Gabriele Hässig, seit rund 33 Jahren bei Procter & Gamble tätig, verantwortet heute als Geschäftsführerin bei dem Konsumgüterhersteller die Kommunikation und die Nachhaltigkeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Darüber hinaus engagiert sie sich als stellvertretende Vorsitzende im Industrieverband Körperpflegeund Waschmittel (IKW), im Vorstand des Deutschen Verpackungsinstituts dvi und in verschiedenen gesellschaftlichen Initiativen im Raum Frankfurt. Unter anderem ist sie im Vorstand von Enactus und im Kuratorium des Rheingau Musik Festivals. Hässig ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.
V Welche Ziele im Bereich Gleichberechtigung, Frauenförderung und Diversität hat sich das Unternehmen gesetzt?
Wir setzen uns für eine gleichberechtigte, vielfältige und integrative Kultur in unserem Unternehmen ein. Das bringt nachweislich die besten Gedanken und Ideen hervor, um Menschen für unsere Produkte zu begeistern – und macht uns so zu einem stärkeren Unternehmen. Dies gelingt uns am besten, wenn auf allen Ebenen herausragende und vielfältige Persönlichkeiten tätig sind und wir gemeinsam ein Umfeld schaffen, das jeden und jede von uns darin unterstützt, ganz sie selbst zu sein und ihr ganzes Potential einzubringen. Extern unterstützen wir die Bemühungen um Gleichstellung und Inklusion bei unseren Geschäftspartner:innen und in den Regionen, in denen wir tätig sind. Dies ist uns besonders wichtig, weil es nicht nur richtig ist, sondern weil es gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung und demokratische Teilhabe fördert. Und lassen Sie mich das anfügen: Wir berichten zu unserer Zielerreichung transparent und kontinuierlich, denn Wandel muss immer von uns selbst ausgehen.
V Wie lässt sich das in einem Unternehmen wie P&G umsetzen?
Unser Handeln hat unmittelbaren Einfluss auf Menschen in der ganzen Welt. Das ist allen bei P&G bewusst, und unser Engagement für das Gemeinwohl ist etwas, worauf unsere Mitarbeiter:innen stolz sind und was sie an P&G schätzen. Das erleben wir sowohl über das großartige Engagement vieler Kolleg:innen als auch als Rückmeldung in der jährlichen Mitarbeitendenbefragung. Dazu kommt: Wir nutzen die starke Stimme unserer Marken, um gesellschaftliche Veränderung zum Positiven voranzubringen. Das Fundament bilden seit 185 Jahren unsere Ziele, Werte und Grundsätze, die PVPs – also Purpose, Values and Principles. Sie geben uns Orientierung, und sie machen klar: Es fängt bei uns selbst an. Wir selbst sind für die Ergebnisse verantwortlich und dafür, wie wir sie erzielen. Die Bandbreite reicht konkret von Vergütungsprogrammen für unsere Führungskräfte mit ESG-Faktor über das „Female Owner Purchasing Program“ zur Förderung von Unternehmen, die von Frauen geführt werden, bis hin zu Initiativen, die zum Ziel haben, unsere Marken, Produkte und Inhalte für alle barrierefrei zugänglich zu machen.
Ein konkretes Beispiel hier ist die Ariel Ecoclic Box, die gleichzeitig sowohl kindersicher als auch für Erwachsenenhände einfach zu öffnen ist. Die Kartonbox trägt auf der Oberseite taktile Marker, sprich eine tastbare Markierung in Form einer Waschmaschine. Dieses Hilfsmittel wurde entwickelt, damit Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen schnell und einfach erkennen können, dass sie ein Waschmittel in den Händen halten. Und schließlich sorgt die NaviLens-Technologie auf der Verpackung dafür, die wichtigsten Produktinformationen auch für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen zugänglich zu machen.
V Welche Vorteile bietet ein hoher Frauenanteil – vor allem bei den Führungskräften – in Unternehmen?
Es ist doch so: Vielfältige Teams sind schlichtweg erfolgreicher. Diversität schließt für uns Perspektivwechsel ein und Offenheit für neues Denken. Das macht Innovation und Spitzenleistungen möglich. Unser Engagement für Diversity ist vielschichtig: Wir haben seit langem eine paritätische Geschlechterverteilung über alle Ebenen etabliert. Das bietet durchaus einen gewissen Vorteil im Recruiting. Hinzu kommen interne Equality-&-Inclusion-Netzwerke. Gemeinsam arbeiten wir an einer Kultur, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, und an einem inspirierenden Arbeitsumfeld, in dem alle – auch unabhängig von ihren individuellen Lebenswegen – ihre Stärken einbringen können.
V Zu Ihrer wichtigsten Zielgruppe zählen Frauen, Ihre Kundschaft ist mehrheitlich weiblich. Spielt das dabei eine Rolle?
Na klar, wir spiegeln durch Gleichstellung in der Tat alle Teile der Gesellschaft wider. Und das ist für uns elementar: die Nähe zu den Menschen und tiefgehendes Verständnis für ihre Wünsche und Anforderungen im Alltag. Nur wenn wir immer ein offenes Ohr für die Menschen haben, können wir ihr Vertrauen mit herausragenden Produkten rechtfertigen.
V Sie haben eine Studie zu dem Thema „Bias & socio-economic diversity“ in Auftrag gegeben. Zu welchem Ergebnis ist die Untersuchung gekommen?
Die Studie haben wir in Zusammenarbeit mit Professor Christian Rieck und der University of Applied Sciences in Frankfurt durchgeführt. Sie wurde jüngst abgeschlossen. Ganz allgemein ging es uns darum, zu erforschen, ob und inwiefern es einen Bias im Recruiting hinsichtlich des sozio-ökonomischen Hintergrunds gibt. Gute Nachricht: Es wurde keine Voreingenommenheit in dieser Hinsicht gefunden. Dieses Thema der Durchlässigkeit und Wertschätzung unterschiedlicher Lebensläufe liegt uns sehr am Herzen. Die Ergebnisse der Studie bestärken uns in unserem Engagement und unserer Sorgfalt beim Recruiting.
V Welchen Nutzen hoffen Sie im Unternehmen aus den Ergebnissen ziehen zu können?
Vielfalt hat viele Facetten. Letztlich geht es immer darum, sich kritisch zu hinterfragen und Perspektivwechsel zuzulassen. Es bedarf permanenter Anstrengungen, um eine Kultur aufrechtzuerhalten, die ein Arbeitsumfeld schafft, in dem sich alle einbezogen fühlen und teilhaben.
V Die Produkte von Konsumgüterherstellern sind in der Regel in nicht umweltfreundlichen Plastikverpackungen im Handel. Gibt es hier neue Ansätze, die mehr Nachhaltigkeit ermöglichen?
Ist das tatsächlich noch so? Mein Eindruck ist, dass sich schon sehr viel getan hat und unsere Branche gerade beim Thema der Verpackungen einiges erreicht hat. Wir haben heute bereits viele Produkte in Verpackungen aus 100 Prozent recyceltem Kunststoff, setzen über 96.000 Tonnen an Rezyklat in den Verpackungen ein. Und wo es von der Lebenszyklusanalyse und dem Produktprofil her sinnvoll ist, stellen wir auf Karton um. So bei Gillette- und Venus-Rasierern, wo wir mittlerweile weltweit auf Karton gewechselt sind. Aber klar ist auch: Wir brauchen mehr Technologieoffenheit und Innovationsfreude, um für mehr Nachhaltigkeit im Alltag zu sorgen. Man kann immer noch mehr tun.
V Wie sieht für Sie der Konsumgüterhersteller der Zukunft aus?
Ganz klar: Consumer Focus bleibt im Zentrum. Herausragender Nutzen für die Menschen im Alltag. Hinzu kommen Digitalisierung und Nachhaltigkeit als elementare Faktoren des Geschäftsmodells – hier liegt das Transformationspotential. Für uns bedeutet das: Wir wollen die Welt von morgen gestalten – und zwar besser.
V Sie engagieren sich auch privat. Was liegt Ihnen dabei besonders am Herzen?
Junge Menschen zu fördern, Engagement und Entrepreneurship für mehr Nachhaltigkeit und Solidarität für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gemeinsam sind wir stärker – ich bin persönlich tief davon überzeugt. Meine Tätigkeit als Chairwoman of the Board bei Enactus Germany liegt mir natürlich am Herzen. Insgesamt finde ich es wichtig, dass wir alle wieder mehr miteinander reden und von den Barrikaden herunterkommen und uns offen zuhören. Dann wird vieles möglich.




