Wie die Chemieindustrie die Umstellung auf die Kreislaufwirtschaft vorantreibt – ein Werkstattbericht am Beispiel von Covestro

Sechs Prozent. So viel wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Südkorea zusammen. Das ist ungefähr die Größenordnung, in der die Chemie- und Kunststoffindustrie zum weltweiten Ausstoß an Treibhausgasen beiträgt. Etwa ebenso groß ist der Anteil, den die Herstellung von Kunststoffen am globalen Erdölverbrauch ausmacht. Zahlen, die belegen, wie sehr allein diese eine Branche mit beiträgt zu Klimawandel und Ressourcenschwund – zwei der schwelenden Langfristprobleme, die der Menschheit neben den vielen akut lodernden Krisen so zu schaffen machen.

Der „Earth Overshoot Day“ am 2. August hat uns gezeigt: Die Weltbevölkerung hat auch 2023 wieder viel zu früh alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, die unser Planet innerhalb eines Jahres wiederherstellen kann. Und spätestens auf dem Klimagipfel Ende November wird noch einmal deutlich, dass die Treibhausgasemissionen allen Bemühungen zum Trotz weiter nach oben gehen.

Der Druck zum Handeln wird immer stärker, während sich das Zeitfenster, um eine wirklich nachhaltige Welt zu schaffen, immer weiter schließt. Ich bin aber trotzdem überzeugt: Diese Welt muss keine Utopie bleiben. Denn wir haben das Eintrittsticket: die Kreislaufwirtschaft. Ein Masterplan, um Klimaneutralität zu erreichen, unsere begrenzten Ressourcen zu schonen und der Zerstörung von Natur und Umwelt Einhalt zu gebieten. Ich finde: Zirkularität muss zum globalen Leitprinzip werden – in der Wirtschaft, aber auch in der Gesellschaft insgesamt.

Teil der Lösung

Die Chemieindustrie ist bereits mit Macht dabei, sich die Kreislaufwirtschaft zu eigen zu machen. In Deutschland etwa will die Branche auf dieser Basis bis 2045 klimaneutral werden und die gesamte grüne Transformation unterstützen. Insofern ist der Sektor nicht länger nur Teil des Problems, sondern zunehmend auch Teil der Lösung. Und Covestro, einer der weltweit führenden Hersteller von hochwertigen Kunststoffen und ihren Vorprodukten, treibt diesen Wandel mit besonderer Energie voran: Wir sind dabei, das gesamte Unternehmen mit seinen 18.000 Beschäftigten und Standorten rund um den Globus vollständig auf die Kreislaufwirtschaft auszurichten.

Ein Kraftakt. Denn es gilt, wie in der Chemie insgesamt, die Produktion von Grund auf umzustellen. Die basiert seit Jahrzehnten auf fossilen Rohstoffen wie Erdöl. Doch deren Aufbereitung und Nutzung ist gleichbedeutend mit der Freisetzung von Klimagasen. Damit ist klar: Auch in der Chemie, auch bei Covestro geht das Ölzeitalter zu Ende. Darauf antworten wir mit unserer langfristigen Kreislaufwirtschaftsstrategie, die aus vier Säulen besteht.

Erstens: Wir nutzen als Kohlenstofflieferanten anstelle von Erdöl zunehmend erneuerbare Rohstoffe: Biomasse, Abfall und sogar CO2. Langfristig wollen wir komplett auf petrochemische Ressourcen verzichten.

Zweitens betreiben wir unsere Anlagen zunehmend mit erneuerbarer Energie. Bereits 2035 wollen wir so weit sein – dann stammen Strom und Dampf nur noch aus grünen Quellen. Auf diese Weise wollen wir bis zu diesem Zeitpunkt außerdem operativ klimaneutral werden.

Als dritte Säule treiben wir die Entwicklung innovativer Recyclingverfahren voran. Denn um Kunststoffabfall im großen Stil als Rohstoff nutzen zu können, muss er auch in viel größerem Maße als bisher wiederverwertet werden können.

Das alles lässt sich am besten gemeinsam verwirklichen. Deshalb setzt Covestro als viertes Element seiner Kreislaufwirtschaftsstrategie ganz besonders auf Partnerschaften.

Die richtigen Rohstoffe

Bei allen vier Strängen kommen wir stetig voran. Immer mehr Steine dieses großen Puzzles fügen sich zusammen. So setzen wir zunehmend Rohstoffe ein, die auf Biomasse und Bioabfällen beruhen. Hier nutzen wir vor allem einen praktischen Ansatz: die sogenannte Massenbilanzierung. Dabei werden die alternativen Rohstoffe einem Produkt am Ende rechnerisch zugeordnet. Das ist vergleichbar mit dem Kauf von Ökostrom: Im bestehenden Stromnetz wird ein Mix aus konventionell und ökologisch erzeugter Energie transportiert.

Mit diesem Prinzip haben wir beispielsweise einen neuen Typ des Hochleistungskunststoffs Polycarbonat hergestellt. Und das besonders nachhaltige neue Material ist auch bereits in ein konkretes Produkt eingeflossen – in das Gehäuse einer Ladestation für Elektroautos, die ein niederländischer Hersteller voriges Jahr auf den Markt gebracht hat.

Wir nutzen aber nicht nur erneuerbare Rohstoffe, die wir von anderen beziehen. Wir entwickeln sie auch selbst. So ist uns zusammen mit Partnern ein bahnbrechendes neues Verfahren gelungen, um Anilin erstmals komplett aus pflanzlichen Rohstoffen wie Stroh oder Zuckerrüben zu produzieren. Diese Grundchemikalie spielt in der Kunststoffproduktion weltweit eine wichtige Rolle. Covestro braucht sie für ein Vorprodukt, aus dem wiederum Dämmschaum für Gebäude und Kühlgeräte entsteht. Das bereits mehrfach prämierte Verfahren führt im Vergleich zur konventionellen Technik zu einem deutlich verbesserten CO2-Fußabdruck des Anilins und soll nun in größeren Dimensionen weiterentwickelt werden.

Das Projekt macht auch deutlich, welchen Beitrag die industrielle Biotechnologie in der Kunststoffproduktion leisten kann: In dem neuen Verfahren hilft ein maßgeschneiderter Mikroorganismus dabei, einen aus Pflanzen gewonnenen industriellen Zucker durch Fermentation in ein Zwischenprodukt umzuwandeln. In einem zweiten Schritt entsteht dann durch chemische Katalyse das Anilin mit hundert Prozent pflanzlichem Kohlenstoff.

Direktverträge für Grünstrom

Solche alternativen Rohstoffe sind aber nur die halbe Miete auf dem Weg zu Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft. Zugleich muss die Energie zum Betrieb der Produktionsanlagen aus erneuerbaren Quellen kommen. Auch in dieser Hinsicht stellen wir unsere Standorte weltweit Schritt für Schritt um. Ende 2022 hatten wir bereits zwölf Prozent unseres weltweiten Bedarfs mit Energie aus Wind, Sonne und Co. gedeckt. 2023 sollen es 16 bis 18 Prozent werden. Hierbei setzen wir vor allem auf Direktverträge mit Energieanbietern. Angefangen hatte dies 2019, als unser Unternehmen den seinerzeit größten Kontrakt dieser Art für Offshore-Windenergie mit dem dänischen Lieferanten Ørsted abgeschlossen hatte.

Solche Verträge können dazu beitragen, den Ausbau der erneuerbaren Energien und die Energiewende zu beschleunigen. Denn darauf ist die Chemieindustrie – mit rund 30 Prozent momentan der mit Abstand größte Energieverbraucher in Deutschland – stark angewiesen: Für den angestrebten Großumbau hin zu Kreislaufwirtschaft und Klimaneutralität braucht die Branche künftig riesige Mengen an Ökostrom, der sicher und zu wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung stehen muss.

Ganz zentral für das Projekt Kreislaufwirtschaft ist zudem der rasche Ausbau des Recyclings. Global gesehen ist aber genau das Gegenteil der Fall. 2023 ist die Welt nur noch zu 7,2 Prozent zirkulär; nachdem der Wert in den beiden Vorjahren noch bei 8,6 beziehungsweise 9,1 Prozent lag. Auch viel zu viel Kunststoff wird immer noch achtlos weggeworfen und landet oft in der Umwelt. Dafür ist das Material aber zu schade. Es gilt also, Plastikmüll zu neuem Leben zu erwecken. Und wir haben auch das Lebenselixier dafür: chemisches Recycling.

Für viele Kunststoffe ist es sogar die einzig mögliche Methode der Wiederverwertung. Denn im Falle von stark verschmutztem und nicht sortenreinem Abfall ist das herkömmliche mechanische Recycling eine „mission impossible“: Mit Zerkleinern und Einschmelzen allein kommen wir nicht wirklich weiter.

Im großen Stil recyceln

Anders sieht es aus, wenn wir den Plastikmüll chemisch auflösen, in seine Moleküle zerlegen und aus diesen wiederum neue Molekülketten und neue Kunststoffe bilden. Jedes Produkt lässt sich so in ein beliebiges anderes verwandeln. Es ist bei bestimmten Kunststoffen, die nicht wie üblich geschreddert werden können, auch die einzig sinnvolle Methode der Wiederverwertung. Nur so lässt sich Kunststoffmüll in großen Mengen recyceln.

Das Potential, das hier steckt, lässt sich an einem Alltagsgegenstand verdeutlichen: Matratzen. Rund 40 Millionen Stück werden davon jedes Jahr in Europa ausrangiert. Üblicherweise landen sie in Deponien oder in Müllverbrennungsanlagen. Doch es geht auch anders: Covestro hat mit Partnern eine neue Technologie entwickelt, die es erlaubt, das Innenleben, also den bequemen Schaumstoff unter dem Überzug, wiederzuverwerten. Am Standort Leverkusen wird dieses Verfahren nun in einer Pilotanlage weiterentwickelt mit der Perspektive auf eine industrielle Nutzung.

Zudem wollen wir zusammen mit sechs anderen Chemiekonzernen ein globales Forschungszentrum zur Verarbeitung von Kunststoffabfall gründen. Was als ein Beispiel für die vierte Säule unserer Kreislaufwirtschaftsstrategie dienen mag: der Förderung von Partnerschaften zur Entwicklung von neuen Technologien und Geschäftsmodellen. Im konkreten Fall geht es darum, unter dem Dach des Weltwirtschaftsforums gemeinsam Verfahren zu entwickeln, um mehr Plastikmüll mit einem geringeren CO2-Fußabdruck zu verarbeiten. Die ersten Aktivitäten werden sich auf die Sortierung, Reinigung und Aufbereitung von Kunststoffabfällen konzentrieren, um sie für weitere Recyclingtechnologien geeignet zu machen.

Insgesamt ist die Chemieindustrie also entschlossen unterwegs, um die Kreislaufwirtschaft nach vorn zu bringen – und immer mehr ein Teil der Lösung zu werden.

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