Hat man in den vergangenen Wochen auf die Wahlplakate geschaut, auf öffentliche Forderungen der Spitzenpolitiker*innen oder auch auf die Wahlprogramme der Parteien fällt, eines besonders auf: Im Fokus der Diskussion standen und stehen Krieg, Migration, Inflation, Rente und Wirtschaft.
Von wem aber ist nicht die Rede? Von der nachwachsenden Generation. Kinder und Jugendliche waren kein Thema vor der Bundestagswahl 2025. Rund 14 Millionen (junge) Menschen und ihre Anliegen spielen keine Rolle – zumindest nicht im Wahlkampf. Wäre man ein Zyniker, würde man sagen: Ist ja klar, sie dürfen schließlich auch nicht wählen – warum sollen sich Parteien also um diese Zielgruppe kümmern? 42,1 Prozent der Wahlberechtigten sind 60 Jahre oder älter, nur 13,3 Prozent sind unter 30 Jahre alt.
Mentale Gesundheit
Wenn wir mit der mentalen Gesundheit beginnen, zeigen aktuelle Daten deutlich, dass junge Menschen seit der Corona-Pandemie unter erhöhten psychischen Belastungen leiden. Und das, während es an Therapieplätzen für Kinder und Jugendliche mangelt, ganz zu schweigen von Plätzen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Nicht behandelte psychische Belastungen wachsen sich aber nicht irgendwann aus und verschwinden auf magische Weise, sondern sie chronifizieren sich. Psychisch belastete Kinder haben ein höheres Risiko, psychisch erkrankte Erwachsene zu werden.
Ganz nebenbei: Geflüchtete Minderjährige, die nach Deutschland kommen, haben mindestens ebenso starke psychische Belastungen im Gepäck, nach oftmals monatelangen, traumatisierenden Erfahrungen vor und während ihrer Flucht. Auch sie stehen natürlich unter einem höheren Risiko, ihre psychischen Erkrankungen mit ins Erwachsenenalter zu nehmen, und sie haben sogar noch weniger Zugang zu dringend notwendiger Hilfe.
Bildung
Aber zurück zur Kinder- und Jugendpolitik, und zum Dauerthema Bildung: Bildung ist Ländersache. Seit Jahrzehnten zeigen alle bundesweiten Erhebungen erhebliche Bildungsunterschiede, die sich nicht nach angeborener Intelligenz oder Leistungsbereitschaft verteilen, sondern nach sozialer Herkunft. Gemäß der IGLU-Studie kann jeder vierte Viertklässler nicht richtig lesen und schreiben. Zu diesem Zeitpunkt sind zentrale Entwicklungsfenster bereits geschlossen, und Versäumnisse bei diesen Grundkompetenzen können nur schwer aufgeholt werden.
Und natürlich können belastete Familien Bildungsnachteile schlechter ausgleichen als solche mit üppigem Geldbeutel, denn es fehlen Mittel für Nachhilfe, der pensionierte Deutschlehrer in der Familie ist auch selten gegeben, und bei zwei Jobs pro Alleinerziehende fehlt die Zeit für Hausaufgabenhilfe bei Kaffee und Kuchen am Nachmittag.
Ausbildung
Etwa 50.000 junge Menschen verlassen die Schule jedes Jahr ohne Abschluss. Diese Zahl ist seit 2011 in etwa gleich oder steigend. Die jungen Menschen landen im sogenannten Übergangssystem, das leider oft keinen Übergang bedeutet, sondern einen Verschiebebahnhof und im schlimmsten Fall eine Sackgasse. Genau in diesem System finden wir auch viele junge Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. SOS-Kinderdorf setzt sich für junge Menschen in diesem Übergangssystem ein in seinen Angeboten zur Berufsorientierung. Hierher kommen junge Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keinen Ausbildungsplatz bekommen oder nicht in der Lage sind, eine Ausbildung ohne Unterstützung zu absolvieren.
Die Fachkräfte vor Ort berichten regelmäßig, dass es manchmal ein Jahr braucht, bis ein junger Mensch sich auch nur traut, regelmäßig das Haus zu verlassen und zur Bildungsmaßnahme zu kommen. Doch seit vielen Jahren gibt es hier immer wieder viele Erfolgsgeschichten dank der Arbeit der SOS-Kinderdorf-Kolleginnen- und -Kollegen vor Ort. Wenn es dann so weit ist, dann lohnt sich diese Investition in die Jugendberufshilfe: Denn gerade wenn diese jungen Menschen einen Berufsabschluss machen, haben sie eine echte Chance auf Teilhabe.
Risikolagen junger Menschen
Drei Risikolagen beeinflussen statistisch gesehen den Bildungserfolg junger Menschen: Von einer sozialen Risikolage wird gesprochen, wenn nicht mindestens ein Elternteil erwerbstätig ist. Vom Risiko des bildungsfernen Elternhauses wird ausgegangen, wenn nicht mindestens ein Elternteil eine abgeschlossene Berufsausbildung oder Abitur hat. Das Risiko Armut liegt vor, wenn das Haushaltseinkommen unterhalb von 60 Prozent des Medianeinkommens liegt.
Wo finden wir Häufungen? In Haushalten von Alleinerziehenden weisen 50 Prozent aller Kinder mindestens eine Risikolage auf. Bei Kindern in Familien mit Einwanderungsgeschichte sind es 60 Prozent.
Gleichzeitig haben 39 Prozent aller Minderjährigen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Das bedeutet unter anderem auch, dass sich Bildungseinrichtungen auf diversere Gruppen von Kindern und Jugendlichen einstellen müssen.
Eine große Chance, denn diese Vielfalt bietet enormes Potential: Zweisprachigkeit, unterschiedliche Erfahrungswelten und unterschiedliche Bilder familiären Zusammenlebens geben Kindern die Möglichkeit, Vielfalt zu erfahren. Doch was sich stattdessen wiederholend zeigt in allen PISA-Studien, sind die massiven Bildungsnachteile von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. In Jahrzehnten ist es also offenbar nicht gelungen, das Potential der jungen Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu heben. Und da ihr Anteil steigt, steigt auch der Anteil der Personen mit Bildungsnachteilen. Eine Entwicklung, die sich umkehren muss.
Kinder ohne Schutz
Statistisch sind Minderjährige eine Minderheit. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani spricht in seinem neuen Buch bei Kindern von der Minderheit ohne Schutz. Was ist damit gemeint? Kinder sind die Minderheit, und politische Maßnahmen richten sich nach den Erwachsenen. Der häufigste Geburtstag im Jahr 2023 war der sechzigste. Das erklärt, warum Politik sich überwiegend auf Themen fokussiert, die Menschen adressiert, die 50 Jahre oder älter sind. Was dabei aus dem Blick gerät? Personen über 50 verlassen in zehn bis 15 Jahren die Erwerbstätigkeit. Jedes Jahr geht eine Gruppe in Rente von der Größe der Stadt Frankfurt am Main. Während also derzeit noch zwei Beitragszahler einen Rentner finanzieren, werden es Prognosen zufolge schon 2030 nur noch 1,5 Beitragszahler sein, und 2050 nur noch 1,3.
In vielen Berufen kann man jetzt natürlich auf Effizienzgewinne durch KI und Automation verweisen – aber auch in den sogenannten “systemrelevanten” Bereichen, in der Medizin, der Kinderbetreuung oder der Pflege? Wer schneidet Ihnen die Haare? Zwei Pflegekräfte sollen drei ersetzen – während die Zahl der zu Pflegenden aber kontinuierlich steigt?
Das wird nicht funktionieren. Schon heute ist der Fachkräftemangel im sozialen Bereich eklatant. Bis 2035 werden laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung deutschlandweit sieben Millionen Fachkräfte den Arbeitsmarkt verlassen.
Insbesondere im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe ist der Mangel schon heute gravierend: So fehlen in den Bereichen Sozialarbeit und Kinderbetreuung bereits über 40.000 Fachkräfte – Tendenz steigend. Gleichzeitig steigt der Bedarf. Der aktuelle Monitor Hilfen zur Erziehung geht in unterschiedlichen Szenarien von einem Anstieg der stationären Hilfen bis 2035 von 14 bis 43 Prozent aus – und das, während bereits heute nicht genügend Plätze vorhanden sind.
Den Fokus neu setzen
Wer müsste also im Mittelpunkt politischer Bemühungen stehen? Kinder, Jugendliche und ihre Familien – und zwar mit all ihren Belastungen, Herausforderungen und Nachteilen. Das ist keine Sozialromantik, sondern eine schlichte Rechnung für eine alternde Gesellschaft. Jedes Kind, das heute in die Kita kommt, muss alle verfügbaren Chancen auf Bildungsteilhabe, Gemeinschaftsfähigkeit und ein eigenständiges Leben erhalten. Nur so werden Unternehmen Kandidat:innen haben für Ausbildungsplätze. Nur so können Handwerker:innen auch in Zukunft noch Auszubildende finden. Nur so haben unsere Sozialsysteme noch eine Perspektive, mit neuen Beitragszahlern und Menschen, die sich professionell für andere einsetzen können in der Schule, der Pflege, der Jugendhilfe oder sonst wo. Wir müssen jetzt Verantwortung übernehmen für die Jungen, damit sie später einmal Verantwortung für alle tragen können.




