Bio-Gründer stehen vor einem Dilemma. Sie wollen Lebensmittel regionaler, transparenter, ökologischer produzieren, doch wer im Handel bestehen will, muss rechnen können. Florian Weiß und Philipp Köstler haben Kraftschluck während ihres Studiums gegründet. Das Ziel: Bio-Smoothies aus deutschen Früchten und Gemüse, ungekühlt haltbar, ohne Kühlkette. Ein Gespräch darüber, wie aus einer simplen Frage ein Geschäftsmodell wurde und warum auch Haltung einen Businessplan braucht.

Florian, Philipp, fangen wir mit dem Moment an, aus dem Kraftschluck entstanden ist. Was hat euch damals nicht mehr losgelassen?

Florian Weiß: Ehrlich gesagt eine Mischung aus Staunen und Unglauben. Wir konnten kaum glauben, dass die Zutaten vermeintlich gesunder Smoothies um die halbe Welt reisen, bevor sie im Regal stehen – Banane, Mango und Co. aus Peru, Costa Rica, Brasilien oder Indien, dazu die ganze Kühllogistik. Da war für uns klar: Das geht auch anders. Die Idee hinter Kraftschluck war von Anfang an einfach – deutsche Bio-Zutaten, kurze Lieferwege und der Verzicht auf eine energieintensive Kühlkette. Klingt unspektakulär, ist aber genau der Unterschied, den man schmecken und rechnen kann.

Ihr habt Kraftschluck während eures Studiums gegründet. Wann fing das an mit eurem Faible für gute Lebensmittel, deren Herkunft man kennt?

Florian Weiß: Bei mir ist das schon in der Kindheit angelegt worden. Ich bin in Katzwang aufgewachsen, einem kleinen Vorort im Süden Nürnbergs – da gab es Bauernhöfe in der Nachbarschaft mit Direktvermarktung. Das war für uns normal. Erst als wir in die Stadt gezogen sind, habe ich gemerkt, wie ungewöhnlich dieses „normal“ eigentlich war. Den entscheidenden Moment hatte ich allerdings viel später: Ein Kaffee, zubereitet von meiner späteren Frau Lina, mit Demeter-Milch und einem Bio-Wildkaffee aus Äthiopien. Der Geschmack war so unglaublich gut. Seitdem ist Bio für mich gesetzt – nicht als Label, sondern als echtes Qualitätsversprechen.

Philipp Köstler: Bei mir hat es anders angefangen. Als Jugendlicher begann ich, ernsthaft zu kochen – mit wachsendem Interesse daran, was gute Lebensmittel ausmacht. Dann kam mein Bundesfreiwilligendienst im Umweltanalyselabor der Stadt Nürnberg. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Da wurde mir klar, dass die Art, wie wir Lebensmittel erzeugen, keine kurzfristige Entscheidung ist – ihre Folgen begleiten uns oft viel länger, als uns bewusst ist. Von da an war Bio für mich keine Lifestyle-Entscheidung mehr, sondern eine logische Konsequenz.

Ihr habt beide Management in der Ökobranche studiert – ein Studiengang, der Betriebswirtschaft und ökologische Fragestellungen zusammenführt. Was hat das mit Kraftschluck zu tun?

Florian Weiß: Der Studiengang hat vieles zusammengebracht, was vorher getrennt war. Die klassischen BWLer hatten oft keine Ahnung von Landwirtschaft, Ökosystemen, Lieferketten. Und die Ökos hatten manchmal zu wenig Gespür für Deckungsbeiträge und Skalierbarkeit. Wir wollten beides können. Die TH Nürnberg hat da wirklich was Neues gewagt: Wir waren der zweite Jahrgang überhaupt, am Außenstandort in Neumarkt, in einem alten Kloster, ohne WLAN, ohne ordentliche Tische. Aber der Zusammenhalt war enorm.

Philipp Köstler: Genau diesen Graben zwischen Überzeugung und unternehmerischer Realität – den wollten wir mit Kraftschluck nicht entstehen lassen. Das war eigentlich schon der Kern der Idee: dass man beides zusammenbringen kann, ohne eines dem anderen zu opfern.

Ein wichtiges Produktmerkmal ist, dass eure Smoothies und Shots ungekühlt haltbar sind. War das eine ökologische Entscheidung oder eine vertriebliche?

Florian Weiß: Ehrlich gesagt war es zuerst ein Sales-Gedanke. Plätze im Kühlregal zu bekommen, ist unglaublich schwer, wenn du neu bist – die sind hart umkämpft, von etablierten Marken dominiert. In ein Trockenregal zu kommen, ist wesentlich einfacher. Und ein gut platziertes Display, ein Sonderaufbau oder eine Convenience-Truhe am Point of Sale macht dich oft sichtbarer als ein Slot im Kühlschrank. Also haben wir gesagt: ungekühlt.

Philipp Köstler: Und dazu kommt, dass wir festgestellt haben, dass die Leute unsere Smoothies gerne überallhin mitnehmen wollen. Zum Radeln, Wandern, Picknicken. Und das geht ja nur, weil sie ungekühlt haltbar sind. Hinzu kommt: Wir arbeiten ausschließlich mit deutschen Früchten und Gemüse aus zertifiziertem Bioanbau und füllen in Glas ab – kein Einwegplastik, keine Kühllogistik. Das bedeutet weniger Energieverbrauch auf dem gesamten Weg. Die Entscheidung war am Ende beides gleichzeitig: vertrieblich klug und ökologisch sinnvoll. Kein Kompromiss, eher ein Glücksfall.

Florian Weiß: Wobei ich glaube, dass das kein Zufall war. Wenn du mit dem richtigen Anspruch an solche Fragen rangehst, landen viele Entscheidungen irgendwann an demselben Punkt. Die wirtschaftliche Logik und die ökologische Logik zeigen in die gleiche Richtung – man muss nur bereit sein, lange genug hinzuschauen.

Florian, du bist seit über 15 Jahren in ganz unterschiedlichen Branchen im Vertrieb tätig. Was hast du in der Zeit über den Markt für Bio-Produkte gelernt?

Florian Weiß: Dass Einkäufer und Entscheider im Handel rationale Akteure sind. Sie fragen nicht zuerst, ob ein Produkt gut für den Planeten ist – sie fragen nach Marge, Drehzahl und verhandeln über Listungsgebühren. Das ist keine Kritik, das ist die Realität. Und wenn du das als Gründer mit Haltung nicht akzeptieren kannst, kommst du im Handel nicht weit. Ich habe das bei Mani gelernt – dem Bio-Olivenöl-Pionier aus Griechenland, für den ich immer noch tätig bin. Der Weg vom Baum ins Glas ist lang und komplex. Und für echte Qualität echte Preise durchzusetzen – das ist eine eigene Disziplin.

Philipp Köstler: Was das für uns bedeutet: Verantwortungsvolles Wirtschaften – also kurze Lieferwege, Bio-Zertifizierung, direkte Beziehungen zu den Bäuerinnen und Bauern in ganz Deutschland – muss sich auch in Zahlen ausdrücken lassen. Du brauchst beides: die Überzeugung, dass dein Produkt besser ist. Und die Fähigkeit, das so zu kommunizieren, dass auch jemand, der auf die Rendite schaut, überzeugt nickt.

Der Markt für Bio-Produkte wächst, aber der Anteil regelmäßiger Käufer ist zuletzt leicht gesunken. Macht euch das nervös?

Florian Weiß: Es macht uns wach. Wir beobachten den Markt genau, hören unseren Partnern im Handel zu. Und ich glaube, die entscheidende Frage ist nicht, ob der Markt gerade wächst oder leicht schrumpft. Die Frage ist: Gibt es Menschen, die das wollen, was wir machen? Die Antwort ist eindeutig ja. Der Handel spiegelt uns: Kraftschluck bringt frischen Wind in den Smoothiemarkt. Das Thema Herkunft ist aktueller denn je. Und die Nachfrage nach hochwertiger Convenience mit nachvollziehbarer Herkunft wächst – über Bio-Fachhandel und Lebensmitteleinzelhandel bis hin zu Tankstellen. Wir reaktivieren Menschen, die Smoothies den Rücken zugekehrt haben, weil sie zu süß waren – unser optimaler Gemüseanteil bremst den Zucker. Und wir locken neue Käufer an, etwa Handwerkerinnen und Handwerker, die sich mit unserem Claim „Du willst. Du kannst.“ als Macherinnen und Macher angesprochen fühlen. Wir sind dran, über die Kommunikation möglichst vielen zu zeigen, was in der Flasche steckt. Nicht nur das Produkt. Auch die Geschichte und die Vision dahinter.

Philipp Köstler: Und wenn wir das schaffen, dann sind Überzeugung und Kalkulation am Ende kein Widerspruch mehr. Sondern dasselbe.

Ihr habt das Unternehmen vor vier Jahren gegründet. Wo soll die Reise hingehen?

Philipp Köstler: Wir wollen Kraftschluck überall dorthin bringen, wo Menschen unterwegs eine echte Alternative suchen – vom Lebensmitteleinzelhandel über den Bio-Fachhandel bis zu Tankstellen und Gemeinschaftsverpflegung. Überall dort, wo hochwertige Convenience und nachvollziehbare Herkunft zusammenkommen sollen. Das Fundament dafür steht: deutsche Bio-Zutaten, kurze Wege und Produkte, die ohne Kühlkette auskommen.

Florian Weiß: Und wir wollen zeigen, dass sich das trägt – dass Herkunft und Wirtschaftlichkeit zusammengehören. Wenn wir wachsen, ohne unseren Anspruch zu verwässern, haben wir alles richtig gemacht. Am Ende geht es uns um mehr als eine Marke, die gut schmeckt: Wir wollen den Blick darauf verändern, wo unsere Lebensmittel eigentlich herkommen. Und ich bin überzeugt – wer einmal gemerkt hat, wie nah gute Zutaten wachsen können, will nicht mehr zurück.

Die Fragen stellten Paul Wagner und Alexandra Sparaga (externe Redaktion)


Vom Gründer-Duo zum Team: Wie verändert Wachstum eine Unternehmenskultur?

Viele Start-ups scheitern nicht am Produkt, sondern daran, dass die Kultur mit dem Wachstum nicht mithält. Kraftschluck hat inzwischen ein kleines, festes Team aufgebaut. Wie gelingt der Übergang?

Man wächst vom Gründer zum Geschäftsführer. Das klingt banal, aber es ist eine echte Verschiebung. Die Zeiten, in denen Philipp und ich zu zweit irgendwo saßen, spontan auf ein Kellerbier zum Bauern gefahren sind und alles noch selbst im Griff hatten – die sind vorbei. Heute geht es um Führung, ums Delegieren, um Strukturen und Strategie.

Was uns aber wichtig ist: die Kultur nicht zu verlieren. Wir arbeiten ohne Filter zusammen. Probleme werden klar benannt – aber niemand wird persönlich angegriffen. Das funktioniert, weil wir uns kennen und den Kontext einschätzen können. Die Frage ist: Wie übertragen wir das, wenn das Team größer wird? Wie bleibt Direktheit eine Stärke und wird nicht zur Zumutung?

Was uns dabei hilft, ist, dass jede und jeder im Team wirklich hinter der Marke steht – das ist die wichtigste Voraussetzung. Wir können jede und jeden aus dem Team zu einer Veranstaltung schicken, und sie präsentieren Kraftschluck genauso, wie Philipp und ich es tun. Das wissen wir sehr zu schätzen. Das ist kein Zufall, das ist Arbeit und Vertrauen.


Florian Weiß ist Mitgründer von Kraftschluck und verantwortet den Vertrieb. Er studierte Management in der Ökobranche an der TH Nürnberg und bringt langjährige Erfahrung im Sales mit. Sein Fokus: Produkte so im Handel zu platzieren, dass sie sich nicht nur gut anfühlen, sondern auch verkaufen.

Philipp Köstler ist Mitgründer von Kraftschluck und verantwortet die Finanzen. Auch er ist Absolvent des Studiengangs Management in der Ökobranche an der TH Nürnberg und denkt Wachstum konsequent von der wirtschaftlichen Seite – mit dem Anspruch, verantwortungsvolles Wirtschaften und Profitabilität zusammenzubringen.

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