Können Steine den Klimawandel bremsen? Hinter dieser Frage verbirgt sich das Verfahren des Enhanced Rock Weathering (ERW). Die Technologie gilt als kosteneffizient, skalierbar und dauerhaft wirksam – und macht sich einen natürlichen Prozess zunutze: die Verwitterung von Gestein. Wenn Regenwasser, das Kohlensäure enthält, auf bestimmte Gesteine trifft, wird atmosphärisches CO₂ chemisch in Bicarbonaten gebunden. Diese wandern über das Erdreich in Flüsse und schließlich in die Ozeane, wo das CO₂ über Jahrtausende in stabiler Form gespeichert bleibt. ERW beschleunigt damit einen Mechanismus, der seit Millionen Jahren Teil des natürlichen Kohlenstoffkreislaufs ist. Ein Ansatz ist die Ausbringung von fein gemahlenem Gesteinsmehl auf Ackerflächen. Dies bringt nicht nur Vorteile fürs Klima, sondern auch für die Landwirtschaft: Das Gesteinsmehl setzt Pflanzennährstoffe frei, stabilisiert den pH-Wert des Bodens und kann so die Erträge steigern. Gleichzeitig ersetzt es herkömmlichen Kalk und verringert den Bedarf an chemischen Düngemitteln.
Markt für CO₂-Entfernung entwickelt sich rasch weiter
Für eine industrielle Nutzung steht ERW zwar noch am Anfang. Mit der Weiterentwicklung dieser Technologie und dem Aufbau entsprechender Kapazitäten könnte sie jedoch künftig einen wichtigen Beitrag zur weltweiten CO₂-Entfernung leisten. ERW ist dabei Teil eines größeren Gesamtbildes: Im ersten Halbjahr 2025 stieg die Zahl der Unternehmen, die sich im Rahmen der weltweiten Science Based Targets initiative (SBTi) ein Netto Null-Ziel gesetzt haben, um 34 Prozent. Sie haben erkannt, dass ihr Geschäftswert und ihre Resilienz langfristig davon abhängen, ambitionierte Klimaziele konsequent zu verfolgen. Besonders emissionsintensive Branchen wie Zement, Chemie oder Luftfahrt müssen dafür verstärkt CO₂-Zertifikate erwerben – unter anderem von spezialisierten Anbietern technologischer CO₂-Entfernung.
Zugleich entsteht in Europa ein klarer regulatorischer Rahmen: Mit dem Ende 2024 in Kraft getretenen Carbon Removal Certification Framework (CRCF) hat die EU die Basis geschaffen, um CO₂-Entfernungen künftig einheitlich zertifizieren, messen und vergleichen zu können. Erste Methodologien sind derzeit in Arbeit, und ab 2026 sollen voraussichtlich die ersten Zertifikate ausgegeben werden. Diese stehen für nachweislich entfernte und dauerhaft gespeicherte Mengen an CO₂ – und unterscheiden sich damit von herkömmlichen Vermeidungs- oder Reduktionszertifikaten.
Neben ERW gibt es weitere innovative Technologien, die mittel- bis langfristig das Potential echter Game Changer besitzen. Ein Beispiel ist Carbon Capture and Storage (CCS): Dabei wird CO₂ direkt an industriellen Abgasquellen abgeschieden und anschließend tief unter der Erde dauerhaft gespeichert. Zwar sind einige der neuen Lösungen noch kostenintensiv und nicht wettbewerbsfähig, doch mit wachsender technologischer Reife und zunehmenden Skaleneffekten dürfte sich das allmählich ändern – und die CO₂-Entfernung so zu einem unverzichtbaren Bestandteil globaler Klimastrategien werden.

Frühes Handeln verschafft Unternehmen Vorteile
Frühe Anwender treiben diese Entwicklung mit voran. Unternehmen wie etwa Airbus, Bayer, Bain & Company, JP Morgan Chase, LEGO oder Microsoft erwerben bereits proaktiv CO₂-Entfernungen. Mit der Signalwirkung ihrer Nachfrage schaffen sie für Technologieentwickler und Anbieter mit die Grundlage, ihre Kapazitäten auszubauen und ihre Lösungen in größerem Maßstab voranzubringen. Zwar hat nicht jedes Unternehmen die Möglichkeiten größerer Konzerne, doch alle sollten schon heute eine Strategie entwickeln, wie sie klimaneutral werden wollen. Unternehmen, die frühzeitig in diesen Markt einsteigen, können sich den Zugang zu CO₂-Zertifikaten zu noch günstigeren Konditionen verschaffen.
Denn klar ist: Die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich – und treibt die Preise. So prognostiziert AlliedOffsets, ein führender Datenanbieter im CO₂-Markt, dass sich die verfügbaren Kapazitäten zur CO₂-Entfernung bis 2030 auf rund 21 Millionen Tonnen erhöhen werden – das entspricht dem Siebzigfachen der heutigen Menge.
Gleichzeitig wächst die Nachfrage noch stärker: Für 2030 schätzt AlliedOffsets ein Volumen von über 64 Millionen Tonnen, was mehr als dem Dreifachen des prognostizierten Angebots entspricht. Langfristig ist die Herausforderung noch größer. Plausible Szenarien gehen davon aus, dass die Weltwirtschaft 2050 jährlich zwischen fünf und zehn Gigatonnen nachhaltiger CO₂-Entfernung benötigen wird, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen. Natürliche Lösungen wie etwa Aufforstungen können nur einen Teil dieses Bedarfs decken. Den Großteil müssen technische Verfahren übernehmen – die heute noch über weniger als eine Million Tonnen Kapazität verfügen. Um industrielle Kapazitäten aufzubauen und die Kosten nachhaltig zu senken, sind also erhebliche Anfangsinvestitionen erforderlich.
Welche drei Schritte CEOs heute angehen können
Unternehmen sind vor diesem Hintergrund gefordert, ihre Klima- und Geschäftsstrategie weiter konsequent miteinander zu verknüpfen. Für das Topmanagement ergeben sich daraus drei zentrale Handlungsfelder:
Belastbaren Dekarbonisierungsplan entwickeln. Die Transformation hin zu Netto-Null setzt eine Roadmap voraus, die Klimaziele mit konkreten Maßnahmen und einer entsprechenden Finanzplanung verzahnt. Ein realistischer Dekarbonisierungsplan berücksichtigt dabei die Emissionen aus den Scopes 1, 2 und 3 und integriert die Klimastrategie in Budget- und Investitionsentscheidungen. Dazu gehören auch Zeitplan, Umfang und Art der angestrebten CO₂-Entfernungen.
Bedarf an CO₂-Zertifikaten klären. Zertifikate sollten als strategischer Hebel zur Erreichung von Klimaneutralität verstanden werden. Dafür muss jedes Unternehmen seine spezifische Wertlogik für Investitionen in CO₂-Entfernungen definieren. Ebenso gilt es, das Zusammenspiel zwischen CO₂-Entfernung und anderen Dekarbonisierungsmaßnahmen sorgfältig auszubalancieren. Daraus leitet sich der langfristige Bedarf an CO₂-Zertifikaten ab.
Zugang zu Zertifikaten sichern. Das Topmanagement sollte ein tiefes Verständnis für Verfügbarkeit und Preisentwicklung dieses jungen, volatilen Marktes gewinnen. Langfristige Verträge mit Technologieentwicklern können dabei eine Option darstellen. Sie reduzieren das Risiko von Preisschocks und Engpässen, während die Anbieter durch planbare Umsätze die Skalierung ihrer Geschäftsmodelle vorantreiben können.
Weichen jetzt stellen
Um das Netto-Null-Ziel zu erreichen, sind Infrastruktur und Technologien für eine dekarbonisierte Welt gezielt aufzubauen. Dabei spielen die strategischen Entscheidungen eine Rolle, die Unternehmen bereits heute bei der Auswahl ihrer Klimapartner treffen. So entsteht das notwendige Vertrauen in Märkte und Technologien, die künftig im großen Maßstab benötigt werden. Ob die Netto-Null-Zukunft gelingt, hängt daher wesentlich von den Weichenstellungen ab, die Unternehmensführungen schon heute vornehmen. Fakt ist: Die CO₂-Entfernung hat das Potential, sich von einem zunächst freiwilligen Markt zu einem zentralen Bestandteil europäischer Klimastrategien zu entwickeln.




