Wenn wir auf der Straße einen Menschen sehen, der sein Smartphone benutzt, entsteht oft der Eindruck, dass er das in einer Art Blase tut, in einer eigenen Ökosphäre, und dass er wie selbstverständlich die Welt um sich herum ausblendet. Und das geschieht unabhängig von der Art der Nutzung: ob Audio oder Video, Textnachricht oder Mediathek, ans Ohr gepresst oder schräg vor den Kopf gehalten, schreiend oder andächtig. Dieses Medium, dieses Smartphone erzeugt eine eigene kleine Wirklichkeit. Das hat als erster der US-amerikanische Medienphilosoph Marshall McLuhan gesehen. Sein berühmtester Satz: „Das Medium ist die Botschaft.“ Man könnte ihn wie folgt paraphrasieren: Ein Medium – und für McLuhan waren das nicht nur ein Buch, ein Telefon, eine Zeitung oder das Fernsehen, sondern alle „Werkzeuge“, mit denen sich der Mensch die Welt erschließt – erzeugt und gestaltet eine neue Realität, eine Lebenswelt, eine neue Weltsicht. Wenn sich unsere Welt verändert, sind Medien im Spiel. Die Frage ist: Erkennen wir sie? Ist dies die Zeit der Smartphones, der Algorithmen und KI? Oder gibt es daneben, darunter noch ein Medium, das wir nicht sehen?
„Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen die Werkzeuge uns“, sagt McLuhan. Wie wäre es mit folgender Idee: Wir verstehen das gesamte Projekt Aufklärung mitsamt allen Büchern, Reden, Revolutionen, gesellschaftlichen Veränderungen, technologischen Neuerungen und sozialen Umbrüchen als ein einziges großes und unendlich vielschichtiges Medium, das ein älteres Medium, nennen wir es das Omnipapamobil, ersetzte. Zu einem (frei wählbaren) Zeitpunkt ließe sich alles, was geschieht, unter diesem einen Medium zusammenführen. Nicht aufzuklären wurde unmöglich! Und wenn man weiter konstruierte, dass wir nun in einer Zeit leben, in der dieses Medium der Aufklärung schließlich ersetzt worden ist, wäre wohl die erste Frage: Durch welches neue umfassende Medium? Was wäre die Antwort auf diese Frage?
What if
Eine zentrale These des deutsch-amerikanischen Philosophen Hans Jonas („Das Prinzip Verantwortung“) lautet: „Die Verheißung der modernen Technik ist in Drohung umgeschlagen.“ Der Unterwerfung der Natur folgt eine (neue) Unterwerfung des Menschen. Jonas sieht darin eine „vorausgedachte Gefahr“. Der Mensch erkennt, dass seine Handlungen eine kausale Reichweite in die Zukunft haben, die sich frühere Generationen nicht bewusst gemacht hatten. Für Jonas ist das ein primär ethisches Problem. Denn der Schwerpunkt der Ethik wird verschoben. Man könnte das vergleichen mit der Kritik an ethischen Systemen des schottischen Philosophen David Hume.
Der hatte angemerkt, dass die Ethik prinzipiell von einem existierenden Zustand, einer Wirklichkeit, auf einen gewollten, noch nicht realen Zustand verweist. Dieses Sein-Sollen-Dilemma ist zweifellos Grundlage der heutigen Debatten: der Begriff Nachhaltigkeit ist gewissermaßen eine Kopplung der defizitären Realität mit einer vorgestellt besseren. Ging der Blick der Aufklärung noch primär von der (zu überwindenden) Vergangenheit zur Gegenwart, so ist heute die Blickrichtung von der Gegenwart in die Zukunft. Alle Ethik wird sozusagen futurisiert. Ganz gleich, was wir machen, es muss der Zukunft dienen und standhalten. Damit wird Humes Dilemma potenziert: Einerseits besteht weiterhin das Problem, dass Sein und Sollen nicht deckungsgleich sind. Wir sollen immer etwas, das noch nicht ist. Denn wenn nicht, bräuchten wir es ja nicht zu sollen. Und nun kommen die Handlungsanweisungen auch noch aus ferner Zukunft. Das überfordert die Menschen.
Innovationen sind Brückenköpfe
Innovatoren, Innovationen sind die Brückenköpfe der Zukunft. „What if“-Menschen sind immer ein wenig mehr in einer Welt, die es noch nicht gibt, und etwas weniger in der Welt, in der sie leben. Und wenn man Innovationen nach McLuhan als Medien versteht, die eine eigene, neue Wirklichkeit kreieren, könnte man sie als Projektionsfläche jener Angst und jener Wut interpretieren, die unter allen Umständen die alte Wirklichkeit behalten wollen. Deswegen ist es auch folgerichtig, dass der Zukunftsforscher Matthias Horx die Gegenwart mit dem Begriff „Hysterisierung“ beschreibt. Für ihn kommt nach der Globalisierung der neue Nationalismus, der industriellen Revolution folgt die digitale Transformation, und dieser Übergang wird als permanente Krise, als dystopisch und angstbesetzt erlebt. Die „multipolare Welt“ ist aus den Fugen, man hat den Eindruck, dass die Bezugspunkte, die Sicherheitsnetze, die Orientierung verlorengegangen sind, und das wichtigste Bedürfnis ist deswegen, „immer gesehen, gehört und gewertschätzt“ zu werden. Das öffnet nicht nur dem Populismus Tür und Tor, es ist auch ein im Kern unerfüllbarer Wunsch. Horx plädiert für eine „neue Ethik der Gelassenheit“, wie sie etwa in der Achtsamkeitsbewegung anklingt. Die späte Kollateralwirkung der Aufklärung, die als umfassende Angst verstanden werden kann – existentiell, politisch, ökologisch usw. – kann für ihn nur durch eine „Moderation“ dieses Zustands kompensiert werden. Und auch wenn er prinzipiell optimistisch ist, sieht er die so dringend benötigten „Moderatoren“ (noch) nicht. Ein wesentlicher Grund dafür ist für ihn die Sichtweise, dass wir als Problemlöser agieren. Horx: „Probleme kann man nicht lösen.“ Man kann Lösungen finden. Probleme sind seiner Ansicht nach wie Trolle: Sie wachsen und vermehren sich, wenn man sie beachtet. Lösungen ereignen sich durch Zusammenbruch, Adaption oder Anpassung. Indem wir diese Erkenntnis nicht zulassen, schaffen wir ein Klima der Angst. Wir starren auf zahllose Krisen in dem Bewusstsein, dass sie unser gewohntes Leben vernichten könnten, und nicht in dem Bewusstsein, dass sie Teil notwendiger Korrekturen sind. Horx macht das an „ökonomistischen“ Studien fest, die Zukunftsszenarien entwerfen, welche zumeist gar nicht eintreten: Automatisierung und Massenarbeitslosigkeit beispielsweise, jüngst die Eliminierung ganzer Berufszweige durch die KI. Für Horx sind das fatale Prognosen, die vor allem eine Wirkung haben: Die Angst wird größer. Ähnliches konstatiert die Physikerin Sabine Hossenfelder. „Ich mag nicht von Krisen reden“, sagt sie und argumentiert treffend: das klinge „so optimistisch, so als hätte man verstanden, warum etwas falsch gelaufen sei und würde jetzt umdenken und Maßnahmen ergreifen“. Tatsächlich sei aber lediglich Stagnation zu erkennen. Wer heute den Begriff „Krise“ verwende, wolle suggerieren, dass etwas getan werde. Und genau das sei der Grund, warum Innovationen nicht schneller möglich seien. Ihre Unverzichtbarkeit, ihre Bedeutung wird verschleiert. Und noch eine Stimme: Militärexpertin Florence Gaub hat eine „Bedienungsanleitung“ für die Zukunft geschrieben und plädiert darin für mehr Optimismus, für eine „Can-do-Mentalität“. Pessimismus sei medienwirksam, erhöhe aber auch Unsicherheit und – Angst.
Disruptionen
1997 hat Clayton Christensen seine Theorie der „disruptiven Innovation“ vorgestellt. Er beschreibt darin das „Innovator‘s Dilemma“. Es besteht darin, dass ein bereits am Markt etabliertes Unternehmen, das in der Vergangenheit durch Innovationen erfolgreich wurde, bei anhaltendem Erfolg (Marktführerschaft) häufig weitere Innovationsbereitschaft vermissen lässt und eine etablierte Technologie, ein etabliertes Angebot nicht weiterentwickelt oder ersetzt. Zu einer konkurrierenden und zumeist eine Zeitlang unterlegenen disruptiven Technologie wird deswegen nicht gewechselt. Dann aber wird die disruptive Technologie immer erfolgreicher, und der Marktführer endet unter Umständen als Nischenanbieter. Psychologisch motiviert ist dieses Dilemma wesentlich durch fehlenden Mut, fehlende Risikobereitschaft und durch die Angst, vertrautes (erfolgreiches) Terrain zu verlassen. Wenn es nur darum ginge, von der CD zum Streaming, vom Handy zum Smartphone zu wechseln, wenn es nur um den Wechsel eines Mediums ginge, wäre die Disruption wenig angsteinflößend. Es geht aber um mehr, nämlich, so McLuhan, um eine neue Ökosphäre, ein Stück neuer Lebenswelt. Der Mensch mit dem Smartphone – der ja tatsächlich nur noch selten telefoniert! –, der Mensch in einem Auto, der Mensch vor dem Fernsehgerät, der Mensch mit einer Uhr, alle diese von McLuhan angeführten Beispiele zeigen uns in einer Ökosphäre, die entstanden ist durch ein Medium, das uns umschließt wie eine zweite Haut. Wir nehmen durch dieses Medium mehr wahr als das, was uns das Medium unmittelbar präsentiert. Wir erleben die Welt durch das Auto als erfahrbar, durch die Uhr als messbar. Und durch das Fernsehgerät verhalten wir uns zum Globalen so, wie Dorfkulturen sich eigentlich zu ihren Dörfern verhalten. Und aus diesen Dörfern wollen wir unter keinen Umständen vertrieben werden. Innovationen sind scheinbar technische Neuerungen, Dinge, die wir bislang nicht genutzt haben. In Wahrheit sind Innovationen die Kernsanierung unserer Lebenswelt. Und da diese Kernsanierung stattfindet, während wir noch im Alten wohnen, wehren wir uns und haben Angst.
Aufklärung und Angst
Die Zukunft steht hoch im Kurs. Laut kapitalistischer Hermeneutik findet dort das Wachstum statt. Die Zukunft ist aber auch ein Unsicherheitsfaktor. Wieviel Zukunft wollen wir, wie neu soll die Zukunft sein? Wenn wir uns neudeutsch als Verantwortungsgemeinschaft definieren, als Gemeinschaft, die mehr auf Diversität als auf Homogenität setzt, sollten wir auch akzeptieren, dass es ein Nebeneinander von Hoffnung und Angst gibt, von Zukunftsbegeisterung und Zukunftsangst. Und wenn wir große Anstrengungen unternehmen, unsere Zukunftskompetenzen aufzurüsten, sollten wir nicht vergessen, unsere Angstkompetenz zu erweitern.
Für den dänischen Philosophen Sören Kierkegaard ist Angst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das zentrale Werkzeug des modernen Menschen. Man könnte sagen, dass er Angst als das Medium, mit dem der Mensch einer sich grundlegend verändernden Welt begegnet, entdeckt. Er ist damit seiner Zeit weit voraus. Für Kierkegaard erleben wir die Angst in drei Phasen. Zuerst scheinen wir durch die Angst unsere Freiheit zu verlieren, sie hemmt uns, sie verhindert, dass wir wachsen und uns verändern. Doch dann hilft uns die Angst, das Neue zu sehen. Zuerst fürchten wir uns davor, aber die Angst führt dazu, dass wir beides sehen – das Alte und das Neue. Und schließlich, wenn wir gelernt haben, unsere Angst zu nutzen, sie einzusetzen als ein Medium der Erkenntnis, sehen wir die Zukunft und wachsen an ihr. McLuhan ist ein ferner Weggefährte Kierkegaards. Auch er sieht Medien als Möglichkeiten, unsere Lebenswelt neu zu entdecken, die Angst vor Veränderung zu überwinden. Womit die Angst eine Aufklärung 2.0 wäre.




