Es war der 25. Juni 2000. Vom Pariser Flughafen Charles de Gaulles startet Flug 4590, eine Concorde. Seit ihrem Jungfernflug im Jahr 1976 ist sie das schnellste Passagierflugzeug der Welt, das die legendäre Schallmauer gleich zweifach durchbricht. An diesem Tag stürzt die AérospatialeBAC Concorde kurz nach dem Start in der Stadt Gonesse auf ein Hotel, 113 Menschen sterben. 2003 stellen Frankreich und Großbritannien den Flugbetrieb ein. Die Entwicklung der Concorde war nur durch staatliche Finanzierung der hohen Entwicklungskosten möglich gewesen, und im laufenden Betrieb flog die Concorde nur selten Gewinne ein. Neben den Rekorden, die durch Überschallflüge mit Mach 2 erzielt wurden, blieb vor allem der Fortschritt in der Luftfahrttechnologie – und der Mythos. Chuck Yeager, der bereits 1947 die Schallmauer mit dem Experimentalflugzeug Bell X-1 durchbrochen hatte, schreibt in seinen Memoiren zu seinem historischen Flug: „Es hätte einen Ruck geben müssen, etwas, was mich darauf aufmerksam gemacht hätte, dass ich ein Loch in die Schallmauer gebohrt hatte. Erst später begriff ich, dass die gesamte Mission ganz einfach mit einer Enttäuschung enden musste: Die Mauer, die wir überwinden wollten, existierte nicht in der Luft, sondern in unseren Köpfen.“
Der Concorde-Absturz markiert einen der raren Punkte in der Kultur- und Technikgeschichte, an dem Menschen einen Schritt zurückgehen. Der gewissermaßen freiwillige Verzicht auf die Überschalltechnologie mag als Zeichen gelten, die Grenzen des Machbaren zu respektieren, das allgegenwärtige „Immer mehr“ einen Moment lang zurückzustellen. Die Geschichte hat heute ihre Parallele in der Diskussion um Wachstumsphilosophie und Kreislaufwirtschaft. Hinter diesen realpolitischen und die Wirtschaft prägenden Positionen stehen zwei alte philosophische Konzepte, die man beschreiben könnte als den Widerstreit von Kreis und Linie.
Unter einer Kreislaufwirtschaft versteht man in der Ökonomie im Allgemeinen einen geschlossenen Zirkel der Ressourcen, Produkte und Stoffe. Die Produkte etwa werden durch Reparatur und Wartung, durch Wiederverwendung und Wiederaufarbeitung möglichst lange genutzt. Dadurch versucht man, die Wertschöpfung aus den verwendeten Ressourcen über den kompletten Lebenszyklus des Produkts so weit es geht zu steigern. Qualitätsmerkmale solcher Kreislaufprodukte sind Zuverlässigkeit, Robustheit und eine hohe Reparierbarkeit. Idealerweise werden sie nicht nur von einzelnen, sondern von vielen Menschen genutzt. Die Umweltverträglichkeit spielt schließlich ebenfalls eine zentrale Rolle. Im Cradle-to-Cradle-Ansatz (C2C) finden sich dafür überzeugende Beispiele. Die zentrale Frage dahinter wird beispielsweise von der Enquete-Kommission des Bundestags „Wohlstand, Wachstum, Lebensqualität“ gestellt: „Ob und wenn ja wie viel und welche Art Wirtschaftswachstum eine moderne Gesellschaft braucht?“ Welcher Wachstumsphilosophie hängen wir an? Ist es richtig, dass Umweltsünden monetär kompensiert werden? Oder geht dieser moderne Ablasshandel am eigentlichen Problem vorbei? Die Gegenüberstellung der Konzepte von Kreis und Linie zeigt, dass es um weit mehr geht als um ökonomische Positionen, dass es schließlich darum geht, mit welchen Werten, Prioritäten und Überzeugungen wir die Welt sehen.
Kreisbewegungen
Der Kreis, der Erdkreis, ist die meistgenutzte und prägendste sinnliche Figur unserer Welt – auch wenn wir sie nicht wirklich wahrnehmen können. Ob nun Thales meinte, die Erde schwämme auf einem kreisförmigen „Horizontmeer“ oder im Mittelalter vom kuppelförmigen Himmel auf die Kugelform der Erde geschlossen wurde oder ob das Bild der mythischen Schlange Uroborus, die sich in den eigenen Schwanz beißt, Verwendung findet.
Kreis und Linie sind zwar geometrische Vokabeln. Aber sie sind so viel mehr. Ganze Weltbilder stecken in ihnen, sie prägen Gesellschaften und lassen Menschen die Welt erkennen – auf ganz verschiedene Weisen. Und je nachdem, in welchem Erdteil man sich befindet, werden Kreis und Linie als zentrale Chiffren des Lebens begriffen, ob nun im asiatischen Wiedergeburtsglauben, im Lebenskreis des Feng Shui oder in der europäischen Fortschrittsidee. Kreis und Linie bilden diametrale Vorstellungen über Leben und Tod, Sinn und Sinnlosigkeit, Gewinn und Verlust, Strategie und Vorsehung. Ob wir der Auffassung sind, wie der griechische Philosoph Heraklit, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen könne, oder ob wir, wie die Buddhisten, das Leben als ewigen Zyklus von Wiedergeburten verstehen, hat ganz konkrete, ganz alltägliche Konsequenzen für unser Denken und unser Handeln.
Bereits in der Geometrie, aus deren Denken Kreis und Linie stammen, werden mit ihnen philosophische Anschauungen verbunden. Der Kreis ist eine geometrische Figur, dessen erste Definition von Platon stammt: „Rund ist doch wohl das, dessen äußerste Teile überall vom Mittelpunkt aus gleich weit entfernt sind.“ Obwohl schon vor 6.000 Jahren etwa die Babylonier sich mit dem Kreis auseinandersetzten, fanden die Grundlagen der Kreisvermessung erst im antiken Griechenland statt, vor allem durch Archimedes und Euklid, die mit den Werkzeugen Zirkel und Lineal die entscheidenden Erkenntnisse gewannen. Archimedes scheiterte allerdings damit, die Fläche des Kreises zu berechnen, indem er ihn in kleinste Rechtecke teilte, der sogenannten Quadratur des Kreises. Und es dauerte noch einmal über 2.000 Jahre, bis Ferdinand von Lindemann 1882 beweisen konnte, dass die Zahl π, mit der wir Kreise berechnen, transzendent ist, vereinfacht gesagt: unendlich, und es keine Lösung des mathematischen Problems der Quadratur des Kreises geben kann. Mit anderen Worten: Der Vollkommenheit und Geschlossenheit des Phänomens des Kreises wohnt tatsächlich eine natürliche Ungenauigkeit und Unabgeschlossenheit inne.
Rote Linien
Ganz anders sieht die Welt aus, wenn man sie als eine endlose Straße sieht, eine ewige Gerade ins Nichts. So wie eine der Nazca-Linien in Peru, über 1.500 riesige, nur aus der Luft erkennbare Scharrbilder, Geoglyphen in der Wüste bei Nazca, die bis zu 20 Kilometer lang sind und vermutlich Fruchtbarkeitsritualen dienten. Oder wie die Linien in Platons Liniengleichnis, mit dem er in der „Politeia“ die Wirklichkeit beschreibt: eine senkrechte Linie mit vier Abschnitten in hierarchischer Ordnung. Würde man den Kreis als eine der bedeutendsten Inspirationen der Spiritualität verstehen, so wäre im Gegensatz dazu die Linie die Muse der Zweckmäßigkeit, der Aufklärung und des Pragmatismus. Sei es in der Kunst, der Architektur, der Mode oder der Wissenschaft: die Linie beschreibt eine Sichtweise, die von Zielstrebigkeit, vom „Wohin?“, von der Frage „Wozu das und zu welchem Zweck?“ getrieben ist. Lange Zeit war dieser Zweck vorgegeben durch einen festen religiösen Kontext: alles Handeln und Streben war ausgerichtet auf die Anforderungen des Glaubens. Erst im 17. Jahrhundert postulieren Denker wie Baruch de Spinoza die Emanzipation der Zweckmäßigkeit von der „Bezwecktheit durch Gott“ – Vorboten der modernen „Heterogonie der Zwecke“, so Nicolai Hartmann.
Die Philosophie fasst diese Fragen unter dem Begriff Teleologie zusammen. Er ist vermutlich einer der am wenigsten geklärten, aber wirkmächtigsten Begriffe. Gemeint ist ursprünglich die Idee einer Zielstrebigkeit, sowohl im Denken als auch im Handeln. Vom Ziel her definieren die Anhänger einer teleologischen Sichtweise das, was der Mensch tut. Der Zweck wird gegenüber den Mitteln, mit denen er erreicht werden soll, priorisiert. In der Welt-Anschauung wird die Welt als universales Sinn- und Zweckgeschehen verstanden, in dem der nexus finalis, die Kausalität, dafür sorgt, dass alles dem einen großen Ziel zustrebt. Was im Alltag indessen eine durchaus brauchbare Strategie abgibt – wer möchte schon immer ziellos durchs Leben taumeln –, verursacht im Großen, in der Absolutheit des Anspruchs, erhebliche Schwierigkeiten. Hier kommt der moderne Mensch eher mit dem Wort Charles Darwins zurecht, der die Zweckmäßigkeit durch die Anpassung ersetzt und konstatiert, dass die Natur „nicht gewollt, sondern geworden“ sei.
Kreis, Linie, Wirtschaft
Heute stehen sich Kreis und Linie (wieder einmal) gegenüber. Das durch die Globalisierung scheinbar unverzichtbare Wirtschaftswachstum ist die neue Religion des postmodernen Menschen. Auf sie zu verzichten fällt offenkundig schwer. Man möchte die Linie fortführen, den Kurs halten, die Erfolge der Vergangenheit fortschreiben und übertreffen. Die neue Welt des Klimawandels und der Nachhaltigkeit formuliert nicht selten die alten Ziele. Entgegen allen Beteuerungen zeigt beispielsweise die Ölindustrie, die im vergangenen Jahr 90 Prozent in die Weiterentwicklung fossiler Projekte investierte, dass von Umdenken noch wenig zu spüren ist. Wie könnte man aus diesem Kreis, diesem circulus vitiosus, ausbrechen?
Zuerst einmal: Kreis und Linie sind Figuren derselben Welt. Eine Welt voller Kreise würde einen ewigen Schwindel erzeugen, man denke nur an die Möblierung von Wohnungen. Eine Welt voller Linien, ein unendlicher Marathon, würde uns zermürben. Beide sind Aspekte der Wirklichkeit, die in ihrem Zusammenspiel die beste Wirkung erzielen. Den Teufelskreis, den circulus vitiosus, hat Paul Watzlawick in die Wissenschaft eingeführt. Er beschreibt mit ihm eine Situation, in der zwei Parteien (bei ihm sind es immer Ehepaare) dasselbe wollen, aber durch Betonung (Interpunktion) unterschiedlicher Schwerpunkte, Prioritäten oder Vorlieben über einen permanenten Streit nicht hinauskommen. Vermutlich kein falsches Bild der politischen Streitkultur der Gegenwart in Deutschland. Und wäre es nicht erfolgversprechend, wenn man die – ja, vereinfacht dargestellte – Diskussion anders führte, nämlich mit dem Willen, so viele Kreise wie möglich auf den Linien zu verwirklichen und so viele Linien wie möglich in den Kreisen zuzulassen? Bei jeder Geburt, ob des Menschen oder der Dinge und Veränderungen, verläuft der Weg aus dem Dunkel ins Licht, aus der Sicherheit ins Risiko. Es gibt Phasen der Ruhe, des Besinnens und Phasen der Beschleunigung, es gibt klare Vorstellungen, wohin der Weg geht, und Augenblicke, in denen alles unsicher und unkalkulierbar anmutet. Die Welt, so scheint es, befindet sich in einer Phase des Aufbruchs, es gibt Ziele und Pläne, aber die sind nicht mehr als Positionslichter. Manchmal muss man ein paarmal um den Block fahren, bevor man einen Parkplatz ergattert (ob für das Auto oder das Lastenfahrrad). Ist das unzumutbar?
Die Concorde verlängerte sich erwärmungsbedingt beim Mach-Flug um etwa 14 Zentimeter, die Fenster fühlten sich warm an. Im Cockpit gab es während eines Mach-Fluges zwischen den Instrumententafeln des Flugingenieurs einen fingerbreiten Spalt, der nach der Landung nicht mehr vorhanden war. Gut so, oder?




