Mitte März veröffentlichte der Weltklimarat IPCC den Synthesebericht des 6. Sachstandsberichts. Hunderte Wissenschaftler*innen aus aller Welt haben darin die Ergebnisse der Klimaforschung der vergangenen acht Jahre zusammenfasst. Der Bericht ist nichts weniger als der wissenschaftliche Konsens der globalen Klimaforschung. Die Ergebnisse der Forschung, vorgestellt von Expert*innen auf einer Pressekonferenz im schweizerischen Interlaken, waren weder neu noch unerwartet. Und dennoch rütteln sie auf. „Die Menschheit steht auf dünnem Eis – und dieses Eis schmilzt“, warnte António Guterres, UN-Generalsekretär und Meister der eindringlichen Klimametapher. Und auch wenn die Forschenden berufsbedingt einen eher nüchternen Ton anschlagen – ihre Aussagen haben es in sich.
Was besagt der aktuelle IPCC-Bericht?
1,5 Grad Erderhitzung. Zuerst die schlechte Nachricht: In diesem oder im nächsten Jahrzehnt werden wir laut aktuellen Prognosen das 1,5-Grad-Limit globaler Erhitzung erreichen. Diesem Limit haben sich seit der Pariser Klimakonferenz 2015 beinahe 200 Länder verschrieben. Dennoch sind die globalen Treibhausgasemissionen seitdem kontinuierlich gestiegen. Die Konsequenzen dieser steigenden Emissionen, politische Ziele hin oder her, serviert uns nun die IPCC-Autorenschaft: 1,5 Grad Erderhitzung werden wahrscheinlich in nur wenigen Jahren erreicht. Für viele Menschen, Tiere und Pflanzen ist das ein Todesurteil. Auch in Deutschland sind die Auswirkungen bereits spürbar und werden sich in Zukunft noch verschärfen: In einigen Teilen des Landes kommt es zu extremer Trockenheit, in anderen zu Starkregen und Überschwemmungen (wie etwa 2021 im Ahrtal). Hitzewellen und Waldbrände werden immer häufiger auftreten, mit schweren Folgen für die Menschen im Land. Die Erträge in der Landwirtschaft sinken, und Transport etwa über Flüsse ist teilweise nicht mehr möglich, was zu Versorgungsengpässen führt. Eine jüngst von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie besagt: Bis zu 900 Milliarden Euro kann uns der Klimawandel in Deutschland allein bis 2050 kosten, wenn wir ihn nicht aufhalten. Die Wissenschaft ist sich einig: Unsere Art zu leben und zu wirtschaften wird sich durch die Klimakrise sehr bald massiv verändern.
Nicht abschätzbare Folgen. Es kommt noch schlimmer. Die Forschenden im aktuellen Bericht räumen ein, die Langzeitfolgen der Erderhitzung in der Vergangenheit sogar unterschätzt zu haben. Die langfristigen Folgen der Klimakrise sind „bis zu einem Vielfachen höher als derzeit beobachtet“, schreiben sie. Je stärker sich der Planet erhitzt, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit „abrupter und/oder irreversibler Veränderungen“ der sogenannten Kipppunkte. Besorgniserregend ist vor allem die Wechselwirkung zwischen verschiedenen Risiken, die die Wissenschaftler*innen beobachten. Klimarisiken werden nicht nur schlimmer, sie beeinflussen und verstärken sich auch gegenseitig und lösen so Konsequenzen aus, die nur schwer kontrollierbar sind. Anders ausgedrückt: Wir begeben uns gerade auf ein Terrain, das nicht einmal die modernsten Klimamodelle vorhersagen können. Je stärker sich die Erde erhitzt, desto schwieriger wird es für uns auch, uns an die neue Realität anzupassen. Sie ist einfach nicht vorhersehbar.
Dieses Jahrzehnt ist entscheidend. Heißt das nun, es ist ohnehin alles zu spät und die Klimakatastrophe lässt sich nicht mehr abwenden? Im Gegenteil. „Die kumulierten Kohlenstoffemissionen bis zum Erreichen von netto-null CO2-Emissionen sowie das Ausmaß der Treibhausgasemissionsminderungen in diesem Jahrzehnt bestimmen weitgehend, ob die Erwärmung auf 1,5 Grad oder 2 Grad begrenzt werden kann“, schreiben die IPCC-Wissenschaftler*innen. Dieses Jahrzehnt, so sind sie sich einig, ist das entscheidende im Kampf gegen die Klimakrise. Die Maßnahmen, die wir jetzt ergreifen, prägen die Menschheit nicht nur bis ins nächste Jahrzehnt, sondern weit in die Zukunft hinaus. Auch wenn es schwer vorstellbar scheint: Unsere Entscheidungen von heute werden sich laut IPCC „jetzt und für tausende von Jahren auswirken“.
Sofortiges Handeln. Sofortiges Handeln ist nach Einschätzung der Wissenschaftler*innen daher unabdingbar. Und es macht auch wirtschaftlich Sinn. Ein weiteres Abwarten beim Klimaschutz wird „die Risiken von verlorenen Vermögenswerten und Kostensteigerungen erhöhen“, so die Autor*innen. Zwar seien sofortige Klimaschutzmaßnahmen „mit hohen Vorabinvestitionen und potentiell disruptiven Veränderungen verbunden“. Doch durch Fördermaßnahmen können diese Veränderungen abgeschwächt werden, so die Wissenschaft.
Die Mittel sind vorhanden. Die Wissenschaft benennt klar, wie wir die Kehrtwende doch noch hinbekommen: Eine „tiefgreifende, schnelle und anhaltende Minderung der Treibhausgasemissionen würde innerhalb von etwa zwei Jahrzehnten zu einer nachweisbaren Verlangsamung der globalen Erwärmung […] führen“, so der IPCC-Bericht. Um eine lebenswerte Zukunft der Menschheit auf diesem Planeten zu erhalten, so die Autor*innen, müssen Emissionen in allen Sektoren sofort, deutlich und langfristig fallen. Das gelinge durch eine Kombination aus Finanzierung, Technologie und internationaler Zusammenarbeit. Doch Klimaschutz ist nicht nur ein Imperativ. Er bringt auch zahlreiche positive Nebeneffekte, sogenannte Co-Benefits, mit sich: darunter eine verbesserte Luftqualität, neue Arbeitsplätze und Energiesouveränität.
Was bedeuten diese wissenschaftlichen Erkenntnisse für Unternehmen?
Der IPCC-Bericht macht klar, dass die Folgen der Klimakrise auch vor Unternehmen nicht halt machen werden. Schon jetzt wirken sie sich massiv auf globale Liefer- und Wertschöpfungsketten aus. Und mit jedem Zehntelgrad Erderhitzung werden sich diese Auswirkungen verstärken.
Doch Unternehmen sind nicht einfach von der Klimakrise betroffen. Sie spielen auch eine essentielle Rolle im Kampf gegen die Klimakatastrophe. Sie sind Dreh- und Angelpunkt globaler Wertschöpfungs- und Lieferketten und zentrale Akteure bei Investitionen, Produktion, Konsum und Abfallmanagement. All diese Rollen gilt es zu nutzen, um unser Überleben und nicht zuletzt unser Wirtschaften zu sichern. Dabei bietet die Krise auch eine Chance für nachhaltige Geschäftsmodelle.
Die britische Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth widmet sich der Frage, wie wir innerhalb unserer planetaren Grenzen wirtschaften können. In ihrem zirkulären Wirtschaftsmodell, der sogenannten „Doughnut Economy“, zeigt sie auf, wie wir durch nachhaltiges und regeneratives Wirtschaften unsere Lebensgrundlagen sichern können, ohne das Klima langfristig zu schädigen. In ihrer Forschung beobachtet sie, dass ein Weiter-so im aktuellen klimaschädlichen System Lieferketten zunehmend schwächt und bestehende Businessmodelle gefährdet. Auch Greenwashing sollte tunlichst vermieden werden. Denn auch wenn ein grünes Rebranding ein Unternehmen gegenüber der Konkurrenz nachhaltiger erscheinen lassen und kurzfristig zu mehr Gewinn führen kann, wird das Grundproblem des nicht-nachhaltigen Wirtschaftens nicht angegangen. Dasselbe gilt für Kompensationsprojekte und klimaneutrale Label. Wie eine Recherche der Wochenzeitung Die Zeit unlängst zeigte, stecken hinter zahlreichen dieser Zertifizierungen wenig seriöse Initiativen, die nur einen Bruchteil der Zertifizierungskosten in klimafreundliche Projekte investieren und so gut wie keine Überprüfung der Lieferketten durchführen. Für kosmetische Änderungen oder Ablasshandel im Interesse kurzfristiger Gewinnsteigerungen haben wir aber schlichtweg keine Zeit mehr. Die Folgen solcher Kurzschlusshandlungen, das zeigt der IPCC-Bericht, werden uns über tausende von Jahren verfolgen.
Besser ist es laut Raworth, die eigenen Produkte, Dienstleistungen und Produktionsstätten gleich klimaneutral zu gestalten. Ein Unternehmen, das sich auf die sogenannte „Mission Zero“ begibt, produziert etwa genauso viel Energie, wie es verbraucht, oder betreibt einen geschlossenen Wasserkreislauf. Dieses Konzept ist auch als „Cradle to Cradle“ (C2C) bekannt und wurde in den 1990er Jahren von dem Chemiker Michael Braungart und dem Architekten Bill McDonough entwickelt. Zahlreiche Hersteller von Kleidung, Reinigungsmitteln, Baumaterialien und Haushaltswaren sind bereits als C2C-Unternehmen zertifiziert. Doch manche Unternehmen gehen sogar noch weiter. Ihnen reicht es nicht, die Schäden, die durch ihr eigenes Unternehmen verursacht sind, zu verringern. Sie wollen durch ihr Wirtschaften einen positiven Beitrag für Klima und Umwelt leisten, indem sie ein regeneratives Businessmodell entwickeln. Das bedeutet, dass ihr Kerngeschäft Ökosysteme stärkt. Ein Beispiel ist die grüne Suchmaschine Ecosia.
Was können Unternehmen jetzt tun?
Das fossile Zeitalter begraben. Unternehmen haben jetzt die Aufgabe und die Chance, Teil eines positiven Wandels zu sein. Die Vorzeichen der Zukunft sind da: Erneuerbare Energien sind bereits jetzt günstiger als Fossile. 2025, in nur zwei Jahren, wird die Nutzung fossiler Energien ihren Höhepunkt erreicht haben, prognostiziert die Internationale Energieagentur (IEA), die nicht gerade für ihre Radikalität bekannt ist. Diese Prognose bedeutet: Wir befinden uns am Ende des fossilen Zeitalters. Die Zeit, in der wir beinahe alle unsere Lebensbereiche mit Kohle, Öl und Gas angetrieben haben, ist vorbei. Wer sich jetzt noch auf fossilen Investitionen ausruht, setzt aufs falsche Pferd. Die Erneuerbaren werden unsere Hauptproduzenten von Energie sein. In wenigen Bereichen der Industrie wird zudem Wasserstoff eine marginale Rolle als Energieträger spielen.
Unternehmen der Zukunft denken. Der IPCC-Bericht zeigt, dass unsere jetzigen Emissionen sich in den nächsten tausenden von Jahren auf unser Klima auswirken. Keine Unternehmensbilanz der Welt deckt einen solchen Zeitraum ab. Doch es reicht schon, sich ins Jahr 2050 zu versetzen. In diesem Jahr wird die Welt mit erneuerbaren Energien versorgt, ehemals fossile Versorgungsnetze sind elektrifiziert, um die Energiewende haben sich neue Industriezweige gebildet. Fossile Industriezweige sind unter anderem durch CO2- Bepreisung teuer und unattraktiv geworden. Wirtschaften ist aufgrund der gestiegenen Wetterextreme aber auch mit höheren Risiken verbunden. Welche Unternehmen haben in dieser Zukunft Bestand? Welche Businessmodelle bleiben, welche werden relevant? Wer sein Unternehmen an dieser neuen Realität ausrichtet, ist gut beraten.
Günstiges Investitionsklima nutzen. Das Investitionsklima für grüne Technologien ist jetzt so günstig wie nie zuvor. Die USA haben mit dem Inflation Reduction Act vorgelegt, die EU zieht mit dem Net Zero Industry Act nach. Noch nie zuvor gab es in der EU ein so umfangreiches Subventionsprogramm für grüne Technologien. Auch bei Energieeffizienzstandards für Gebäude tut sich bundes-und europaweit einiges. Der Zeitpunkt, jetzt auf klimafreundliches Wirtschaften und auf mehr Effizienz zu setzen, ist also ideal. Und auch wenn einige Investitionen aktuell kostenintensiv sind: Es lohnt sich, genau zu prüfen, ob sie sich nicht doch schnell amortisieren. In Bereichen, in denen die Politik noch nicht die Weichen für eine klimaschonende Transformation gelegt hat, braucht es Druck aus der Wirtschaft. Die nötigen Rahmenbedingungen schaffen Planbarkeit und Investitionssicherheit.
Überall ansetzen. Als Klimaminister*innen vor wenigen Wochen auf einer Pressekonferenz „Everything everywhere all at once“ sagten, gaben sie keinen Filmtipp ab. Stattdessen sprachen sie davon, in welchen Lebensbereichen ab sofort Klimaschutz betrieben werden muss; nämlich alles, überall, gleichzeitig. Die Klimaforschung zeigt deutlich: Für den Schutz unserer Lebens- und Wirtschaftsgrundlagen muss jede unserer Aktivitäten, jedes einzelne Glied in Liefer- und Wertschöpfungsketten klimaneutral werden. Die potentiellen Handlungsfelder für Unternehmen reichen von Energie- und Ressourceneffizienz über erneuerbare Energien und die Reduktion des CO2-Ausstoßes bis hin zu Lieferketten und Mobilität. Daher lohnt es sich, jeden Geschäftsbereich und jeden Prozess genau unter die Lupe zu nehmen. Machen die Energieversorgung, das Produkt, der Unternehmensstandort in der neuen Klimarealität noch Sinn? Wie können diese Parameter angepasst werden, um klimaneutral oder sogar regenerativ zu werden?
Für global agierende Unternehmen bieten sich Partnerschaften an, die die gesamte Wertschöpfungskette abbilden. Wie das funktionieren kann, zeigt etwa das System Fairtrade, bei dem Produzent*innen, Händler*innen und Konsument*innen weltweit miteinander vernetzt werden. Nord-Süd-Projekte wie FairPla.net, das in Deutschland Strom produziert und mit den Erlösen den Ausbau erneuerbarer Energien in Entwicklungsländern fördert, machen grenzüberschreitend einen Unterschied.
An Extremwetterereignisse anpassen. Auch bei sofortigem entschlossenen Klimaschutz wird Deutschland in Zukunft mit zunehmenden Extremwetterereignissen wie Dürren oder Starkregen zu kämpfen haben. Sich über lokale Klimafolgen zu informieren und sich gegen sie abzusichern ist sinnvoll und vorausschauend. Hilfreiche Analysen bietet zum Beispiel das Umweltbundesamt.
Im Netzwerk agieren. Kein Unternehmen steht mit den Herausforderungen der Zukunft allein da. Wer sich vernetzt, kann voneinander lernen, gemeinsam agieren und klimafreundliches Handeln in die Breite tragen – übrigens eine weitere Empfehlung des IPCC-Berichts. Breite Unternehmensverbände wie der Bundesverband nachhaltige Wirtschaft (BNW) bieten Anknüpfungs- und Austauschmöglichkeiten. Darüber hinaus gibt es zahlreiche branchenspezifische Dachverbände, wie etwa den Bundesverband Erneuerbare Energien e.V. (BEE) für die Erneuerbare-Energien-Branche. Auch das Angebot an Informations- und Bildungsangeboten ist mittlerweile breit gefächert. B.A.U.M., das Netzwerk für nachhaltiges Wirtschaften, oder die Europeans for Climate Association bieten Informationen und Weiterbildungsangebote zu klimaneutralem Wirtschaften an.
Welche Lektionen hält der IPCC-Bericht für die Wirtschaft bereit?
Erstens: Ohne ein „Climate as usual“ gibt es auch kein „Business as usual“. Kein Wirtschafts-und Lebensbereich wird von der neuen Klimarealität unberührt bleiben. Zweitens: Abwarten ist keine Option. Schon in diesem oder nächstem Jahrzehnt werden mit Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze irreversible Veränderungen in unserem Weltklima eintreten. Und ohne sofortigen entschlossenen Klimaschutz wird es für die nächsten tausenden von Jahren kein stabiles Klima geben. Drittens: Die Werkzeuge für den Wandel sind bereits da. Wer sein Unternehmen auch über das nächste Jahrzehnt hinaus bewahren will, nutzt diesen Wandel jetzt, auch wenn er disruptiv ist. Denn keine unternehmerische Anpassung ist so einschneidend wie das, was uns bei einer ungebremsten Klimakrise erwartet.
Die Klima-Allianz Deutschland ist ein gesellschaftliches Bündnis für den Klimaschutz mit mehr als 140 Mitgliedsorganisationen aus den Bereichen Umwelt, Kirche, Entwicklung, Bildung, Kultur, Gesundheit, Verbraucherschutz, Jugend, Soziales und Gewerkschaften.




