Studie untersucht Gründe für die Zurückhaltung von Unternehmern und Managern in Sachen Nachhaltigkeit

Der Gesetzgeber hat die Anforderungen an Unternehmen erhöht, Strategien und Geschäftsmodelle an ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitskriterien auszurichten. Gemäß der EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung werden ab 2025 nicht nur kapitalmarktorientierte Unternehmen, sondern auch mittlere Unternehmen einen jährlichen Nachhaltigkeitsbericht vorlegen müssen. Auf nationaler Ebene wurde 2022 der Deutsche Corporate Governance Kodex mit zum ersten Mal konkreten Empfehlungen zur Unternehmensführung aus Nachhaltigkeitsperspektive reformiert. Der Kodex fordert, das Nachhaltigkeitsmanagement nicht mehr vom Kerngeschäft zu separieren. Vielmehr zielen die Empfehlungen auf eine integrierte, nachhaltige Unternehmensführung ab. Vorstand und Aufsichtsrat sollen die positiven und negativen sozialen und ökologischen Auswirkungen der Unternehmenstätigkeit dokumentieren sowie insbesondere strategisch und finanziell berücksichtigen.

Wenn gesetzliche („hard law“) und vorgesetzliche („soft law“) Forderungen an Unternehmen mit einer solchen Dringlichkeit gestellt werden, dann muss sich dahinter die Auffassung verbergen, dass Firmen gegenwärtig zu wenig in Sachen Nachhaltigkeit unternehmen. Angenommen, dies ist der Fall: Warum ist das so? Haben sie keinen Sinn für nachhaltige Geschäftsmodelle, oder können sie diese nicht umsetzen? Werden sie durch geschäftliche Zwänge daran gehindert? Gibt es andere Hinderungsgründe wie fehlende gesetzliche Vorgaben, mangelndes Interesse von Fremd- oder Eigenkapitalgebern oder fehlendes internes Know-how?

Mit diesen Fragen setzt sich die Studie „Die Bedeutung von Nachhaltigkeit für Unternehmen – Warum Unternehmen (noch) nicht mehr für Nachhaltigkeit tun“ auseinander. Dabei war ausschließlich der „view from the top“ von Interesse. Wie halten es Mitglieder des Aufsichtsrats, des Vorstands oder der Geschäftsführung insbesondere von Familiengesellschaften und kleineren börsennotierten Unternehmen mit der Nachhaltigkeit? In einem zweistufigen Verfahren wurden insgesamt 47 Personen dieses Adressatenkreises gefragt, wo ihrer Einschätzung nach wesentliche Hindernisse für eine stärkere Berücksichtigung von Nachhaltigkeit liegen und wo die Notwendigkeit für einen Kompetenzaufbau gesehen wird.

Die Befragung hatte ausschließlich explorativen Charakter. Die Antworten dürfen daher nicht in einem repräsentativen Sinne verallgemeinert werden. Dennoch werden überraschende Gründe für die Zurückhaltung in Sachen Nachhaltigkeit sichtbar, die in der Auseinandersetzung über geeignete Wege zu mehr Nachhaltigkeit zu adressieren sind.

In der Studie wurde Nachhaltigkeit wie folgt definiert: 1. Wahrnehmung ökologischer Verantwortung in Bezug auf Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft, 2. Wahrnehmung sozialer Verantwortung in Bezug auf die Förderung von Diversität und eines diskriminierungsfreien Umgangs im Unternehmen und 3. Berücksichtigung von Arbeitnehmer- und Menschenrechten in der Lieferkette.

Bedeutung von Nachhaltigkeit

Für die große Mehrheit der Befragten ist die Bedeutung von Nachhaltigkeit in den vergangenen drei Jahren gestiegen, insbesondere aus geschäftlichen Gründen. Politische und persönliche Gründe spielen dagegen eine untergeordnete Rolle. Eindeutig ist die Aussage, dass höhere Verkaufspreise als Folge von Klimaschutzmaßnahmen der größte Hinderungsgrund sind, Nachhaltigkeitsmaßnahmen stärker zu berücksichtigen. Die Mehrzahl der Kunden akzeptiert höhere Preise aufgrund von Klimaschutz nicht. Ebenso klar ist der Befund, dass dennoch die meisten der befragten Unternehmen das Thema Klimaschutz bereits heute in ihrem zukünftigen Geschäftsmodell berücksichtigen wollen.

Höhere Verkaufspreise, die durch kreislaufwirtschaftliche Maßnahmen notwendig werden, sind ebenso das mit Abstand wichtigste Hindernis, kreislaufwirtschaftliche Erfordernisse künftig stärker zu berücksichtigen. Abgestuft folgen dann die Hinderungsgründe gesetzliche Vorgaben und fehlendes internes Know-how.

Fehlende Relevanz von Diversität und Inklusion für Kaufentscheidungen ihrer Kunden sehen die Befragten als wichtigsten Hinderungsgrund für die Umsetzung diesbezüglicher Maßnahmen. Bemerkenswert ist, dass die Befragten für eine Stärkung der Diversität in den Unternehmen dem Druck von Eigenkapitalgebern, gesetzlichen Vorgaben und Fremdkapitalgebern eine größere Bedeutung zumessen als bei den Aspekten Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft. Frauen äußern sich klarer, dass Förderung der Diversität Teil des zukünftigen Geschäftsmodells sein muss.

Bei Arbeitnehmer- und Menschenrechten in der Lieferkette sind die Einschätzungen gleichmäßiger verteilt. Fehlende Relevanz für Kaufentscheidungen auf Kundenseite bleibt der wichtigste Hinderungsgrund für eine stärkere Berücksichtigung. Auffallend ist hier, dass im Unternehmen nicht das erforderliche Know-how im Umgang mit Arbeitnehmer- und Menschenrechten vorhanden ist.

Kompetenzaufbau

Die Notwendigkeit eines verstärkten Kompetenzaufbaus für das Thema Nachhaltigkeit sehen die Befragten vor allem im Kerngeschäft, wo es um Innovationen, neue Produkte, Services und Märkte geht. Nachhaltigkeits-Know-how wird dort bei den Funktionen F&E und Business Development verlangt, deutlich weniger bei Corporate- und Support-Funktionen – am wenigsten in Personalabteilungen. Für Mitglieder des Aufsichtsrats und abgeschwächt für Mitglieder des Vorstands wird Bedarf an mehr Nachhaltigkeitskompetenzen gesehen. Frauen sehen eine größere Notwendigkeit des Kompetenzaufbaus zum Thema mehr Nachhaltigkeit als Männer, insbesondere beim Vorstand. Aufsichtsräte sehen die Notwendigkeit des Kompetenzaufbaus sehr viel dringender als Vorstände.

Märkte und Kunden

Die strategische Relevanz von Nachhaltigkeit scheint in den Unternehmen schon heute sehr präsent zu sein. Nachhaltigkeit wird als Teil des zukünftigen Geschäftsmodells gesehen. Unternehmen würden Nachhaltigkeit stärker berücksichtigen. Sie können jedoch die häufig mit der Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen einhergehenden höheren Verkaufspreise nicht bei ihren Kunden durchsetzen und halten sich daher zurück. Ebenso ist davon auszugehen, dass viele Kunden die Berücksichtigung von Diversität, Inklusion und Arbeitnehmer- und Menschenrechten in der Lieferkette gegenwärtig als wenig kaufentscheidungsrelevant erachten.

Unternehmen entscheiden über ihr Nachhaltigkeitsengagement, indem sie auf Märkte und Kunden schauen und deren Anforderungen in ihre strategischen Überlegungen einbeziehen. Mit der Ausnahme von Diversität und Inklusion ist daher der externe Druck vom Gesetzgeber oder von Eigen- und Fremdkapitalgebern weitaus weniger bedeutend für die Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen als das Kaufentscheidungsverhalten der Kunden.

Entscheidende Hebel

Was kann die Bereitschaft bei Unternehmen erhöhen, mehr in Sachen Nachhaltigkeit zu tun? Mehr Druck durch Gesetze und Kapitalgeber bewegt Unternehmen kaum oder gar nicht dazu. Ein verändertes Kaufverhalten wäre dagegen ein wichtiger und treibender Faktor für unternehmerische Entscheidungen pro Nachhaltigkeit. Wenn also im B2B-Geschäft das Kriterium Nachhaltigkeit bei der Auftragsvergabe berücksichtigt würde, werden die B2B-Lieferanten mehr in Sachen Nachhaltigkeit tun. Im B2C-Geschäft können die Preisunterschiede zu nicht nachhaltig hergestellten Produkten dadurch abnehmen, dass die Kosten für nicht nachhaltig produzierende Unternehmen steigen, indem diese zum Beispiel CO2-Zertifikate erwerben müssen.

Wichtigste Nachhaltigkeitstreiber innerhalb von Unternehmen sind Innovationen, F&E sowie eine Erweiterung der Geschäftsfelder. Nachhaltigkeit sollte daher vor allem bei kostensenkenden Prozessinnovationen und Absatzinnovationen auf die strategische Agenda der Unternehmen rücken.

Die Herstellung gleicher Wettbewerbsbedingungen durch Politik und Regulierungsbehörden wie auch der unternehmerische Mut zu Innovationen und Investitionen sind die entscheidenden Hebel für neues Wachstum mit Nachhaltigkeit. Hier – und nicht bei diskretionären gesetzlichen Eingriffen oder Verboten und dem damit einhergehenden Aufwand für Monitoring und Reporting – kann und sollte der Staat seine Aufgabe sehen. Politik sollte die Regeln so setzen, dass Akteure, die keine Anstrengungen für mehr Nachhaltigkeit unternehmen, finanziell nicht besser dastehen als die bei Nachhaltigkeit engagierten Kunden und Unternehmen. Dann setzt sich Nachhaltigkeit auch „nachhaltig“ auf den Märkten durch.

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