Ein Gastbeitrag von Sarah Jastram, Professorin für Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit an der Hamburg School of Business Administration (HSBA)

Unternehmen haben in den vergangenen Jahren in den Bereichen Nachhaltigkeit und Menschenrechte eine Regulierungswelle einzigartigen Ausmaßes erlebt: Der übergeordnete Europäische Green Deal mit der Taxonomieverordnung, die Corporate Sustainability Reporting Directive, die European Sustainability Reporting Standards, deutsche und internationale Lieferkettengesetze oder die geplante Green Claims Directive. All diese neuen Gesetze markieren einen substanziellen Wandel von einer Unternehmensethik und gesellschaftlichen Verantwortung, die lange als weitgehend freiwillig betrachtet wurde.

So haben Unternehmen über Jahrzehnte hinweg auf überwiegend selbstbestimmter Basis Nachhaltigkeitsberichte veröffentlicht oder Strategien zum Schutz von Menschenrechten in internationalen Lieferketten entwickelt und implementiert. Hierbei waren insbesondere solche Unternehmen besonders engagiert, die entweder eine stark intrinsisch motivierte Unternehmensführung hatten (beispielsweise Patagonia), oder die aufgrund ihres Geschäftsmodells durch Stakeholder besonders unter Druck geraten sind. Unternehmen wie Tesla haben, bei aller Kritik an Elon Musk, dabei zeigen können, wie nachhaltige Innovationen Industrien disruptiv verändern und zu erheblichen Markterfolgen führen können.

Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass die großen sozial-ökologischen Herausforderungen unserer Zeit nicht auf Basis von freiwilligen Aktivitäten einzelner Unternehmen gelöst werden können. Insofern wurde der Ruf einiger Stakeholder nach stärkerem regulatorischen Durchgreifen lauter und es scheint, insbesondere auf Europäischer Ebene, ein neuer politischer Zeitgeist und Handlungswille eingetreten zu sein, der Gesetzesinnovationen im Bereich Nachhaltigkeit derzeit staccatoartig auf den Weg bringt. 

Unsere aktuelle Forschung zeigt dabei, dass hierdurch lang überfällige Veränderungsprozesse auf Seiten vieler Unternehmen initiiert worden sind, wie etwa die Bereitstellung umfangreicherer Ressourcen für Nachhaltigkeitsabteilungen, die Etablierung neuer Managementfunktionen und -strategien sowie ein wachsendes Interesse für Nachhaltigkeitsthemen von zentralen Akteuren wie Vorständen und Aufsichtsräten.

Die jüngste Europäische Lieferkettenregulierung ist in diesem Kontext nicht nur in ethischer Hinsicht sinnvoll, sondern auch aus Wettbewerbsperspektive, da in Deutschland bereits ein Lieferkettengesetz in Kraft ist und durch eine Europäische Richtlinie weitgehend gleiche Bedingungen für alle Unternehmen in Europa geschaffen wurden. Regulierung in den Bereichen Umwelt und Menschenrechte mindert darüber hinaus vermeintliche Interessenskonflikte in Unternehmen, denn es muss weniger abgewogen werden, ob soziale und ökologische Unternehmensverantwortung auch im ökonomischen Interesse eines Unternehmens ist. Viele Unternehmen haben heutzutage ohnehin erkannt, dass sich eine nachhaltige Unternehmensführung auszahlt, nicht nur im Hinblick auf Image und Reputation, sondern besonders auch für eine erfolgreiche strategische Positionierung am Markt basierend auf nachhaltiger Innovation und Transformation.

Gleichzeitig fordert die aktuelle Regulierungswelle von Unternehmen einiges ab und es wird deutlich, dass es dringend einer Harmonisierung und administrativen Vereinfachung der verschiedenen Compliance-Anforderungen bedarf. Dies ist insbesondere für die zahlreichen kleinen und mittelständischen Unternehmen relevant, die durch Kaskadeneffekte zwar nur indirekt, aber nicht weniger heftig von den neuen Gesetzen betroffen sind.

Welcher Impact durch diese Gesetze für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den Wertschöpfungsketten in Entwicklungsländern zu erwarten sein wird, muss sich zeigen und ist wissenschaftlich nicht leicht zu messen, da die Komplexität der Einflussfaktoren auf Umwelt- und Arbeitsbedingungen in internationalen Lieferketten methodisch schwer zu kontrollieren ist. Außerdem muss kritisch betrachtet werden, dass die aktuellen Lieferkettengesetze den Fokus vornehmlich auf direkte Lieferanten richten, wobei Umweltverschmutzung und Menschenrechtsverletzungen in den tieferen Ebenen der Lieferkette (dort, wo sie am häufigsten vorkommen) zumeist unbeachtet bleiben.

Bedenklich ist auch, dass Unternehmen das Thema Verantwortung zunehmend an Compliance-Abteilungen, Anwaltskanzleien und Unternehmensberatungen auslagern. Dabei ist es grundsätzlich sinnvoll, derartige Expertise von Zeit zu Zeit ins Unternehmen zu holen. Derzeit ist jedoch zu beobachten, dass sich viele Unternehmen von dem Umfang aktueller Regulierungsanforderungen so stark überfordert fühlen, dass sie (sofern sie es finanzieren können), zunehmend relevante Risiko- oder Materialitätsanalysen von externen Dienstleistern erledigen lassen. Dabei droht die eigenständige Reflexion über Moral und Verantwortung im Kontext unternehmerischen Handelns verloren zu gehen, was nicht nur aus ethischer, sondern auch aus strategischer Sicht bedenklich ist.

Wenn Nachhaltigkeit immer mehr zu einem Compliance-Thema wird, besteht die Gefahr, dass Kreativität und Innovationspotenziale abhandenkommen. Insofern ist es wichtig, dass Unternehmen Räume bewahren, in denen ein kritischer Diskurs über unternehmerische Verantwortung weiterhin stattfinden kann. Denn, nur, wenn es Managerinnen und Managern gelingt, über Compliance hinaus das eigene Geschäftsmodell und die Geschäftsprozesse regelmäßig grundlegend zu überdenken, mit den aktuellen Kontextbedingungen abzugleichen und notwendige Transformationsprozesse anzustoßen, werden Unternehmen langfristig wettbewerbsfähig und relevant bleiben.   Innovative unternehmerische Ansätze zur Linderung globaler Nachhaltigkeitsherausforderungen können einen Wandel ganzer Industrien auslösen, wie wir es beispielsweise derzeit im Automobilsektor erleben können. Aktuelle Innovationsforschung im Bereich E-Fuels, wie etwa die von Porsche, haben großes Potenzial, auch andere Sektoren deutlich nachhaltiger werden zu lassen. Insofern ist es wichtig, dass sozial-ökologische Verantwortung über Regulierungsanforderungen hinaus weiterhin als Chance gesehen wird für Unternehmenswachstum, Transformation und die Entwicklung zukunftsweisender, nachhaltiger Geschäftsmodelle.

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