Wir lernen schnell – oder doch nicht schnell genug? Eine globale Gesundheitskrise, die fortschreitende Erderwärmung sowie längst vergessen geglaubte geopolitische Konflikte stressen zunehmend unsere politischen und wirtschaftlichen Systeme. Jede einzelne dieser Krisen ist nicht nur eine Herausforderung an sich, sondern verstärkt die gegenwärtig wohl größte gesellschaftliche und unternehmerische Veränderung, nämlich die sich rasant beschleunigende radikale technologische Transformation unserer Gesellschaft. Der gegenwärtige technologische Fortschritt führt zu einer nie dagewesenen Dynamisierung der gesellschaftlichen Evolution oder sogar zu einer sozialen Revolution im Verhältnis Mensch-Maschine und folglich auch im Verhältnis Individuum-Staat.
Die weitreichenden neuen Möglichkeiten, die durch die innovativen Mensch-Maschine-Interaktionen entstehen, fordern die gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Institutionen heraus. Einzelne Algorithmen können dabei so wirkmächtig werden, dass sie ganze Gesellschaften, Industrien beziehungsweise politische Systeme in ihren Bann ziehen. Fake News, Cyberangriffe, Kontrolle über private Daten sowie neue biotechnologische und medizinische Errungenschaften durch Big Data stellen derzeit sowohl unsere kommunikativen als auch unsere sozialen Systeme grundlegend in Frage. Wird ewiges Leben durch individualisierte Medizin möglich? Werden unsere demokratischen Systeme durch Kommunikations-Bots unterwandert? Werden Menschen immer mehr durch soziale Medien in ihren Entscheidungen manipuliert? Werden geopolitische Konflikte in Zukunft im Cyberraum entschieden?
Ein neues Denken
Zwar versuchen die Staaten mit immer neuen Regularien, diese Entwicklungen zu kontrollieren, aber die gegenwärtigen technologischen Errungenschaften entwickeln sich wohl schneller, als die staatliche Kontrolle über sie möglich ist. Und selbst wenn Staaten diese mächtigen Technologien kontrollieren, wer stellt dann sicher, dass sie nicht gegen das eigene Volk oder gegen andere Staaten eingesetzt werden? Welche Rolle spielen die großen Tech-Firmen, die täglich mehr User als die größten Staaten der Welt Einwohner haben? Welche Rolle spielen die Unternehmen in der gegenwärtigen Transformation? Sind sie Gewinner oder Verlierer dieser Entwicklungen?
Insbesondere die Aussicht auf Quantencomputer und Künstliche Intelligenz stellt derzeit wohl alles in den Schatten, was wir in den vergangenen 200 Jahren der Industrialisierung erlebt haben. Viele Insider stellen bereits die Frage, ob der Übergang von der Agrargesellschaft in die Industrialisierung nur der Beginn einer Reise war, welche nun zu ungeahnten globalen Möglichkeiten oder gar zum Kollaps unserer Zivilisation führt.
Eines ist klar, diese noch nie dagewesenen technischen Möglichkeiten sind sowohl die wohl größte Chance als auch das größte Risiko der Menschheitsgeschichte zugleich. Erlauben die derzeitigen Entwicklungen doch, den größten ökologischen und menschlichen Herausforderungen unserer Zivilisation zu begegnen, zum Beispiel durch die Entwicklung neuer Medikamente, regenerativer Umwelttechnologien, innovativer Energiesysteme und weltweiter Kommunikationsinstrumente sowie durch eine nie dagewesene Rechenleistung, die es erlaubt, wissenschaftliche Zusammenhänge und neue Erkenntnisse in Bruchteilen von Sekunden zu generieren.
Diese neuen Erkenntnismöglichkeiten führen derzeit auch in der Wissenschaft zu einem Paradigmenwechsel: Das „alte“ lineare Ursache-Wirkung-Denken wird durch ein „neues“ multidimensionales und systemisches Wissenschaftsdenken abgelöst. Das alte Schwarz-Weiß-Denken weicht einem Denken in Relationen, Wahrscheinlichkeiten sowie der Auflösung von bis dato vermeintlich realen Subjekt-Objekt-Grenzen.
Kooperativ gestalten
Wie in allen Zeiten des gesellschaftlichen Wandels spielen auch heute die Fähigkeit zur ethischen Reflexion sowie die menschliche Intuition eine herausragende Rolle, um die Richtung unserer gemeinsamen Reise zu bestimmen. Wird die Technik den Menschen überholen oder gar obsolet machen? Oder gelingt es uns, die neuen Technologien in den Dienst des Menschen zu stellen? Werden die neuen Technologien die Kooperation zwischen den Menschen verstärken oder neue Konfliktpotentiale fördern? Wird die Technologie dazu verwendet, positiven Impact für alle zu generieren oder partielle Interessen gegen andere durchzusetzen? Fördern die neuen Technologien den Zusammenhalt und das Vertrauen in der Gesellschaft oder unterminieren sie dieses? Alles Fragen, die mindestens genauso wichtig sind wie die Fragen nach disruptiver Innovation und unternehmerischem Profit.
Wir befinden uns als Gesellschaft am Beginn einer spannenden Reise, und die Frage nach „Responsible Leadership im Umgang mit neuen Technologien“ sowie die Erkenntnis, dass wir alle im gleichen Boot sitzen, führen zu einem neuen Paradigma der wirtschaftlichen und politischen Kooperation. Wir brauchen einen globalen Austausch darüber, wie wir die neuen Technologien einsetzen wollen. Dabei gilt es, einen Konflikt zwischen den verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Systemen unbedingt zu vermeiden. Denn in einem „digitalen kalten Krieg“ zwischen konkurrierenden „feindlichen“ technologischen Systemen würde es wohl vor allem einen Verlierer geben: den Menschen.
Diese wohl größte Herausforderung, eine positive technologische Evolution der Menschheit zu erreichen, stellt alle anderen Krisen in den Schatten. Das Positive daran: Die gemeinsame Herausforderung sollte für alle Menschen Grund genug sein, dass wir uns global vereinen und kooperativ unsere Zukunft positiv gestalten. Dabei hilft uns, dass mit zunehmender Krisenerfahrung eine Erkenntnis immer klarer wird: „Entweder gewinnt die Menschheit gemeinsam, oder wir verlieren alle zusammen“ – das alte Gegensatzdenken wird damit obsolet.




