Ein Wirtschaften innerhalb planetarer Grenzen schafft die Grundlage für eine nachhaltige und resiliente Ökonomie der Zukunft. Doch dafür braucht es gezielte und massive Investitionen – insbesondere in Sprunginnovationen und nachhaltige Zukunftstechnologien. DeepTech hat dabei das Potential, den Kampf gegen den Klimawandel zu revolutionieren und gleichzeitig eine signifikante Wertschöpfung in Europa zu schaffen. Die Herausforderung besteht darin, kluge Ideen aus dem Labor zu kommerzialisieren und gleichzeitig die Wertschöpfung in Deutschland und Europa zu behalten.
Es gibt kein Erkenntnisproblem: Geschlossene Materialkreisläufe, Recycling und Wiederverwertung haben das Potential, Ressourcen zu schonen, Emissionen zu reduzieren und Abhängigkeiten von fossilen Rohstoffen zu verringern. Gerade angesichts globaler Lieferkettenrisiken und Ressourcenknappheit müssen diese Themen wirtschaftlich wie geostrategisch priorisiert werden.
Laut der aktuellen Boston-Consulting-Group-Analyse „Sustaining the Private Capital Opportunity in 56 Climate“ (2025) schaffen immer mehr kostengünstige Technologien Investitionsmöglichkeiten im Klimabereich, insbesondere angesichts der Tatsache, dass die öffentliche Politik weltweit nach wie vor überwiegend unterstützend ist.
Danach seien zwei Drittel der kohlenstoffarmen Technologien bereits heute oder in den kommenden fünf Jahren wirtschaftlich wettbewerbsfähig. Besonders starkes Wachstumspotential sieht die Studie in Bereichen wie Kreislaufwirtschaft, industrieller Dekarbonisierung und Resilienztechnologien. Das zeigt, dass Klimainvestitionen zunehmend zu einem zentralen Treiber wirtschaftlicher Wertschöpfung werden.
Doch Investitionen in Forschung sind nur dann ein Hebel für wirtschaftliche Stärke, wenn sie in Europa skaliert und industrialisiert werden – wie ein Blick auf die Solar- und Batterietechnologie zeigt.
Investieren, wo Wachstum auf Resilienz trifft
Deutschland war über Jahre technologischer Vorreiter in der Photovoltaik-Forschung. Durch gezielte F&E-Förderung entstanden hier bahnbrechende Innovationen. Doch während die Produktionskosten für Solarstrom weltweit um über 90 Prozent sanken, wird heute der Großteil der globalen Wertschöpfung in China realisiert, obwohl die Grundlagenforschung weitgehend aus Europa stammt. Bei der Batterietechnologie leisteten europäische Institute und Unternehmen entscheidende Beiträge zur Entwicklung moderner Lithium-Ionen-Zellen. Doch erst massive öffentliche Investitionen in Asien – und mittlerweile auch durch den US-Inflation-Reduction-Act – haben zur Entstehung ganzer Industrien geführt. Europa hat mit der European Battery Alliance und dem IPCEI-Batterieprogramm zwar reagiert – vielleicht jedoch zu spät. Diesen Fehler dürfen wir nicht nochmal machen.
Die spannendsten Zukunfts-Start-ups werden keine Apps bauen
Vieles spricht dafür, dass die spannendsten Start-ups der nächsten Jahre keine Apps bauen werden, sondern neue Stoffkreisläufe. Und auch wenn es nicht dem aktuellen Mainstream entspricht: KI und digitale Tools sind wichtig – aber sie allein retten kein Klima, binden kein CO₂ und ersetzen keine zerstörerischen Materialien. Genau das leisten Deep Tech-Start-ups. Aber es gilt, die Voraussetzungen zu schaffen, um diese Forschungsdurchbrüche erfolgreich in den Markt zu bringen.
DeepTech-Innovationen, also echte Sprunginnovationen in Bereichen wie Chemie, Materialwirtschaft und Biotechnologie, haben das größte Potential, die entscheidenden Nachhaltigkeits- und Klimaherausforderungen unserer Zeit profitabel zu lösen. Fortschritte bei Materialien, Produktionsverfahren und Stoffkreisläufen setzen direkt an der Basis industrieller Wertschöpfung an: den Rohstoffen. Wertstoffkaskadierung ermöglicht es, Materialien mehrstufig und intelligent weiter zu nutzen und wiederzuverwerten. Neue Materialien wiederum ermöglichen ressourceneffiziente, langlebige und funktional überlegene Produkte.
Ein Beispiel ist Nanoplume: Das Start-up für Bio-Aerogele verbessert Gebäudedämmung gegenüber herkömmlichen Dämmstoffen um bis zu 300 Prozent und spart potentiell 12 Mio. Tonnen CO₂ jährlich – bei einem prognostizierten Marktvolumen von 7 Mrd. Euro bis 2032.
Doch diese DeepTech-Start-ups benötigen Zugang zu Kapital, industrielle Partnerschaften, Skalierungsinfrastruktur und verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen. Nur durch strukturelle Anpassungen werden wir bahnbrechende Entwicklungen aus Universitäten, halbstaatlichen Forschungs- und Entwicklungszentren sowie Start-ups im großen Stil kommerzialisieren. Bislang bleiben in Europa Forschungsdurchbrüche in den besonders klimaschädlichen Sektoren wie Bau, Chemie und Stahl aber oftmals in den Laboren stecken.
Vom Labor in den Markt
Vor allem für Frühphasen-Start-ups, die auf Hardware setzen, sind frühzeitiges Kundenfeedback, klare Preis-Leistungs-Strategien, ein realistischer Wachstumsplan und praxisnahe Fördermodelle entscheidend.
Hier zeigt die Erfahrung, dass viele Gründer:innen sich im Technologiemodus wohlfühlen, an der perfekten Lösung tüfteln, aber den direkten Austausch mit der Zielgruppe vermeiden. Sie müssen hier von der digitalen Welt lernen, wo schnelles Marktfeedback längst Standard ist. Denn nur, wer die echten Painpoints versteht, erkennt auch, wofür Kunden wirklich bereit sind zu zahlen.
Darüber hinaus ist der Kapitalbedarf – gerade bei DeepTech – in vielen Feldern nicht mit Investorengeldern zu stemmen; eine Bankfinanzierung oft nicht ohne Weiteres möglich. Wir brauchen also neue Finanzierungsformen, um kapitalintensive DeepTech-Innovationen zu skalieren.
Aber es liegt auch an den Rahmenbedingungen. Deutschland und Europa müssen gute Ideen schneller und unbürokratischer in die Anwendung bringen. Während hierzulande häufig lange Genehmigungsverfahren und zögerliche Finanzierung bremsen, zeigen andere Länder, wie es besser geht: In Singapur ermöglichen schnelle Zulassungsverfahren – etwa im Bereich alternativer Proteine – kurze Innovationszyklen. In den USA werden durch strategische Public-Private-Partnerschaften und klare Förderanreize enorme Kapitalvolumina mobilisiert.
Wo Europa lernen kann
Ein Beispiel ist das Münchner Start-up Marvel Fusion, das 2024 rund 400 Mio. Euro eingeworben hat – durch eine Kombination aus staatlicher Förderung und privatem Risikokapital. Da die regulatorischen Rahmenbedingungen in den USA günstiger sind, verlagert das Unternehmen zentrale Entwicklungsschritte dorthin. Das ist ein deutliches Signal: Kapital und Planungssicherheit entscheiden über Innovationsstandorte.
Europa sollte daraus lernen: Catalyst-Modelle, also Kooperationen von Wissenschaft, Industrie und Investoren, sind dabei der Schlüssel, um DeepTech-Innovationen marktreif zu machen. Und gleichzeitig braucht es den Technologietransfer von der akademischen Welt auf den Markt. Führende Unternehmen der Branche sollten stärker den Kontakt zu diesen Start-ups suchen, um Marktchancen auszuloten und Konzepte zu validieren, damit neue Lösungen leichter angenommen werden können.
Deutschland und Europa haben enormes Potential: exzellente Wissenschaft, engagierte Gründer:innen und ein wachsendes Bewusstsein für planetare Grenzen. Jetzt braucht es mehr Mut, eine andere Umsetzungskultur und bessere Rahmenbedingungen. Dann können auch hier echte Innovations-Ökosysteme entstehen – schnell, skalierbar und wirksam. Nur wenn Europa Forschung und Kapital besser verbindet, bleibt die Wertschöpfung hier.
DeepTech fürs Klima? Was jetzt passieren muss
Exzellente Wissenschaft, engagierte Gründer:innen und ein wachsendes Bewusstsein für planetare Grenzen: Deutschland hat die Voraussetzungen. Jetzt geht es darum, die richtigen Hebel zu ziehen, damit Innovationen aus dem Labor auch ökologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich wirken.
SCHNELLER KOMMERZIALISIEREN
Forschungsdurchbrüche müssen rascher in den Markt, sonst wandert die Wertschöpfung ab – wie bei Solar und Batterien.
BÜROKRATIE ABBAUEN
Genehmigungsverfahren dauern zu lang, während Asien und die USA längst vorlegen
KUNDENNÄHE SUCHEN
Wer nicht frühzeitig versteht, wofür Kund:innen zahlen, scheitert
FINANZIERUNG NEU DENKEN
Venture Capital und Bankkredite allein reichen nicht für kapitalintensive Innovationen. Es braucht Public-Private-Partnerschaften und klare Förderanreize
INDUSTRIE INS BOOT HOLEN
Kooperationen mit etablierten Playern validieren Konzepte und beschleunigen die Marktakzeptanz




