Dirk Hoke ist seit September 2022 CEO von Volocopter und hat zuvor Digitalisierungsprojekte in der Luftfahrt-, Automobil- und Technologieindustrie geleitet. Er begann seine Karriere in Paris bei Renault und arbeitete anschließend 20 Jahre bei Siemens, wo er verschiedene Führungspositionen innehatte. Zuletzt war er CEO von Airbus Defence and Space, wo er auch Mitglied des Global Executive Committee von Airbus war. Hoke ist Mitglied des Board of Directors von Spire Global und Solaredge sowie des Voyager Space Advisory Board. Er ist Alumnus des Young Global Leader Program des Weltwirtschaftsforums.
V Herr Hoke, was macht einen Volocopter aus?
Volocopter verkörpern den Traum vom Fliegen in der Stadt. Mobilität im urbanen Raum, ohne dabei stundenlang im Stau zu stehen. Und das Ganze aufgrund der identischen Sicherheitsstandards so sicher wie in einem Airbus und während des Fluges vollkommen emissionsfrei. Im Gegensatz zu den großen Airlinern wird das mit Volocoptern aber bereits im kommenden Jahr Realität, wenn wir in Paris (Anm. der Redaktion: zu den Olympischen Sommerspielen) den kommerziellen Betrieb aufnehmen.
V Erläutern Sie uns doch mal Ihr Konzept der „Urban Air Mobility“.
Die Mehrheit der Menschen lebt heute in großen Städten, Tendenz weiter steigend. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass 2030 60 Prozent der Weltbevölkerung im urbanen Raum leben. Gleichzeitig stammen die innerstädtischen Mobilitätskonzepte großenteils noch aus dem frühen 20. Jahrhundert, teilweise sogar aus dem 19. Jahrhundert. Die erste U-Bahn fuhr 1863 in London. Und in Berlin sind die S-Bahnen heute kaum schneller als in den 1920er Jahren. Dazu kommt, dass das Autofahren in den Städten heute oftmals nur im Schritttempo möglich ist. „Urban Air Mobility“ ist folglich ein Mobilitätskonzept für den urbanen Raum, das diesen Realitäten Rechnung trägt und die verfügbaren Technologien des 21. Jahrhunderts bestmöglich nutzt, um die Menschen in den Städten schnellstmöglich und umweltfreundlich von A nach B zu bringen.
V Die elektrisch angetriebenen Flugtaxis sollen den urbanen Verkehr ergänzen und verändern. Welche Vorteile bieten sie?
Unsere Lufttaxis sind leise, sicher und umweltfreundlich. Der Carbon-Footprint einer Reise von einem Kilometer mit einem Volocopter ist 140-mal geringer als der eines Hubschraubers und dreimal geringer als der eines Autos. Und die Transferzeiten sind deutlich reduziert. Die Flugzeit vom New Yorker JFK-Airport nach Manhattan wird 20 Minuten betragen. Mit dem Taxi brauchen Sie für dieselbe Strecke heute mindestens anderthalb Stunden. Das bringt Zeitersparnis, schont die Nerven und steigert die Lebensqualität. Außerdem ist Manhattan von oben beeindruckender als von der Straße aus betrachtet.
V Neben der Bequemlichkeit versprechen Sie mehr Nachhaltigkeit. Wie wollen Sie das erreichen, wird das Angebot nicht zu mehr Verkehr in den Städten führen?
In etlichen Metropolen der Welt gibt es bereits heute kein Durchkommen mehr auf den Straßen. Und wenn Sie laufen, inhalieren Sie die Abgase. So wichtig der Individualverkehr im Auto im ländlichen Raum ist, so sehr stößt er in den großen Städten an seine Grenzen. Diese Erfahrung dürfte jeder von uns schon einmal gemacht haben. Flugtaxis ermöglichen den direkten Weg zum Ziel, ohne Stau und Smog.
V Wie funktioniert das Zusammenspiel mit anderen Verkehrsträgern? Wie wollen Sie beispielsweise mit S-Bahnen konkurrieren, die in der Regel auch schnelle Verbindungen zu Flughäfen und Bahnhöfen bieten?
Was die Schnelligkeit betrifft, hängt das stark von der Lage des Flughafens ab. Vom Münchner Zentrum brauchen Sie mit der S-Bahn rund 40 Minuten, und da sind die Verspätungen auf der permanent überlasteten Stammstrecke noch gar nicht eingerechnet. Davon abgesehen ist das Konzept der Flugtaxis aber tatsächlich eher komplementär zu den bestehenden Mobilitätsmöglichkeiten angelegt, also ein zusätzliches Angebot, um das Verkehrsaufkommen besser zu verteilen. Im 20. Jahrhundert ist man dafür unter die Erde gegangen, im 21. Jahrhundert nutzen wir den Luftraum.
V Wird ein solcher Service auch für alltägliche Fahrten erschwinglich sein?
Anders wird es nicht funktionieren. Mittelfristig müssen wir an Preise herankommen, die auf Taxiniveau liegen. Das geht nicht von heute auf morgen, mit der steigenden Nachfrage werden die Preise sinken. Einen einfachen Flug in der Economy-Klasse von London nach New York gab es in der Frühphase der Langstreckenflüge nicht für unter umgerechnet 2.200 Euro. Heute kriegen Sie das für 300 Euro.
V Wer ist Ihre Zielgruppe?
Jeder, der heute hin und wieder Taxi fährt, soll künftig auch ein Flugtaxi nehmen können.
V Nach welchen Kriterien wählen Sie die Städte aus, in denen Sie Volocopter anbieten wollen?
An Interessenten besteht kein Mangel. Grundsätzlich benötigen wir Partner, die offen sind, neue Wege bei der Gestaltung ihrer Mobilitätskonzepte mit uns zu gehen, weltweit. Mit positivem Effekt für beide Seiten. Wir machen unser Konzept bekannt und tragen es in die Breite, die Städte entlasten ihre Straßen und die Luft für ihre Bürgerinnen und Bürger.
V Warum starten Sie in Paris, gestaltet sich die Kooperation mit deutschen Städten schwieriger?
Paris ist eine europäische Metropole mit einem gewaltigen Verkehrsproblem. Wer einmal am Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle angekommen ist und ins Zentrum musste, weiß, wovon ich spreche. Da ist in der Regel die Taxifahrt länger als der Flug aus Frankfurt oder München. Dieser Problematik ist sich auch die Pariser Politik wohlbewusst. Und man ist dort sehr offen für einen konstruktiven Austausch mit uns, um zügig kluge und nachhaltige Mobilitätskonzepte zu erarbeiten, die bereits kommendes Jahr Realität werden sollen. Vergleichbare Gespräche gibt es aber auch mit deutschen Städten, ohne dass ich hier schon konkret werden will.
V Wie stellen Sie die klimafreundliche Versorgung mit Strom sicher?
Da ist natürlich in erster Linie die Politik gefragt, die für die Energiesicherheit Sorge trägt. Wir schließen unsere Verträge mit den regionalen Anbietern, so wie das im Grunde auch jeder Betreiber einer Wärmepumpe tut.
V Sie planen unterschiedliche Modelle für unterschiedliche Anforderungen – das städtische Lufttaxi, dann eines für die Langstrecke, eines für die Region und eine SchwerlastFrachtdrohne. Worin sehen sie das meiste Potential?
Volocopter ist ein wachsendes Unternehmen, im Kern noch ein Start-up. Das heißt, dass wir uns erst mal fokussieren müssen. Und unser Hauptaugenmerk liegt derzeit auf der Mobilität für den urbanen Raum. So wie die ersten Autos in den großen Städten fuhren, weil es dort frühzeitig die nötige Infrastruktur gab, werden auch die ersten Flugtaxis innerstädtisch fliegen.
Die Fragen stellte Gabriele Kalt.




