John Galvin ist seit Juni 2022 Vorsitzender der Geschäftsführung der Coca-Cola Europacific Partners Deutschland GmbH (CCEP DE). Er kam im Juni 2019 als Geschäftsführer Sales & Marketing zu CCEP DE und bringt langjährige Erfahrungen als Geschäftsführer sowie im Verkauf und Marketing bei unterschiedlichen Getränkeunternehmen in Europa und in der Region AsienPazifik mit. Der gebürtige Ire erwarb seinen Bachelor in Internationalem Marketing und Sprachen an der Dublin City University und der Technischen Universität in Berlin.
V Coca-Cola setzt bei Flaschen und Dosen auch auf Einwegprodukte, die das Klima stark belasten. Das ist seit Einführung der Pfandpflicht für nachhaltigkeitsbewusste Kunden ein Argument gegen das Produkt. Warum halten Sie daran fest?
Ja, wir bieten unsere Getränke in vielen verschiedenen Verpackungen – Einweg ebenso wie Mehrweg – an. Die simple Schwarz-Weiß-Betrachtung, Mehrweg sei gut und Einweg sei schlecht fürs Klima, greift heute allerdings viel zu kurz, denn in Sachen Nachhaltigkeit hat sich hier sehr viel getan. Wie nachhaltig eine Verpackung ist, hängt zudem von vielen Faktoren ab, beispielsweise von der Distanz beim Transport, dem Gewicht und dem Anteil an recyceltem Material. Eine PET-Einwegflasche zum Beispiel, die vollständig aus recyceltem PET besteht, hat einen um bis zu 50 Prozent geringeren CO2-Fußabdruck als eine Flasche aus neuem Plastik. Das ist ein großer Hebel, den wir in den vergangenen Jahren genutzt haben, um unsere Einwegverpackungen nachhaltiger zu machen. Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist kein Plädoyer für Getränke in Einwegflaschen als alleinige Lösung – vielmehr eines dafür, alle Verpackungen so nachhaltig wie möglich zu machen. Schließlich ist Coca-Cola in Deutschland auch der größte Anbieter von Mehrweggebinden für alkoholfreie Erfrischungsgetränke. Klar ist aber auch: Verbraucher kaufen unsere Getränke in der Verpackung, die am besten zu ihren Bedürfnissen passt. Das kann auf dem Weg zum Sport die leichte PET-Flasche sein, für die schnelle Erfrischung unterwegs die Dose oder für das gesellige Abendessen mit Freunden oder im Restaurant die Glasflasche. Zuletzt haben wir einen stärkeren Trend in Richtung Glas gesehen, also haben wir entsprechend auch in neue Glas-Abfüllanlagen investiert, und wir bieten noch mehr Getränke auch in Glasflaschen an.
V Umweltverbände machen Coca-Cola mitverantwortlich für die Flut an Plastikmüll. Welche Möglichkeiten sehen Sie beim Thema Flasche beziehungsweise Verpackung, die Ökobilanz zu verbessern?
Ich bin überzeugt, jede Getränkeverpackung, die im Meer landet, ist eine zu viel! Der Blick weltweit zeigt, dass der Umgang mit Getränke-Plastikflaschen immer noch eine große Aufgabe ist. Coca-Cola hat 2018 das Programm „World Without Waste“ ins Leben gerufen – eine Verpackungsinitiative mit dem Ziel, Kreisläufe zu schaffen, so dass Getränkeverpackungen gesammelt, wiederverwendet und recycelt werden und eben nicht als Müll in der Umwelt oder den Ozeanen landen. Sind wir schon da, wo wir sein wollen? Ganz ehrlich, nein. Aber wir arbeiten hart daran, schnell Fortschritte zu machen. Der Blick auf Deutschland zeigt, wie das funktionieren könnte: Wir haben hierzulande seit vielen Jahren etablierte Pfandsysteme. 98 Prozent der Mehrweg- und Einwegflaschen kommen zurück und können wieder befüllt oder recycelt werden. Die Perspektive auf Verpackungen als Wertstoff macht für uns als größtes Getränkeunternehmen einen spürbaren Unterschied. Aber: Verpackungen stehen immer noch für rund ein Drittel unseres CO2-Fußabdrucks. Deshalb arbeiten wir seit vielen Jahren sowohl in Deutschland als auch weltweit daran, alle Verpackungen so nachhaltig wie möglich zu machen. Zum einen reduzieren wir den Materialeinsatz und machen unsere Glas- und PET-Flaschen sowie Dosen damit leichter. Zum anderen erhöhen wir den Anteil recycelten Materials. Bis zu 60 Prozent Rezyklat stecken in unseren Dosen, bis zu 80 Prozent in unseren Glasflaschen. Einen Riesenschritt haben wir 2021 geschafft, als wir alle PET-Einwegflaschen bis zu einer Größe von 0,5 Litern vollständig auf recyceltes PET umstellen konnten. Dieses Rad wollen wir zügig weiterdrehen und mehr Rezyklat in unseren großen PET-Einwegflaschen einsetzen. Leider stoßen wir dabei immer öfter an Grenzen, denn das Material ist nicht in ausreichender Menge verfügbar.
V PET-Einwegflaschen werden zum Großteil aus neuen Materialien hergestellt. Sie haben dazu eine Studie in Auftrag gegeben. Worum geht es dabei?
Es ist leider immer noch so, dass viele PET-Einwegflaschen aus Neumaterial hergestellt werden. Dabei könnte es in Deutschland längst anders sein: Wir wissen, dass nur etwa 45 Prozent des recycelten PET aus dem Pfandsystem wieder für neue Getränkeflaschen genutzt werden. Wir wollten besser verstehen, wohin das Material aktuell abfließt und was ökologisch möglich wäre, wenn aus den recycelten PET-Flaschen zuallererst wieder PET-Flaschen werden würden. Dahinter steht die Idee eines geschlossenen Flasche-zu-Flasche-Kreislaufs, für die sich einige Hersteller in der Branche einsetzen. Dass wir in Deutschland in der Lage wären, einen solchen Kreislauf schon heute umzusetzen, haben das Institut für Energie- und Umweltforschung und die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung in der gemeinsamen Studie gezeigt: Aktuell stünde ausreichend Material zur Verfügung, um einen Flaschenkreislauf mit rund 90 Prozent recyceltem PET umzusetzen. Tatsächlich aber wird das hochwertige, lebensmitteltaugliche Rezyklat zum größeren Teil für Verpackungen von Putzmitteln, Kosmetik oder für Textilien genutzt. Hauptsache wiedergenutzt, könnte man meinen. Dem ist aber nicht so, denn aus diesem Material kann nie wieder eine Getränkeflasche werden, weil es nicht mehr lebensmitteltauglich ist.
V Wie groß wäre das ökologische Potential des von Ihnen angesprochenen Flasche-zu-Flasche-Kreislaufs in Deutschland?
In einem Wort: riesig! Lassen Sie mich das ökologische Potential anhand von drei zentralen Studienergebnissen aufzeigen. Erstens: Mit einem Flasche-zu-Flasche-Kreislauf für PET-Flaschen in Deutschland könnten jährlich rund 214.000 Tonnen neuer Kunststoff eingespart werden. Zweitens: Wenn das recycelte PET vorrangig wieder für PET-Flaschen genutzt werden würde, würde sich auch die thermische Verwertung des Materials, also die Verbrennung, erheblich reduzieren – um 86 Prozent. Und drittens, für mich persönlich das interessanteste Ergebnis: PET könnte im geschlossenen Flaschenkreislauf bis zu neunmal häufiger wiederrecycelt werden. Genau dieses „Wieder-und-wieder-zur-Flasche-machen“ würde es uns ermöglichen, mit einem Flasche-zu-Flasche-Kreislauf in Deutschland 60.000 Tonnen CO2 pro Jahr einzusparen.
V Was steht dem geschlossenen Kreislauf bei PET-Einwegflaschen entgegen?
Ganz klar, dass wir wie auch viele andere Getränkehersteller das recycelte PET-Material nicht in ausreichendem Maße bekommen. Das liegt daran, dass Hersteller anderer Branchen auf das hochwertige recycelte PET aus dem Pfandsystem zugreifen und aus den Flaschen schnell andere Verpackungen werden, die anschließend in der Müllverbrennung landen und eben nicht in einer Wertstoffsammlung. Oder aus den PET-Flaschen werden Fasern für Textilien, womit das Material dann wiederum langfristig gebunden ist. Diese Situation ist für viele Hersteller aus der Getränkeindustrie und für deren Klimaziele eine enorme Herausforderung. Dabei ist „Kreislaufwirtschaft“ derzeit in aller Munde und wird von Politik, Industrie und Umweltverbänden gleichermaßen als Zielbild formuliert.
V Welche Schlussfolgerungen und Entscheidungen resultieren aus den Studienergebnissen?
Ich meine, dass wir diese Downcycling-Spirale dringend durchbrechen müssen. Die Studie liefert dafür wichtige Erkenntnisse für den gesamten deutschen Markt. Um aus Flaschen wieder Flaschen machen zu können, müssen Getränkehersteller zuerst auf das recycelte PET aus dem Pfandsystem zugreifen dürfen. Dafür bedarf es einer politischen Weichenstellung – das Erstzugriffsrecht müsste in der aktuellen Novelle des Verpackungsgesetzes verankert werden. Sonst leisten wir uns anstelle eines nachhaltigen Kreislaufs, in dem aus PET-Flaschen wieder PET-Flaschen werden, weiterhin eine Downcycling-Abwärtsspirale mit erheblichen Umweltnachteilen.
V Bis 2030 möchte Coca-Cola weltweit auf erdölbasierten Kunststoff in PET-Flaschen verzichten. Was sind die Alternativen dazu?
Ja, dieses ambitionierte Ziel haben wir uns gesetzt. Um es erreichen zu können, ist der Zugriff auf recyceltes PET und insbesondere mehrfaches Wiederrecycling des Materials im Flaschenkreislauf ein wichtiger Baustein. Da aber auch in einem Flasche-zu-Flasche-Kreislauf immer wieder eine gewisse Menge Neumaterial zugeführt werden müsste – weil es beim mechanischen Recycling vereinfacht gesagt auch einen gewissen Materialverschleiß gibt –, suchen wir nach geeigneten Alternativen. Das gilt für Verpackungsmaterialien, beispielsweise aus pflanzlichen Rohstoffen, ebenso wie für Recyclingverfahren. Wir investieren unter anderem in eine neue Recycling-Technologie, mit der schwer recycelbare Polyester-Reststoffe zu hochwertigem, lebensmitteltauglichem Material aufbereitet werden können. Wenn aktuell auch einiges noch wie Zukunftsmusik klingen mag und es noch viele technologische Herausforderungen gibt, bin ich dennoch absolut zuversichtlich. Schließlich haben wir es in der Vergangenheit gemeinsam mit unseren Partnern auch geschafft, PET so zu recyceln, dass es heute fast unsichtbar für Verbraucher zu einhundert Prozent in unseren Flaschen genutzt werden kann.
V Wie fördern Sie im Unternehmen gute und innovative Lösungen für mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gute Lösungen ein Ziel brauchen und einen Plan, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Unser Ziel ist es, bis zum Jahr 2040 klimaneutral zu sein – und zwar entlang unserer gesamten Wertschöpfungskette. Eine erste Wegmarke dafür ist das Jahr 2030, bis dahin wollen wir unsere CO2-Emissionen um 30 Prozent im Vergleich zum Jahr 2019 senken. Minus 9,4 Prozent haben wir zum Jahresende 2022 schon geschafft. Wir wissen, wo die meisten Emissionen in unserem Geschäft und auch entlang unserer Wertschöpfungskette anfallen – neben Verpackungen machen beispielsweise auch Zutaten und Inhaltsstoffe etwa ein Drittel aus – und darauf fußt unser Fahrplan, um diese weiter zu reduzieren. Klar ist aber auch: Damit Nachhaltigkeit wirksam werden kann, braucht es Investitionen, klare Prioritäten, eine Prise Kreativität und Menschen, die vorleben und mitmachen. Ganz konkret investieren wir in Deutschland regelmäßig in neue, effizientere Anlagen und Maschinen. Aktuell fließen rund 40 Millionen Euro in eine neue Glasmehrweglinie in Lüneburg und weitere 15 Millionen Euro in eine PET-Mehrweglinie, die wir am Standort in Bad Neuenahr wieder in Betrieb nehmen werden. Weltweit fördern wir über CCEP Ventures (Anm. d. Red.: Investmentfonds des Unternehmens für Innovationen) aber auch innovative Ideen von Start-ups für mehr Nachhaltigkeit und Forschung – darunter beispielsweise die Recyclingtechnologie von Cure und Forschungsprojekte zur Kohlenstoffabscheidung. In unseren 14 regionalen Produktionsbetrieben treiben unsere Umwelt-Koordinatoren Projekte und Ideen voran, um Ressourcen wie Wasser und Energie noch sparsamer zu verwenden. Und unser heute bundesweites Schienengüternetz, mit dem wir unsere Getränke auf längeren Strecken per Bahn transportieren, ist vor einigen Jahren aus einer Idee von Mitarbeitenden am Standort in Lüneburg entstanden.
Die Fragen stellte Oliver Kauer-Berk.




