Im April hat Henkel neue Nachhaltigkeitsziele bis 2030 vorgestellt und seine Prioritäten geschärft: weg von der breiten Agenda, hin zu drei fokussierten Schwerpunkten. Sylvie Nicol über den Wertbeitrag nachhaltiger Prozesse, die Herausforderung globaler Lieferketten und die Frage, was sich regulatorisch ändern muss, damit Ziele nicht auf dem Papier stehen bleiben.
Frau Nicol, Henkel feiert 150 Jahre Unternehmensgeschichte und präsentiert genau jetzt neue Nachhaltigkeitsziele bis 2030. Was war der Anlass, die bisherige Strategie weiterzuentwickeln?
Sylvie Nicol: Unser 150-jähriges Jubiläum ist für uns weniger ein Anlass zurückzuschauen, sondern vor allem nach vorn zu blicken. Langfristiger Erfolg entsteht nicht durch Stillstand. Henkel hat sich in seiner Geschichte immer weiterentwickelt und ist dabei seinen Werten treu geblieben. Hierzu gehört ganz klar auch Nachhaltigkeit. Gleichzeitig sehen wir, dass Themen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit oder zunehmende soziale Ungleichheit an Dringlichkeit gewinnen. Hinzu kommt, dass Kunden, Geschäftspartner und auch Regulatoren heute stärker denn je erwarten, dass Unternehmen nachhaltiges Handeln transparent und messbar machen. Auch wenn das Thema in manchen Teilen der Welt derzeit leider eher in den Hintergrund gerückt ist. Aus diesem Grund war es für uns der richtige Zeitpunkt, unsere Nachhaltigkeitsziele zu schärfen. Dabei geht es nicht um einen kompletten Neustart. Wir bauen auf unserem bestehenden Ansatz auf, setzen aber noch stärkere Schwerpunkte. Weg von einer breiten Agenda, hin zu einer stärkeren Fokussierung auf genau die Themen, bei denen wir den größten Hebel haben. Erstens der Übergang zu einer klimaneutralen Zukunft mit unserem Net-Zero-Ziel bis 2045. Zweitens die Förderung von Chancengerechtigkeit. Und drittens eine noch verantwortungsvollere Beschaffung, indem wir Nachhaltigkeitskriterien künftig noch stärker in die Auswahl unserer Lieferanten integrieren.
Wie wollen Sie die neuen Ziele umsetzen?
Sylvie Nicol: Beim Klimaschutz geht es für uns vor allem um den Übergang zu einer klimaneutralen Zukunft – das ist die Basis für alles. Dafür arbeiten wir an verschiedenen Hebeln. Wir reduzieren Emissionen in unseren eigenen Prozessen, indem wir die Energieeffizienz weiter steigern und den Einsatz erneuerbarer Energien ausbauen. Ende 2025 lag der Anteil erneuerbarer Elektrizität an unseren Standorten weltweit bereits bei 97 Prozent.
Gleichzeitig wissen wir: Den größten Teil der Emissionen können wir gar nicht allein beeinflussen. Deshalb arbeiten wir eng mit unseren Partnern entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammen, um Emissionen zu senken und unser Net-Zero-Ziel bis 2045 zu erreichen. Ein wichtiger Hebel sind emissionsärmere Rohstoffe für unsere Inhaltsstoffe und Verpackungen.
Im sozialen Bereich steht der Mensch im Mittelpunkt. Unsere Mitarbeitenden sind die Grundlage unseres langfristigen Erfolgs. Deshalb setzen wir einen besonderen Fokus auf Chancengerechtigkeit – mit Zielvorgaben für Geschlechterbalance, Lohngleichheit und einer fairen Vergütung, die sich an lokalen Lebenshaltungskosten orientiert und nicht nur an gesetzlichen Mindestlöhnen. Entscheidend ist hierfür ein datenbasierter, transparenter Ansatz, der fest in unseren HR-Prozessen verankert ist.
Viele der Fortschritte können wir nur gemeinsam mit unseren Partnern erreichen. Nachhaltigkeit ist heute ein zentrales Kriterium bei der Auswahl unserer Lieferanten. Wir bewerten ihre Leistungen in den Bereichen Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung und unterstützen sie gleichzeitig auf ihrem eigenen Weg – zum Beispiel durch gezielte Schulungen.
Nachhaltigkeit zahlt sich aus, schreiben Sie im Bericht zu Henkels neuen Zielen. Wie lässt sich das im Tagesgeschäft belegen, und wo sehen Sie den konkreten Wertbeitrag?
Sylvie Nicol: Erstens sehen wir direkte Effizienzgewinne: Durch energie- und ressourcenschonende Prozesse senken wir Kosten beim Energie- und Rohstoffverbrauch an unseren Produktionsstätten. Das ist gut für die Umwelt und wirtschaftlich sinnvoll. Zweitens stärkt Nachhaltigkeit unsere Innovationskraft. Viele unserer neuen Produkte entstehen aus dem Anspruch heraus, nachhaltigere Lösungen zu entwickeln – etwa durch verbesserte Rezepturen, geringeren Materialeinsatz oder zirkuläre Konzepte. Damit erschließen wir zusätzliche Wachstumschancen. Und nicht zuletzt macht Nachhaltigkeit uns resilienter. Denn wer frühzeitig auf regulatorische Anforderungen, Lieferkettenrisiken und veränderte Marktbedingungen reagiert, ist langfristig stabiler und wettbewerbsfähiger aufgestellt.
Ihre Ziele reichen von Scope-3-Emissionen über Rezyklat-Quoten bis zu Lohngerechtigkeit weltweit. Wie stellen Sie sicher, dass diese Ziele mit dem operativen Geschäft und auch dem Arbeitsalltag ihrer fast 50.000 Mitarbeitenden verknüpft sind?
Sylvie Nicol: Mir ist wichtig, dass Nachhaltigkeit nicht auf dem Papier stattfindet, sondern im Alltag der Kolleginnen und Kollegen direkt ankommt. Deshalb haben wir bewusst neue mittelfristige Ziele bis 2030 gesetzt. Dieser überschaubare Zeithorizont macht deutlich: Wir schieben Nachhaltigkeit nicht auf die lange Bank, sondern handeln jetzt. Die entsprechenden Entscheidungen werden bei Henkel im Sustainability Council getroffen, einem von mir geleiteten Gremium, in dem alle Unternehmensbereiche und -funktionen vertreten sind. So stellen wir sicher, dass Nachhaltigkeit nicht isoliert betrachtet wird, sondern direkt mit dem operativen Geschäft verknüpft ist. Also dort, wo die Strategie umgesetzt wird. Unsere Klima-, Sozial- und Governance-Ziele betreffen praktisch alle Bereiche des Unternehmens – von Einkauf, Produktion und Logistik bis hin zu HR. Nehmen wir das Thema Klimaschutz: Unsere Klimaziele beziehen sich ausdrücklich auf sämtliche eigene Aktivitäten, also von Produktion und den Büros über Forschung und Entwicklung bis zu unserem Fuhrpark. Wichtig ist, dass wir unsere Strategie konkret machen. Beim Thema Lohngerechtigkeit analysieren wir jährlich unsere Vergütungsstrukturen weltweit und verankern faire und diskriminierungsfreie Vergütungsprinzipien systematisch in Einstellungs-, Beförderungs- und Gehaltsprozessen.
Gleichzeitig ist es uns wichtig, unsere Mitarbeitenden auf diesem Weg mitzunehmen und ihnen die notwendigen Kompetenzen zu vermitteln. Deshalb investieren wir in Aus- und Weiterbildung, von digitalen Grundlagentrainings und Workshops bis hin zum Sustainability Impact Lab, in dem Mitarbeitende eigene Lösungen entwickeln können. Erstmalig haben wir die „Sustainability Days“ durchgeführt. Unter dem Motto „From Targets to Impact“ haben wir gezeigt, wie jede und jeder bei Henkel zur Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele beitragen kann. Mitarbeitende weltweit haben an interaktiven Sessions, Workshops und lokalen Initiativen teilgenommen. Am Ende geht es darum, Ziele in konkrete Ergebnisse zu übersetzen.
Viele Ihrer Ziele hängen von Partnern ab – Lieferanten, Industriekunden, Brancheninitiativen wie „Together for Sustainability“. Wo funktioniert diese Zusammenarbeit bereits, und wo stoßen Sie an Grenzen dessen, was ein einzelnes Unternehmen bewegen kann?
Sylvie Nicol: Bei den großen Nachhaltigkeitsthemen – insbesondere bei Scope 3 Emissionen – kommen wir nur gemeinsam mit Partnern wirklich voran. Dort, wo wir eng und strukturiert zusammenarbeiten, sehen wir auch Fortschritte. Ein gutes Beispiel sind unsere Lieferantenprogramme und Initiativen wie „Together for Sustainability“, über die wir gemeinsame Standards schaffen, Daten transparenter machen und unsere Partner beim Klimaschutz unterstützen, etwa durch gemeinsame Zielsetzungen, Trainings und digitale Tools. So erreichen wir mittlerweile den Großteil unserer relevanten Lieferanten in der Wertschöpfungskette.
Gleichzeitig müssen wir realistisch sein: Es gibt Grenzen dessen, was ein einzelnes Unternehmen leisten kann. Der Großteil unserer Emissionen liegt außerhalb unserer direkten Kontrolle – bei Rohstoffen, in der Logistik oder in der Nutzungsphase durch Verbraucherinnen und Verbraucher. Hier sind wir auf die Bereitschaft und Möglichkeiten unserer Partner angewiesen. Hinzu kommen strukturelle Herausforderungen, also fehlende Infrastrukturen, unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen oder Unsicherheiten seitens der Politik, die Investitionen erschweren. Deshalb begrüßen wir auch, dass sich immer mehr Unternehmen an Initiativen wie der Science Based Targets initiative (SBTi) orientieren. Wissenschaftsbasierte Ziele schaffen Vergleichbarkeit und zeigen transparent, wie ernsthaft und ambitioniert Unternehmen ihre Klimatransformation verfolgen. Je breiter solche Standards in der Wirtschaft verankert sind, desto stärker wird der gemeinsame Fortschritt messbar und desto fairer wird auch der Wettbewerb um die besten Lösungen.
Wenn Sie auf die nächsten vier Jahre bis 2030 blicken: Was muss sich im regulatorischen oder wirtschaftlichen Umfeld verändern, damit Unternehmen wie Henkel ihre Nachhaltigkeitsziele auch wirklich erreichen können?
Sylvie Nicol: Vor allem eines: mehr Klarheit und Verlässlichkeit im regulatorischen Umfeld. Unternehmen brauchen Planungssicherheit, um in neue Technologien, nachhaltige Rohstoffe oder Kreislauflösungen zu investieren. Aktuell erleben wir jedoch oft komplexe, sich teilweise überlappende Vorgaben und sich schnell ändernde Rahmenbedingungen, die genau das erschweren. Ein wichtiger Punkt ist auch die internationale Harmonisierung. Gerade bei globalen Wertschöpfungsketten führen unterschiedliche nationale Regelungen und Berichtspflichten zu zusätzlicher Komplexität. Sie binden Ressourcen, die wir eigentlich in die Transformation investieren wollen. Außerdem brauchen wir wirtschaftliche Anreize für Investitionen in erneuerbare Energien, nachhaltige Rohstoffe und funktionierende Kreislaufsysteme. Rahmenbedingungen, die Innovation nicht bremsen, sondern fördern und skalierbar machen. Am Ende wird die Transformation nur dann in der notwendigen Geschwindigkeit gelingen, wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an einem Strang ziehen.
Die Fragen stellte Maike Weismantel.
Auf einen Blick
Fokus statt Breite: Henkels Nachhaltigkeitsstrategie 2030
Henkel hat seine Nachhaltigkeitsstrategie geschärft und konzentriert sich bis 2030 insbesondere auf drei Handlungsfelder. Insgesamt verfolgt Henkel 12 Ziele und 15 Commitments. Im Mittelpunkt stehen dabei konkrete Maßnahmen, die ökologische Verantwortung, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit miteinander verbinden. Der Kurswechsel: Das Unternehmen fokussiert sich auf die Themen, bei denen es den größten Hebel hat.
Klimaschutz
Henkel möchte den Übergang zu einer klimaneutralen Zukunft vorantreiben und bis 2045 Netto-Null-Emissionen erreichen. Bis 2030 sollen die Scope-1- und Scope-2-Emissionen um 42 Prozent, die Scope-3-Emissionen um 30 Prozent sinken (jeweils vs. 2021). Der Strom soll zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammen. Ein wichtiger Hebel sind emissionsärmere Rohstoffe für Inhaltsstoffe und Verpackungen.
Chancengerechtigkeit
Henkel möchte auf allen Managementebenen eine Geschlechterbalance erreichen, bei der Frauen und Männer jeweils mit über 45 Prozent vertreten sind. Faire und diskriminierungsfreie Vergütungsprinzipien werden systematisch in Einstellungs-, Beförderungs- und Gehaltsprozessen verankert. Ziel ist weltweite Entgeltgleichheit zwischen den Geschlechtern sowie eine Vergütung, die sich an lokalen Lebenshaltungskosten orientiert.
Lieferketten
Mindestens 85 Prozent der bewertbaren Beschaffungsausgaben sollen durch Nachhaltigkeitsbewertungen und Audits Dritter abgedeckt sein. Henkel entwickelt seine Lieferanten aktiv weiter – etwa durch Initiativen wie „Together for Sustainability“, gemeinsame Zielsetzungen, Trainings und digitale Tools.
Im Interview

Sylvie Nicol ist seit 2019 Mitglied des Vorstands der Henkel AG & Co. KGaA und verantwortet die Bereiche Personal, Infrastruktur und Nachhaltigkeit. Zu ihren Schwerpunkten zählen die Förderung von Chancengerechtigkeit, die Weiterentwicklung der Unternehmenskultur und die internationale Transformationsarbeit. Sie studierte an der ESCP Business School in Paris, begann 1996 bei Henkel Frankreich im Marketing und übernahm ab 2013 verschiedene Führungspositionen in der Konzernzentrale in Düsseldorf.




