Wie Kreislaufwirtschaft und neue Geschäftsmodelle den Herausforderungen Energiebedarf und Elektromüll begegnen

Die meisten Menschen schätzen die Vorteile der Digitalisierung, die sich durch neue Algorithmen, Services und vernetzte Endgeräte immer mehr beschleunigt. Wirtschaft und Verwaltung erhöhen ihre Investitionen in datenbasierte Abläufe und Geschäftsmodelle, weil das mehr Wertschöpfung bringt. Das hat Auswirkungen auf die Erdatmosphäre: Zwischen zwei und drei Prozent des globalen CO2-Ausstoßes, ermittelten Forscher der Lancester University, werden durch den IT-Sektor verursacht – und er wächst rasant. Bis 2030 könnten Informations- und Kommunikationstechnik laut dem Global E-waste Monitor 2020 der Vereinten Nationen rund 20 Prozent des weltweiten Energiebedarfs ausmachen.

Allein Anwendungen von Künstlicher Intelligenz werden den Stromverbrauch enorm erhöhen, weil jedes Training ein energieintensiver Prozess ist, prognostizieren Forscher des Hasso-Plattner-Instituts. Von 2010 bis heute hat sich das Datenvolumen verzehnfacht, bis 2027 könnte es sich verdreißigfachen. Das bedeutet mehr Energiebedarf, und mit der steigenden Zahl an Endgeräten wächst zudem die schiere Masse an Elektroschrott – laut Statista von heute jährlich rund 60 auf rund 75 Millionen Tonnen bis 2030. Als Treiber der digitalen Transformation steht die IT-Branche besonders in der Verantwortung, wenn es darum geht, nach Lösungen zu suchen.

Refurbishment

Beispiel: Kreislaufwirtschaft. Die macht zwar als Denkmodell Fortschritte, steckt aber in weiten Teilen der Wirtschaft noch immer in den Kinderschuhen. Laut dem aktuellen Circularity Gap Report, der von der „Initiative Circle Economy“ herausgegeben wird, können 2023 nur 7,2 Prozent der Wirtschaft als zirkulär eingeordnet werden, während es 2018 schon mal 9,1 Prozent waren. Von schönen Grafiken auf einem Messestand bis zur Umsetzung ist es ein weiter Weg. Der Wandel einer seit Jahrzehnten praktizierten linearen Wirtschaft, die das Entsorgen von Produkten dem Konsumenten überließ und mit immer komplexeren Bauweisen nicht die Reparaturfähigkeit, sondern die Neuproduktion im Auge hatte, hin zu einem Lebenszyklusmodell erfordert eine ganzheitliche Strategie – und viele kleine Schritte.

So, wie sie im schottischen Erskine seit über zehn Jahren umgesetzt werden. Täglich werden hier Alt-Geräte aus dem Bestand von Firmenkunden angeliefert. In der 14.000 Quadratmeter großen Produktionshalle, was in etwa zwei Fußballfeldern entspricht, zerlegen 250 Mitarbeitende jedes Gerät fein säuberlich bis in die kleinsten Komponenten. Am Ende bauen sie daraus wieder Geräte, Second-Hand-Ware nach individuellen Kundenanforderungen. Es ist die größte Wiederaufbereitungsanlage in Europa und, zusammen mit einem zweiten Refurbishmentzentrum in Andover (USA), die weltweit größte, die von einem Hersteller betrieben wird. Rund 3 Millionen Geräte – vom PC bis zum Supercomputer, und zwar verschiedenster Marken – erhielten 2022 ein zweites Leben.

HPE Financial Services hat durch Refurbishing allein im Jahr 2022 rund 960.000 Megawattstunden, das entspricht dem jährlichen Energiebedarf von rund 23.000 Haushalten, sowie 257.000 Tonnen CO2 eingespart. Außerdem haben die Technology Renewal Center Kunststoffe im Äquivalent von 180 Millionen Plastikflaschen vermieden. Die Refurbishmentquote liegt bei bis zu 95 Prozent, je nach Bauart des Geräts. Ein minimaler Teil wird recycelt, ein winziger Rest landet im Abfall.

Beim Refurbishing gehen ökonomische und ökologische Interessen Hand in Hand. Die Kunden bekommen zu geringeren Kosten Gebrauchtsysteme, die denselben Qualitätsstandards wie Neusysteme entsprechen. Gleichzeitig tragen sie dadurch zu einem nachhaltigen Wirtschaften bei. Zudem hat das einen positiven Effekt auf ihr ESG-Reporting, weil sie ihren CO2-Fußabdruck reduzieren. Über diese positiven Effekte stellt HPE den Kunden einen individuellen Circular Economy Report aus, den sie für ihr ESG-Reporting nutzen können. Er spezifiziert, welche Anteile der Systeme refurbisht und recycelt sind und wie viel CO2-Emissionsäquivalente, Strom und Elektromüll dabei eingespart wurden.

As-a-Service-Modelle

Den Herstellern wiederum bietet Refurbishing von Produkten viele Möglichkeiten, Umsätze und Profitabilität zu erhöhen – insbesondere dann, wenn sie es mit einem Geschäftsmodell namens „Produkt als Dienstleistung“ beziehungsweise „Equipment as a Service“ kombinieren. Mit diesem Geschäftsmodell können Kunden nicht nur auf hochmoderne Ausrüstung ohne Vorabinvestitionen zugreifen, sondern auch nachhaltiger wirtschaften. In der Unternehmens-IT lassen sich damit Energiekosten um mehr als 30 Prozent senken. Unter anderem, weil sich Überkapazitäten vermeiden lassen, die von Unternehmen angeschafft werden, um auf Lastspitzen vorbereitet zu sein, aber die meiste Zeit ungenutzt bleiben. Bezahlt wird dabei nur, was tatsächlich genutzt wird.

Die IT-Branche gehört zu den Vorreitern bei As-a-Service-Modellen, diese finden sich aber immer häufiger auch in anderen Branchen. HPE bietet seine IT-Systeme seit längerem als Aboservice an, inzwischen wurde das Modell auf das komplette Produktportfolio ausgedehnt. Dabei stehen die IT-Systeme beim Kunden, werden aber von HPE betrieben und bleiben auch im Besitz des Herstellers. Die Systemkapazität wird an den aktuellen Bedarf angepasst und nach tatsächlicher Nutzung abgerechnet.

Bei der Einführung von As-a-Service-Modellen wird bestehende Infrastruktur oft nicht mehr benötigt. Auch hier kann das Refurbishing von Altgeräten wirtschaftlich attraktive Optionen eröffnen. Die Kunden können ihre Altsysteme beispielsweise an den Hersteller verkaufen und damit neue IT-Projekte finanzieren. Nach dem Kreislaufwirtschafts-Aktionsplan der Europäischen Kommission, der bis 2050 umgesetzt sein soll, sind solche As-a-Service-Modelle ein entscheidender Hebel für die CO2-Reduktion.

Der vielleicht größte Effekt ergibt sich dadurch, dass die Hersteller als Besitzer der Systeme ein elementares Interesse an der Langlebigkeit und Energieeffizienz ihrer Produkte haben. Damit ist Nachhaltigkeit am Anfang des Kreislaufmodells angekommen: Soft- und Hardware müssen anders konzipiert sein, damit sie nachhaltig betrieben und entsorgt werden können: Reverse Thinking.

Beim Betrieb von Rechenzentren macht das neue Energieeffizienzgesetz der Bundesregierung bereits strenge Vorgaben für die Kühlung und für grünen Strom. Wie weit IT-Hersteller hier sind, sieht man an der Supercomputersparte. Für die schnellsten, stärksten und entsprechend energieintensiven Systeme gibt es eigens die „Green500“-Liste. HPE ist dort auf den ersten zehn Plätzen mit sechs solcher Hochleistungsmaschinen vertreten. Dafür wurde das Design komplett verändert: Sie sind flüssigkeitsgekühlt und bieten damit bis zu 20 Prozent mehr Leistung pro Kilowatt als luftgekühlte Systeme, verbrauchen aber 15 Prozent weniger Strom. LUMI in Finnland, der schnellste Hochleistungsrechner Europas, führt zudem seine Restwärme an die Kommune ab und ist damit CO2-negativ. Die IT-Branche ist sich der Schattenseite der Digitalisierung bewusst. Immer mehr Unternehmen setzen sich ehrgeizige Ziele bei dem Bestreben, den CO2-Fußabdruck zu minimieren – wie HPE, das bis 2040 Netto-Null-Emissionen erreichen will. „Die Verbesserung der Gesellschaft ist keine Aufgabe, die einigen wenigen überlassen werden sollte“, sagten Bill Hewlett und Dave Packard bei der Gründung ihres Unternehmens. „Sie ist eine Verantwortung, die von allen geteilt werden muss.“ Damit die Menschen auch in Zukunft von den segensreichen Vorteilen des technologischen Fortschritts profitieren können.

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