Künstliche Intelligenz verändert Wirtschaft und Gesellschaft in atemberaubendem Tempo. Und sie verbraucht Energie in einem Ausmaß, das viele noch unterschätzen. Während KI-Systeme helfen, Medikamente zu entwickeln, Produktionsprozesse zu optimieren oder Katastrophen vorherzusagen, wächst zugleich ihre Klimabilanz. Laut einem Report von Goldman Sachs wird der Energieverbrauch von Rechenzentren bis 2030 voraussichtlich um 160 Prozent zunehmen. Vor der KI-Revolution haben sich viele globale Technologiefirmen ehrgeizige Klimaziele gesetzt. Nun wächst die Sorge, dass gerade der technologische Wandel diese Ziele untergräbt. Wie also sehen die Menschen selbst dieses Spannungsfeld zwischen digitalem Aufbruch und ökologischem Fußabdruck? Eine neue Brunswick-Studie liefert dazu spannende Erkenntnisse. Es wurden 9.000 Menschen in fünf Ländern – darunter 2.000 in Deutschland – befragt, wie sie Chancen und Risiken von KI einschätzen und welchen Stellenwert der Klimaschutz dabei einnimmt. Im Gegensatz zu anderen Umfragen ist das Meinungsbild nicht gefestigt. Kein Wunder: Die rasante Entwicklung von KI überrollt selbst die aufmerksamen Beobachter. Erst drei Jahre ist es her, dass ChatGPT erstmals frei zugänglich wurde. Seither verändert KI in rasantem Tempo Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.
Positive Einstellung zu KI
Grundsätzlich überwiegt der Optimismus. Die Mehrheit der Befragten sieht in KI vor allem Chancen – in der Medizin, in der Wirtschaft und für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Besonders ausgeprägt ist die Hoffnung, mithilfe intelligenter Systeme Naturkatastrophen besser vorhersagen und Energie effizienter nutzen zu können. Das Vertrauen in den Nutzen der Technologie ist also da, doch es ist fragil (Abbildung 1).

Abb. 1: „To what extent do you think artificial intelligence will have a positive or negative impact on each of the following in [country]?“ Base: Total (N=9087) // Quelle: Das Klimadilemma der KI – Was denken die Deutschen?; Brunswick Group
Datenschutz vor Klimaschutz
Trotz dieser positiven Grundstimmung dominieren in allen Ländern Sicherheitsbedenken. Laut der Brunswick-Erhebung ist Datenschutz das zentrale Thema. Die meisten Menschen sorgen sich, wie Unternehmen persönliche Informationen speichern und schützen. Danach folgen Ängste vor Automatisierung und Arbeitsplatzverlust. Erst weit abgeschlagen – auf Platz neun – stehen die Klimaauswirkungen der KI (Abbildung 2).
Gerade in Deutschland ist die Sensibilität für Datensouveränität besonders ausgeprägt. Hier zählen der Schutz persönlicher Daten, die Frage nach dem Speicherort und die Zugriffsrechte zu den größten Sorgen.

Abb. 2: „If you were to hear about a company developing AI, how much of a concern, if at all, would each of the following questions be for you?“ Base: Total (N = 9087) // Quelle: Das Klimadilemma der KI – Was denken die Deutschen?; Brunswick Group
Klimaschutz auf den zweiten Blick
Doch das Meinungsbild kippt, sobald konkrete Fakten auf den Tisch kommen. Wird den Befragten die Erhöhung von Emissionen durch die KI-Entwicklung vor Augen geführt, halten 50 Prozent der Deutschen dies für ein ernstes Problem. Mehr als die Hälfte der Befragten fordert, dass KI künftig ausschließlich mit erneuerbaren Energien betrieben werden soll, selbst wenn das die Entwicklung verlangsamt. In Deutschland liegt diese Zustimmung mit 34 Prozent zwar am unteren Ende des internationalen Vergleichs, zeigt aber, dass technologische Innovation und Klimaziele zusammen gedacht werden müssen. Das Thema ist also vorhanden, aber nicht top-of-mind. Sobald die Klimaeffekte von KI konkret angesprochen werden, zeigen viele Befragte ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl für ökologische Fragen. Für Technologieunternehmen ist das eine zentrale Botschaft. Die Klimaauswirkungen ihrer Produkte sind längst kein Randthema mehr. Wer heute nicht transparent erklärt, wie KI betrieben und mit welcher Energie sie gespeist wird, riskiert morgen Reputationsschäden.
Wer zahlt für den Fortschritt
Ein weiteres spannendes Ergebnis betrifft die Frage nach den Kosten. Wer soll für die Energie- und Datennetze zahlen, die KI-Systeme ermöglichen? Eine klare Mehrheit sieht die großen Technologieunternehmen in der Pflicht (Abbildung 3). In Deutschland gehen die Meinungen dagegen stärker auseinander. Nur jeder Dritte ist der Ansicht, dass große Technologiefirmen zahlen sollen. Einer der niedrigsten Werte im internationalen Vergleich. Und viele Deutsche halten staatliche Investitionen für gerechtfertigt. Das verweist auf ein interessantes Paradox: Je positiver ein Land KI bewertet, desto eher befürwortet es öffentliche Gelder für deren Ausbau. Offenbar wird KI zunehmend als Teil der nationalen Infrastruktur gesehen – ähnlich wie Straßen oder Stromnetze. Sie gilt als Grundlage von Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand.

Abb 3: „Thinking about who pays for the infrastructure needed for AI, please rank the following in order of who should be most responsible for developing the energy/ data networks needed for the development of AI?“ Base: Total (N = 9087) // Quelle: Das Klimadilemma der KI – Was denken die Deutschen?; Brunswick Group
KI als Standortfaktor
Über alle Märkte hinweg erkennen mehr als 60 Prozent der Befragten in der Brunswick-Studie KI als entscheidenden Faktor für die wirtschaftliche Stärke ihres Landes. In Zeiten geopolitischer Unsicherheit und schwächelnder Wirtschaft (in Deutschland, Frankreich und Großbritannien) wird technologische Souveränität zum neuen Wohlstandsversprechen. KI gilt als Standortvorteil – und als Magnet für Talente. Dieser Trend zeigt sich auch, wenn die Verbraucher gefragt werden, wie sie Investitionen von inländischen oder ausländischen Unternehmen in KI-Bereich gegenüberstehen. Die Befragten möchten am liebsten, dass inländische Unternehmen in KI investieren. Dann folgen regionale Verbündete wie in Deutschland beispielsweise Frankreich.
Was daraus folgt
Die gute Nachricht: Bei KI dominiert in Deutschland noch das Chancendenken und nicht die berüchtigte „German Angst“. Die Diskussion über KI und Nachhaltigkeit ist noch nicht festgefahren. Viele Menschen suchen Orientierung und wollen verstehen, welche Chancen und Risiken KI für das Klima wirklich mit sich bringt. Für Unternehmen ergibt sich daraus ein doppelter Auftrag. Erstens müssen sie die wirtschaftlichen Chancen und gesellschaftlichen Vorteile von KI klar vermitteln. Zweitens müssen sie offenlegen, wie sie mit den Emissionen von KI umgehen. Für die Kommunikation bedeutet das: Unternehmen, die jetzt transparent erklären, wie sie Emissionen messen, Energiequellen umstellen und Effizienz steigern, gewinnen Vertrauen. Wer wartet, bis öffentlicher Druck entsteht, überlässt das Narrativ anderen und riskiert Angriffe auf die Reputation. Das Verhältnis von KI und Klima bleibt offen; technisch wie gesellschaftlich. Doch die Richtung ist klar: Transparenz und Verantwortung bestimmen künftig die Legitimität von Technologie.




