Carolin Weber leitet Kommunikation, Public Affairs und Nachhaltigkeit bei Unilever Deutschland. Sie verantwortet die strategische Ausrichtung und Umsetzung der Nachhaltigkeitsagenda sowie die Positionierung des Unternehmens in Politik, Medien und Gesellschaft. Als promovierende Forscherin an der Universität Hamburg befasst sie sich mit verantwortungsvollem Wirtschaften. Ihre Praxis bei Unilever und ihre Forschung verbinden sich zu einem klaren Ziel: Nachhaltigkeit als Teil unternehmerischer Realität zu gestalten.
Frau Weber, Unilever spricht von der „nächsten Ära unternehmerischer Nachhaltigkeit“. Was genau bedeutet das und worauf konzentriert sich Ihr Unternehmen?
Carolin Weber: Was heute viele fordern, hat Unilever bereits vor vielen Jahren begonnen: Nachhaltigkeit systematisch im Kerngeschäft zu verankern.
Bereits 2010 haben wir mit dem Unilever Sustainable Living Plan Maßstäbe gesetzt – mit fünfzig überprüfbaren Zielen, die über ein Jahrzehnt unser Geschäftsmodell geprägt und verändert haben. Dieser Plan hat nicht nur die Produktentwicklung beeinflusst, sondern das Denken im ganzen Unternehmen: Wir haben aufgehört, Wachstum und Verantwortung als Gegensatz zu betrachten, und stattdessen angefangen, sie gemeinsam zu denken – als doppelten Antrieb.
Fünfzig Ziele – das klingt nach sehr viel. Hat sich das bewährt?
Carolin Weber: Heute stehen wir an einem neuen Punkt. Wir haben viel gelernt – auch, dass Veränderung nicht von der Anzahl der Ziele abhängig ist, sondern davon, wie nachdrücklich man sie verfolgt. Deshalb gehen wir heute fokussierter vor: weniger Themen, mehr Taktung. Wir setzen dort an, wo wir den größten Einfluss haben. Klima, Natur, Plastik und existenzsichernde Einkommen – das sind unsere vier zentralen Hebel. Zu jedem dieser Bereiche haben wir konkrete Unterziele, die direkt in unsere Planung und Steuerung einfließen.
Was uns dabei wichtig ist: weniger reden und mehr handeln. Die Nachhaltigkeitsziele sind nicht nur öffentlich einsehbar, sie sind auch fest in unserem operativen Geschäft verankert – etwa über Bonusvereinbarungen, Governance-Prozesse und eine eigene Steuerungslogik. Das verändert die Dynamik. Nachhaltigkeit ist bei uns kein Nebenprojekt. Sie ist betriebliche Realität – jeden Tag, in jedem Land, in jeder Entscheidung.
So entsteht aus Haltung Veränderung. Und aus unserer Pionierarbeit ein Unternehmen, das nicht zurückschaut, sondern seine Vorreiterrolle neu definiert. Was das konkret heißt, zeigt sich am deutlichsten beim Thema Plastik.
Sie fordern einen Systemwechsel beim Thema Plastik. Was macht diesen Wandel aus?
Carolin Weber: Unilevers Ziel ist klar: Wir arbeiten auf eine Zukunft hin, in der Plastik reduziert wird und Verpackungen wiederverwertet, recycelt oder kompostiert werden können. Plastik ist kein reines Verpackungsthema, sondern eine Frage des Gesamtsystems. Es reicht nicht, Verpackungen anders zu gestalten. Es geht darum, wie Materialien produziert, genutzt, gesammelt, sortiert und recycelt werden – und ob das in der Praxis auch funktioniert.
Unser Ansatz folgt deshalb drei Prinzipien: Reduzieren, Zirkulieren, Zusammenarbeiten – und zwar entlang der Abfallhierarchie. Vermeidung steht an erster Stelle, gefolgt von Wiederverwendung und Recycling. Wir verringern den Einsatz von Primärkunststoff bis 2026 um 30 Prozent, bis 2028 um 40 Prozent. Seit 2019 haben wir bereits 23 Prozent eingespart. Gleichzeitig bringen wir mehr Material zurück in den Kreislauf, durch den verstärkten Einsatz von Rezyklaten, durch Design-for-Recycling-Prinzipien – also Verpackungen, die sich im Sortier- und Recyclingsystem auch wirklich recyceln lassen – und Nachfüll- und Mehrwegsysteme. Und wir treiben Kooperationen und gemeinsame Regeln voran, weil wir überzeugt sind, dass Nachhaltigkeit nur gesamtgesellschaftlich skalierbar ist.
Wo wird diese Strategie in der Praxis sichtbar?
Carolin Weber: Der Bruch mit bisherigen Strukturen liegt in der engen Verzahnung von Produktentwicklung und Infrastruktur. Nachhaltiges Verpackungsdesign beginnt bei der Materialforschung – deshalb haben wir unsere Investitionen in Materialwissenschaft und Technologie deutlich erhöht.
Mehr als 60 Verpackungsexpert*innen arbeiten bei uns an der nächsten Generation nachhaltiger Lösungen: etwa an papierbasierten Monomaterialien mit ultradünnen Bio- oder Mineralbeschichtungen, an hochwertigen Rezyklaten oder digitalen Tools, mit denen sich Recyclingfähigkeit schon in der Designphase optimieren lässt. Im Rahmen unseres Future-Flexibles-Programms entwickeln wir gemeinsam mit Partnern neue Materialien, die sowohl recyclingfähig als auch systemfähig sind. Ergänzend nutzen wir KI in der Sortierung, um zirkuläre Lösungen noch wirksamer zu machen. Jede Lösung, die eine positive Veränderung bewirkt, wird skaliert. Was nicht funktioniert hat oder nicht skalierbar ist, führen wir nicht fort.
Diese Fortschritte sind wichtig, aber sie allein verändern das System noch nicht. Dafür braucht es auch politisch klare Regeln. Deshalb engagieren wir uns als Co-Vorsitz der Business Coalition for a Global Plastics Treaty, koordiniert von der Ellen MacArthur Foundation. Über 300 Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von Herstellern bis zur Abfallwirtschaft, setzen sich für ein globales Abkommen mit einheitlichen Standards ein. Unilever war bei den jüngsten Verhandlungen in Genf vertreten. Auch wenn dort keine Einigung erzielt wurde, war das Signal eindeutig: Ohne gemeinsame Regeln kommen wir nicht weiter.
Es frustriert mich, dass es beim Abkommen nicht vorangeht. Es ist offen sichtlich, dass sich etwas ändern muss – für den Planeten, aber auch für die Wirtschaft. Der zusätzliche Aufwand und die Komplexität durch fragmentierte Gesetzgebung sind eine echte Herausforderung. Deshalb bleibt die Harmonisierung politischer Rahmenbedingungen für uns eine klare Priorität.
Veränderung entsteht, wenn Märkte Planungssicherheit haben, wenn Designstandards gelten und wenn Recyclinginfrastruktur finanziert wird. Freiwilligkeit allein reicht nicht aus. Wir brauchen Verbindlichkeit. Und wir sind bereit, sie mitzugestalten.
Noch in diesem Jahr möchte Unilever mehr Plastik sammeln und verwerten, als das Unternehmen verkauft. Wo stoßen Sie dabei an Grenzen und wie gehen Sie mit Zielkonflikten um?
Carolin Weber: Solche Ziele sind ambitioniert, und Zielkonflikte gehören dazu. Rezyklate können teurer sein, ihre Qualität schwankt, und in Lebensmittelanwendungen gelten hohe Anforderungen. Das macht es nicht einfacher. Aber genau deshalb arbeiten wir mit Steuerungssignalen – also mit Vorgaben und Kennzahlen, die Nachhaltigkeit zur verbindlichen Entscheidungsgrundlage machen.
Jede Verpackungsinnovation wird systematisch auf Vermeidung, Einsparpotenziale, Wiederverwendbarkeit und Recyclingfähigkeit geprüft. CO₂- und Abfallkennzahlen sind Pflichtbestandteile jeder Neuentwicklung. Parallel schließen wir langfristige Abnahmeverträge mit Rezyklat-Lieferanten, um Investitionen in Kapazitäten abzusichern. 2016 hatten wir zwei relevante Lieferanten für Post-Consumer-Rezyklat – heute sind es über 60. So schaffen wir Planbarkeit und Skalierbarkeit.
2024 haben wir 93 Prozent der Kunststoffmenge, die wir eingesetzt haben, wieder eingesammelt und verwertet. Das gelingt nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, etwa durch gut gemachte Systeme erweiterter Herstellerverantwortung mit Anreizen und Investitionen in Sammel- und Sortierinfrastruktur.


Quelle: Unilever Deutschland GmbH
Unilever ist ein Schwergewicht. Viele kleinere Unternehmen haben nicht dieselben Ressourcen. Wie nehmen Sie Ihre Partner mit?
Carolin Weber: Nachhaltigkeit funktioniert nicht im Alleingang. Wir brauchen alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette, von der Verpackungsentwicklung über Lieferanten bis hin zur Abfallwirtschaft. Konkret heißt das: Wir teilen Standards, etwa zu Design-for-Recycling, stellen unser technisches Know-how zur Verfügung und begleiten Materialtests bis zur Marktreife. Wir geben Orientierung zu regulatorischen Anforderungen, schaffen Transparenz bei Datenthemen und sichern wirtschaftliche Planung durch feste Abnahmen.
Standards wie die Golden Design Rules reduzieren Komplexität und machen gute Lösungen tragfähig. So sparen wir nicht nur Ressourcen, sondern auch Zeit – auf beiden Seiten.
Unser Ziel ist es, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die skalierbar und bezahlbar sind. Damit der Wandel auch für kleinere Partner machbar wird.
Plastik ist auch eine soziale Frage. Wie geht Unilever mit den Herausforderungen in Ländern um, in denen Recyclinginfrastruktur fehlt und informelle Sammelsysteme dominieren?
Carolin Weber: In vielen Ländern halten informelle Sammler*innen die Kreislaufwirtschaft am Laufen, oft unter schwierigen Bedingungen. Diese Arbeit verdient Anerkennung, Schutz und faire Entlohnung.
Über den Circulate Capital Ocean Fund haben wir Investitionen in Sammel- und Recyclingsysteme in Süd- und Südostasien sowie Lateinamerika mit angestoßen. In Indien arbeiten wir zum Beispiel mit der Organisation Lucro an einem System zur Sammlung und Verwertung flexibler Kunststoffe und sichern so das Einkommen von über zehntausend Menschen. Gleichzeitig verbessern wir die Rückverfolgbarkeit entlang der Lieferkette und schaffen neue Perspektiven.
Wir engagieren uns außerdem in der Fair Circularity Initiative, die soziale Mindeststandards verankern will – von Gesundheit und Sicherheit bis zu fairen Zahlungen. Sie basiert auf zehn gemeinsam entwickelten Fair Circularity Principles, die von NGOs, Unternehmen und Expert*innen getragen werden.
Für mich ist klar: Es reicht nicht aus, die Umwelt von Plastikabfällen zu befreien. Wir müssen auch soziale Ungleichheiten abbauen. Kreislaufwirtschaft funktioniert nur, wenn alle mitgenommen werden.
Frau Weber, ein letztes Wort?
Carolin Weber: Ich wünsche mir mehr Mut zur Umsetzung. Haltung ist wichtig, aber Veränderung entsteht dort, wo Anspruch und Alltag zusammenfinden. Dafür braucht es nicht noch mehr Programme oder Ziele, sondern Fokus, Zusammenarbeit und klare Spielregeln. Daran arbeiten wir bei Unilever – Tag für Tag.
Die Fragen stellte Maike Waismantel.




