Nachhaltigkeit und Klimaschutz im Gesundheitssektor – Studie von F.A.Z.-Institut und BARMER

Der deutsche Gesundheitssektor trägt entscheidend zum Klimawandel bei, und kaum einer spricht darüber. Jedes der rund 1.800 deutschen Krankenhäuser hat den Energiebedarf einer Kleinstadt. Hinzu kommen gut 100.000 Arzt- und 40.000 Zahnarztpraxen. Gleichzeitig beschäftigt der Gesundheitsbereich circa 5,6 Millionen Menschen. Deren Mobilität, die der Patienten und der Angehörigen verursachen hohe CO2-Emissionen. Dies gilt erst recht für die Treibhausgasemissionen internationaler Lieferketten. Der Gesundheitssektor verursacht insgesamt etwas mehr als 5 Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen und liegt damit noch vor dem vielgescholtenen Flugverkehr. Der Sektor ist jedoch nicht nur an der Überschreitung der planetaren Grenzen beteiligt, er ist auch den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels direkt ausgesetzt. Zunehmende und intensivere Hitzewellen beispielsweise werden das Gesundheitssystem zusätzlich belasten.

Trotz dieser besonderen Zusammenhänge spielte Nachhaltigkeit innerhalb des Gesundheitssektors lange Zeit keine Rolle. Einerseits werden Klimaschutzmaßnahmen häufig mit Qualitätseinbußen in der medizinischen Versorgung assoziiert. Andererseits müssen alle Organisationen den Handlungsbedarf anerkennen, die Wirkung ihres individuellen Handelns verstehen und sich ihrer Handlungsoptionen bewusst werden. Angesichts der großen Heterogenität der Akteure ist dies eine Herausforderung. Um den Status quo der nachhaltigen Entwicklung zu erfassen, haben die BARMER Ersatzkasse und das F.A.Z.-Institut deshalb die Studienreihe „Klimaneutraler Gesundheitssektor“ gestartet. Dazu wurden im August und September 2022 erstmals 551 Vertreter von Praxen, Krankenkassen, Kliniken, Apotheken und Sanitätshäusern sowie der medizintechnischen und pharmazeutischen Industrie befragt.

Copyright: BARMER, F.A.Z.-Institut

Klimaschutz wird wichtiger

Obwohl der Gesundheitssektor deutlich hinter anderen Branchen hinterherhinkt, gelangt das Thema Klimaneutralität aktuell immer häufiger in den strategischen Blick der Akteure: 46 Prozent der befragten Organisationen haben sich bereits damit beschäftigt. Bei einem Viertel steht es immerhin auf der Agenda. Zwischen den Organisationen bestehen jedoch teilweise beachtliche Unterschiede: Während fast drei Viertel der Vertreter der medizintechnischen und pharmazeutischen Industrie erklärten, sich bereits mit dem Thema auseinanderzusetzen, bestätigten dies lediglich 38 Prozent der Praxen. Im Falle der Kliniken, die durch den hohen Energie- und Ressourcenverbrauch besonders im Fokus stehen, gilt dies für immerhin fast die Hälfte (47 Prozent).

Strategien sind selten

Dieser positive Befund relativiert sich jedoch auf den zweiten Blick. Denn die inhaltliche Tiefe der Auseinandersetzung ist stark ausbaufähig. Um die CO2-Bilanz effektiv zu verbessern, sollte das Klimaziel in die strategische Planung der Organisation aufgenommen werden. Werden vor der Umsetzung konkreter Maßnahmen der eigene CO2-Fußabdruck berechnet und eine Wesentlichkeitsanalyse durchgeführt, verringert dies die Gefahr unkoordinierter Aktionen. Nur die Hälfte der Organisationen, die sich bereits aktiv mit Nachhaltigkeit beschäftigen oder es planen, setzt sich jedoch mit einer Nachhaltigkeitsstrategie auseinander. Weniger als ein Fünftel dieser Gruppe beschäftigt sich zudem mit der essentiellen Wesentlichkeitsanalyse.

Zu viele sind tatenlos

Um Ressourcen zu schonen und Treibhausgasemissionen zu reduzieren, müssen in zahlreichen Handlungsfeldern koordinierte Maßnahmen ergriffen werden. Energie-, Ressourcenverbrauch sowie Logistik und Mobilität sind wichtige Aktionsbereiche. Gleichzeitig gilt es jedoch auch, gezielte Maßnahmen in den Feldern Speiseversorgung, Chemikalienverbrauch und Baumaterialieneinsatz zu initiieren. Der Gesundheitssektor ist aktuell von derart ganzheitlich angelegten Aktionsplänen weit entfernt: Bislang setzt nur knapp die Hälfte der Organisationen auf Recycling oder kreislauffähige Materialströme. Nahezu ebenso viele Einrichtungen fördern bereits ÖPNV- oder E-Mobilität. Zudem setzt nur ein Drittel der Akteure auf erneuerbare oder lokale Energiequellen. Immerhin: Bereits 39 Prozent der Akteure haben in die energetische Sanierung ihrer Gebäude investiert. Dies stellt angesichts der teilweise in die Jahre gekommenen Infrastruktur eine zentrale Maßnahme dar. Aufgrund komplexer Finanzierungsfragen und stellenweise auch komplexer Eigentumsverhältnisse ist die Umsetzung jedoch oftmals problematisch. 9 Prozent der befragten Organisationen sind bisher komplett tatenlos, dort wurden keine konkreten Klimaschutzmaßnahme ergriffen.

Dies zeigt, der Gesundheitssektor steht erst am Anfang einer nachhaltigen Entwicklung. Die Vision des 125. Deutschen Ärztetags von einem klimaneutralen Gesundheitswesen bis 2030 ist im bisherigen Tempo unerreichbar. Wie lässt sich das zaghafte Vorgehen des Gesundheitssektors erklären?

Was Handlungsdruck erzeugt

Ein möglicher Erklärungsansatz: In zahlreichen Fällen rücken bisher nur externe Faktoren die Klimaneutralität in den Fokus der Handelnden. Mehr als die Hälfte bezeichnet die gesellschaftliche Bedeutung des Themas als wichtigen Treiber, und für 28 Prozent spielen die Erwartungen von (zukünftigen) Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Rolle. Viele Akteure erkennen außerdem die Potentiale der Klimaneutralität noch nicht. Ein optimiertes Ressourcenmanagement bietet beispielsweise erhebliche Kostenvorteile. Zudem steigert die Umstellung auf regionale, regenerative Energiequellen die Resilienz und sichert im Krisenfall die Gesundheitsversorgung. Beides spielt für die befragten Akteure trotz der aktuellen Energiekrise nur eine untergeordnete Rolle. Lediglich 34 Prozent sehen Kostenvorteile im klimaneutralen Betrieb ihrer Organisation, und die Chance zur Risikominimierung sehen sogar nur 15 Prozent. Der gesetzgeberische Druck, nachhaltig zu wirtschaften und dies auch zu dokumentieren, kommt bei den befragten Akteuren noch nicht mehrheitlich an. Regelungen wie das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz oder der EU Green Deal verpflichten zunächst nur große, bald aber auch kleinere Unternehmen dazu, nachhaltiger zu wirtschaften. Die heute freiwillige Ambition zur nachhaltigen Transformation zahlt sich also schon demnächst aus.

Kosten und Regulatorik bremsen

Werden die Vorteile des klimaneutralen Betriebs erkannt, sind die notwendigen Investitionen hoch. Die Erträge lassen sich zudem, wenn überhaupt, erst Jahre später einfahren. Es überrascht daher nicht, dass mehr als die Hälfte der Organisationen mangelnde finanzielle Mittel und den Zweifel an der Rentabilität als Hindernis einstuft. Aktuell werden beispielsweise innerhalb der dualen Krankenhausfinanzierung Investitionskosten von den Ländern nicht abgedeckt, wodurch Krankenhäuser Modernisierungen aus anderen Töpfen quersubventionieren müssen. Die Transformation gelingt demnach nur unter den richtigen regulatorischen Voraussetzungen. Jeweils etwas mehr als ein Viertel der Befragten sieht jedoch ungeklärte Zuständigkeiten und hinderliche politische Rahmenbedingungen. Verschiedene Bundesministerien müssen deshalb gemeinsam ihre gesetzgeberischen Möglichkeiten ausschöpfen. Ein Ansatzpunkt neben der finanziellen Ausstattung: Klimaneutralität beziehungsweise Nachhaltigkeit ist aktuell nicht im Sozialgesetzbuch verankert. Dies verhindert Priorisierungen, Anreize oder Verpflichtungen für mehr Nachhaltigkeit.

Dennoch greift der alleinige Ruf nach politischer Gestaltung zu kurz. Klimaschutz muss vollständig in den Köpfen der Verantwortlichen ankommen und die Eigenverantwortlichkeit anerkannt werden. Auch unter den aktuellen Voraussetzungen können CO2-Ausstoß und Ressourcenverbrauch reduziert werden. Welche Maßnahmen sollten die Organisationen jetzt ergreifen?

In der Hierarchie verankern

Klimaschutz hat strategische Bedeutung und muss auch in der Organisationshierarchie verankert werden. Um die CO2-Bilanz effektiv zu verbessern, muss das Ziel in die strategische Planung der Organisation aufgenommen werden. Eine personelle Zuordnung verleiht dem Thema zusätzliches Gewicht. Angesichts der komplexen Aufgabe ist es ratsam, den Posten mit ausgewiesenen Fachkräften zu besetzen. Bei großen Einrichtungen empfiehlt sich angesichts der sehr unterschiedlichen Handlungsfelder sogar eine eigenständige Abteilung. Etwas mehr als ein Viertel der Organisationen hat bereits reagiert, dort gibt es zumindest eine zuständige Person. Bei einem weiteren Drittel ist die personelle Besetzung bereits geplant. Die Wirksamkeit der Klimaschutzmaßnahmen hängt jedoch nicht nur von formellen Personallösungen ab. Zusätzlich muss die Verantwortung für Nachhaltigkeit transparent verteilt und kommuniziert werden.

Digitalisieren hilft

Die fortschreitende Digitalisierung ermöglicht Telemedizin, Homeoffice, virtuelle Kommunikation und die elektronische Patientenakte. Dadurch verbessert sich nicht nur die Effizienz vieler Prozesse, es lässt sich auch viel CO2 einsparen. Die Mehrheit der Befragten stimmt dem zu: Zwei Drittel der Einrichtungen bewerten digitale Technologien und Disziplinen als wichtig oder eher wichtig, um die eigene Organisation klimaneutral zu gestalten. Dennoch ist der Digitalisierungsgrad stark ausbaufähig. Lediglich die Hälfte setzt bereits auf papierlose Dokumentation und Kommunikation. Mobiles Arbeiten und digitale Kollaboration finden bei weniger als einem Drittel der Einrichtungen statt. Die Digitalisierung stellt den Werkzeugkasten für viele Nachhaltigkeitsziele bereit, er muss jedoch auch eingesetzt werden.

Kooperationen eingehen

Die Organisationen müssen zügig konkrete Maßnahmen ergreifen. In der Praxis haben bereits einige engagierte Vorreiter den Beweis der Machbarkeit erbracht. Um von diesen Erfahrungen zu profitieren, muss das vorhandene Wissen gebündelt und für die Breite verfügbar gemacht werden. Kooperationen sind dafür unabdingbar. Über die Hälfte bezeichnet gerade branchenübergreifende Initiativen als wichtig für die klimaneutrale Gestaltung der Organisation. Kooperationen mit Forschungseinrichtungen und mit Vertretern der eigenen Branche sind zudem für annähernd die Hälfte der Befragten relevant. Neben eindeutigen gesetzlichen Rahmenbedingungen ist es daher vor allem notwendig, die Kräfte zu bündeln und auf konkrete Umsetzungskonzepte zu fokussieren. Kooperationen ermöglichen nicht nur den Austausch von Wissen und praktischer Erfahrung. Sie bilden die Basis für eine gemeinsame Agenda. Anhand einer solchen Agenda lassen sich Probleme beschreiben, Ziele definieren und Handlungsfelder ableiten. Einigen sich alle Akteursgruppen des Gesundheitssektors darüber hinaus auf eine gemeinsame Strategie, ebnet dies den Weg für Synergien und erleichtert das Auftreten gegenüber der Politik.

Die Studie kann über diesen Link kostenfrei bezogen werden:

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