Was haben Nickel und Palladium gemeinsam? Wir finden sie in praktisch jedem Smartphone.
Das Problem: Im Jahr 2019 kamen 40 Prozent der deutschen Nickelimporte aus Russland, das Land machte global zudem über 42 Prozent der Palladiumproduktion aus. Palladium ist in Deutschland beispielsweise in der chemischen Industrie und in der Elektrotechnik ein essentieller Rohstoff.
Die Sanktionen in Reaktion auf den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands haben die deutsche Abhängigkeit von Rohstoffen beispielhaft und schmerzhaft offengelegt. Sie werfen auch ein Scheinwerferlicht auf das übergeordnete Thema der Rohstoffextraktion. Und sie unterstreichen, dass an der notwendigen Implementation einer echten Kreislaufwirtschaft, einer Circular Economy, nicht nur kein Weg vorbeiführt – sie hilft uns sogar, Schätze zu heben. Denn in einem Smartphone stecken nicht nur Nickel und Palladium, sondern ungefähr die Hälfte der Elemente unseres Periodensystems. Der Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde ist letztlich eine Schlüsselfrage für die Menschheit. Egal, ob Energie, Fläche oder Rohstoffe – schon jetzt übersteigt unsere Nutzung der natürlichen Ressourcen die Regenerationsfähigkeit der Erde. Ein wesentlicher Grund dafür ist die immense Verschwendung von wertvollen Ressourcen durch ein lineares Wirtschaftssystem. Ressourcenschonung und eine Circular Economy sind damit Kernaufgaben heutiger und künftiger Generationen – umso mehr, da der weltweite Rohstoffkonsum auch globale Fragen der sozialen Gerechtigkeit aufwirft: So werden viele Rohstoffe unter sehr problematischen sozialen und ökologischen Bedingungen gewonnen. Und dies häufig in Ländern, die von der Wertschöpfung wenig profitieren.
Als Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördern und fordern wir bereits seit drei Jahrzehnten den sparsamen und effizienten Umgang mit Ressourcen und Energie. Mit unserer Förderinitiative #DBUcirconomy unterstützen wir seit einigen Jahren verstärkt Projekte, die sich für den zirkulären Umbau hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft einsetzen. Wir gehen die betriebs- und branchenübergreifenden Lösungen an. Hier fördern wir unter anderem Projekte zu den Themen Nutzungsverlängerung, Sharing-Modelle, Vermeidung, Wiedernutzung, Reparatur. Gerade die Digitalisierung liefert hierfür viele Lösungen, beispielweise durch die Virtualisierung von Prozessen oder die Nutzung additiver Produktionsverfahren.
Unsere Kompetenzplattform „DBU nachhaltig.digital“ arbeitet daran, dem Mittelstand mit konkreten Beispielen und Vernetzung die Wege zu einer nachhaltigen Digitalisierung aufzuzeigen. Im Rahmen des „nachhaltig.digital Monitors 2022“ wurden 500 Entscheider*innen zum Status quo der Nachhaltigkeit und Digitalisierung in KMU befragt: 44 Prozent sehen hier den effizienteren Einsatz von Ressourcen als eines der größten Potentiale der Digitalisierung.
Die Digitalisierung kann der Türöffner sein für die Transformation unserer linearen Wirtschaft („take, make, waste“) – hin zu einer echten Circular Economy und letztlich zu einer Circular Society.
Von der Kreislaufwirtschaft …
Die jüngst in Betrieb genommene Aluminium-Sortieranlage bei Alba in Hoppegarten bei Berlin zeigt, wie viel heute bereits möglich ist. Es handelt sich dabei um die erste kommerzielle Anwendung einer laserbasierten Sortiertechnik, für deren Entwicklung die DBU mit Projekt- und Prototypförderung in Höhe von mehr als einer Million Euro sowie drei mittelständische Unternehmen mit technischer Finesse und Ingenieurskunst den Weg geebnet haben. Mit der innovativen Technik wird Aluminiumschrott sortiert, grundsätzlich aber können alle metallischen Werkstoffe für die spätere Weiternutzung getrennt werden. Die sogenannte LIBS-Technologie (Laser Induced Breakdown Spectroscopy) ermittelt blitzschnell die Legierungsanteile jedes Schrottstücks und sortiert es entsprechend. Die Menge der verwendeten Sekundärrohstoffe als Recyclingmaterial wird somit künftig beträchtlich steigen können. Mehr Altmetalle werden wiederverwendet, Ressourcen geschont, erheblich weniger Energie verbraucht. Derzeit liegt deren Anteil in der Metallproduktion in Deutschland für Kupfer bei 43 Prozent, für Blei bei 69 Prozent, für Aluminium bei 60 Prozent und für Rohstahl bei 44 Prozent. Für die hierzulande jährlich erzeugten rund 50 Millionen Tonnen Stahl werden etwa 22 Millionen Tonnen Sekundärrohstoffe sowie zusätzlich drei Millionen Tonnen Legierungsmetalle eingesetzt. Die wegweisenden Ideen der beteiligten mittelständischen Unternehmen senken somit nicht nur die Energiekosten, sondern sorgen durch Kreislaufführung für mehr Umwelt- und Klimaschutz, weil weniger Rohstoffe der Erde entnommen werden müssen.
über die Circular Economy …
Doch eine Circular Economy ist letztlich mehr als nur ein bestmögliches Recycling und mehr als nur die Optimierung von Teilprozessen. Eine Circular Economy umfasst alle Lebenszyklen: von der Rohstoffgewinnung über das Design und die Nutzung bis hin zur Entsorgung. Das Ziel ist dabei klar: Abfall soll es im Idealfall nicht mehr geben. Ohne die digitale Transformation ist das nicht zu schaffen.
Erst die Digitalisierung macht den Weg frei für neue Lösungen für Optimierungen, Vernetzung, Transparenz und Nachverfolgung.
Neue, zirkuläre Lösungen sind ein Gewinn für die Umwelt und für Unternehmen. Sie machen sie zukunftssicherer und resilienter gegenüber steigenden Energie- und Rohstoffpreisen oder unsicheren Lieferketten. Nachhaltigkeits- und kreislauforientierte Unternehmen können hier die Vorreiter für neue Geschäftsideen und Produkte sein. Gerade kleine und mittlere Unternehmen sind von zentraler Bedeutung für eine zirkuläre Transformation. Denn ihr Unternehmenshandeln ist in der Regel von langfristiger Orientierung geprägt, viele von ihnen sind Weltmarktführer in ihrem Segment („hidden champions“), und sie sind oft sehr stark in der Region verankert und sehr dicht an den Menschen dran, die dort leben. Sie wissen, was gebraucht wird. Sie sind Teil der Region, in der sie wirtschaftlich tätig sind.
Mit der drängenden Transformation öffnen sich auch Türen für neue Geschäftsfelder, neue Geschäftsmodelle und neue Unternehmen, die der Circular Economy mit innovativen Lösungen den Weg bereiten. Die Innovationskraft junger Unternehmen fördern wir gezielt mit dem Green Start-up-Programm der DBU. Um Innovationshemmnisse abzubauen, brauchen wir künftig noch mehr solcher Brücken – zwischen Digitalisierung und Circular Economy, Wissenschaft und Praxis, Mittelstand und Start-ups.
Wie die Digitalisierung neue Möglichkeiten schafft, zeigt beispielhaft das Berliner Startup circular.fashion: Es will den Wandel für eine textile Kreislaufwirtschaft vorantreiben und bietet eine Softwarelösung an, die Unternehmen beim Design für Zirkularität und bei der Materialauswahl unterstützt. In einer digitalen Bibliothek, die ständig aktualisiert wird, sind besonders kreislauffähige Materialien hinterlegt. Über eine circularity.ID, die von Konsumierenden oder Recyclingunternehmen genutzt werden kann, lässt sich die Geschichte eines Produkts zusammen mit den wesentlichen Material- und Produktdaten jederzeit nachvollziehen. Damit wird Transparenz zwischen Materiallieferanten, Modemarken, Konsumenten, Altkleidersortierern und Recyclern hergestellt. Bereits jetzt arbeiten Branchengrößen zusammen mit dem Startup daran, ihre Produkte kreislauffähiger zu gestalten.
… zur Circular Society
Aber wir müssen aufpassen: Eine Circular Economy ist nicht zwingend nachhaltig. Ein hundertprozentiges Recycling ist oft nicht möglich, Verluste gibt es immer. Viele Effizienzsteigerungen werden durch Reboundeffekte geschwächt. Überkonsum ist und wird nicht nachhaltig sein. Technische Innovationen allein werden nicht reichen.
Häufig spielen gesellschaftliche und soziale Aspekte eine zentrale Rolle: Unser Konsumverhalten bestimmt in einem hohen Maß, ob zirkuläre Lösungsansätze auch tatsächliche Wirkung entfalten. Wenn die Lösungen von den Menschen nicht akzeptiert werden oder nicht praktikabel sind, wenn sie nicht verstanden werden oder nicht attraktiv sind – dann werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit scheitern. Gleichzeitig müssen wir Menschen überzeugen, dass und warum zirkuläre Lösungen wichtig sind.
Und es gilt aufzuzeigen, welchen Beitrag jede und jeder von uns leisten kann, um Teil der Lösung zu werden. Daher brauchen wir neben einer Circular Economy auch die Entwicklung einer Circular Society. Wenn wir die Circular Economy mit einem sozio-kulturellen Wandel flankieren, entstehen in ganz verschiedenen Feldern und Ebenen zirkuläre Lösungen und ökologische Benefits. Diese setzen nicht nur bei Prozessen und Materialien, sondern auch beim Menschen an.
Wir als DBU wollen mit unserer Förderarbeit und unseren Netzwerken voller motivierter Akteure dazu beitragen, dass der Wandel gelingt und die gesteckten Ziele erreichbar werden. Denn nur gemeinsam können wir diese Zukunftsaufgabe meistern. Wir können es uns auf dem Weg zur Klimaneutralität nicht leisten, die Potentiale des digitalen Wandels zur Circular Economy für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt liegen zu lassen. Das Gegenteil ist der Fall: Auf diesem Zukunftskurs bringt uns die Digitalisierung den wesentlichen Schritt nach vorne.




