in den Städten leben und arbeiten, desto höher ist auch der Nutzungsdruck, die Flächenkonkurrenz wird größer. Diese Konflikte betreffen dann auch die Verteilungs- und Umweltgerechtigkeit und damit Handlungsfelder wie Gesundheit und Klimawandel. Klimawandel. Dabei sind öffentlich zugängliche Freiräume ein Schlüsselelement, das im besten Fall Austausch und Gemeinschaft ermöglicht und als kollektives Gut für alle zugänglich, offen und inklusiv ist. Auch Ökosystemleistungen dienen dem Gemeinwohl, selbst wenn sie sich in privatem Besitz befinden. Mit Hilfe von Maßnahmen wie Bauwerksbegrünung, blau-grünen Höfen oder Gärten können auch auf privaten Flächen wesentliche Beiträge zur sozial gerechten und ökologisch funktionierenden Stadt entstehen. Damit ist eine Steuerung der Qualität von Freiräumen in der Stadt gefragt, deren Pflege, Finanzierung, Organisation und Trägerschaft.

Jedes Projekt trägt bei

Ein prägnantes Beispiel für eine gelungene Integration vieler sozialer und ökologischer Aspekte in einem kommunalen Projekt, in Verbindung mit einem intensiven zivilgesellschaftlichen Aushandlungsprozess, ist der Park am Gleisdreieck in Berlin: Die urbane ökologische Vielfalt der ehemaligen Brachfläche prägt den Park, ebenso wie Sport- und Spielangebote oder die Gemeinschaftsgärten in der Nachbarschaft. Besonders hervorzuheben ist der „Nutzer*innenbeirat“, der bei der ständigen Weiterentwicklung des Parks mitwirkt und damit die intensive Partizipation der Planungszeit fortsetzt.

Der Alnatura Campus im Darmstadt zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie eine privatwirtschaftliche Entwicklung einen ökologischen und sozialen Mehrwert für die Stadtgesellschaft erzeugt. Auf der Konversionsfläche einer ehemaligen US-Kaserne in Darmstadts Westen, nah am Hauptbahnhof, ist eine vielfältige Akteurslandschaft entstanden: Der Campus ist Arbeits-, Erholungs-, Lern- und Begegnungsort, enthält Schul- und Pachtgärten, nicht nur für die dort Arbeitenden. Die Wiedernutzung, Entsiegelung und Renaturierung vorhandener Betonflächen, eine natürliche Belüftung des Gebäudes, Geothermie- und Abwärmerückgewinnung sowie das Regenwassermanagement sind Ausdruck des ökosystemaren Grundverständnisses. Jedes Projekt ist eingebettet in einen größeren sozialen und ökologischen Zusammenhang. Daher gilt es immer, die Konsequenzen zu berücksichtigen: Welche konkreten positiven Beiträge kann ein Projekt für das Gemeinwohl leisten? Wie kann es die Funktionsweise der Ökosysteme verbessern? Eine faire Verteilung in der Stadt ist essentiell, damit sich eine Wohlfahrtswirkung für alle entfaltet. Bei der konkreten Ausgestaltung ist dann die Interaktion von Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft und privaten Unternehmen gefordert. Alle müssen sich fragen, welchen Beitrag sie für das Gemeinwohl leisten können.

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